Häuserkampf auf dem Dorf

Verdrängung Immer mehr Städter verspüren sie: die Landlust. Aber ihre Suche nach Ruhe und Entspannung nimmt jungen Einheimischen den Wohnraum. Ein Beispiel aus dem Schwarzwald

Es regnet, und zwar so richtig, kein Wunder also, dass an den Skiliften Menzenschwands so gut wie nichts los ist an diesem Wintertag. Schon der Bus hierher war leer, kein anderer Fahrgast in vierzig Minuten durch weißen Schnee, graue Wolken und die dunklen Nadeln der Tannen und Fichten des Hochschwarzwalds. Genau hier, im südwestlichsten Winkel Deutschlands, im kleinen Schwarzwalddorf Menzenschwand mit rund 500 Einwohnern, will der 27-jährige Christopher Rodrigues wohnen. Hier, 60 Kilometer von Freiburg, ist er auch groß geworden. Er zieht die Kapuze fester über die schwarzen Haare, die in alle Richtungen abstehen, und steuert zügig in Richtung Vereinsheim der „Menzenschwander Team Jugend“.

Die hat Rodrigues 2018 als Versammlung aller 16- bis 35-jährigen Dorfbewohner gegründet. Sie haben die Tradition, einen Maibaum aufzustellen, wieder aufleben lassen, während der Corona-Lockdowns gerade für ältere Nachbarn die Einkäufe erledigt, vor allem aber wollen sie sich in die Debatten im Dorf einbringen. Etwa bei der Frage, wie man den Tourismus ankurbeln kann. In den Achtzigern sind 300.000 Besucher jährlich ins Dorf gekommen, das schaffte Arbeitsplätze, war genug für mehr als ein Dutzend Gaststätten. Heute gibt es noch drei größere Hotels und die Zahl der Besucher pro Jahr lag zuletzt bei 80.000.

Der Rückgang des Tourismus aber ist für Rodrigues und andere kein Grund, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Sie wollen hierbleiben. Es gibt da nur ein Problem, das man eigentlich aus Städten kennt: einen Mangel an Wohnraum – und Verdrängung.

Schweizer mit Zweitwohnsitz

Rodrigues ist ein ruhiger und besonnener Mann. Konsequent beendet er seine Sätze mit einem kleinen Lächeln, wenn er im Keller des Vereinsheims inmitten halb leerer Apfelsaft- und Bierkisten erklärt, warum er nach seiner Ausbildung zum Hörakustiker, teils in Lübeck, wieder ins Dorf zurückgekehrt ist und hier mit seiner Freundin wohnen will. Rodrigues schwärmt von den Bergen und Wiesen hinter dem Haus seiner Eltern, wo er derzeit wieder wohnt, von den Vereinen, in denen gefühlt jeder Mitglied ist, von der Hilfsbereitschaft im Dorf: „Wenn hier mal ein Fest organisiert wird, muss man den Leuten nicht hinterherlaufen.“ Es ist kein Vorwurf in seiner Stimme zu hören, wenn er erzählt, warum es so schwierig geworden ist, geeignete Wohnungen im Ort zu finden.“

93 Menschen haben mittlerweile einen Zweitwohnsitz hier, das ist gut ein Sechstel der Dorfbevölkerung. Rodrigues spricht von ganzen Straßenzügen, in denen er fast keine Bewohner mehr kennt, von Häusern, die bis auf wenige Tage das ganze Jahr über leer stehen, von älteren Menschen, die alleine in viel zu großen Häusern leben.

Das deckt sich mit den Schilderungen des Maklers Johannes Link, der im benachbarten Gemeindeteil St. Blasien arbeitet. Etwa die Hälfte der Wohnungen gebe er mittlerweile an Käufer von außerhalb, besonders an Schweizer Kunden, die eine Zweit- oder Ferienwohnung suchen. Viele Einheimische hingen an den alten Preisen, Kunden von außerhalb dagegen seien bereit, mehr zu bezahlen. Wie in vielen Schwarzwaldgemeinden sind die Immobilienpreise zuletzt deutlich gestiegen: Wer eine Wohnung sucht, muss rund 50 Prozent mehr zahlen als noch vor fünf Jahren.

Was für den Schwarzwald die Nähe zur Schweiz ist, entspricht andernorts der Nähe zu den Metropolen. Wie eine Studie der Sparda-Banken und des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, sind die Baupreise in den vergangenen Jahren im Umland fast aller Metropolen noch stärker gestiegen als in den Städten selbst. Auch das Wanderungsverhalten hat sich umgekehrt: Derzeit ziehen mehr Menschen aus den großen Städten ins Umland als umgekehrt. Dass da Unmut aufkomme, könne er verstehen, sagt Makler Johannes Link. Was er als Ferienwohnungen verkaufe, das seien meistens solche mit zwei oder drei Zimmern, „ideal eigentlich als erste eigene Wohnung“. Gerade die sind knapp. Das Dorf ist geprägt von alten Schwarzwaldhäusern, in denen früher drei oder vier Generationen unter einem Dach wohnten.

Es regnet immer heftiger, während Rodrigues vorrechnet, wie aufwendig und teuer es wäre, das Haus seiner Eltern für heutige Wohnbedürfnisse umzubauen. Aber der Bürgermeister will sich an diesem Abend noch mit der Teamjugend treffen. Und so geht es durch das Tropfen des Regens zum Kurhaus, vorbei an vertrauten Ecken und solchen, die Rodrigues fremd geworden sind. Äußerlich sieht man den Wandel nicht. Neubauten gibt es kaum im Ort, sie stechen als Fremdkörper ins Auge. Stattdessen dominieren massige drei- bis viergeschossige Schwarzwaldhäuser. Dahinter gehen bewaldete Hänge steil nach oben, Hänge, deren Gipfel von den Wolkenschwaden schon verschluckt werden.

Adrian Probst wuchtet zwei Kisten Glühwein aus seinem Auto. Seit vier Jahren ist der junge CDU-Politiker Bürgermeister der Gemeinde St. Blasien. Das Thema Wohnen beschäftigt ihn täglich, erzählt er, während er den Glühwein im Kurhaus auf dem Herd erhitzt. Sein Hemd und sein weißer Pullover heben Probst von den dunklen Hoodies um ihn herum ab, sonst könnte er auch als einer der jungen Menzenschwander durchgehen, die sich mittlerweile im Kurhaus versammelt haben. Gut 15 Mitglieder der Teamjugend sind trotz Weihnachtsferien gekommen, um über die Zukunft des Ortes und ihren Platz darin zu diskutieren. Probst freut sich, dass die jungen Menschen im Ort bleiben oder nach Studium und Ausbildung zurückkehren wollen, „andere Landstriche im Schwarzwald bluten ja aus, weil alle wegwollen“. Dass jeder, der heute gekommen ist, im Ort bleiben kann, das kann er nicht versprechen.

Zwar könne man Renovierungen und Umbauten in geringem Maße bezuschussen, erklärt Probst, neue Flächen aufzukaufen sei angesichts des Schuldenstands der Gemeinde aber undenkbar. Probst ist über das Engagement als Bergretter zu seinem Amt gekommen, nach den Hochwassern im vergangenen Frühjahr ist er ins Ahrtal gereist, um an Ort und Stelle zu helfen. Dass er jetzt nur appellieren und auf die Einsicht der Bürger hoffen kann, macht dem jungen CDU-Mann zu schaffen. Auf jeder Versammlung rede er Leuten ins Gewissen, leer stehende Grundstücke und Wohnungen an Menschen vor Ort zu verkaufen. Bisher ohne Erfolg. „Dass sich da jeder selbst der Nächschde isch, war mir scho klar. Aber dass es so wenige Hebel gibt, dann von kommunaler Seite gegenzusteuern …“ Probst atmet mit lautem Ächzen aus, fügt dann fast euphemistisch hinzu: „Man hört ja schon raus, dass da vielleicht au e weng Frustration isch.“

Steile Hügel, enge Täler

Wie er mit den jungen Menzenschwandern im Stuhlkreis sitzt, wirkt es fast, als würden nicht diese Hilfe beim Bürgermeister ersuchen. Sondern als suche Probst in ihnen Verbündete: Er ermuntert sie, ihren Platz im Dorf einzufordern, Druck zu machen. Weil Vereinsleben und freiwillige Feuerwehr eben nur von den Leuten vor Ort getragen würden – und nicht von wohlhabenden Ehepaaren aus der Schweiz.

Rodrigues, der rechts neben ihm sitzt, pocht mehr auf die Verantwortung der jungen Dorfbewohner. Wenn man nur genug Bereitschaft zeige, den Ort mitzugestalten, dann werde man die Menschen irgendwann überzeugen, ihnen die Häuser zu überlassen. „Wenn du in einem 300-jährigen Haus wohnst, dann willst du vielleicht auch einen würdigen Nachfolger. Und wenn du siehst, dass junge Leute aus dem Dorf da ihre Familie gründen wollen, gibst du’s denen vielleicht eher, als Menschen, wo du nicht kennst.“

Die jungen Menzenschwander werden auf solches Entgegenkommen angewiesen sein. Das Schweizer Ehepaar könne im Zweifelsfall immer hinten eine Null an den Kaufpreis dranhängen, sagt Christopher Rodrigues.

Einfach ausweichen lässt sich auch nicht. Bürgermeister Adrian Probst hadert mit den engen Tälern und steilen Hügeln, die schnell allem Grenzen setzen, in Blasien „sprengen wir jetzt eine Sporthalle in den Berg, weil wir so verzweifelt sind“.

Dann nimmt der Bürgermeister einen Begriff in den Mund, der andere Mitglieder seiner CDU sofort nach Weihwasser und Kruzifix greifen lässt: Enteignung. „Ich konnte mir nie vorstellen, dass der Weg dahin so kurz sein kann. Ich hab mir gedacht: Nach Jahrzehnten Verzweiflung kannst du daran vielleicht in ’ner schwachen Minute denken“, gesteht Probst. „Klar brems ich mich da. Aber die Gedanken sind schnell da, wenn man sieht, dass jemand ’nen großen Hof und fünf Grundstücke hat. Und nur weil er Ruhe und Aussicht haben will, müssen fünf Familien drei Orte weiter in ’nem kleinen Mehrfamilienhaus wohnen.“

Moritz Fehrle arbeitet als freier Journalist in München und absolviert dort die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule

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