Verlust der Glückseligkeit

Alltag Die ehemalige Künstlerkolonie Worpswede biedert sich dem Tourismus an. Von der Mystik des Ortes blieb nichts als jenes Märchenlicht aus dem Moor

Sie nannten es das Weltdorf und verstanden sich als eine Familie. In ihren Erinnerungen schien immer die Sonne, der Duft von Hortensien mischte sich mit Pfeifentabak und Frauenparfüm. Die Männer waren klug und sinnierten über eine bessere Welt, mindest aber eine andere Kunst. Die Frauen waren stark und aus dieser Stärke schön. Clara und Paula, man nannte sie die Schwestern. Die eine ging leider klanglos unter, die andere schaffte, was die Männer für sich in Anspruch nahmen. Sie brachte die Kunst zu neuer Form. Nur wusste sie es nicht, und auch die anderen nicht, denn sie waren zu sehr eitle Männer, um einer Frau den Lorbeerkranz umzuhängen. Als es endlich alle verstanden, war sie schon tot.

In einem Torfkaff am Rande des Teufelsmoor, zelebrierten die Worpsweder Maler, als die sie in die Kunstgeschichte eingehen sollten, auch wenn nach ihnen viele andere Maler nach Worpswede kamen, das Bauerntum und sich selbst: Paula Becker, die blonde, holde, und ihre Freundin Clara Westhoff, dunkel und herb. Otto Modersohn, Paulas späterer Ehemann, dröge und sanft, Hans am Ende, still und gebildet, Heinrich Vogeler, aristokratisch und revolutionär zugleich. Fritz Mackensen, der Worpswede 1884 entdeckte, Fritz Overbeck, über den man kaum etwas weiß, außer, dass seine Bilder bunt und fliederfarben wurden, mit dem Licht der Impressionisten bestreut, nachdem er das Moor verließ. Schon in Worpswede malte er Wolken, die dahinflogen, als wären sie von übermütiger Lebenslust getrieben, als einziger, so scheint es, erlag er nicht der Moormelancholie. Dazwischen Rilke, wie immer amourös getrieben, in Paula und Clara zugleich verliebt, und ob er Clara dann heiratete, weil Paula sich mit Modersohn liierte, ist bis heute eine Frage, die seine Biografen beschäftigt.

Bei aller Solidarisierung mit dem Proletariat, dem Bauerntum, blieben sie der Bürgerlichkeit verhaftet, mit dem Kahn staakten sie durch das Moor und werden sich dabei kaum nasse Füße geholt haben. Ein bisschen waren sie wie Lenin und ein bisschen wie Thoreau, hier ein Schuss Sozialismus, dort ein Hauch von Welteneinsamkeit, alles schön eingehüllt in den Schutz des Intellekts und der situierten Herkunft. Sie liebten die Natur, zumindest das Abbild davon, unternahmen lange Spaziergänge im Moor und malten es anschließend in diesem seltsamen Licht, das in die Moorgräben geworfen wird und - von dort zurückprojiziert - wie ein Madonnenschein sich über den Himmel legt.

Birken, Kanäle, Katen, Torfkähne, bleicher Mond und verhangene Sonne, immer waren die Farben wie verschluckt, die Welt ein Ort protestantischer Tristesse, nur von diesem Märchenlicht erhellt. Manchmal malten sie die Menschen, denen sie begegneten, runde Kindergesichter mit früh gealterten Augen, verhärmte Züge und Hände der Alten, Frauen und Männer mit verwundertem oder wundem Blick. Demut fingen sie ein und Hoffnung, hielten Tod und neues Leben fest, und eine Landschaft, die man liebt oder meidet, und dazwischen gibt es nichts, weil die niedrigen Katen und die Moorgräben, die Kärglichkeit und der unterwürfige Gottesglaube nur für solche ist, in deren Seelen es einen Spiegel findet.

Vielleicht war Worpswede damals wirklich ein Ort, der aus der Gegenwart gefallen war. Vielleicht machten sie es dazu, verwirrt von diesem gebrochenen Licht, verwirrt von sich selbst und all den Sehnsüchten, die sie empfanden. Dass sie nicht erfüllt wurden, die Sehnsüchte, es muss wohl kaum erzählt werden. Die Fragen von Liebe und Tod, Ewigkeit und Untergang mit Hilfe der Kunst und des Diskurs zu lösen, daran waren schon andere vor ihnen gescheitert. Trotzdem lag ein Hauch von Mystik über ihrem Streben.

Wer heute nach Worpswede kommt und die Sehnsucht nach jener Mystik und Melancholie in sich trägt, möchte am Ortsschild wieder umkehren. Gleich stößt man sich am Aldi und den vielen Werbeschildern für Cafés und Galerien, am Hinweisschild für den Busparkplatz, am Kommunalwahlplakat mit dem Slogan "Worpswede muss liebenswert bleiben" und am Graffito, welches Anarchie als die einzige Chance für die Freiheit der Menschheit beschreit. An den unangenehmen Seiten eines Ortes, der sich Touristen zu Füßen wirft und auf eine Weise um ihre Gunst buhlt, dass auch das Echte, Wahre und Originale wie eine schäbige Karikatur erscheint.

Worpswede heute ist eine Flaniermeile für den Bildungsbürger mit Hang zu Macchiato und Feinsinn, mit Wohlstands- und Anspruchsdenken. Die neuen Künstler sind chic. Vorbei spazierend an deren Villen und aufwendig restaurierten Bauernhäusern, Landkaten entsteht der Eindruck, der weltoffene und zugleich bodenständige Titel "Weltdorf" sei hier gründlich missverstanden worden und verwirkliche sich heute zwischen Designerkunst und "Schöner Wohnen", fühlt sich dem Torfbauerntum nur noch aus Traditionsbewusstsein verpflichtet und versteht nicht, dass das Proletariat von damals heute die Hartz-IV-Empfänger sind.

Man könnte bedauern, gekommen zu sein, doch ist man ja nicht für den Tourismus hier. Sondern für Paula, die einem unter allen Worpswedern stets die Liebste war, mit ihrem Trotzgesicht und dunklen Augen, die die Zerrissenheit zwischen braver Tochter und sehnsüchtiger Wanderin, pflichtbewusster Ehefrau und suchender Künstlerin verbargen.

Paulas Worpsweder Haus, in dem sie die Ehejahre mit dem verwitweten Otto Modersohn und seiner Tochter Elsbeth teilte, ist ein schlichtes Holzhaus, schwedisch und fremdartig steht es neben der italienischen Eisdiele, zittert unter dem vorbeifahrenden Verkehr. Die Räume atmen Enge und Bescheidenheit, wollen nicht passen zu der Frau mit dem dunkel-sehnsüchtigen Blick und der Entschlossenheit um den Mund. Soviel bürgerlich-begrenzte Welt, ein krasser Gegensatz zu den Bildern, es dauert einen jene Paula, die für den Preis der künstlerischen Freiheit die versorgende Ehe wählte. Glücklich war sie mit Modersohn nicht, und der völlig überfordert mit ihr.

Paula war anders als die anderen. Früh distanzierte sie sich von der bäuerlichen Heimeligkeit, dem wohlwollenden Künstlerblick auf den einfachen Menschen, diese erdbraune Verschwägerung mit dem Torf, dem Moor und der Armut. Vogeler lag diese Anbiederung im revolutionären Blut, Mackensen in der einfachen Herkunft und als schließlich Rilke zu ihnen stieß, der just mit Lou von Salome Russland erreist hatte, waren die das Torfbauerntum idealisierenden Herren komplett. Später durfte Vogeler echte Russen, Kaukasier und Zentralasiaten malen, das tat er vorzüglich und humoristisch, aber immer noch mit dieser verkitschten Erhöhung des Einfachen.

Paula aber zieht es nach Paris, raus aus der Enge des Dorfes und der Ehe. Sie begegnet Rodin und den Werken Cézannes. Die Weltstadt formt ihre Kunst und festigt ihren Willen, ihren Weg zu gehen. "Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins... und dazu Kinder", schreibt ihr Mann Otto nach ihrer Rückkehr entnervt in sein Tagebuch, deutlicher als die anderen fühlt er die Entfremdung. Als Paula aus Paris zurückkehrt ist ihr Licht nicht mehr das der Worpsweder. Es ist das Licht Cézannes, gewaltig fällt es vom Himmel und befreit das Moor aus seiner Düsterkeit.

Dass Paulas Museum nicht so schön ist, wie man es sich vorstellte, mag an der Auslagerung vieler ihrer Bilder in das Paula-Modersohn-Becker-Haus in Bremen liegen. Einen anderen Grund kann es kaum geben, die Männer unter den Worpswedern auch im Haus ihrer Kollegin dominieren zu lassen. Sicherlich hätte Paula sie geduldet, diese Dominanz, die Ausmaße des Souvenirgeschäfts wohl kaum. Bei aller Geldknappheit, unter der Worpswedes alternative Künstlergemeinschaft litt, kann man sich kaum vorstellen, sie hätten den Massenwarenverkauf ihrer Bilder als Repliken im Modersohn-Haus gut geheißen. Und auch der Worpswede-Liebhaber zuckt angesichts dieser kopierten Beliebigkeit unangenehm berührt zurück. Dass man Picassos Mädchen mit Taube als Poster beim schwedischen Einrichter kaufen kann, ist schlimm, die Dutzendware im Foyer von Paulas Museum irgendwie noch schlimmer.

Worpswedes erste Adresse ist das Roselius-Haus in seltsamer siebziger Jahre Gesamtschulenarchitektur, hingehauen unter großen Nadelbäumen, die aufragen wie magersüchtige Mädchen und die wie dicke Buddhas anmutenden Figuren von Bernhard Hoetger, die man großzügig im Ort verteilt hat, ein wenig lächerlich machen.

Im Roselius-Haus hängt Heinrich Vogelers Bild vom Kaffeeklatsch auf dem Barkenhoff. Die gesamte Worpsweder Künstlerschaft versammelt auf der Veranda, die Sonne scheint, die Rosen blühen, die Hortensien auch und der Buchsbaum wächst in englischer Akkuratheit. Vorne im Bild Paula, Lichtgestalt, und daneben Clara mit energischem Kinn. Rilke in Bestellt-und-nicht-abgeholt-Schlaksigkeit und vielleicht war es an jenem Nachmittag, dass er fühlte, was er später an Clara schrieb: "Eure Heimat war mir vom ersten Augenblick mehr als nur gütige Fremde. War eben Heimat, die erste Heimat in der ich Menschen leben sah. Das aber ergriff mich so."

Bei solchen Worten wundert es nicht, dass Vogelers Kaffeeklatschkunst zu einem grün-roséfarbenen Traum in Pastell geriet. Ein bisschen Land-Idyll, ein bisschen Biedermeier, ein Hauch von Arkadien. Als Titelbild für Gutsherrenliebesromane könnte es dienen, wie es dort hängt, in seinem üppigen, monumentalen Rahmen. Da bleibt dem Betrachter nur die verschreckte Flucht ins Nebenzimmer zu Paula und Hans am Ende, zu den derben Tönen, den dumpfen Landschaften, den schweren Händen, Gesichtern der Moorbauern und ihrer Kinder.

Dass Vogelers Pastell-Idyll zu den bekanntesten Bildern aus Worpswede gehört, mag am Barkenhoff liegen, dem 1999 der Abriss drohte, den man bewahrte und der seit 2004 wieder so aussieht wie zu den großen Worpsweder-Zeiten, nicht nur das Haus, auch Vogelers "Garten der Glückseligkeit". So sehr, dass man erwartet die Tür ginge auf und Paula käme in Musselin heraus geschritten oder Rilke säße gleich auf der Veranda und verfasste eines seiner Gartengedichte oder bemerkt: "Die Ebene ist das Gefühl, an welchem wir wachsen."

Die Verschmelzung von Kunst und Alltag, Realität und Esoterik, wie sie von den einstigen Künstlern angestrebt wurde, findet heute in Worpswede auf der kommerzialisierten Ebene statt, unbürgerlich ist allenfalls das Angebot aus Goldschmiedearbeiten und Modellkleidern, gleich aber ist man erschlagen vom Überfluss des Angebots, fühlt Überdruss an der Souvenirtauglichkeit der Kunst.

Man mag gar nicht daran denken, wie es wäre, hier im Sommer durchzugehen, unter den Bäumen zu wandeln, wenn sich aus Bussen Scharen von Touristen ergießen und man für Führungen durch die Häuser japanische, englische und schwedische Studenten einstellt. Worpswedes Zauber, möchte man rufen, besteht doch in der Ruhe, Zeit braucht man dafür, Jahreszeiten, den Vogeler im Sommer, den Mackensen im Herbst und Paula für den Frühling, aber natürlich kann man sie nicht fortscheuchen, all die anderen, und sich die Torfbauern wieder her wünschen.

Wie weit Worpswede zu einer erstarrten Zelebrierung seiner selbst geworden ist, zeigt die Nutzung des Hauses im Schluh, Wohnstätte von Martha Vogeler nach der Trennung von Heinrich. Damals nutzte es der toughen Martha, um sich und ihre Töchter zu unterhalten, in dem dreiteiligen Reetdachensemble errichtete sie eine Weberei. Heute ist das Haus im Schluh Museum und der ehemalige Wohnteil zu einer Pension geworden, in der die alten Möbel von damals den Wohlhabenden von heute die Nacht verschönern. Zwischen Waschschüssel und Himmelbett geborgen, kann man an Seminaren über Heinrich Heine oder die Beziehung zwischen Rilke und Clara Westhoff teilnehmen. Dann geht es zur Erholung ins Teufelsmoor, Gummistiefel sind bitte mitzubringen.

Worpswede damals war vielleicht kaum authentischer. Der Traum von einer Kunst jenseits der Normen, einem Leben abseits der bürgerlichen Zwänge, im Einklang mit der Natur, in Verbrüderung mit dem Proletariat, er wurde geträumt von Söhnen und Töchtern der höheren Schicht, nur Mackensen war Bäckerssohn. Eine Aussteigersehnsucht mit Netz und doppeltem Boden. Die Worpsweder waren nicht die einzigen, die sie verwirklichen wollten und bald die Nase voll hatten. Fritz Mackensen nahm 1908 eine Professur in Weimar an, Hans am Ende zog freiwillig in den I. Weltkrieg, an dessen Folgen er verstarb, Vogeler schlug sich 1931 zu den Sowjets durch und vertrat vor allem während der Nazizeit deren Ideologie, bis er 1942 in Karaganda in Kasachstan wahrhaft verendete.

Paulas Leben neigte sich früh, sie hatte es längst geahnt, vielleicht daher die Schwermut in ihren Zügen. Die Verbindung von Clara und Rilke hatte die Dauer heutiger Hollywood-Ehen. "Sie blasen Trübsal", schrieb Paula an Otto, als sie die beiden in Paris wieder traf. "Und sogar auf zwei Pfeifen". Nach der Trennung zog Clara nach Fischerhude, wo sie bis zu ihrem Tod von Gott-weiß-was lebte, von der Souvenirbildhauerei vielleicht.

Vogelers Worpswede war zerbrochen, das Weltdorf lange vergessen, bis es in den siebziger Jahren zu neuem Chic erwachte. Gibt es noch einen Grund, heute nach Worpswede zu fahren? Ja. Denn eines blieb. Das Licht.


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00:00 02.03.2007

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