Vermächtnis der Urmutter

Indien Die Emanzipation der Khasi-Männer wird sich nicht länger aufhalten lassen
Andrea Jeska | Ausgabe 33/2018

„Aber wenn die Khasi-Frauen keine Khasi-Männer mehr heiraten wollen“, sagt Keith Pariat, „dann sterben die Khasi einfach aus.“ Er nickt und faltet die Hände auf dem blanken Lack seines Mahagonischreibtisches, ganz so, als sei diese Untergangsbeschwörung für sein Volk der Weisheit letzter Schluss. Jenseits des Fensters hinter seinem Rücken sinkt die indische Sonne über Shillong, der Hauptstadt des Bundesstaates Meghalaya im Nordosten. Mit der hereinbrechenden Dunkelheit steigt die stete Kakofonie von Autohupen und Menschenrufen.

Verschreckt schweigen

Pariat ist Vorsitzender der Männerbewegung Syngkhong Rympei Thymmai (SRT), die im Zentrum von Shillong ihren Sitz hat. Annähernd 4.000 Mitglieder, sagt Pariat, habe dieses Netzwerk. Die meisten in Shillong. Doch auch in den Dörfern der Provinzen East und West Khasi Hills, wo die Mehrheit des gut eine Million Menschen zählenden Volkes der Khasi lebt, änderten sich die Zeiten. Die jungen Männer würden rebellieren. Für das Überleben des Volkes, aber auch um der Männer willen, soll die matri-lineare Gesellschaftsstruktur der Khasi abgeschafft und der Khasi-Mann mit Rechten und Macht ausgestattet werden. Seit Jahrhunderten gilt als Reglement: Ein Khasi-Mann hat kein Anrecht auf Erbe von seinen Eltern. Das vor seiner Heirat verdiente Geld gehört seiner Mutter, das nach der Heirat erworbene Einkommen seiner Frau. Ein Khasi zieht zudem ins Haus seiner Schwiegereltern, wenn er heiratet.

Die Kinder eines Khasi-Mannes tragen nicht seinen Namen, sie gehören zum Clan der Mutter. „Alle Statistiken belegen, dass die Khasi-Männer früh sterben. Warum ist das so? Weil sie ungesund leben, weil sie keinen Halt haben. Alkohol, Frauen, Drogen, das führt zu ihrem Untergang“, sagt Pariat und wischt ärgerlich ein einzelnes Staubkorn von seinem blitzblanken Schreibtisch.

Für Pariat ist all das Unterdrückung. Was die matrilineare Tradition, an der die Khasi festhalten, anrichten kann, habe er am eigenen Leib erfahren. Er ist zwar Herr über ein kleines Immobilienunternehmen, aber nicht Herr im eigenen Haus. „Wenn die Familie der Frau über alles die Macht beanspruchen kann, hat der Mann kaum etwas zu sagen.“ Er verdiene zwar den Lebensunterhalt für die Familie. „Aber nach der Tradition muss meine Frau mir davon nur ein Taschengeld zuteilen.“ Und hat die eines Tages genug von ihm, verlässt er das Haus mit leeren Händen. Deshalb hat der Mittfünfziger etwas getan, was ein Khasi in der Vergangenheit nie gewagt hätte: Er hat ein eigenes Konto. Und er will erreichen, was im restlichen Indien niemals ein Thema wäre: die Emanzipation des Mannes innerhalb dieses Volkes. „Der Khasi-Mann ist ein Kind, und dieses Kind braucht neue Rechte, es braucht ein Leben voller Verantwortung, um endlich ein Mann zu werden.“

Eva wurde aus Adams Rippe geschaffen. Das lehrt die Bibel auch die Khasi, denn seit der britischen Kolonialzeit sind sie christlich. Der Sonntag gehört dem mehrfachen Besuch der Messe, in ihren Häusern hängen Kreuze, Muttergottes- und Jesusbilder. Doch die Wurzeln ihrer Sozialstruktur liegen bis heute in ihrem traditionellen Glauben, der den Ursprung allen Seins in einer Göttin – einer Urmutter – festmacht. Von dieser wiederum stammen alle Clans ab. Die Urreligion lehrt, dass alles Weibliche zu bewahren und zu schützen ist, die Mutter daher im Hause regieren und die Kinder Harmonie und Frieden lehren soll. Die Erbfolge geht direkt von der Mutter auf die jüngste Tochter über, die den Titel Khaddu trägt. Sie bekommt alles, was dem Clan gehört. Haus, Hof, Vermögen und Acker und auch das „ka bat ka niam“, die spirituelle Verantwortung für die Sippe. Und sie ist nach dem Tod der Mutter das neue Familienoberhaupt. Dafür aber muss sie die Eltern bis in den Tod pflegen.

Die Emanzipationsbewegung der Khasi-Männer begann bereits in den 1960er Jahren, als das Fernsehen die Regionen Meghalaya und die Khasi Hills erreichte. Doch schon auf einem der ersten Treffen der Bewegung tauchten Hunderte von Frauen auf, angeblich mit Messern bewaffnet. Dies hinterließ dem Vernehmen nach einen solchen Eindruck, dass die Männer von da an verschreckt für weitere 30 Jahre schwiegen. Erst in den 1990ern formierte sich die Bewegung neu. Internet und Mobiltelefone brachten Unruhe in die Dschungeldörfer und erweckten in den Khasi-Männern den Wunsch, das Sagen und das Geld zu haben. Überraschenden Beistand bekamen sie von jungen Frauen, die nicht mehr Khaddu sein, sondern lieber eigene Wege gehen wollten. Weil die matrilineare Erbfolge auch in der Verfassung von Meghalaya verankert ist, zog die Bewegung SRT vor drei Jahren schließlich vor Gericht. „Wir leben in modernen Zeiten“, will Keith Pariat zu den Richtern gesagt haben. „Überall auf der Welt haben Männer Rechte. Nur bei den Khasi folgen wir Traditionen, die aus der Steinzeit kommen.“

Auseinandersetzungen zwischen Clan-Gesetzen und dem indischen Recht sind auf diesem Subkontinent nicht eben selten, doch meist geht es dabei um die Verletzung von Frauenrechten oder den Wunsch, solche Rechte überhaupt erst zu etablieren. Traditionell sind Frauen in Indien von der Erbfolge ausgeschlossen, haben im Falle von Scheidungen das Nachsehen und stehen zumeist auf der gesellschaftlichen Verliererseite. Die Gesetze der Khasi dagegen garantieren den Frauen eine soziale Grundversorgung und eine Position mit einer gewissen Macht. Dass man bei den Khasi eine Frau vergewaltigt oder ein soeben erst geborenes Mädchen umbringt, davon hat man bei diesem Volk noch nie gehört. In keinem anderen Bundesstaat der Indischen Union ist die Mädchenrate bei Neugeborenen so hoch wie in Meghalaya, auf 1.050 Jungen kommen derzeit im Schnitt pro Jahr 1.035 Mädchen.

Zur Polygamie verführt

In vielen juristischen Konflikten, bei denen es um den Dissens zwischen weltlichem und ethnischem Recht geht, haben indische Richter in der Vergangenheit meist zugunsten der indigenen Norm entschieden. Auch die Khasi-Männer verloren ihren Fall. Die Richter lehnten den Antrag ab, die matrilinearen Traditionsgesetze anzutasten. Vielleicht auch deshalb, weil Keith Pariats Darstellung des unterdrückten Khas-Mannes nur eine Seite der Medaille ist. Denn obwohl die Frauen der Khasi frei in ihren Entscheidungen bezüglich Heirat, Scheidung und Kindererziehung sind, obwohl sie das Geld verwalten, kann von Empowerment nicht die Rede sein. Auf dem Lande haben nur wenige Frauen einen Beruf. Auch in Shillong gibt es für Frauen kaum Jobs, die eine Karriere verheißen. Frauen der Khasi sind von Politik ausgeschlossen, nicht einmal auf den Dörfern nehmen sie an Gemeinderatssitzungen teil. Sie ziehen ihre Kinder groß, erledigen den Haushalt, kochen und waschen die Kleidung im Fluss, pflegen ihre alten Eltern, betreiben kleine Marktstände – und können dabei nur selten auf ihre Männer zählen. Von denen haben – wenn es schlecht läuft – manche auch andere Frauen und mit denen wiederum Kinder. Das heißt, sie haben sich innerlich und praktisch aus dem tradierten Familienkonstrukt längst verabschiedet. „Ja, wundert es einen dann, wenn eine Khasi-Frau so einen Mann nicht mehr will?“, sagt Rynjah Isweetimon.

Diese Rynjah Isweetimon ist so etwas wie Pariats Gegenstück, eine vehemente Verfechterin der alten Gewohnheiten und eine Spötterin der Männerbewegung, die sie als „Gejammer“ abtut. „Man muss die Traditionen nicht ändern, damit die Männer Rechte haben“, sagt sie, „die Rechte waren und sind schon immer da. Die Männer müssen sich ändern.“

Isweetimon wohnt auf einem Hügel hoch über dem Gewimmel und der schlechten Luft von Shillong. Die Stadt wurde einst von den Briten erbaut, Zeugnisse dieser Ära sind einige Gebäude im Kolonialstil und der 18-Loch-Golfplatz. Die Stadtplanung sah ursprünglich 20.000 Bewohner vor, inzwischen leben eine Million Menschen in Shillong. Die Kommune ist wie die meisten indischen Städte hoffnungslos überfüllt. Wer es zu Geld bringt, zieht also auf die Hügel. Dort gibt es Straßen, in denen leben Hindufamilien und andere, auch wohlsituierte Angehörige der Khasi-Clans. Die meisten von ihnen sind in den East oder den West Khasi Hills aufgewachsen, sie haben dort Verwandte, vielleicht noch ein Haus, auf alle Fälle starke Bindungen. So stark, dass es auch im urbanen Leben nicht leicht ist, sich von den Regeln der Khasi zu distanzieren, selbst dann, wenn das Heimatdorf vier oder fünf Stunden Fahrt entfernt ist.

Isweetimon kam schon als junges Mädchen nach Shillong. Heute ist sie 85 Jahre alt, eine Frau, zart und runzlig wie ein kleiner Vogel, und lehrt noch immer Geschichte und Kultur der Khasi. Sie gilt als wichtigste Expertin für die Clan-Gesetze und die Religion der Khasi. Früher hat sie für die Regierung in Assam gearbeitet, hat nebenher elf Bücher über Khasi-Kultur geschrieben, zwei Kinder bekommen und ist bis heute eine Anhängerin der Urreligion dieses Volkes. Sie sei das nicht aus Widerstand gegen das Christentum, sondern weil ihr diese Religion als bester Garant für eine friedliche Gesellschaft erscheine. Mutter, Vater und der Bruder der Mutter bildeten ein Dreieck, das wie ein Dach auf drei Säulen ruhe, erklärt sie. Die Säulen seien Frieden, Stabilität und Wirtschaftskraft. Die Mutter sei Vermittler aller „weichen Zutaten“ wie Geduld, Rücksicht, Nachsicht und Liebe, die Männern seien dafür da, sie darin zu unterstützen und die „harten Zutaten“ wie finanzielle Sicherheit und Schutz beizusteuern. Nur wenn sich jeder an seine Aufgaben halte, sei eine Gesellschaft stabil. Den Männern der Emanzipationsbewegung ginge es nicht um Rechte, behauptet sie. „Gier und Geld – das treibt sie an.“

Keith Pariat hält dagegen, die soziale Wirklichkeit habe Isweetimons Ansichten lange überholt. Zudem seien die Traditionen der Khasi nicht im Glauben verankert, sondern entstammten einer Zeit, als die Khasi-Männer Kriege führten und niemals zu Hause waren. „Deshalb hat man den Frauen das Erbrecht und die Verantwortung über die Kinder übertragen.“ Eine Konzession, die man nun, da die Khasi-Männer keine Kriege mehr führten, endlich zurücknehmen könne. „Unser Volk wird sonst eines Tages aufhören zu existieren, wenn wir uns nicht anpassen.“

Pariat und seine Mitstreiter setzen nun – da sie vor Gericht nicht weiterkommen – auf Zeit. Bildung soll den Männern Rechte bringen. Aufgeklärte Eltern, so seine These, teilten das Erbe gleichmäßig unter den Kindern auf. Und die Rolle der jüngsten Tochter? Geht die Aufklärung und Bildung auch dahin, dass sie aus der Verantwortung entlassen wird? Pariat zögert mit einer Antwort. „Das ist ein anderes Thema“, sagt er dann. „Unsere Frauen können schließlich frei entscheiden. Und sie sind mit allen Rechten ausgestattet.“

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06:00 17.09.2018

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