Hinnerk Feldwisch-Drentrup
Ausgabe 5116 | 24.12.2016 | 06:00 14

Ungestörtes Vergnügen

Geschichtslos Die Begeisterung für „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann ist groß – das Interesse an der Entstehung des NS-Films gering

Ungestörtes Vergnügen

Alles nur ein harmloser Spaß?

Foto: United Archives/Imago

Wenn es in der Weihnachtszeit in Hörsälen und auf Weihnachtsmärkten dampft und die Pennälerkomödie Die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann zusammen mit dem gleichnamigen Getränk genossen wird, spielt die Entstehung des Klassikers keine Rolle. Viele Zuschauer können ganze Textpassagen der Geschichte vom Schriftsteller Pfeiffer auswendig, der seine verpasste Schulzeit später nachholt. Weitgehend unbekannt ist, wie der Film entstand. Schon bei der Premiere brannte und qualmte es: Sie fand am Vormittag des 28. Januar 1944 statt, weil Berlin nachts verdunkelt war; in den Stunden zuvor fielen fast 4.000 Tonnen Bomben auf die Stadt.

Was alles passieren kann, wenn Männer sich einer Feuerzangenbowle hingeben und über ihre Jugend schwärmen, zeige dieser „erstklassige deutsche Film“, schrieb das Goethe-Institut Tokio, als es ihn 70 Jahre später in gemütlicher Runde vorführte. Auch in der ARD läuft der Film zur besten Sendezeit, am Nachmittag von Heiligabend. Während Rühmanns Rolle im Nationalsozialismus kritisch beleuchtet wurde, hat sein bekanntester Film die Verbindung zu seiner Entstehungszeit verloren.

Es ist kaum anzunehmen, dass der Film noch heute als NS-Propaganda wirken würde – trotz einiger heikler Passagen. Wie dem Auftritt des Oberlehrers Dr. Brett: Junge Bäume müssten angebunden werden, damit sie „schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen“, erläutert er die „neue Zeit“, die neue Methoden mit sich brächte. Disziplin solle junge Menschen bändigen. Auch passt das Frauenbild zur NS-Ideologie – sowie die Scherze über die älteren Lehrer, die für die alten Autoritäten stehen, während der schneidige Dr. Brett die Schüler für sich gewinnt. Trotzdem ist und bleibt Die Feuerzangenbowle im Kern ein Unterhaltungsfilm wie der Großteil der NS-Filmproduktion. Also nur ein harmloser Spaß? Oder doch Propaganda? Laut Reichsminister Joseph Goebbels sollte diese unsichtbar sein, um zu wirken.

AfD-Vorstand in Münster

„Letztlich ist es beides“, sagt der B.Z.-Journalist und Autor Oliver Ohmann. Er hat die Entstehung des Films recherchiert und ein 400-seitiges Buch darüber veröffentlicht. Ohmann sieht die Komödie als „Durchhaltefilm“, als eine Produktion, die in der letzten Kriegsphase die „Moral“ in der Bevölkerung und das Vertrauen in den „Endsieg“ aufrechterhalten sollte. „Viele denken, dass in solchen Filmen gesagt werden müsse, wir sollen den Krieg durchhalten“, sagt Ohmann. Es sei jedoch vielmehr darum gegangen, den Krieg zu vergessen. „Das macht das Ganze so teuflisch.“ Denn wer – wie damals viele Künstler – die Massen unterhielt, der habe den Zweiten Weltkrieg verlängert.

Interessant ist, wie Die Feuerzangenbowle aus ihrem historischen Zusammenhang in die zeitlose Filmgeschichte übergewechselt ist – obwohl der Film mitten im „totalen Krieg“ gedreht wurde. Ohmann nennt den Film eine „gesamtdeutsche Liebe“, da er in Ost wie West viele Fans gefunden habe. Offensichtlich ist, dass er scheinbar unhistorisch in der „guten alten Zeit“ spielt. Laut Stefan Drößler, dem Leiter des Münchner Filmmuseums, wurden Filme nach dem „Dritten Reich“ in politische und unpolitische eingeteilt. Die einfache Unterscheidung findet er fatal: „Die Feuerzangenbowle galt schnell als ‚unpolitisch‘.“

Eine entscheidende Rolle dürfte die Tradition an Unis spielen, den Film als Event zu feiern – mit Weckern, Wunderkerzen und Bowle. Allein in Göttingen kommen bis zu 10.000 Zuschauer zusammen. Die VWL-Studentin Cornelia Meyer zur Heyde war in den 70er Jahren am dortigen Unikino aktiv. Wegen des erfolgreichen Einsatzes des Films wurde ihr angeboten, die Aufführungsrechte zu kaufen – was sie nach dem Examen tat. Seitdem sei das Interesse am Film rasant gestiegen, auch durch einen Wetten, dass ..?-Auftritt von Rühmann 1994 befeuert: Der kündigte an, die Vorführung in Göttingen zu besuchen.

Meyer zur Heyde, die nun im AfD-Vorstand von Münster sitzt, hält ein Auge auf den Einsatzzweck. Vorführungen an „allen namhaften Universitäten“, bei Studentenverbindungen und auf Weihnachtsmärkten werden gerne genehmigt. Anders sah es aus, als das Deutsche Historische Museum in Berlin ihn vor einigen Jahren in einer NS-Filmreihe aufführen wollte, mit Vortrag zum Hintergrund. „Im Kontext von NS-Filmen wollte sie ihn nicht zeigen“, sagt Jörg Frieß, Leiter des dortigen Zeughauskinos. Er findet das Vorgehen fragwürdig.

„Ich spreche nicht mehr mit Journalisten am Telefon“, schreibt Meyer zur Heyde auf Anfrage. Sie beruft sich auf die Vertragsfreiheit. „Lizenzrechte sind kein öffentliches Gut, und ich bin nicht die Wohlfahrt“, betont sie. Die Zuschauer seien überwiegend Studenten, die eh keine Erläuterungen benötigen würden: „Sie denken selber.

Drößler hält den Film zwar nicht für irgendwie gefährlich, doch Kritik zu verhindern ist für ihn inakzeptabel. Er ist Mitglied des Filmbeirats der Goethe-Institute und betrachtet es wegen deren öffentlicher Finanzierung und ihrer besonderen Verantwortung als essenziell, Filme immer im Kontext zu zeigen. „Bei Filmen aus der NS-Zeit ist dies aufgrund des Bildungsauftrags besonders wichtig“, sagt auch Johannes Hossfeld vom Filmbereich des Goethe-Instituts. Obwohl die Einladung einen anderen Eindruck machte, habe es in Tokio eine „multiperspektivische“ Einführung gegeben. Unreflektierte Vorführungen an Goethe-Instituten seien problematisch: „Wir empfehlen den Einsatz des Filmes nicht.“

Normale Dreharbeiten

„Ich denke, dass auch Fernsehanstalten den Film in seinen Kontext stellen sollten“, sagt Drößler weiter. Die ARD-Pressestelle möchte dazu nicht Stellung nehmen, sie verweist auf die Tochterfirma Degeto. Diese schreibt, sie traue den Zuschauern eine eigene, „gerne auch kritische“ Rezeption zu. Doch geht die ARD-Homepage mit keinem Wort auf den Hintergrund des Films ein, einziges Indiz bleibt das Erscheinungsjahr 1944. Stattdessen verweist die Pressestelle auf einen Dokumentarfilm von 2007, in dem das Wirken Rühmanns kritisch beleuchtet worden sei. Außerdem sei der „Gute-Laune-Film“ auch unter NS-Größen umstritten gewesen, betont sie. Tatsächlich?

Reichserziehungsminister Bernhard Rust meinte zwar, dass der Film „die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden“ würde. Doch Rühmann bestieg mit einer Filmkopie einen Nachtzug ins „Führerhauptquartier“ in Ostpreußen, und über Göring erreichte das Gesuch Hitler. Der soll nur gefragt haben, ob der Film zum Lachen sei, bevor er ihn für „das deutsche Volk“ freigab. Auch Goebbels setzte sich für den Film ein und schrieb drei Tage vor der Premiere in sein Tagebuch: „Der neue Rühmann-Film Feuerzangenbowle soll unbedingt aufgeführt werden.“

Um Die Feuerzangenbowle ranken sich Mythen. So soll Rühmann durch verlängerte Dreharbeiten seine jungen Schauspieler und Statisten vorm Fronteinsatz gerettet haben. „Bestimmt nicht“, sagt Ohmann. Die Länge der Dreharbeiten sei normal gewesen, Rühmann hätte anschließend gleich am nächsten Film gearbeitet. Auch mussten einige Schauspieler wieder zur Front. Solche Mythen habe er in seinem Buch zerstört. „Ich halte den Film für lustig und sehe ihn gerne“, sagt Ohmann. Aber seitdem er die Entstehung kenne, sehe er den Film mit anderen Augen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/16.

Kommentare (14)

Meinenstein 24.12.2016 | 11:24

Also hier wird das Haar in der Suppe gesucht . . . .

„…Es ist kaum anzunehmen, dass der Film noch heute als NS-Propaganda wirken würde – trotz einiger heikler Passagen. Wie dem Auftritt des Oberlehrers Dr. Brett: Junge Bäume müssten angebunden werden, damit sie „schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen“, erläutert er die „neue Zeit“, die neue Methoden mit sich brächte. Disziplin solle junge Menschen bändigen. Auch passt das Frauenbild zur NS-Ideologie – sowie die Scherze über die älteren Lehrer, die für die alten Autoritäten stehen, während der schneidige Dr. Brett die Schüler für sich gewinnt. ..“

„Zucht und Ordnung“ in der Erziehung sind auch keine Erfindung des NS, das gab es schon zu Kaiserszeiten und auch nach dem 2ten Weltkrieg. Der verkrampfte Umgang mit Disziplin, Regeln und Normen scheint da eher ein zeitloses dt. Problem.

Und die verschiedenen Vorlieben für die jeweiligen Lehrergenerationen, ist auch heute noch so und wird es bei Schülern und Studenten immer geben. Das in irgendeiner Weise mit NS in Verbindung bringen zu wollen?..Hallo!?

Sicher ist es interessant und wertvoll auch den Kontext eines Filmes oder seiner Entstehungsgeschichte zu kennen. Aber wenn ein Werk (Film, Musik, Literatur, etc.)- quasi zeitlos - über die Generationen und seinem Entstehungskontext hinweg, für Begeisterung sorgt, ist das schlicht ein Zeichen von Qualität, oder nicht? Das nicht weiter zu ergründen, und anstelle dessen, dahinter die perfiden Absichten eines Hr. Goebbels zu suchen,( puhh!!) erscheint da mehr als fragwürdig!

Wir habe heute viele andere Kontexte, die bewusst und mit Absicht von Politik und Medien ausgeblendet werden. Das wäre wirklich Anlass zur Sorge……..

Betrachte ich mal den Artikel hier im aktuellen Kontext unseres Zeitgeschehens, kann ich das auch als Angstmacherei vor „Rechts“ lesen, die uns schlicht nicht weiter bringt, da mir der Artikel hier zu einseitig kritiklastig daher kommt.

Heinz 24.12.2016 | 20:24

Geschichtslos?

Die einzige "Geschichte" des Films ist die Entstehungszeit; ohne diesen Zusammenhang zu kennen, ist es ein großartiger Film, der international verstanden wird.

Wenn schon geschichtslos, dann doch bitte ein anderes Beispiel:

Als Casablanca am 29. August 1952 in die deutschen Kinos kam, enthielt der Film kaum noch Hinweise auf den Zweiten Weltkrieg. Alle Szenen mit Major Strasser und anderen Nazis waren herausgeschnitten worden. Auch die Szene, als die Deutschen Die Wacht am Rhein anstimmen und von französischen Patrioten mit der Marseillaise niedergesungen werden, fehlte. (Quelle Wikipedia)

Als ich diesen "eingedeutschten" Film das erste Mal gesehen hatte, habe ich den Zusammenhang nicht verstanden, erst bei einer späteren Fassung, die wahrheitsgetreu synchronisiert wurde, verstand ich die Zusammenhänge.

4711_please 27.12.2016 | 10:43

Ich habe den Film zwei- oder dreimal gesehen, das letzte Mal schon vor Jahrzehnten. Ich erinnere mich, dass mir bei der ersten Rezeption bewusst war, das es sich um einen Goebbelsfilm handelte. Ich war erstaunt, dass im Film keine nationalsozialistische Symbolik enthalten ist, auch keine offensichtliche Propaganda, die ich erwartet hatte. Statt dessen ein in meinen Augen angestaubter Pennälerschwank, der mit einem Humor und einer realistischen Schulparodie daher kommt, die erstaunliches vollbringt: schon mein Vater schwärmte in den 50ern darüber, dass die Lehrer ihn an seine eigenen erinnern würden und er herzlich lachen müsste, sie derartig parodiert zu sehen. Ganz offensichtlich ergeht es noch 73 Jahre nach der Premiere den vielen Generationen danach ebenso, der Staub ist Kult. Es handelt sich um einen der wenigen relativ zeitlosen Kultfilme, ähnlich wie Dinner for One.

Ich weiß nicht, ob man von einem Propagandafilm sprechen kann, wenn es nur darum geht, während der Vorführung sein Leben und die Welt durch den Film zu vergessen. Schließlich ist dieses Merkmal ein Zeichen für die Qualität eines Films.

Um den nationalsozialistischen Film zu verstehen, muss man wissen, dass Goebbels und Hitler Filmliebhaber waren, beim Film spielte anscheinend die Propaganda nicht bei jeder Produktion eine so wichtige Rolle wie der Witz und die Spannung. Zugleich war es ja auch eine Tatsache, dass viele bedeutende Filmschaffende der Weimarer Republik emigriert waren, das Medium Film also an Qualität verlor, was Goebbels und Hitler nicht entgangen sein dürfte. Einige Filmstars und Regisseure im Nationalsozialismus waren keine Nazis, Rühmann nicht, Zarah Leander nicht und bei Helmut Käutner ist es ja wohl ganz offensichtlich. Goebbels wollte sie halten, vermutlich der Qualität wegen, und dadurch entstanden Freiräume, die in anderen Künsten so nicht vorhanden waren. Die Filmschaffenden selbst hatten sich zu entscheiden: entweder Karriere im Nationalsozialismus, oder Elend im Exil. Die genannten entschieden sich für die Karriere, fühlten sich aber nach meiner Erkenntnis dennoch als Opposition sowohl dem Publikum verpflichtet, als auch ihren Mitarbeitern und Angehörigen. Zarah Leander als Schwulenmutti brachte ihre homosexuelle Entourage durch die Nazizeit, Rühmann war zwar von seiner ersten jüdischen Frau geschieden, sorgte aber für ihre Unversehrtheit und Wohlergehen, nach meinen Informationen.

Übel ist es allerdings, dass die Feuerzangenbowle nicht in einer Reihe von Nazifilmen gezeigt werden kann, wegen den Urheberrechten. Mir ist eh schleierhaft, warum so ein Film, der vor ca. 73 Jahren nationalsozialistisch-staatlich finanziert wurde, private Urheberrechte haben kann, die die Freiheit der Kunst und Wissenschaft heute unterdrücken dürfen. Diese Republik hat ein Problem mit Urheberrechten.

4711_please 27.12.2016 | 11:11

Im übrigen kann ich mir gut vorstellen, dass das Propagandaministerium solche Filme wie "Feuerzangenbowle" in erster Linie als Ablenkung für sich selbst produziert haben, Goebbels Hitler also ein Geschenk machte, welches auf nationalsozialistische Symbolik komplett verzichtete, was den Despoten möglicherweise zu diesem Zeitpunkt depressiv machte. Die Herren waren ja sehr selbstbezogen und insofern würde diese Theorie passen.

zelotti 28.12.2016 | 03:01

Das Absurde ist ja immer wieder wie wenig politische Propaganda tatsächlich im NS-Film ist und wie viel heute in zeitgenössischen kommerziellen Produktionen. Wie vieles sich damals findet, was den Erwartungen genau widerspricht.

Man könnte sagen, das Markenzeichen des NS-Films ist eine Kulisse zu schaffen, in der alles möglich ist, vom Revolutionär gegen die Obrigkeit bis zu freizügigen Darstellungen. Der Nazifilm ist voller Exotik.

Ein Beispiel nur, der Bikini wird laut Wikipedia 1946 erfunden. Bis in die 60er Jahre angeblich ein halber Skandal.

Im Nazi-Unterhaltungsfilm "Es leuchten die Sterne" von 1938 tanzt die Tänzerin La Jana (Henriette Hiebel) in einem bikiniartigen Oberteil, alles mit ganz großer Selbstverständlichkeit. Und alles quasi staatstragend im NS Regime.

https://www.youtube.com/watch?v=3zUhuBSyv_o

Platte Propaganda ist selten. Es findet auch nicht so sehr inhaltliche Verfolgung statt, sondern es reicht die Abstammung der Schauspieler. Da wo inhaltlich Unterhaltungsfilme "verboten" werden, wie man dann nach dem Krieg herausstellt, etwa der Farbfilm Große Freiheit Nr. 7, ist der Anlass nachvollziehbar, in dem Fall der Luftangriff auf Hamburg. Wir spielen ja auch nicht nach dem Tsunami eine Sängerin im Radio, die was von der "perfekten Welle" singt.

Die NS Produktionen sind ein Rätsel, das man noch tiefer beleuchten sollte, weil sie nicht klischeehaft regimekonform sind. Natürlich fehlt da was. Und gerade dem sollte man sich kritisch zuwenden, weil es uns ja näher steht.

4711_please 28.12.2016 | 10:19

Es gibt aus der NS-Zeit Propagandafilme, wie z.B. der übelste Film "Jud Süß" oder alles von Riefenstahl, und weniger propagandistische Unterhaltungsfilme. Davon zu sprechen, der NS-Film hätte nur wenig Propaganda halte ich für falsch. Auch die Stars, von denen ich sprach, haben sich an der Propaganda beteiligt, allerdings war keiner von denen, so wie Heesters, bei der Lagerleitung eines Konzentrationslagers, um die Sadisten persönlich zu unterhalten.

Die NS-Produktionen waren kein Rätsel. Filmkunst kann eben nicht jeder Hinz und Kunz ausüben, da braucht es Know-How, Bildung und Talent, und der deutsche Film blutete nach der Machtergreifung der NSDAP aus. Deutsche Filmschaffende waren überwiegend Anti-NS. Vor allem Hitler war ein Cineast, ihm kam es auch auf die Qualität an, nicht nur auf die Propaganda. Nur deshalb hatten teilweise die NS-Filmproduktionen Freiheiten wie keine andere Kunst in der NS-Zeit. Außerdem war sich Goebbels bewußt, dass unpolitische Produktionen eine wichtige Funktion haben: die Volksgemeinschaft über Kritik an der NS-Politik zusammenzuhalten, zugleich wurde die Qualität gesichert und kritische Künstler gekauft, wenn man so will. Die unterdrückte, sogenannte 'innere' Opposition, die es ja gab - der NS-Staat hatte nie 100% Zustimmung in der Bevölkerung - was Goebbels wusste, sollte so eingebunden werden. Auch der unpolitische Film hat eine Propagandaseite!

Der NS-Film war also immer regimekonform, selbst Helmut Käutner, meiner Meinung nach der offensichtlichste Anti-NS-Regisseur während dieser Zeit, war kein Charlie Chaplin. Dessen Hitler-NS-Parodie war übrigens ein guter Coup. Es war bekannt, dass Hitler Chaplin-Filme mochte und er hat sich sicher sehr geärgert über "The Big Dictator".

zelotti 28.12.2016 | 20:25

Bei Jud Süß muss man schon annehmen, dass es ein Propagandafilm war, weil im Titel ein Jude vorkommt. Es ist dann aber doch nicht so eindeutig. Natürlich sind die Riefenstahlfilme Propaganda und erschaffen eine eigene Ästhetik, die vieles, was später kam vorweg nimmt. Aber bitte, was soll man von einer Parteitagsdokumentation oder einem Olympiadenfilm auch anderes erwarten?

Das Abstruse ist, wie wenig Propaganda es im Nazifilm gibt. Und keine 100% Zustimmung, das ist doch eine Banalität.

Sind die DEFA-Filme Propaganda? Ganz bestimmt, aber künstlerisch wirklich gut gemacht. Abgesehen von dieser Holzhammermoral.Genau das findet man im NS Film nicht. Keine Filme über Dolchstosslegende. Keine Filme über Verrat. Nach dem Krieg muss jeder Film, der irgendwie auf die Zwischenkriegszeit Bezug nimmt, NS-kritisch sein und opfert dafür irgendwelche Unsympathen. Beim NS Film mokiert man sich allenfalls über die Kaiserlichen als alte Eisen von gestern. Aber es fehlt so vieles, was in der Literatur und im Hörspiel da ist, da gibt es Bertholt und Richthofen, Schlageter, Horst Wessel Kitsch usw. - im Film macht das Regime das ausgerechnet nicht.

Ich denke die auffällige Propagandaferne und die Exotik des typischen NS Films braucht neue Antworten. Ich denke einen Film wie Tanz auf dem Vulkan ist am Ende genauso regimekonform auf seine Art wie eine Zigeunerweise nicht im Wiederspruch zum Rassismus des Regimes steht. Sonst denkt man an spiessige Frauenbilder des Regimes und analysiert in die Scheidungskömodien der Zeit die ideologischen Frauenbilder hinein.

Man schaue sich die ganzen B-Movies wie "Drei blaue Jungs ein blondes Mädel" mit Heinz Rühmann an. Es ist ja ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Also alle Heimatfilme, alle Arztfilme, alle Kömödien.

zelotti 28.12.2016 | 20:57

Oder nehmen wir einen Film wie Kongo-Express (1939). Afrika fast ohne Afrikaner, in Deutschland gedreht. Dafür alte verzopfte Damen der älteren Generation im bürgerlichen Neobiedermeier und "moderne Menschen", rauchende Frauen. Das Drehbuch von Ernst v. Salomon, der bekanntlich eine Jugendsünde von Rechtsterrorismus hatte.

Der Nazifilm hat immer den Jugendkult, die Abgrenzung der neuen Zeit gegenüber der älteren Generation mit ihrer Tradition und Spiessigkeit. Gegen den innenpolitischen Gegner kämpft man nicht mehr, nur noch gegen die (politisch) "unbelehrbaren" Alten. Und so ist auch diese Komödie, die Feuerzangenbowle zu sehen

zelotti 28.12.2016 | 22:11

Ein eigenes Untersuchungsobjekt sind die Legenden oder Zuschauererwartungen aus Nachkriegssicht. Etwa die Vorstellung, dass unter den Nazis "Swing" verboten gewesen sei. Die Nazizeit wird ja nicht dadurch weniger rassistisch, dass Marika Rökk mit ihrem beschissenen Akzent es als Superstar ins Kino schafft oder andere Ladies ihre Sirensongs singen. Im Gegensatz zu Hollywood gibt es keinen "Code", nur die Vertreibung von Künstlern, deren Ahnenpass nicht passt, und ein Ranwanzen der Nazibonzen an die Stars.

Vergleichen wir die Feuerzangenbowle mit einem früheren Rühmann-Film wie "Der Stolz der Dritten Kompanie". Beide schöpfen aus dem Klamauk der (progressiven Literatur der) Kaiserzeit. Die Schule der Feuerzangenbowle spielt in der Vergangenheit. Nun wird man sicherlich sagen, dass es negative Zensururteile gab zu dem "Stolz" der Zwischenkriegszeit, aber die stammen aus der Zeit nach der wirtschaftlichen Verwertung. Nach dem Krieg wurden allerlei Persilscheinlegenden gebaut, auch für Filme, für Vorkriegsfilme. Im polykratischen Regime ist oppositionelles Verhalten im nachhinein leicht dokumentierbar oder behauptbar, weil es nicht die Linie gibt, sondern ganz viele. Es wurde ja sogar superpiefige Pränazifilme wie dieser Ubootfilm nach dem Krieg verboten. Im Reeducation-Film dann muss überall plakative Kritik sein, aber das wird ganz verlogen in Szene gesetzt, vor den heissen Mädchen wird noch aus der Bibel gelesen. Denke wir an so etwas wie "Der Stern von Afrika" aus den 50ern. Also Filme von alten Nazis unter veränderten Bedingungen, oder über Nazistoffe als Fetisch. Da lässt man dann einen Fassbinder einen Film Lili Marleen machen. Freilich alles immer noch nicht so dümmlich wie der Schweighöfer-Richthofen und Die Männer der Emden in den letzten Jahren, oder Independence Day, einer de facto Verfilmung der rechten Science Fiktion Welteislehre-Schundliteratur der 20er/30er, mit dem amerikanischen Päsidenten in der Rolle, die seinerzeit den Deutschen Staatsoberhauopt als Weltretter zugedacht wurde.

Es fehlt eigentlich nur noch der zeitgenössische Friderikus-Film mit hardcore säbelrasselndem Fritz-Druffgänger, Piefke-Märsche ruff und runter, und einen homophoben Frauenfresser August der Starke als Opfer an den ideologischen Zeitgeschmack, der Fritz und Katte die Decke wegzieht, und irgendwelchen anderen rosa Intrigen.

4711_please 29.12.2016 | 22:54

"Bei Jud Süß muss man schon annehmen, dass es ein Propagandafilm war, weil im Titel ein Jude vorkommt. Es ist dann aber doch nicht so eindeutig."

Hä? Was ein Nazigeschwätz! Der Film handelt von einem bösen Juden, der vom gerechten Mob gelyncht wird. Was bitte ist da nicht eindeutig? Ich kann Ihnen nicht folgen, wenn Sie von der allgemeinen Propagandaferne des faschistischen Films reden. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass Sie den Antisemitismus, die nationalsozialistische Ideologie, die in vielen deutschen Filmen dieser Zeit zum Ausdruck kamen, nicht erkennen. Sie reden viel postfaktischen Kram, z.B. Marlene Dietrich, Fritz Lang und viele ander sind nicht wegen der Ahnenpässe geflohen! Auch weiß ich aus erster Quelle von Underground-Swing-Jugendlichen, die sich und ihre Musik in der Nazizeit geheimhalten mussten. Hören Sie bitte auf die (Film-)Geschichte zu verfälschen und Faschismus zu relativieren. Ist ja widerlich!