Und auf wen zielen wir heute?

Nicht in Berlin In den USA treffen sich Lehrer, Chirurgen und Liebespaare zum Freizeitspaß mit Waffen, etwa im L.A. Gun Club
Stephen Moss | Ausgabe 19/2016

Ende der 80er Jahre hat sie zum ersten Mal „drüben“ gearbeitet, bei einem Mode-Shoot. Seither ist die britische Fotografin Jane Hilton von der US-amerikanischen Kultur fasziniert, besonders von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten im stellenweise noch immer wilden Westen: „Ich habe Arizona und die Weite des Horizonts kennen gelernt. Das war natürlich das genaue Gegenteil von der Gegend, in der ich aufgewachsen bin“ – im grauen, beengten London. Die Fotografin verliebte sich in Land und Leute, wie sie sagt, und sie kehrte immer wieder zurück, um Cowboys und Kasinos, Bordelle und Burlesque-Künstlerinnen zu fotografieren, Menschen, die nicht notwendigerweise etwas Illegales tun, aber auf ihre je eigene Art ein extremes Leben führen und oft gegen soziale Normen verstoßen.

Auch Hiltons aktuelles Projekt basiert wieder auf einem Shoot, und das gleich im doppelten Sinn: Es trägt den Titel L. A. Gun Club und ist eine Studie über einen Schießstand in Downtown Los Angeles. Dort verbessern Waffenliebhaberinnen ihre Ziel- und Trefferqualitäten, andere Knarrenfreunde kommen, um einfach nur ein bisschen Frust abzubauen. In der Londoner Galerie Eleven Fine Art ist noch bis 18. Juni eine Ausstellung von Hiltons L. A. Gun Club zu sehen, zusätzlich ist ein gleichnamiges Buch in limitierter Auflage erschienen. Darin zitiert die Fotografin einen Biologielehrer, der in den Club komme, um etwas gegen den Stress in der Schule zu tun, wie er Hilton sagte. „Das heißt aber nicht, dass ich mir vorstelle, auf Schüler zu schießen“, versicherte er ihr.

Die Knarre von Dirty Harry

Entdeckt hat Hilton den Waffenclub vor 18 Monaten. Sie machte gerade Werbeaufnahmen in L. A., und ihre dortigen Assistenten schlugen ihr vor, einmal in der Anlage vorbeizuschauen, nur zum Spaß. „Ich bekam eine zehnminütige Einweisung. Danach nahmen wir vier Gewehre mit in den Schießstand – eine Pumpgun, ein halbautomatisches Gewehr, eine Glock-Pistole und einen 44er-Magnum-Revolver, wie Clint Eastwood in Dirty Harry einen hatte.“ Mulmig sei ihr dabei zumute gewesen, „vor allem, als sie mir sagten, man dürfe nie ein Gewehr in die Hand nehmen und sich dann umdrehen, um sich mit jemandem zu unterhalten. Meine Hand zitterte.“ Nie zuvor habe sie ein Gewehr in ihren Händen gehalten. „Ich konnte nicht glauben, dass mir da jemand scharfe Munition gegeben hatte.“

Diese Erfahrung brachte Hilton auf die Idee, einmal etwas ganz anderes zu fotografieren als sonst. Sie freundete sich mit den Besitzern des Schießstands an und kam mehrmals wieder, um, mit Erlaubnis, Aufnahmen zu machen. Dabei fotografierte sie aber nicht die Stammkunden des Clubs. Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf die Zielscheiben – und zwar nachdem diese beschossen worden waren, mit den Löchern, die die Kugeln geschlagen hatten.

„Schon bei meinem ersten Besuch hatte ich nicht fassen können, welche Bilder da als Zielmotive dienten. Es waren politisch völlig unkorrekte, aber gut gemachte, realistisch wirkende Abbildungen“, sagt Hilton. Die Figuren hätten zum Beispiel ausgesehen wie das Klischeebild, das viele über muslimische Männer im Kopf tragen. Oder eben so, wie man sich einen Einbrecher oder Geiselnehmer vorstellt. „Jeder, der in den Club kommt, sucht sich aus, worauf er am liebsten schießen will.“ Eigentlich müsste es heißen: „auf wen er am liebsten schießen will“.

Die Zielscheiben faszinierten Hilton also stärker als die Schützen. „Ich fand es aussagekräftiger, die Schützen zu interviewen und die Zielscheiben, auf die sie gefeuert hatten, abzunehmen und sie mit nach London zu nehmen, um sie hier zu fotografieren.“ Dieses Verfahren sei ihr „als ein interessanterer Kommentar zur US-amerikanischen Waffenkultur“ erschienen: „Zu zeigen, was eine Waffe mit einem Körper anrichten kann.“

Hilton präsentiert nun aber nicht die Zielscheiben als Kunstwerke, sondern sie hat diese noch einmal abfotografiert. Die Belichtungstechnik, die sie dabei angewendet hat, lässt die Einschusslöcher noch deutlicher hervortreten. Und sie gibt den 17 Exponaten der Ausstellung ein gewisses Maß an Uniformität. Und: Brutalität. „Die Fotos sind recht groß, fast so groß wie die echten Ziele, und die Galerie wird sie so aufstellen, wie sie auch auf dem Schießstand platziert sind. Auf diese Weise bekommt man einen Eindruck davon, wie unglaublich die ganze Sache ist.“ Die Bilder sind, auch im Buch, um Kommentare der Schützen von Los Angeles ergänzt. Viele seien misstrauisch gewesen, sagt Hilton. Ein Gehirnchirurg etwa, der mit seinem 14-jährigen Sohn in der Anlage war und sagte: „Ihr Briten könnt die Sache mit den Waffen so überhaupt nicht verstehen, oder?“ Daraufhin habe er gelacht. „Manche stehen auf Waffen als Objekte von gewissem ästhetischen Reiz, die sich auch gut als Fetische eignen“, sagt Hilton.

Statt Tanz oder Bowling

Für andere sei es ein Sport, oder sie gingen aus beruflichen Gründen auf den Schießstand, zum Beispiel weil sie in der Sicherheitsbranche arbeiten und trainieren wollen. Der jüngste Schütze sei gerade einmal acht Jahre alt gewesen. Hilton traf auch ein Paar, das sich im Gun Club verabredet hatte, um sich über das gemeinsame Interesse an Waffen näherzukommen. Für eine Gruppe junger Frauen war der Ausflug zum Schießstand hingegen schlicht Teil eines gemeinsamen Abends. „Ihnen machte das Spaß, ein bisschen so, wie wenn man zum Bowlen geht.“ Einer der Lehrer, die sie auf der Schießanlage traf, schläft nach eigener Aussage mit drei geladenen Waffen im Bett.

Im Vorwort zu Hiltons Buch über den L. A. Gun Club weist der Schriftsteller Richard Ford, der selbst Waffen besitzt, darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Waffenbesitzer eines Tages sich selbst oder unschuldige Passanten verletze, genauso groß sei, wie einen mutmaßlichen Ganoven zu erwischen. „Ganz egal, wer sie besitzt – Waffen suchen immer nach einer Gelegenheit, loszugehen.“ In diesem Sinn ist dann jeder Amerikaner ein potenzielles Ziel. Und der Spaß geht weiter.

Stephen Moss schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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