Und was kommt noch?

Moskau und Beslan, Budjonnowsk und Kisljar Die Terroristen sind zu allem bereit - gilt das auch für die Macht in Russland?

Januar 1996. Der tschetschenische Terrorist Salman Radujew und eine 20-köpfige Bande überfallen ein Krankenhaus in der dagestanischen Stadt Kisljar. Damals Free Lancer des deutschen Magazins Stern, kämpfe ich mich durch Blockposten nahe Kisljars, um möglichst schnell in die Nähe des besetzten Gebäudes zu kommen. Doch vergeblich. Die Stadt ist von russischen Soldaten abgesperrt. Ich übernachte in einer Siedlung bei Kisljar. Der Gastgeber schläft auf dem Fußboden, die bekannte kaukasische Gastfreundschaft. Die Übernachtung kostet mich nichts.

Als ich am nächsten Tag gegen Mittag doch zum Schauplatz des Anschlags vordringe, fährt gerade eine Buskolonne mit den Radujew-Leuten, Geiseln und Vertretern der lokalen Behörden in Richtung Tschetschenien ab. Präsident Boris Jelzin hat im Fernsehen erklärt: "Die tschetschenischen Banditen haben das befreundete kaukasische Volk Dagestans überfallen. Mögen sie dort selber miteinander klar kommen."

Ich hole die Kolonne bei Perwomajskoje an der Grenze zwischen Dagestan und Tschetschenien ein und schaffe es gerade noch, ein paar Bilder von der Übergabe der Geiseln an die Regierung Dagestans zu machen. In diesem Moment nehmen Hubschrauber die Buskolonne unter Beschuss. Jelzin hat sein Wort nicht gehalten. Die Terroristen und Geiseln flüchten in den Ort Perwomajskoje. Was dann passiert, ist bekannt: Die Siedlung wird fast zwei Wochen lang von russischen Truppen belagert und beschossen. Dutzende von Menschen finden den Tod. Man kann nur rätseln, weshalb ausgerechnet Radujew aus diesem Schlamassel entkommt.

Als ich vor etwa zehn Jahren begann, als Journalist aus dem Kaukasus zu berichten, wunderte ich mich immer wieder, wie weit Moskau von allem entfernt schien. In Tschetschenien floss Blut, in Tschetschenien wurde der Tod gesät, aber in der Hauptstadt stiegen Oligarchen und Banker auf und ab, zerriss sich alle Welt das Maul über Wladimir Schirinowski oder feierte die letzten Mode-Präsentationen. - Auch die Kisljar-Geschichte fiel allmählich dem Vergessen anheim, wie so vieles, was die Schlacht um den Kaukasus immer unerbittlicher werden ließ.

Vor genau einer Woche fand dieser Krieg buchstäblich vor meiner Haustür, mitten in Moskau, statt: Nicht weit von meiner Wohnung entfernt zündete eine Selbstmord-Attentäterin ihre Höllenmaschine und riss zehn Menschen in den Tod. 50 Passanten erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Der Schock ist noch nicht vorbei, da folgt am 1. September die Geiselnahme von Beslan - gibt es nach zwei Tagen ein apokalyptisches Ende des Dramas. Kinder fliehen in Todesangst vom Ort des Grauens, Tote liegen auf der Erde, Verletzte sterben vor dem Schultor. Die Schreckensbilder sorgen für lähmendes Entsetzen, das Gehirn weigert sich, diese Realität wahrzunehmen. Menschen rufen in Moskau einander an und fragen, was tun, als ob jemand wüsste, was zu tun ist

Man versucht, die Logik der Terroristen, die Logik der Macht und die Logik des einfachen Bürgers zu ergründen. Der Moskowski Komsomolez titelt am 3. September, dem Tag des Entsetzens, mit der Schlagzeile: "Putin und Maschadow müssen die Kinder retten. Das andere kommt später."

Doch was kommt später? Und was kommt noch?

Der verdammte Tschetschenien-Krieg, der Tausende von Menschenleben ausgelöscht hat, zwingt Millionen Russen daran zu glauben, dass diese Menschen nicht umsonst, sondern im Interesse der Einheit und staatlichen Integrität des Landes sterben mussten. Wladimir Putin ist Adressat und Auslöser dieser patriotischen Stimmung. Er hat seine erste Präsidentenwahl am 26. März 2000 klar gewonnen, weil er so nachdrücklich auf den Erhalt der Einheit Russlands und die Vernichtung der Terroristen pochte. Im Sommer 1999, nach der Sprengung mehrerer Wohnhäuser in Moskau mit Hunderten von Toten, hatte schließlich fast jeder das Gefühl, schutzlos barbarischer Gewalt ausgeliefert zu sein. Putins durch nichts zu erschütternder Vorsatz, den Terrorismus auszumerzen und "Terroristen auch auf dem Klo kalt zu machen", wie er sich umgangssprachlich ausdrückte, sicherte ihm - dem neuen Präsidenten - viel Rückhalt. Es waren diese Explosionen damals, direkt in Moskau, die bei einer Mehrheit in Russland jede Rücksicht gegenüber den Tschetschenen schwinden ließen.

Erstmals seit Jahren geistert jetzt wieder der Name des letzten Tschetschenen-Präsidenten Aslan Maschadow durch die Zeitungen. Im Westen gilt dieser Mann als moderat, als einer, mit dem der Kreml unbedingt verhandeln sollte. Ich habe ihn seinerzeit in Grosny interviewt und hegte danach keinerlei Illusionen mehr: Maschadow war ein hartgesottener Separatist.

Ob er heute noch Einfluss auf die neue Generation der Extremisten hat und bei diesen Leuten Ansehen genießt, weiß niemand. Sicher ist nur, dass der Krieg längst von Feldkommandeuren geführt wird, von denen für Moskau kein Einziger als Unterhändler in Frage kommt, schon gar nicht Shamil Bassajew, der ein halbes Jahr vor dem Radujew-Attentat in Kisljar ein Hospital in Budjonnowsk (am 14. Juni 1995) gestürmt und über tausend Geiseln genommen hatte.

Präsident Jelzin zeigte sich seinerzeit außerstande, etwas zu unternehmen, um die dramatische Lage zu entschärfen und unterzog sich stattdessen der Behandlung eines Otolaryngologen - "Jelzin hat sich hinter der Nasentrennwand versteckt", höhnte das Volk. Die gesamte Last des Geschehens wurde auf den damaligen Premierminister Viktor Tschernomyrdin abgewälzt, der eine seltsame Mixtur aus mangelnder Bildung und - objektiv gesehen - außergewöhnlichen Eigenschaften war. Dieser notorische Apparatschik, Bürokrat und Streber legte einen erstaunlichen Mut an den Tag, nahm den Hörer ab und stellte die Frage, die ich nie vergessen werde: "Bassajew, sagen Sie, was Sie wollen?" Ein paar Stunden später zeigte das Fernsehen, wie in Budjonnowsk Mütter mit ihren Säuglingen die von den Terroristen besetzte Entbindungsstation verließen. Nur mit dieser einen Frage an Bassajew hat sich Tschernomyrdin einen Platz in der Geschichte verdient.

Natürlich schienen Verhandlungen mit dem Erpresser und Kidnapper von Budjonnowsk seinerzeit für Tschernomyrdin nicht übermäßig kompliziert. Der Krieg war noch nicht so grausam wie jetzt, man sprach eher von einer Militäroperation, die seit Ende 1994 dazu führen sollte, "die verfassungsmäßige Ordnung im Kaukasus wiederherzustellen".

Heute befindet sich Wladimir Putin in einer gänzlich anderen Situation, auch wenn es heißt, er habe gegenüber dem Terrorkommando von Beslan Konzessionen machen wollen. Er steht mitten im Krieg, was Verteidigungsminister Sergej Iwanow am Tag der Geiselnahme in aller Verzweiflung zum ersten Mal zugegeben hat. Ein Krieg, in dem die Armee machtlos ist, weil es keinen realen Gegner und keine klaren Fronten gibt - weil nicht vorhersehbar ist, was geschieht. Flugzeuge explodieren in der Luft, ein Theater in Moskau wird gestürmt, eine Schule in Beslan wird überfallen, besetzt, gesprengt - und Hunderte von Kindern überleben das nicht.

Die Terroristen sind zu allem bereit - gilt das auch für die Macht in Russland?

Boris Kaimakow ist Korrespondent und Kommentator der Agentur RIA Nowosti.


00:00 10.09.2004

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