Wolfgang Michal
24.08.2011 | 17:10 9

Unter Vollnarkose

Medientagebuch Das Bürgertum gibt sich geläutert: Die Linke hatte Recht schallt es durch den konservativen Blätterwald. Und die Linke selbst? Sie fällt auf die Lippenbekenntnisse herein

Nach der Befreiung von den Nazis waren ja alle Widerstandskämpfer. In Libyen hat es nie Gaddafi-Anhänger gegeben, und nach dem moralischen Zusammenbruch des Neoliberalismus hat ihn jeder Bürger schon immer (in seinem Innersten) verabscheut.

Was in konservativen Leitmedien derzeit abgeht, ist eine klassische Absetzbewegung: die eilfertige Distanzierung des „guten Bürgertums“ von all dem Bösen, das die Welt und die Börsen da draußen in Atem hält. Während die ausgedörrte Linke frohlockt und sich dankbar zeigt, dass der politische Gegner einsieht, ein Leben lang an etwas Falsches geglaubt zu haben, geht es den Konservativen doch eher um die Erlangung der benötigten Persilscheine – so kurz vor dem befürchteten Kladderadatsch. Sie stehlen sich aus ihrer Verantwortung, indem sie behaupten, sie hätten von allem nichts gewusst. Erst jetzt, 30 Jahre nach Thatcher und Reagan, würden sie begreifen, wie gierig und unanständig dieser Kapitalismus doch sei.

So kalt beurteilen Hartherzige (wie ich) die große Wende im konservativen Denken. Andere geben der Wandlung mehr Kredit, und ihr Vertrauensvorschuss ehrt sie: Die Süddeutsche Zeitung, dietaz und auch der Freitag glauben, dass sich im konservativen Weltbild tatsächlich etwas Fundamentales verändert. Sie verweisen darauf, dass der Wandel fast täglich eine überraschende Fortsetzung erfährt: in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Die Zuwächse der letzten 30 Jahre kamen nur den Wohlhabenden zugute“), in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung („Wir verteilen von arm zu reich“), im Spiegel(„Die zerstörerische Macht der Finanzmärkte“), in der Zeit und im Tagesspiegel(„Die Welt ist aus den Fugen“), ja praktisch in allen bedeutenden bürgerlich-liberalen Medien.

Die narkotisierte Saurier-Linke

Was aber lernen die Konservativen jetzt von der Linken? Es ist die Kampagne. Gut dosiert, nachhaltig und in staunenswerter Offenheit werden wir in den kommenden Monaten (bis zum Parteitag der CDU) die De- und Re-Konstruktion des Bürgerlich-Konservativen in allen Facetten bewundern dürfen. Nicht nur in gedruckter Form, auch in den ab September auf uns niedergehenden Talkshows der Jauch, Will, Plasberg, Illner und Panzer. Die edle Neudefinition des Gutbürgerlichen (in Verbindung mit seiner Reinwaschung von der neoliberalen Vergangenheit) wird, so viel darf man prophezeien, das Megathema des deutschen (Medien-)Herbstes.

Es wird Bekenntnisse hageln von augustinischem Ausmaß: Ja, ich bin konservativ, ich habe Fehler gemacht, ich bin blind gewesen, aber dann habe ich die Linke kennengelernt und sie hat mein Leben verändert. Der berühmte Satz des italienischen Fürsten Salina (in Luchino Viscontis Film Der Leopard) wird ausgiebig zitiert werden: „Es muss sich alles ändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.“

Und die Linke? Nun ja, die Linke könnte hinter dieser Debatte, die sie so gierig begrüßt wie ein Verdurstender die Fata Morgana, schlicht und einfach verschwinden. Man wird ihr ein paar wehmütige Aufsätze widmen – wie Arno Widmann in der Berliner Zeitung(„Wenn die unten nicht mehr wollen“). Man wird ihre Diagnose- und Analysefähigkeit preisen und anschließend beglückt feststellen, dass die Konservativen jetzt so offen und sozial geworden sind, dass man die Saurier-Linke getrost vergessen kann. Ja, so wird es kommen: Das diskutierende Bürgertum wird sich auf die Linke setzen und sie mit moralischen Ent­lüftungen narkotisieren.

Wolfgang Michal ist freier Journalist und betreibt u.a. das Blog wolfgangmichal.de

Kommentare (9)

Barad99 24.08.2011 | 20:12

Den großen Sinneswandel bis hin zu einer wirklich grundlegenden SYstemkritik kann ich im konservativen Milieu ehrlich gesagt nicht erkennen. Man kann die paar Artikel in vermeintlich eher konservativen Zeitungen (wobei schon etwas merkwürdige kategorien hier: sz=links zeit=bürgerlich-liberal ??) kaum als wirkliche Anzeichen eines UMdenkens deuten. Aus journalistischer Perpektive mag man das so deuten, aber im politischen DIskurs kann ich das nicht erkennen.

Graureiher 24.08.2011 | 22:39

„Es muss sich alles ändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.“
Das trifft es auf den Punkt. Und das hätte genauso gut das Motto des konservativen deutschen Widerstandes gegen Hitler sein können: Bis 5 vor 12 mit den Wölfen heulen, sich dann absetzen und so tun, als sei man nie dabei gewesen. Was ja auch erfolgreich funktioniert hat. Hitlers konservativen Steigbügelhaltern, Förderern und Mitläufern gilt heute immer noch ein Staatfeiertag; Strassen und Plätze sind nach ihnen benannt, die Schulbücher rühmen ihre Taten. Dabei waren diese „Helden“ sogar zu blöd, eine Bombe richtig zu platzieren. Jeder irakische Selbstmordattentäter ist da besser! Ein Nachkomme dieser Konservativen, Christian Graf von Krockow, hat es sinngemäß einmal so ausgedrückt: Die pommerschen Junker entdeckten ihren Widerstand gegen die Nazis erst, als das Donnern der russischen Geschütze bereits auf ihren Gütern zu hören war.
Ähnliches spielt sich heute wieder ab. Und sollte uns zu denken geben: Es sind doch gar keine feindlichen Geschütze zu hören?! Es geht auch nicht um Geschütze, es geht um ein riesiges Pulverfass, was der Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung der Weltwirtschaft unter den Hintern gelegt hat. Auf dessen Explosion im Moment alle warten. Deren Auswirkung auf unser Land ähnlich gravierend sein könnten wie der Zusammenbruch des aus der Koalition des deutschen Konservatismus mit dem Faschismus hervorgegangenen Regimes. Die nächste Finanzkrise trifft auf hoch verschuldete Staaten, die keine „systemrelevanten“ Banken mehr retten und keine Konjunkturprogramme mehr auflegen können. Danach kommt eine weltwirtschaftliche Eiszeit.
Da ist es doch besser, man macht heute, 5 vor 12, schon mal klar, dass man damit nichts zu tun hatte, nicht wissen konnte, was man tat, eben verführt wurde, oder was man von Nachkriegs-Konservativen sonst noch alles zu hören bekam. Denn jede Weltwirtschaftkrise hat einmal ein Ende, denkt man, und dann muss eben alles so sein wie vorher…

ebertus 25.08.2011 | 10:39

Dem Tenor von Wolfgang Michal ist im Wesentlichen zuzustimmen, auch und gerade was die Linke betrifft; mit einer kleinen, dennoch in ihren schlußendlichen Auswirkungen äußerst fatalen Konklusion.

Die Geister aus der Flasche, welche die Bürgerlichen, die Konservativen, die intellektuelle Wegbereiter als quasi Kettenhunde installiert und befördert haben, diese Geister streifen die Ketten zunehmend ab, machen sich auf ihre Schöpfer zu fressen. Die eingeschränkte, einfache Weltsicht der Protagonisten und deren Anhänger, gepaart mit religiösem Fundamentalismus und einem beinahe alles beherrschenden, militärisch-industriellen Komplex degradieren jede rationale Politik zu willfährigem Marionettentum. Constantin Seibt hat die Gefahr wohl sehr präzise erkannt:

"Es lohnt sich, gegen die neue Rechte anzutreten: Sie sind keine konservative Partei, sondern eine revolutionäre. Sie sind eine Gefahr für die Wirtschaft. Sie sind Totengräber der Mittelklasse. Und Verbündete einer neuen Oligarchie des Geldes. Sie sind die Feinde der Zivilisation."

www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-rechte-Abschied-von-der-Politik/story/22710602?track

erlkoenig 25.08.2011 | 20:11

Ein wenig Kreide für den Wolf. Ich sehe das genauso wie der Autor. Reines Exkulpationsgestammel. Ein Teil der Linken schließt gerührt die Augen und denkt an den Honig der runter geht.
Spätestens wenn's an's Verteilen geht wird in den Gazetten wie der, die angeblich klugen Köpfen als Versteck dient, wieder heftig gegreint werden, über den Sozialstaat, den man sich dann doch lieber nicht leisten möchte und der den "Leistungsträgern" eine Fußfessel ist, die sie fast außer Landes treibt.

rolf netzmann 27.08.2011 | 05:51

"Das diskutierende Bürgertum wird sich auf die Linke setzen und sie mit moralischen Ent­lüftungen narkotisieren."
Es ist ein erschreckendes Zukunftsszenario, welches der Autor hier entwirft. Und es ist doch irgendwo realistisch, wenn, ja wenn die Linken es zulassen würden. Und hier widerspreche ich dem Autor entschieden. Wenn die Linke, was nicht nur die Linkspartei in Deutschland ist, es schafft, sich dieser von ihr nie gewollten Umarmung der Konservativen zu entziehen, dann wird es ein Szenario bleiben, was nie Realität wird. Dafür muss die Linke jetzt keine Freude nach dem Motto zeigen, seht her, wir haben es ja immer gesagt, sondern realistische Alternativen aufzeigen und für deren Umsetzung streiten. Dafür muss die Linke selbstbewusst agieren und ihre, auch parlametarischen, Möglichkeiten effektiv nutzen. Dafür muss die Linke sich besser als bisher vermarkten und geschlossen auftreten.
Und, dafür muss die Linke jetzt, wo intelligente konservative Publizisten wie der FAZ- Mitherausgeber Frank Schirrmacher anfangen, öffentlich über den Sinn oder Unsinn der Merkelschen Politik nachzudenken, Distanz halten zu denen, die ihr jetzt schmeicheln.
Es ist schön, recht zu haben, gewiss, nur ist die Lage zu ernst, als dass die Linke sich in diesem späten Erfolg sonnen könnte. Glaubhaft für einen Staat eintreten, der wehrhaft gegenüber den ausser Rand und Band geratenen Märkten ist, die parlamentarische Demokratie und das, was Ludwig Erhard ein mal als " soziale Marktwirtschaft" bezeichnet hat, mit der deutlichen Betonung auf "sozial", das zu verteidigen gegen diejenigen, die den Staat nur als schwache und wehrlose Hülle einer hemmungslos agierenden Truppe gieriger Finanzjongleure sehen, das ist jetzt auch eine Aufgabe der Linken.
Nimmt sie diese an und führt sie glaubhaft aus, dann wird sie aus dieser Krise als eine Kraft hervor gehen, die mehr an politischem Gewicht hat als vor der Krise.