Und was wird aus den "Frosties"?

IVF-Kinder Nach zwanzig Jahren künstlicher Befruchtung liegen erste Forschungsergebnisse über das Schicksal der im Labor gezeugten Kinder und ihrer Eltern vor

Am 16. April 1982 wird Oliver, das erste Kind, das in Deutschland einer künstlichen Befruchtung sein Leben verdankt, 20 Jahre alt. Er wurde in eben jener Universitätsklinik entbunden, die sich durch das sogenannte "Erlanger Baby" - die aufrechterhaltene Schwangerschaft der hirntoten Marion Ploch - in die Schlagzeilen geriet. Seit 1982 sind in Deutschland rund 20.000 Kinder im Labor gezeugt und geboren worden. Doch was aus den kleinen "Frosties" - so der euphemistische englische Begriff - wird, ist weniger bekannt. Cordula Bindt hat gemeinsam mit Margarete Berger die Situation laborgezeugter Kinder und ihrer Eltern verfolgt. Besonders interessierte dabei die Eltern-Kind-Beziehung von der Schwangerschaft bis zum vierten Lebensjahr der Kinder. Verglichen wurde die Entwicklung mit einer gleich großen Kontrollgruppe sexuell gezeugter Kinder.

FREITAG: Gibt es überhaupt Unterschiede zwischen IVF-Kindern und spontan gezeugten?

CAROLA BINDT: Es gibt keine groben Unterschiede, aber Besonderheiten, die schon in der Schwangerschaft deutlich werden. Aufgrund der häufigen leidvollen Vorgeschichte der Paare finden IVF-Schwangerschaften meist unter schwierigen Bedingungen statt. Die werdenden Mütter sind sehr ängstlich und haben vermehrt den Wunsch nach medizinischer Kontrolle, zum Beispiel ihr Kind möglichst häufig im Ultraschall zu sehen. Dagegen trauen sie den Kindbewegungen als Lebensbeweis des Kindes weniger. Sie bauen auf medizinische Befunde. Bei IVF-Schwangerschaften ist die Rate an Kaiserschnittentbindungen erhöht. Dies lässt sich allerdings meist nicht mit Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen erklären, vielmehr wollen die Gynäkologen unter sicheren Bedingungen die Schwangerschaft zum Abschluss bringen.

Das heißt, dass die Frauen die Schwangerschaft als einen technisierten Prozess erleben?

So kann man sagen. Wir nannten dies die "Medikalisierung des Erlebens". Wenn wir also die Eltern in der Schwangerschaft befragt haben, wie empfinden sie ihr Kind, was bekommen sie von ihm mit - hörten wir meist medizinische Befunde. Zum Beispiel: Im Ultraschall ist mein Kind schon so und so groß, wiegt so und so viel; der Arzt hat gesagt: die Herztöne sind in Ordnung usw. In der Kontrollgruppe dagegen haben die Frauen eher spontane, emotionale Eindrücke geschildert: das Kind ist besonders lebhaft oder sportlich. Es schlägt Purzelbäume usw.

Hat sich dieses Verhalten auch nach der Geburt fortgesetzt?

IVF-Eltern sind uns häufiger aufgefallen als emotional kontrolliert, sie sprechen weniger über Konflikte oder versuchen vermehrt, solche zu vermeiden. Dies ist nicht nur unser Befund, sondern auch andere Studien haben ein solches Verhalten gezeigt. Diese Haltung findet sich auch häufiger im Umgang mit den Säuglingen: Die Eltern, vor allem die Mütter, zeigen im Dialog mit ihren kleinen Kindern weniger ungesteuerte Emotionalität, sie reagieren verhaltener, zeigen zum Beispiel auch weniger Ärger, wenn etwa das Kind nicht mitmacht oder trotzig reagiert. Sie sind ängstlicher und muten den Kindern auch weniger zu als Eltern spontan gezeugter Kinder.

Wie ist ein solches Verhalten zu erklären?

Unsere Hypothese ist, dass eine solche emotional eher reservierte und konfliktvermeidende Haltung möglicherweise förderlich ist, die enorme Belastung einer oft jahrelangen IVF-Behandlung durchzustehen. Vielleicht legen sich Frauen im Laufe der Behandlung eine solche "dicke Haut" zu, vielleicht ist diese emotional kontrollierte Haltung aber auch schon vorher da. Dazu können wir nach unserer Untersuchung keine Aussage machen. Jedenfalls legen die Paare auch nach der Geburt des sehnlichst erwünschten Kindes dieses Verhalten nicht ab. Sie tun sich vergleichsweise schwer, Konflikte auszutragen, haben häufiger eine ängstlich eingeschränkte Fähigkeit, ihre Kinder emotional zu spiegeln, sie auch zur Autonomie zu ermutigen und sind vermehrt unsicher in der Erziehung.

Das verwundert, denn eine so ersehnte Elternschaft müsste doch mit besonderen elterlichen Kompetenzen einhergehen.

Generell kann man sagen, dass die Beziehungsentwicklung überwiegend positiv verläuft - doch keinesfalls besser als in der Gruppe der spontanen Elternschaften. Die IVF-Eltern haben oft eine sehr hohe Erwartung nicht an ihre Kinder, aber an ihre eigenen elterlichen Kompetenzen. Dementsprechend bewerten sie häufiger schon kleinere Probleme mit dem Kind als schwierig und deuten es auch als Ausdruck eigenen Versagens, wenn Probleme auftauchen.

Sind IVF-Kinder tatsächlich schwieriger?

Es gibt in unserer Untersuchungsgruppe vermehrt psychosomatische Auffälligkeiten. Die IVF-Kinder haben in den ersten Lebensmonaten häufiger exzessiv geschrieen, und die sogenannten "Säuglingskoliken" sind häufiger aufgetreten. Im zweiten Lebensjahr gab es vermehrt Fütter- und Schlafstörungen. Im Übergang zum Kindergarten, also so im dritten Lebensjahr, waren die IVF-Kinder in unbekannter Umgebung häufiger scheu und trennungsängstlich. Nur 40 Prozent der IVF-Einlinge besuchten übrigens mit vier Jahren einen Kindergarten, in der Kontrollgruppe sind es 90 Prozent.

Das hat aber auch mit der Lebenssituation, beispielsweise der Berufstätigkeit der Mutter etwas zu tun.

Ja, viele IVF-Eltern räumen der Familie größte Priorität ein. Vieles dreht sich um das oder die Kinder, außerfamiliäre Kontakte spielen häufiger keine große Rolle mehr. Mütter wollen im Vergleich zur Kontrollgruppe später wieder berufstätig werden oder weniger Stunden arbeiten. Und auch auf kinderfreie Räume in der Partnerschaft wird weniger Wert gelegt. Eine solche Fixierung vor allem der Mütter kann dann zum Problem auch in der Partnerschaft werden.

Aber sind nicht Krisen und Ambivalenzen in der Schwangerschaft und nach der Geburt vor allem nach dem ersten Kind normal?

Das Problem ist, dass Ambivalenzen in einer über Jahre hinweg so stark herbeigesehnten Elternschaft keinen Raum haben. Auch im ersten Jahr nach der Geburt sind IVF-Eltern besonders zufriedene und glückliche Eltern. Es kommt nicht zu typischen Partnerschaftskrisen, wie wir sie von Eltern spontan gezeugter Kinder kennen, die sich erst auf die neue Lebenssituation mit einem Säugling einstellen, die Aufgaben neu verteilen und sich als Vater und Mutter neu definieren müssen. Die IVF-Eltern geraten erst mit der Normalisierung des Lebens mit dem lang ersehnten Kind, so etwa im dritten postnatalen Jahr, vermehrt in Krisen in der Partnerschaft. Vor allem die Frauen zeigen sich dann häufiger unzufriedener mit der Partnerschaft, während 70 Prozent der Männer weiterhin angeben, sie wären überwiegend zufrieden. Da eine Partnerschaft etwas Zweiseitiges ist, deutet dies auf eine Störung in der Kommunikation hin.

Warum werden die Frauen immer unzufriedener?

Wir beobachteten häufiger Entwicklungen, bei denen die Mütter eine Einheit mit ihrem Kind bildeten und die Partner in gewisser Weise außen vor blieben. Nach drei Jahren beklagen die Mütter dann doch, dass ihnen der Partner fehlt. Dann werden die Konflikte aber oft so ausgetragen, dass sich die Mütter über das geringe Engagement der Väter in der Kindererziehung beklagen, während eigene Wünsche an den Partner gar nicht deutlich benannt werden.

Etwa 30 bis 40 Prozent der IVF-Kinder sind Zwillinge und Drillinge. Dies erfordert nun auch ein hohes Maß an Alltagsmanagement.

Mehrlingsschwangerschaften kommen nach IVF weitaus häufiger als sonst in der Bevölkerung vor. Ihnen gebührt eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Schon eine spontane Mehrlingsschwangerschaft ist mit mehr Komplikationen verbunden als eine Einlingsschwangerschaft. Die Kinder kommen häufig zu früh und mit geringem Geburtsgewicht auf die Welt. Sie haben dann ungünstigere Entwicklungsbedingungen und teilweise auch Schädigungen in Folge der Frühgeburtlichkeit und der intensivmedizinischen Behandlung. Vor allem Drillinge - auch die in unserer Untersuchung - haben häufiger Gesundheitsprobleme. Wenn man sich nun in die Situation der Eltern versetzt, die sich sehnlichst ein Kind gewünscht haben und darauf eingestellt sind, ganz für dieses eine Kind da zu sein, und die nun plötzlich mit zwei oder drei Kindern gleichzeitig konfrontiert sind, wovon eins oder zwei oder auch alle erhebliche Handicaps mitbringen - das schafft große Probleme. Allein ein Ausflug wird dann schon zur Expedition. Man benötigt oft Hilfe von außen, fühlt sich abhängig, und viele Eltern machen sich im Nachhinein auch Selbstvorwürfe und entwickeln Schuldgefühle.

Inwiefern?

Eltern, die auf natürlichem Wege Zwillinge, in einem Fall auch Drillinge bekommen haben, sagen: Das gab es schon mal in der Familie, das kommt bei uns vor, nun müssen wir sehen, wie wir damit zurecht kommen. Während die IVF-Eltern retrospektiv angaben, es stimmt schon, wir haben uns Mehrlinge gewünscht, wir haben dem behandelnden Gynäkologen zum Beispiel nicht gesagt, wir wollen, dass nur ein Embryo eingesetzt wird nach der Befruchtung, wir wollen auf jeden Fall alle drei, die möglich sind, aber wir haben damals überhaupt nicht abschätzen können, welche Risiken das in sich birgt und dass wir unseren Kindern möglicherweise mit diesem Wunsch schaden könnten.

Sind die Paare über dieses Risiko nicht genügend aufgeklärt worden?

Es gibt natürlich eine Aufklärungspflicht der Gynäkologen. Doch die Eltern sagen im nachhinein: Ja, wir haben von dem Risiko gehört, aber wir konnten es uns nicht vorher vorstellen. Ich glaube, ein Paar, das noch keine eigenen Kinder hat, kann gar nicht abschätzen, welche Einschränkungen bereits ein Kind mit sich bringt, geschweige denn was es heißt, Zwillinge oder Drillinge zu versorgen. Und auch über die Gefahr der Frühgeburt wird so abstrakt aufgeklärt, dass Eltern sich gar nicht vorstellen können, was diese Information für die Realität bedeutet. Weniger als 20 Prozent aller IVF-Behandlungen sind überhaupt erfolgreich. Paare, die fünf oder mehr Jahre auf ein Kind gewartet haben, gehen kaum davon aus, tatsächlich mit einem Kind schwanger werden zu können. Dass der erhoffte Kindersegen zu ausgesprochenen Sorgenkindern führen könnte, kann gar nicht gesehen werden.

Richtlinien der Reproduktionsmediziner empfehlen inzwischen Frauen, die jünger als 35 sind, nur noch zwei Embryonen einzusetzen.

Diese Empfehlung kam auch in Folge unseres Projektes zustande, bei dem sich herausstellte, dass die Mehrlinge häufig gesundheitlich belastet sind und die Eltern manifeste Probleme haben, die sie ohne fremde Hilfe gar nicht bewältigen können.

Wie haben denn Ihre Kollegen aus der Gynäkologie und Geburtshilfe Ihre Befunde aufgenommen?

Die Reproduktionsmediziner wollen kinderlosen Paaren zu einem Kind verhelfen, und glauben, dass sie da etwas Gutes tun. Es stimmt auch - aber eben nur zum Teil. Man gab sich mit der erfolgreich verlaufenen Schwangerschaft und dem Produkt Kind zufrieden. Die Reproduktionsmediziner haben sich bisher weniger darum gekümmert, wie sich diese Kinder entwickeln. Es gibt weltweit so gut wie keine Langzeit-Studie zur Entwicklung von IVF-Kindern. Unsere ist die umfassendste in der BRD. Wir haben die Eltern und Kinder aber nur bis zum Ende des 4. Lebensjahres begleitet - also der Übergang zur Schule, die Pubertät mit den vielen Fragen nach den Wurzeln - all dies ist noch mit vielen Fragezeichen versehen.

Wollen denn die Eltern die Kinder über die Art ihrer Erzeugung aufklären?

Anfangs wollten die meisten Eltern dies, doch je länger die Geburt zurück lag, um so eher nahmen die Eltern davon Abstand. Unter der Überschrift: "Unser Leben ist so normal wie in jeder anderen Familie auch", wurde das Ereignis der künstlichen Befruchtung immer mehr weggeschoben. Und ich muss auch sagen, das Problem ist noch weitgehend unbearbeitet, so dass auch schwer Empfehlungen zur Aufklärung auszusprechen sind. Viel problematischer ist es sicherlich, wenn der biologische Vater ein Spermium eines unbekannten Spenders aus der Samenbank ist oder die genetische Mutter eine Eizelle, die für viel Geld über das Internet gekauft wurde. Dann kann man davon ausgehen, dass die Kinder spätestens in der Pubertät nach ihren eigentlichen Wurzeln forschen werden. Aus der Adoptionsforschung weiß man ja, wie sehr Heranwachsende von Phantasien über Mutter oder Vater beherrscht werden können, wie verloren und zum Teil wertlos sie sich vorkommen können. Wird die Herkunft verschwiegen, dann wirkt das als Familiengeheimnis, das ein ganzes Leben überschatten kann.

Nun ist ja bei uns zumindest die Eizellspende noch verboten. Aber es gibt Forderungen von Reproduktionsmedizinern, das Embryonenschutzgesetz zu liberalisieren ...

Mir fällt immer wieder auf internationalen Kongressen auf, wie selbstverständlich dort von Kollegen über die Kinder im Baukastensystem gesprochen wird. Hauptsache Kind und das, obwohl es so gut wie keine Studien dazu gibt. In manchen Ländern versucht man den Eindruck zu erwecken, eine solche Labor-Herstellung des Menschen mit verschiedensten "Zutaten" wäre völlig normal. Ich glaube aber nicht, dass man die bisherige Entstehung des Menschen innerhalb so kurzer Zeit umkrempeln und zur Normalität erklären kann. Ich glaube auch nicht, dass es für das psychische Erleben künftiger Generationen völlig nebensächlich ist, ob sie als Embryo über Jahre im Gefrierschrank lagerten, bevor sie eingepflanzt wurden, oder die Herkunft der Ei- oder Samenzelle nicht mehr eruierbar ist.

Das Gespräch führte Eva Schindele

Dr. Cordula Bindt ist Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutin an der Psychosomatischen Abteilung der Kinderklinik im Universitätskrankenhaus in Hamburg Eppendorf. Zusammen mit Karin Ohlsen und Margarete Berger veröffentlichte sie die Studie Elternschaft und Kindesentwicklung nach durch IVF erfülltem Kinderwunsch.

00:00 12.04.2002

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