Verwunderte Wirklichkeit

Nachruf Zum Tod der Fotografin Sibylle Bergemann (1941-2010), die für den "Sonntag" arbeitete, durch ihre Modebilder bekannt wurde und zu den Ostkreuz-Gründern gehörte

 Sie starb, wie sie gelebt hatte: ohne viele Worte, in der Nacht, bei ihrem Mann Arno Fischer, im Haus am Rand von Berlin, mitten im schönsten Herbst. Jahrelang hatte sie sich gegen den Krebs in ihrem Körper gewehrt, die Tortur der Chemotherapien mal besser, mal schlechter weggesteckt, ohne zu klagen. Mit eisernem Willen und preußischer Disziplin ging sie weiter der Tätigkeit als Dozentin zweier Fotoschulen nach, reiste im Auftrag der Magazine Stern und Geo um die halbe Welt, zuletzt durch Afrika, hetzte von einer Ausstellung zur nächsten Buchpräsentation und stand in einer Arte-Dokumentation über ihr Leben vor der Kamera.

Die Premiere des Films am 10. November muss nun ohne sie stattfinden, doch Sibylle Bergemann mochte es sowieso nie, im Rampenlicht stehen. Schön und geheimnisvoll wie ihr Vorname blieb die zierliche Fotografin hinter ihren Apparaten verborgen. In ihren Fotos hingegen war sie auf eine sibyllinisch-rätselhafte Weise präsent wie alle Großen der Zunft, weil sie auch das Verborgene hinter der Oberfläche der Dinge sah und das sich zufällig oder zwangsläufig Überlagernde. Die Welt war ihr Kulisse, in der die Menschen wie Marionetten agieren: unsicher herumstolpern, selbstbewusst posieren oder abgeschnitten von den Fäden des Himmels in verzweifelter Regungslosigkeit erstarren. Ihr fotografisches Gesamtwerk von den ironisch-subversiven Schwarzweiß-Inszenierungen in Industriebrachen für das Modeblatt Sibylle bis zu den knallbunten Bühnenbildern der Theatergruppe Rambazamba erscheint wie eine Illustration von Kleists Abhandlung Über das Marionettentheater.

Die First Lady der DDR-Modefotografie offenbarte schon in ihren frühen Porträts und Reportagen für den Sonntag und Das Magazin einen der direct photography amerikanischer Vorbilder verpflichteten, zugleich nahen und distanzierten Blick auf die Realität. Seit 1967 reiste sie als freie Fotografin der von ihrem Lehrer Arno Fischer gegründeten Gruppe "Direkt" durchs Land auf der Suche nach dem besonderen Ausdruck des Alltäglichen - Ostkreuz hieß die Agentur mit angeschlossener Schule, die sie nach 1990 mit Kollegen wie Ute Mahler und Harald Hauswand gründete.

Ideologische Kitschpostkarten oder Sozialromantik interessierten die gebürtige Berlinerin ebenso wenig wie der Streit der Fotografie und Malerei um die Kunstherrschaft. Bergemann ging es um die bildhafte Form, das Leben ohne Worte zu erklären wie es ist – mehr oder weniger brutal, idyllisch, absurd. In den schönen Augen der kleinen Frau mit den tiefhängenden Mundwinkeln spiegelte sich die Welt als mnemisches Realbild für die im digitalen Fortschritt Verblassende Erinnerung (so der Titel ihrer Werkschau 2007 im Museum für Photografie Braunschweig).

Ein Käfig voller Vögel



In dem Dokumentarfilm Ostfotografinnen (2006) erzählte Sibylle Bergemann freimütig von ihrer privilegierten Rolle als der Berliner Bohéme Zugehörige im Arbeiter-und Bauernstaat. Ihre grenznahe Wohnung am Schiffbauerdamm war der stets offene Treffpunkt von Künstlern aus dem In-und Ausland. Zum Thema Frauenemanzipation in der DDR sagte sie: „Männer waren kein Problem, für uns waren sie auch Menschen.“ Ohne Kamera war die Fotografin oft unnahbar und wortkarg. In ihren Bildern brachte sie tote Dinge zum Sprechen, öffneten sich die verschlossensten Menschen, um für einen kurzen Blick auf ihr Verborgenes im Museum der Menschen zur Ewigkeit einzufrieren.

Zum Schönsten unter ihren Arbeiten zählen Fotos von Hunden. Mit ihrem Mann lebte sie umgeben von allerlei Getier in einem brandenburgischen Paradiesgarten, darunter die von ihr geliebten exotische Singvögel in einem Käfig. Am letzten Wochenende richtete ein Marder ein Massaker im Käfig an – als sollten die kleinen Sänger ihre todkranke Herrin über den Styx ins Jenseits begleiten.

Am 2. November ist Sibylle Bergemann gestorben.

14:10 04.11.2010

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