Uncooler Urahn

Literatur Was bleibt von uns? Robert Macfarlane erkundet es in Höhlen und Schächten
Uncooler Urahn
In der „Höhle der Hände“ in Patagonien konnte sogar Kunst die Jahrtausende überdauern

Foto: Dea Picture Library / De Agostini / Getty Images

Sind wir gute Vorfahren? Das fragte der Immunologe Jonas Salk 1992 in der Zeitschrift World Affairs. Dieses „wir“ ist kein ethnisches oder nationalstaatliches. Es bezieht sich auf die Menschheit. In Im Unterland greift der britische Autor Robert Macfarlane die Frage auf und blickt auf den unterirdischen Teil unseres Planeten, der sich unmittelbarer Sichtbarkeit entzieht und doch ein Archiv vergangener Erdepochen ist. Der Nachlass des Homo Sapiens wird sich hier am deutlichsten zeigen. Denn „die U-Bahnen und Kanalisationssysteme, die Katakomben und leeren Bergbaustollen“, überdauerten am ehesten das Zeitalter menschlicher Zivilisation.

Auf nach Olkiluoto

Robert Macfarlane ist einer der exponiertesten Vertreter des „nature writing“, einem Genre, das im angelsächsischen Raum seit längerem exzentrische wie interessante Blüten treibt. Er hat mit Preisen und Kritikerlob überhäufte Bücher über die Faszination für Berge, über das Wandern auf altertümlichen Wegen und die letzten verbliebenen Orte der Wildnis auf den britischen Inseln geschrieben. In Macfarlanes eleganten Sätzen kommen Philosophie und Anthropologie, Kulturgeschichte und Geologie zusammen. Dieses Schreiben hat etwas ungemein Befreiendes, man wird als Leser sowohl zum kindlichen Staunen als auch zur intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Umwelt eingeladen. Zehn Jahre hat der Autor, der hauptberuflich englische Literatur an der Universität Cambridge unterrichtet, an seinem neuen Buch gearbeitet.

Eine Faszination für das Unterirdische durchzieht die Menschheitsgeschichte. Die ältesten Höhlenmalereien sind über 40.000 Jahre alt. Die griechische Mythenfigur Orpheus steigt ebenso hinab ins Unterland wie die Heldin von Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Sigmund Freuds Traumdeutung sieht Macfarlane als Erkundung der „Flüsse und Strömungen eines psychologischen Unterlands“.

Man begleitet den Autor ins nordenglische Yorkshire, wo Physiker in Steinhöhlen versuchen, die immer noch rätselhafte „Dunkle Materie“ des Universums zu erforschen sowie in die Pariser Katakomben, deren labyrinthische Gänge und Schächte er mit zwei Höhlenkletterern erkundet. Auf der finnischen Halbinsel Olkiluoto besucht Macfarlane die Baustelle des weltweit ersten unterirdischen Endlagers für hochradioaktiven Atommüll, dessen Konstruktion ohne weitere Wartung für 100.000 Jahre bestand haben soll – das historisch erste „Experiment in posthumaner Architektur“.

Stellenweise erinnert Im Unterland an W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn, gilt Macfarlanes Interesse doch oft Orten, an denen sich historische Bedeutungsschichten überlagern. „Jede Landschaft, die uns in der Gegenwart bezaubert und in der Vergangenheit Schauplatz von Gewalt war, ruft einen Missklang hervor“ heißt es an einer Stelle. Das von Massengräbern und Denkmälern gekennzeichnete slowenische Hochland, dessen Höhlen und Tunnel sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg Schauplatz brutaler Kämpfe waren, beschreibt Macfarlane als „Archiv und Fortschreibung einer neuzeitlichen Geografie der Gewalt und Vertreibung.“

Das zentrale Projekt Macfarlanes ist jedoch die Aufzeichnung der Veränderungen zwischen Ober- und Unterland im Zuge des Klimawandels. Durch schmelzendes Polareis und steigende Meeresspiegel geraten Dinge in Bewegung, die in der menschlichen Vorstellung lange als unveränderlich galten. Der Klimawandel ist nicht bloß eine politische und wirtschaftliche Herausforderung. Er macht das „traditionelle westliche Verständnis von Natur“ obsolet. In seinem 2017 erschienenen Buch Die große Verblendung argumentiert der Autor Amitav Ghosh, dass der Klimawandel auch eine Krise der Imagination sei: „Wenn die letzte, aber vielleicht unnachgiebigste Weise, auf die der Klimawandel der Erzählliteratur Paroli bietet, also in seiner Resistenz gegen Sprache als solche besteht, dann scheint es doch nahezuliegen, dass neue Formen, hybride Formen auftauchen müssen und sich der Akt des Lesens, wie schon so oft zuvor, wider einmal verändern wird“. Man ist beim Lesen von Im Unterland gewillt, in Macfarlanes Genregrenzen überwindendem Schreiben einen Evolutionsschritt hin zu solch neuen Formen zu sehen. Die Utopie liegt weniger in konkretem Aktivismus als im Ausloten neuer Möglichkeiten, um über die radikalen Veränderungen ökologischer Gegenbenheiten nachzudenken.

Plastik, Schweineknochen

Dazu zählt der Versuch, über den üblichen Zeithorizont menschlicher Vorstellungen hinauszublicken. Es gehört zu den stärksten Momenten von Im Unterland, wenn Macfarlane die Gegenwart immer wieder aus der Perspektive einer Zukunft betrachtet, „in der wir selbst zu Sediment geworden sind, zu geologischen Schichten und Geistern.“ Diese Denaturalisierung unserer gewohnten Wahrnehmung dient als Korrektiv zur beständig kritisierten „Selbstmythisierung“ des Menschen. Wo andere in New York oder Hong Kong noch architektonische Manifeste menschlichen Fortschritts sehen, erblickt Macfarlane schon die Fossile der Zukunft.

Die Hinterlassenschaft des Anthropozäns, jener 1999 von dem Meteorologen Paul J. Crutzen ausgerufenen Erdepoche, in der die geologischen und biologischen Abläufe des Planeten durch menschliches Tun fundamental verändert werden, wird voraussichtlich wenig schmeichelhaft ausfallen. Was von der Menschheit übrig bleiben werde, so stellt Macfarlane nüchtern fest, „sind Plastik, Schweineknochen und Blei-207, das stabile Bleiisotop am Ende der Zerfallsreihe des radioaktiven Uran-235.“

Info

Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde Robert Macfarlane, übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers Penguin 2019, 560 S., 24 €.

Kevin Neuroth ist Doktorand an der Humboldt Universität in Berlin. Journalistisch schreibt er über Literatur und Kino

06:00 26.08.2019
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