Verse aus einem leeren Kopf

Konvertit In seinem Reisebuch "Zu den heiligen Quellen des Islam" versucht Ilija Trojanow eine Innensicht auf den friedlichen Islam

Es ist nicht so, dass Europa die Literatur anderer Kontinente nicht zur Kenntnis genommen hätte, es hat sie nur aus eigener Sicht reflektiert und dabei eher zur Kenntnis genommen, was der eigenen Literatur nahe kam und in schriftlicher, also leicht zugänglicher Form vorlag. Gerade die arabische Literatur aber war eine über Jahrhunderte mündlich verbreitete, mit eigenen Wirkungsmechanismen, eigenen Verwertungsbedingungen, schwer zu erschließenden Hintergründen. Sie zum Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse zu machen, hat mit Kentnislücken zu tun, aber auch mit der erschreckenden, kaum verständlichen Gewalteruption, die sich aus diesem Raum über die Welt ergießt und dem Generalverdacht, der Islam als Religion sei mit seiner forcierten Ablehnung aller Andersgläubigen daran maßgeblich beteiligt.

Arabische Verleger jedenfalls haben sich darauf vorbereitet, über das eigene Verhältnis zum Terror Auskunft geben zu sollen, und sie wollen dabei klarstellen, dass Gewalt nicht zur Tradition dieses Raums gehört. Sie wollen die "goldene Chance" für die Präsentation ihrer Literatur nutzen und die Frage, was kann Literatur, um Missverständnissen vor- und Unverständnis abzubauen, offensiv diskutieren. Dabei lehnen sie eine "Verteidigungshaltung" ab, Kenntnisvermittlung soll gefördert, der groben Vereinfachung Islam gleich Gewalt entgegen getreten werden. Ähnlich aufklärend verstehen sich viele der in deutschen Verlagen produzierten Titel zum Thema. Auch Ilja Trojanows Zu den heiligen Quellen des Islam - Als Pilger nach Mekka und Medina, einem deutschsprachigen Autor, der aus Bulgarien stammt. Er, der Wanderer zwischen den Welten, den es über Jugoslawien, Deutschland, Kenia, Indien inzwischen nach Kapstadt verschlug, fühlt sich in der Lage, aus der Kenntnis verschiedener Religionen zu schöpfen und dennoch ganz von innen den Islam zu verstehen.

Er wählt für seine Reisereportage die Hadsch, jenes alt hergebrachte Ritual, dem sich jeder Moslem einmal in seinem Leben unterziehen muss und das sowohl Pflicht wie Sehnsucht des Gläubigen ist. Um daran teil zu nehmen, bedarf es sorgfältiger Vorbereitung, intensiver Studien. Das ist mit einigen Koranstunden nicht getan. Der Autor lebt als Gleicher unter Gleichen in Bombay, Lehrer und Schüler an einer islamischen Universität. Er unterrichtet und lässt sich von seinen Schülern unterrichten, nimmt die in Verse gegossenen Weisheiten und Normen auf. Betet, rezitiert. Er lernt, dass Allahs Worte zu kommentieren, auszulegen, anzupassen, verfügbar zu machen ein Verbrechen ist, dass Egoismen der Religion widersprechen - aber er sieht auch, dass die gegenwärtige angebliche "Rückkehr zum ursprünglichen Islam nichts anderes ist, als die Instrumentalisierung der Religion zum Zwecke des Machterhalts und der Manipulation der Massen". Seine Beschreibung der Hadsch will den Islam gegen die vorislamistischen Rituale von Gewalt und Menschenopfern, wie sie die fundamentalistischen Terroristen praktizieren, in Schutz nehmen, indem er die Liebe, die Menschlichkeit, die Freundlichkeit der Pilgernden mit warmen Worten herausstellt, die Geduld lobt, die Reinheit der Absichten, die den Weg zu den Heiligen Stätten begleiten, ausführlich darstellt. Er findet sogar Worte für die Enttäuschung, wenn am Ende der Hadsch zwar alle Zurückgebliebenen in Ehrfurcht erstarren, der Hadschi selbst aber längst wieder im Alltag angekommen ist.

Sein Buch reiht sich ein in die lange Tradition von Reiseerzählungen über die Hadsch, die deutsche Leser am geläufigsten durch Karl May kennen. Der wiederum hat sie wahrscheinlich vom Schweizer Johann Ludwig Burckhardt übernommen. Von dieser beobachtenden Literatur, deren Autoren sich nach Trojanows Meinung "einschleichen, verkleiden, Konvertiten auf Zeit werden oder wissenschaftliches Interesse" anmelden, will er sich absetzen. Er ist Pilger, er spart keinen Vers, kein Ritual aus, nur des Arabischen mächtig ist er nicht. Er reist mit einer indischen Gruppe, jener eben, die er durch seine vorbereitenden Studien kennen lernte. Er hat aus der Kenntnis arabischer Beschreibungen abgeleitet, dass die nie eigene Gefühle in den Vordergrund stellen. Reiseliteratur um die "eigene Befindlichkeit" kreisen zu lassen ist ein "westliches Phänomen", meint er, das viel dazu beigetragen habe, "die Reiseerzählung als literarische Form zu diskreditieren".

Ob dem Autor die Innensicht gelingt, kann der gewöhnliche Leser nicht feststellen. Die angestrebte Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Formen von Glaube und Hingebung wird durch die Feststellung, dass Allah nichts anderes bedeute als Gott in jedem deutschen oder französischen Gebet allerdings nicht plastischer. Zu sehr differieren die alltäglichen Umgangsformen mit den Religionen.

Der Leser bleibt also auf die Schilderung von Begleitumständen, Studien und Gesprächen angewiesen, die - möglicherweise ein Zugeständnis an die Innensicht - nur gelegentlich auch einen kritischen Blick möglich machen. Etwa, wenn es um die Gegenüberstellung von Hadiths (Geboten) und dem Wahhabismus geht, der nach Meinung des Autors vom historischen Islam durch die Rechtfertigung absolutistischer Monarchie und Unterdrückung der freien Meinung weit abrückt, oder wenn es für den Autor schwierig geworden ist, seine Reisepapiere in die Hand zu bekommen, weil ganz andere als freundliche Hintergründe den Hadsch-Tourismus begleiten. Und auch dann, wenn die symbolische Steinigung des Teufels so drängend eng wird, dass um das eigene gefahrlose Werfen zu bangen ist - der Pilger will seine Steine loswerden, um alle Vorschriften auch Buchstaben getreu zu erfüllen. Dass Jahr für Jahr Menschen umkommen wird erwähnt, bleibt aber eine Tatsache, die nichts auslöst.

Die unendliche Freude nach der Hadsch erfährt der Leser höchstens durch die Zahl der herzlichen Umarmungen zwischen zufällig nebeneinander stehenden Menschen, welche Art Reinigung damit verbunden sein könnte, erfährt er nicht. Er kann sich zwar vorstellen, dass etwas ähnliches wie eine hypnotische Loslösung von allen körperlichen Fesseln, ein Gefühl von Schweben und Gleiten entsteht, wenn sich jemand als Teil einer Hunderttausende zählenden Menge empfindet, die einem einzigen Ziel zustrebt. Das Buch beschreibt, wie der Pilger dafür tagelang und ungezählte Male nacheinander immer die gleichen Verse aus dem Koran aufsagt, solange, bis sie automatisch und lautlos aus einem sonst völlig leeren Kopf rezitiert werden. Was sich der Leser nicht vorstellen kann ist, dass damit etwas anderes als willenslos machende Trance verbunden sein könnte, in der Kontrolle über sich selbst unmöglich wird. Das aber wäre eine durchaus im System gewollte Vorstufe des Missbrauchs und damit das Gegenteil der angestrebten Entkopplung des Islam vom Terror.

Ilija Trojanow: Zu den heiligen Quellen des Islam - Als Pilger nach Mekka und Medina. Malik, München 2004, 173 S., 16.50 EUR


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00:00 08.10.2004

Ausgabe 38/2020

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