Und zum Frühstück Freiheitstoast

Verschwörungen Der Angriff auf die Macht über die Welt

Der in Lateinamerika lebende Ökonom und Befreiungstheologe Franz Hinkelammert (geboren 1931 in Deutschland/ heute Professor für Wirtschaftswissenschaften in Costa Rica) hat in seinen Arbeiten unter anderem analysiert, wie die Kämpfe um die Herrschaft über die Welt das 20. Jahrhundert entscheidend prägten. Den ersten großen Angriff auf die globale Macht versuchte Nazi-Deutschland mit dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Kalten Krieg dann konstituierte sich eine multilaterale Welt, in der die verbliebene Supermacht "primus inter pares" war. "Mit der Präsidentschaft Bushs aber akzeptierte sie diesen Platz nicht mehr", schreibt Hinkelammert, der neben seiner Lehrtätigkeit ein Ökumenisches Forschungszentrum für Mittelamerika leitet.

Mit Beginn der Präsidentschaft von George Walker Bush begann man einen Angriff vorzubereiten, um Macht über die ganze Welt zu erlangen. Der Anstoß dazu kam von den "Falken" der amerikanischen Gesellschaft, die in enger Beziehung zum American Enterprise Institute (einer Zitadelle der US-Konzerne) stehen und den derzeitigen Präsidenten zuallererst in der Funktion einer Marionette rekrutierten.

Nach dem Versuch Nazi-Deutschlands handelt es sich um den zweiten großen Versuch, die Weltmacht an sich zu reißen. Diesmal aber ist dieser Versuch keineswegs so illusorisch, wie das bei Adolf Hitler der Fall war. Diesmal stützt sich dieser Angriff auf die Macht eines Militärpotenzials, das größer ist als die Macht aller Länder der Welt zusammen. Die Vereinigten Staaten wollen nicht mehr "Erste unter Gleichen", sondern "Herren über Beherrschte" sein.

Von der Verschwörung zur Verteufelung

Um den Angriff auf die Macht über die Welt beginnen zu können, braucht man allerdings einen Feind, der überall in der Welt präsent ist und den Angreifer bedroht. Der wiederum, so die Legende, kann sich gegen diesen Feind nur verteidigen, indem er Macht über die ganze Welt erlangt. Ein Szenario, das funktioniert, wenn es als Weltverschwörung konstruiert wird. Denn diesen Feind, der den Angreifer bedroht, gibt es in Wirklichkeit nicht. Deshalb muss er erfunden werden. Man erfindet also ein Monster der Weltverschwörung, das dazu zwingt, die ganze Welt zu erobern, um sich davon zu befreien. Dieses Monster ist derart furchterregend, dass sich nur dagegen kämpfen lässt, indem man selbst zum Monster wird.

Auch im 19. und 20. Jahrhundert wurden Kämpfe um die Weltherrschaft nicht selten von Weltverschwörungen begleitet, gegen die man kämpfen musste. Jeder Versuch zur Eroberung der Weltherrschaft schuf sich eine eigene Weltverschwörungstheorie. Das begann mit der Erfindung der "Jüdischen Weltverschwörung" - im Namen des Kampfes dagegen versuchte Nazi-Deutschland, die Weltherrschaft zu übernehmen. Der Stalinismus steuerte die Erfindung der "trotzkistischen Weltverschwörung" bei, auch wenn diese keine wirkliche Weltverschwörung sein sollte. Für die nächste Weltverschwörung sorgte der Kalte Krieg in Gestalt der "kommunistischen Gefahr", die zu Zeiten Ronald Reagans ihre höchste Inkarnation im "Reich des Bösen" fand, das vom Kreml aus gesteuert wurde. Dagegen erhoben sich - in Anspielung auf das Millennium der Offenbarung - die USA wie eine "Stadt, die von den Hügeln erstrahlt".

Heute schließt sich die "terroristische Weltverschwörung" an, die von der Regierung Bush erfunden wurde. Wie die anderen ist auch sie eine Erfindung, auch wenn viele Menschen daran glauben oder davon überzeugt sind. Sie basiert auf den Attentaten von New York und Washington am 11. September 2001. Nach diesen Ereignissen gelang es, in der amerikanischen Bevölkerung die Angst vor dieser Weltverschwörung zu schüren und mit dem Angriff zur Eroberung der Weltherrschaft zu beginnen. Erneut sind die Verschwörung und die Existenz dunkler Kräfte eine reine Erfindung. Im Fall New York weiß man immer noch nicht, wer wirklich die Verantwortlichen für den 11. September waren. In der Zeit seither hat es weder in den USA, noch in Europa, noch in Japan einen Anschlag gegeben. Es gibt also keinen Grund, an die Existenz irgendeiner terroristischen Weltorganisation zu glauben, die zur Bedrohung der Menschheit fähig wäre. Es gibt terroristische Gruppen der verschiedensten Art, aber nichts deutet daraufhin, dass davon eine Weltverschwörung ausgeht.

Wenn es dieses Komplott dennoch geben soll, braucht man einen Teufel, der es organisiert. Im Fall der "Jüdischen Weltverschwörung" war das "Luzifer", den man stürzen und in die Hölle schicken musste. In der Ära Reagans übernahm diesen Part das "Reich des Bösen", das man genauso gut als "Reich des Teufels" bezeichnen konnte. George Bush sieht hinter seinen erfundenen Terroristen und ihrer "Achse des Bösen" das "Gesicht des Teufels" (evil´s face) - ganz besonders sah er es im Gesicht von Saddam Hussein.

In diesem Stadium gerät die Politik des Angriffs auf die Weltherrschaft zum Exorzismus. Um das Bild des Teufels abzurunden, schuf sich daher George Bush das Bild seines Gott, der selbstredend die US-Staatsbürgerschaft besitzt und ein hoher Beamter des Weißen Hauses zu sein scheint: "Gott segne Amerika" - ein "Gott segne die Welt" kommt nicht über seine Lippen. Aber das ist alles reiner Narzissmus. Auch Popper dachte in diesen Begriffen, als er sagte, dass die Demokratie eine Methode zur Kontrolle der Dämonen sei.

Von Pommes frites zu Freiheitskartoffeln

Als Folge einer solchen Politik verändert sich die Bedeutung des Wortes "Freiheit". Es geht nun um die Freiheit, keine französischen Pommes frites mehr zu essen, sondern "Freiheitskartoffeln", weil sich Frankreich gegen den Irak-Krieg gesperrt hat. Der Kongress selbst traf die Entscheidung, Pommes frites fortan "Freiheitskartoffeln" zu nennen. Müsste ich "Freiheitskartoffeln" essen, würde mir schlecht. Und das, obwohl ich gern Pommes frites esse. Es gibt auch keinen französischen Toast mehr, nur noch "Freiheitstoast".

Der "Russische Salat" heißt jetzt "Freiheitssalat". 40 Jahre Kalter Krieg haben diesem Namen nichts anhaben können, die ganze Zeit über nahm man in den USA "Russischen Salat" zu sich. Jetzt aber, da Russland gegen den Irak-Krieg opponierte, gibt es nur noch "Freiheitssalat". Nicht der "Russische Salat" hat sich verändert. Verändert haben sich die Vereinigten Staaten - verändert hat sich die Bedeutung der Freiheit.

Es handelt sich nicht mehr um die Freiheit von früher, sondern eine Freiheit, die einem so wenig bekommt wie "Freiheitskartoffeln" und "Freiheitssalat". Es geht um die Freiheit zur freien Vernichtung der Anderen. Die USA üben diese Freiheit jetzt im Irak aus, zuvor kam Afghanistan in ihren Genuss. Sie kündigen an, dass sie diese Freiheit über eine lange Zeit hin ausüben werden, die 100 Jahre dauern kann. Sie haben Listen von Ländern, die vernichtet werden sollen - und im Weißen Haus entscheidet man während des Frühstücks mit "Freiheitstoast", welches Land als nächstes an die Reihe kommt. Diese Listen können wir übrigens lesen, denn sie werden veröffentlicht, auch wenn es sich stets nur um provisorische Papiere handelt. Sie sind das Ergebnis von Zusammenkünften, die den berühmten Treffen des guatemaltekischen Diktators Ríos Mont in den achtziger Jahren ähneln, der immer nach dem sonntäglichen Kirchgang die Listen von politischen Gegnern diskutierte und darüber entschied, wer bis zum folgenden Morgen verschwinden musste.

Das Weiße Haus hat diese Praxis globalisiert. Man gründete eine Weltdiktatur der Nationalen Sicherheit, da die Regierung der USA fest daran glaubt, dass die Macht aus den Gewehrläufen kommt. Doch ohne Legitimation dienen die Waffen nur der Zerstörung, und es gibt kein "Leben danach". Legitimation kann bestenfalls im Kontext einer humanisierten Machtausübung entstehen.

Wollen wir an all dem etwas ändern, können wir nur erfolgreich sein, wenn wir dieser Macht der Waffen ihre Legitimität entziehen. Das geschieht bereits, denn vor den Augen der Welt steht der Kaiser nackt da. Man muss ihn immer wieder bloßstellen, denn er wechselt jeden Tag seine Kleider. Seine Brutalität ist offensichtlich, auch sein unmenschlicher Zynismus und die Missachtung aller Werte, die durch die Menschheit im Laufe von Jahrtausenden geprägt wurden. Wir müssen diese Entmenschlichung der Macht zeigen, um sichtbar zu machen, was geschieht. Wenn wir das erreichen, können wir etwas bewirken. Ich möchte einen Satz Gandhis anfügen, der in den vergangenen Monaten von vielen zitiert wurde: "Es gibt keine Wege zum Frieden. Der Frieden ist der Weg."

00:00 23.05.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare