Vertragen durch Vertrag

Denkmalschutz Die Details beim Kauf der Sammlung Berggruen sollten offengelegt werden: zur Kontroverse um Vivien Steins Buch "Heinz Berggruen. Leben und Legende"

Mitte November erschien in der Süddeutschen Zeitung eine emphatische Rezension von Vivien Steins Buch Heinz Berggruen. Leben und Legende. Flugs folgten Attacken von erstaunlicher Aggressivität, vornehmlich in Medien des Holtzbrinck-Verlages (aber auch im Freitag), und empörte Fragen an die SZ, wieso einer „unerfahrenen, schlechten Autorin namens Vivien Stein“ (Tagesspiegel), die ein „perfides Machwerk“ geschrieben habe, durch das antisemitische Vorurteile befördert würden, ein so prominenter Platz eingeräumt worden sei. Von aktuellem Interesse ist diese Debatte, weil die Bedingungen, unter denen seinerzeit die Kunstsammlung von Heinz Berggruen aufgekauft wurde, noch immer ungeklärt sind.

Das Buch von Vivien Stein berichtet auf 570 Seiten, 100 Seiten Fußnoten inklusive, vom abenteuerlichen Leben eines Menschen, der nach Hitlers Machtergreifung als Jude aus Deutschland fliehen musste und in die USA emigrierte. Nach dem Krieg ließ sich Heinz Berggruen in Paris nieder, wo er Werke der zeitgenössischen Kunst sammelte, mit ihnen handelte und es zu großem Reichtum brachte.

Im hohen Alter zog es ihn in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Teile seiner beeindruckenden Kunstsammlung mit Bildern von Picasso, Matisse und Klee wurden für 253 Millionen DM aus staatlichen Mitteln eingekauft und werden seither in Berlin ausgestellt.

Steuerzahlung vermeiden

Vivien Stein weist nach, dass dieser Kauf keineswegs ein Akt von Mäzenatentum war, als der er von Berggruens deutschen Förderern dargestellt wurde. Von einem „gekauften Geschenk“ sprach Alfred Grosser in der FAS. Der Kauf der Berggruen‘schen Sammlung lag bei Erscheinen des Buchs ein Jahrzehnt zurück, das Museum Berggruen ist längst herausgehobener Bestandteil der Museumslandschaft Berlins. Es fungiert wie das Andenken an den 2007 verstorbenen Berggruen als Zeichen einer deutsch-jüdischen Versöhnung.

Das Buch von Vivien Stein, die in Paris für die International Astronomical Union (IAU) arbeitet, macht Heinz Berggruen dagegen als widersprüchlichen Menschen sichtbar. Berggruens Vita – in der er sich gemäß seiner Autobiografie als Kunstmäzen präsentiert, als Freund Picassos, als Geliebter Frida Kahlos –, wird von der Autorin entzaubert.

Berggruen erscheint darin als jemand, der als Kunsthändler manchen Trick nicht scheute und kaum eine Möglichkeit zum Steuersparen ausließ, um seine Kunstschätze so gewinnbringend wie möglich zu veräußern; als jemand, dem es vor allem fernlag, seine Sammlung mit Werken aus der klassischen Moderne seiner Geburtststadt einfach zu schenken. Man müsste die Neben- und Folgekosten des Kaufs zusammenzählen und die von Vivien Stein mit Fakten begründeten Fragen bedenken, ob Berggruen jemals Steuern von der beim Berliner Verkauf erzielten Summe zahlen musste und er das Museum Berggruen als Depot für seine fortlaufenden geschäftlichen Aktivitäten im Kunsthandel verwendete. Der Preis der Sammlung würde die offizielle Summe von 253 Millionen DM wohl um einiges übertreffen. Um wie viel genau, wäre erst nach einer Offenlegung der Kaufverträge erfahren, wie Steins Recherchen nahelegen. Nebenbei verschafft das Buch dem Laien Einblick in die verschlungenen Wege und Gepflogenheiten des Kunsthandels.

Steins Buch beschreibt, wie es Berggruen in der letzten Phase seines Lebens nicht nur erfolgreich gelang, seine kostbare Ware profitabel zu veräußern, sondern sich überdies den Ruf eines Wohltäters zu erarbeiten. Als herausragendes Symbol der deutsch-jüdischen Versöhnung herausgestellt zu werden, war allerdings weniger sein Projekt, zumal ihm sein Jüdischsein wenig bedeutete. Seinen deutschen Förderern konnte das Jüdische an Berggruen dagegen nicht hoch genug gestellt werden: Die Versöhnung, auch wenn es wie in diesem Fall eine inszenierte war, konnte vor dem Hintergrund des Holocausts ein schönes Gefühl vermitteln.

Doch so wie ein Kind irgendwann aufhört zu glauben, dass die Gaben unter dem Baum vom Weihnachtsmann kommen, dürften schon damals die wenigsten der Verhandlungspartner Berggruens daran geglaubt haben, dass sie es mit einem Wohltäter zu tun hatten. Hier ging es um „Instrumentalisierung“ zum gegenseitigen Vorteil. Vivien Stein beschreibt keineswegs nur Berggruens Talent, auf der Tastatur der deutschen Schuld zu spielen, sondern belegt, wie die deutschen Protagonisten des Deals das historisch bedingte deutsche Schuldgefühl zur Durchsetzung des Projekts einsetzten, um Öffentlichkeit und Politik für die Bereitstellung der nötigen Millionen zu gewinnen. Ein zynisches Spiel, kürzlich von Eduard Beaucamp in einer Rezension des Buches in der FAZ als „aufdringlicher Philosemitismus“ beschrieben. Deutsches Schuldgefühl, das auf den in seine Heimatstadt zurückkehrenden jüdischen Kunstmäzen trifft als gekonnte PR-Strategie – wer in Berlin mochte da angesichts der deutschen Vergangenheit fragen, wieso eine Kunstsammlung, die 253 Millionen DM kostete, als Geschenk bezeichnet wurde? Inzwischen ist dem Getöse Nachdenklichkeit gewichen. Selbst der damals federführende Kulturstaatsminister Michael Naumann vermied in seinen letzten Stellungnahmen zu Steins Buch das von ihm anfänglich so verbissen verteidigte Wort „Mäzenatentum“. Was also hindert die damaligen Akteure daran, den damaligen Vertrag öffentlich zu machen?

Mit Vergangenheit umgehen

Auch der in Deutschland geschäftlich im großen Stil agierende Nicolas Berggruen, Sohn des verstorbenen Kunsthändlers, müsste als Vorsitzender des Fördervereins des Museum Berggruen an einer Offenlegung interessiert sein, um die Zukunft des Hauses auf eine vertrauensvolle Basis zu stellen und um ein positives Erscheinungsbild seiner eigenen, als mäzenatisch und philantropisch dargestellten Aktivitäten im Kunstbereich zu pflegen. Ein berechtigter Hinweis, der schon in Stephan Speichers SZ-Rezension zu Beginn zu lesen war und dem Autor den üblen Vorwurf eintrug, er würde für Nicolas Berggruen Sippenhaft fordern.

Bleibt die Frage, woraus sich die geballte publizistische Aggression speiste, die wochenlang auf Vivien Stein niederging. Wer sich in das Buch vertieft, erkennt schnell, dass hier den Berliner Förderern Berggruens ein Spiegel vorgehalten wird, in den sie heute nicht gern blicken möchten. Denn das Buch handelt nicht nur vom Lebensweg eines gewieften Kunsthändlers, sondern von einem verqueren Philosemitismus, so wie er sich, vielleicht unausweichlich, in Deutschland entfalten musste. Eine Haltung, die sich vormacht, man könne die Verbrechen der Nazis, in die eigenen Eltern oder Großeltern verwickelt waren, durch überschwängliche Zuneigung zu allem Jüdischen ungeschehen machen. Aus einer negativen Stigmatisierung wurde eine positive.

Allein die Sichtung des zusammengetragenen Zitatenschatzes aus deutschen Zeitungen zur Zeit der Übergabe der Sammlung lässt eine unglaubliche, fast kindliche Naivität der damaligen Protagonisten des Deals und seiner journalistischen Begleiter erkennen. Offen bleibt, wie weit sich hier nur der unschuldige „infantile“ Zustand widerspiegelt, von dem Bernhard Schulz im Tagesspiegel im Zusammenhang mit dieser Causa spricht, ein „erblich schlechtes Gewissen“, das aus „Verwechslung von persönlicher Schuld und historischer Verantwortung“ entstanden sei.

Namen weiter tragen

Wenn Berggruen nun aber als Symbol der deutsch-jüdischen Versöhnung gilt, müsste im Umkehrschluss die Demontage dieses Denkmals, die Steins Buch betreibt, eine antisemitische Handlung sein. Es wäre jedoch irreführend zu glauben, dass der dreiste Vorwurf gegen die jüdische Autorin nur einem destruktiven Impuls folgte. Er scheint stellenweise wohl ähnlich kalkuliert wie der seinerzeitige Appell an philosemitsche Gefühle. Wenn unangenehme Wahrheiten zu unterdrücken, möglicherweise Entscheidungen nach Gutsherrenart, wie sie Michael Nauman in seiner ersten Replik auf das Buch selbst beschrieb, zu beschönigen sind, kann die Beschimpfung „Antisemit“ gerade recht sein. Wer mag sich noch darum scheren, dass ein leichtfertiger Gebrauch einer solchen Anschuldigung zur Abnutzung führt und das wichtige Anliegen untergraben wird, den wahren Judenhass zu bekämpfen.

Was nach der Entzauberung von Heinz Berggruen bleibt, ist dennoch nicht wenig. Die kostbaren Bilder des Berliner Ehrenbürgers, auch wenn sie gar nicht so „günstig“ erworben wurden, können weiterhin bestaunt werden. Und das Berggruen-Gymnasium im Berliner Westend wird sich auch in Zukunft mit dem Namen schmücken können. Das ist auf jeden Fall ein großer Fortschritt. Denn noch vor wenigen Jahren trug die Schule den Namen eines Wehrmachtsgenerals.

Richard Szklorz lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin

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11:50 18.01.2012

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