Unter der US-Besatzung ist niemand sicher

Irak Der Anschlag auf die UNO in Bagdad sollte auch vor jeder Art von "Peace-Keeping"-Mission der Vereinten Nationen unter amerikanischem Kommando warnen

Welcher Mitgliedstaat der Vereinten Nationen denkt im Moment wohl darüber nach, Peace Keeping-Truppen in den Irak zu entsenden? Die Männer, die immer häufiger die US-Okkupationsarmee angreifen, sind skrupellos, aber nicht dumm. Sie verstehen genau, dass Präsident Bush alles unternehmen wird, um Verluste zu reduzieren. Selbst am ungeliebten UN-Sicherheitsrat kommt er nicht mehr vorbei.

Aber der Angriff auf das UN-Hauptquartier in Bagdad vor einer Woche hat diese Fluchtroute eher versperrt. Stunden nach dem Anschlag wurde uns von offizieller Seite erklärt, damit sollten die Vereinten Nationen getroffen werden. Dies mag zutreffen, nur sahen wir vor allem einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, beweist doch der Vorfall, dass keine ausländische Organisation - keine NGO, kein humanitärer Hilfsdienst, kein Investor, kein Berater - unter dem US-Besatzungsregime mehr sicher ist.

Amerikas Prokonsul Paul Bremer soll angeblich ein Anti-Terrorismus-Experte sein, aber seitdem er im Irak tätig ist, gibt es dort mehr Terrorismus, als er sich in seinen schlimmsten Träumen ausgemalt haben dürfte. Ölpipelines, Stromleitungen, Brücken und Wassertrassen sind zerstört worden. Täglich werden amerikanische und britische Truppen angegriffen. Nun die Bombe auf die UNO. Was kommt als nächstes? Die Amerikaner mögen die toten Gesichter der beiden Saddam-Söhne für die Medien kosmetisch wiederherstellen können, den Irak rekonstruieren können sie nicht.

Die jüngsten Ereignisse führen uns klar vor Augen, dass mit der Besatzungsmacht in Verbindung gebrachte Ausländer zusehends ins Visier einer wachsenden Widerstandsbewegung geraten. Vor vier Wochen wurde ein UN-Mitarbeiter südlich von Bagdad erschossen, im Zentrum der Hauptstadt zur gleichen Zeit ein britischer Journalist. Zwei Mitarbeiter der Internationalen Roten Kreuzes (IRK) kamen ebenfalls durch Überfälle ums Leben, einer von ihnen - er stammte aus Sri Lanka - starb auf der Fahrt nördlich von Bagdad in seinem Wagen, der mit einem Roten Kreuz eindeutig als Fahrzeug einer Hilfsorganisation gekennzeichnet war. Der Missionschef des IRK hat nach diesem Vorfall den Irak für immer verlassen. Vor zehn Tagen wurde ein amerikanischer Geschäftsmann in Tikrit getötet - wer will angesichts dieser Vorfälle von Sicherheit sprechen? Wer wird sich in einem Hotel noch sicher fühlen, wenn ausgerechnet das legendäre Canal-Hotel in Bagdad, das vor der Invasion die UN-Waffeninspekteure beherbergte, einfach in die Luft gesprengt werden kann? Wann wird es einen größeren Schlag gegen die Okkupationsarmee selbst geben? Wann auf das Hauptquartier der Amerikaner? Wann auf den "Provisorischen Regierungsrat"? Und nicht zuletzt - wann wird man auch uns Journalisten gezielt unter Beschuss nehmen.

Die US-Regierung will uns weismachen, wie verzweifelt die letzten Saddam-Anhänger seien - als ob deren Verzweiflung wachsen würde, je "erfolgreicher" sie die US-Herrschaft im Irak unterminieren. Die Wahrheit ist: Auch wenn der eine oder andere aus Saddams altem Regime beteiligt sein mag, die irakische Résistance rekrutiert sich aus Hunderten, wenn nicht Tausenden sunnitischen Muslimen, von denen viele keinerlei Loyalität gegenüber dem alten Regime mehr empfinden. Auch Schiiten beteiligen sich an diesen Operationen.

Wie die USA darauf reagieren werden, kann man sich schon jetzt mühelos vorstellen. Da sie ihre Misserfolge nicht ewig "Gefolgsleuten Saddams" anhängen können, werden sie auf Einmischung von außen plädieren. Saudische "Terroristen", al Qaida-"Terroristen", pro-syrische "Terroristen", iranische "Terroristen" - mysteriöse "Terroristen" wird man beschwören, um die schmerzhafte Realität zu verbergen: Durch die Besatzung ist eine Guerilla-Armee entstanden, die der stärksten Macht auf Erden Paroli bietet.

Das dürfte es den Amerikanern erschweren, andere Nationen für ihr Irak-Abenteuer zu begeistern, denn offenkundig sollte der Anschlag vom 19. August auf die UNO auch vor jeder Art von "Peace-Keeping"-Mission warnen. In der Vergangenheit war eine Präsenz der Vereinten Nationen stets von einem gewissen Einvernehmen mit der Regierungsmacht des betreffenden Landes geprägt. Da es eine solche Macht im Irak nicht gibt, ist die dortige UN-Präsenz von der Autorität der Besatzungsmacht abhängig - die Vereinten Nationen sind bestenfalls der verlängerte Arm der Vereinigten Staaten. Als sich vor dem Krieg der UN-Sicherheitsrat den Plänen der US-Administration verweigerte, zeigte Bush unumwunden seine Verachtung für die Weltorganisation. Heute ist er noch nicht einmal in der Lage, das Leben von UN-Mitarbeitern im Irak zu schützen. Wer will jetzt noch im Irak investieren? Wer möchte sein Geld dafür einsetzen, dass hier tatsächlich eine Demokratie entsteht?

00:00 29.08.2003

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