Unentwegt auf Ochsentour

Günter Gaus im Gespräch mit Peter Struck Über das Nationalbewusstsein des Patrioten, über Herbert Wehner und andere Pfeifenraucher

Allenthalben wird die Berufung von Peter Struck zum Verteidigungsminister als Beförderung eines zuverlässigen Parteisoldaten beschrieben, der sich bislang vor allem als Zuchtmeister der Fraktion, durch Willensstärke und Kanzlertreue verdient gemacht habe. Doch welcher politische Charakter steht hinter diesem Charisma? Im April 2001 hat Günter Gaus den 1943 geborenen Struck in seiner Sendereihe Zur Person im ORB porträtiert. Aus gegebenem Anlass dokumentieren wir einige Passagen aus diesem Interview.

GÜNTER GAUS: Was glauben Sie, ist Ihre stärkste politische Begabung? PETER STRUCK: Zu integrieren und unterschiedliche Positionen zusammenzuführen. Und - das mag mit meiner Ausbildung als Jurist zu tun haben - sehr schnell auf den Kern zu kommen, um den es geht, zu sagen: das ist die Entscheidungsalternative, das wägen wir ab und dann entscheiden wir.

Wie weit sind die Kategorien links und rechts für Peter Struck noch von politischer Bedeutung?
Ich fühle mich als Mitglied einer linken Volkspartei. Und das, was wir mit Neuer Mitte bezeichnen, ist auch richtig, denn wir haben bei der Bundestagswahl 1998 Stimmen von Menschen bekommen, die vorher wahrscheinlich nie oder selten SPD gewählt haben. Von den Zeiten Brandts einmal abgesehen.

Haben die SPD gewählt wegen des blassen Begriffs Neue Mitte oder wegen des Medienkanzlers?
Nein, ich glaube aus verschiedenen Gründen. Einer war natürlich, dass man von Kohl genug hatte, Schröder als Figur dagegen absolut akzeptiert war, aber auch mit dem Begriff Neue Mitte haben viele Wähler etwas anfangen können ...

... was können Sie damit anfangen?
Dass ein klassisches SPD-Wählerklientel, die Arbeiter, wie wir früher gesagt haben, mehr und mehr schrumpft, dass wir es mit Facharbeitern zu tun haben, die sich überhaupt nicht mehr als Arbeiter fühlen, sondern als Mittelstand oder Angestellte.

Bebel hat einmal gesagt, der Sumpf ist immer in der Mitte ...
Das Zitat kenne ich nicht, aber es ist schön. Doch das sehe ich nicht so.

Seit 1964 sind Sie Mitglied der SPD und haben dort die sogenannte Ochsentour gemacht - über Kreisebene, Unterbezirk, Bezirk, schließlich bis in den niedersächsischen Landesvorstand, seit 1980 sitzen Sie im Bundestag. Warum sind Sie in die SPD eingetreten?
Aus ganz rationalen Gesichtspunkten. Von meinem Elternhaus her würde man sagen, es lag eigentlich nahe. Meine Eltern haben allerdings wegen der Nazizeit auch Bedenken gehabt, sich überhaupt politisch zu engagieren. Parteien waren für sie mehr oder weniger - ja, das machte man eben nicht, wegen der Erfahrung. Aber ich habe mir schon in der Schule, als ich dort Klassensprecher war, überlegt, du musst dich politisch engagieren.

Die Ochsentour, die Sie gemacht haben, das ist etwas, was heute eher abschätzig beurteilt wird. Seiteneinsteiger sind das Schicke in der Politik. Amüsieren Sie sich manchmal bei der Vorstellung, dass Sie eine Art politisches Fossil sein könnten?
Ja, bei meinem Alter fühlt man sich langsam schon so.

Nicht nur vom Alter her, auch als Parteisoldat.
Ich gucke natürlich auf die Jungen in meiner Fraktion, die ohne Ochsentour recht früh schon im Bundestag sind. Ich glaube aber nicht, dass Leute wie ich aussterben. In einer Partei wie meiner muss man schon Standing haben und das Vertrauen der Genossen, dass die sagen, der ist gut und deshalb schicken wir den jetzt nach Berlin.

Inwieweit ist Herbert Wehner für Sie ein Vorbild?
Er ist ein großes Vorbild für mich, ich habe ihn noch zwei Jahre als SPD-Fraktionsvorsitzenden erlebt. Er war ein Mann von ungeheurer Persönlichkeit, er hatte eine Biographie, die niemand von uns aufweisen konnte und sehr beeindruckend war. Er hatte viel Selbstaufopferungswillen für die Sache, und er hat mit enormer Disziplin gearbeitet. Ohne Wehner wäre die sozialliberale Koalition nicht denkbar gewesen, nicht der Aufstieg meiner Partei in die Regierungsfähigkeit.

Sie rauchen Pfeife wie Herbert Wehner, aber das ist nicht der einzige Grund, dass Leute mir gesagt haben - naja, so eine kleinere Ausgabe von Wehner ist er und will er gern sein.
Ja, das liegt einfach an der Tatsache, dass er der letzte Fraktionsvorsitzende vor mir war, der eine Regierungsfraktion führte. Alle seine Nachfolger hatten es mit Oppositionsfraktionen zu tun.

Stichwort Nation: Stolz zu sein, ein Deutscher zu sein, zum Beispiel wegen der Leipziger Demonstranten im November 1989 - meine Frage ist: Kann man auch auch stolz sein wegen der jungen Kommunisten, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leisteten und dafür ihr Leben opferten?
Auch - auch wegen der Sozialdemokraten, die ebenso dafür ihr Leben gelassen haben.

Das sagt sich leichter, deshalb habe ich wegen der Kommunisten gefragt.
Habe ich überhaupt keine Probleme mit dem Satz, überhaupt nicht.

Ich schiebe eine böse Frage nach. Erich Honecker hat Widerstand geleistet und dafür viele Jahre im Zuchthaus gesessen. Muss der mit in den Stolz - für diese Tat, nicht für das Spätere - einbezogen werden?
Ja, er hat - und das verdient hohen Respekt - sich gegen die Nazis gewehrt. Viele haben es ja nicht getan. Das trenne ich von dem, was danach gewesen ist.

Können Sie definieren, was für Sie Nationalbewusstsein ist?
Stolz ist für mich da nicht der richtige Ausdruck. Ich würde gern sagen - und zusammen mit Johannes Rau gebe ich gern zu, dass mir dieses Wort am besten gefällt - Patriotismus. Das heißt, für das Land einzustehen, auch für die dunklen Seiten der Geschichte. Wie Willy Brandt das einmal gesagt hat, wir wollen ein Volk der guten Nachbarschaft nach innen und nach außen sein. Das ist das, was ich unter Nationalbewusstsein verstehe.

Wie ist groß ist die Gefahr, dass sich zwischen dieser Definition einer Zivilgesellschaft und emotionalen Bedürfnissen eine Kluft auftut, bei der dann wieder Begriffe wie Nation, nationale Würde und nationale Ehre den Linken entwunden werden?
Die Gefahr ist schon groß, denn ich sehe ja, dass die CDU/CSU als Volkspartei genau darauf zielt. Weil sie zu den Inhalten unserer Politik keine Alternativen hat, wird das als Thema erfunden und die Sozialdemokratie in die vaterlandslose Ecke geschickt. Uns hat man ja schon einmal vorgeworfen, wir seien vaterlandslose Gesellen.

Inwieweit steckt in dem, was die Opposition da tut, eine Absicht? Inwieweit ist es eine, bestimmten Bourgeois in Deutschland - nicht Citoyens - innewohnende Grundstruktur?
Die Union hat - so glaube ich - nicht überwunden, dass sie nicht mehr in der Regierung ist und Linke - aus Sicht der Union sind wir auf jeden Fall links - Regierungsgewalt haben. Und dass der Bundespräsident ein ehemaliger, muss ich sagen, Sozialdemokrat ist. Deshalb sagen sie jetzt, die bringen unseren Staat in die falsche Richtung, da fehlt das nationale Bewusstsein. Es ist eindeutig eine politische Absicht, die dahinter steckt. Und die wird auch getragen, ich denke nicht von der Mehrheit der Bevölkerung, da mache ich mir keine Sorgen, aber von einer bestimmten Gruppe - Sie haben die Bourgeois genannt - schon.

Sind Sie da ganz sicher, auch nachts, wenn Sie wach liegen, dass es nicht doch eine Mehrheitsmöglichkeit gibt, wieder national auf dem falschen Bein Hurra zu rufen?
Da bin ich ganz sicher.

Warum?
Weil die jungen Menschen, die jetzt an den Universitäten sind, oder die Kinder trotz der vielen Schwächen, die wir haben, in einer Demokratie groß werden und mit einem gefestigten Bewusstsein gegen eine solche Entwicklung aufwachsen. Unsere Demokratie ist so gefestigt, dass ich glaube, Wege, wie wir sie in Richtung Nationalsozialismus hatten, werden nicht mehr gegangen.

Erstausstrahlung 11. April 2001


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.07.2002

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare