Verzockt

A–Z Ein Auto für einen Euro auf Ebay ersteigern? Das ist rechtens, befand nun ein Urteil – Pech für den Verkäufer. Doch selbst Profis verspekulieren sich oft (siehe Titanic)
Verzockt

Illustration: der Freitag

A

Autoauktion Man kann bei Ebay wahre Glücksgriffe tun. Auf einen solchen hoffte auch ein Mann, der sich für einen VW Passat interessierte. Sein Startgebot: ein Euro. Zum Schnäppchen kam es allerdings nicht. Denn der Verkäufer erhielt, während die Auktion lief, von außerhalb ein lukratives Angebot für den Wagen und brach die Onlineversteigerung daraufhin ab. Das passte dem Bieter nicht, er zog vor Gericht und forderte Schadenersatz. Sein Argument: Mit dem Beginn der Auktion sei ein Kaufvertrag entstanden. Schon das Thüringer Oberlandesgericht hatte dem Kläger Recht gegeben, mit der Begründung: Die Möglichkeit eines Ein-Euro-Schnäppchens gehöre bei Ebay dazu. Wenn ein Verkäufer das vermeiden wolle, könne er ja ein Mindestgebot fordern. Der Bundesgerichtshof hat dieses Urteil nun bestätigt. Der Verkäufer muss dem Bieter den Schätzwert von 5.250 Euro zahlen – abzüglich des Euros, den der Wagen zu Beginn der Auktion gekostet hatte. Benjamin Knödler

C

Charakter Michael Sandel ist der Superstar der US-Philosophie. An der Harvard-Universität zahlt die zukünftige Elite des Landes viel Geld dafür, dass Sandel sie mit moralphilosophischen Fragen traktiert. In seiner Vorlesung The Moral Economy of Speculation denkt er darüber nach, was mit einer Gesellschaft passiert, in der das meiste Geld nicht mehr mit der Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen, sondern mit Zocken verdient wird. Seine Warnung mit Blick auf den Finanzkapitalismus: „Wenn Spekulationen, die keinem erkennbaren nützlichen Zweck dienen, belohnt werden, wirkt sich das zerstörend auf den Charakter aus.“ Eine Gesellschaft könne es nur bis zu einem bestimmten Grad aushalten, dass der tatsächliche Beitrag für das Gemeinwesen und die monetäre Kompensation sich entkoppeln. Wird die Grenze überschritten, führt das zu Auflösungserscheinungen. Die Gesellschaft als Ganzes hat sich dann, nun ja, verzockt. Jan Pfaff

F

Fußball Als die deutsche Mannschaft bei der EM 2012 gegen Italien ausschied, war die Aufregung groß. Eine ganze Nation schüttelte den Kopf über Jogi Löw: Mit seiner taktischen Ausrichtung hatte er sich nach Meinung der Fans völlig vertan. Es ist ein Beispiel, das belegt, dass der Fußball bei allen Möglichkeiten der Analyse, die es heute gibt, eben auch noch immer Geschichten des Verzockens erzählt. Auch Sportärzte gehen manchmal ein zu hohes Risiko ein. So wurde Arjen Robben trotz Muskelproblemen vor der WM 2010 für fit erklärt. Er spielte, hatte am Ende aber ein Loch im Muskel und fiel schließlich wochenlang aus. Und dann ist da noch der Transferpoker, bei dem das Verzocken ja fast schon im Namen angelegt ist. So wurde der Vertrag des damals 19-jährigen Mesut Özil bei Schalke 04 nicht verlängert. Zu viel Gehalt hatte er gefordert, viele fanden, er sei zu weit gegangen. Özil ging nach Bremen und machte dort groß Karriere. Am Ende stand Schalke dumm da. Tragik und Komik genau solcher Geschichten machen den Fußball letztlich aber auch so aufregend. Benjamin Knödler

G

Gauck Der Bundespräsident hat zwar viel zu sagen, aber wenig zu entscheiden. So bietet sich seine Wahl an für parteitaktische Spielchen und Sticheleien. Als Horst Köhler im Jahr 2010 als Bundespräsident zurücktrat, überlegten sich SPD und Grüne einen Trick, der ihnen später auf die eigenen Füße fallen sollte. Sie schlugen Joachim Gauck als ihren Kandidaten vor: den ehemaligen Pastor und DDR-Bürgerrechtler, der von Angela Merkel zwar in höchsten Tönen gelobt worden, aber damals trotzdem chancenlos war. Die Union wählte Christian Wulff ins Amt. Doch als der kurz danach wieder zurücktrat, konnte sich die Union bequem für Gauck entscheiden, SPD und Grüne stimmten mit. Nach 2017 drohen weitere fünf Jahre Gauck und Rot-Grün traut sich vielleicht wieder nicht, einen nichtkonservativen Kandidaten aufzustellen. Wird das der Super-GAUck? Felix Werdermann

Greenpeace Das Grünwaschen ist eine beliebte Methode, mit der Unternehmen ihr Image aufhübschen. Greenpeace International hat nun einmal den Entfärbegang eingelegt – versehentlich. Im Sommer wurde publik, dass ein Mitarbeiter 3,8 Millionen Euro verspekuliert hatte. Eine Katastrophe für die spendenfinanzierte Umweltorganisation. Aus Spenden stammt nämlich auch das Geld, das bei den Währungsgeschäften draufging. Der Mitarbeiter hatte auf einen sinkenden Euro-Kurs gewettet und sich, gelinde gesagt: verschätzt. Greenpeace feuerte den Mann und entschuldigte sich. Bei einer Spendenbilanz 2012 von 268 Millionen Euro sei der Verlust nicht existenziell. Der Verlust des Kapitals Glaubwürdigkeit wiegt indes schwer. Tobias Prüwer

K

Kommunen Hochriskante Finanzgeschäfte galten einmal als Ausweis ausgefuchster Kommunalpolitik. Kämmerer müssen sich wie im Sterntalermärchen gefühlt haben, als die Banken begannen, ihnen SWAPs und andere trickreiche Finanzderivate anzubieten. Der Ausgang ist bekannt: Die Finanzkrise erreichte und ruinierte viele Gemeindekassen.

Wie viele Kommunen genau auf diese Art Verluste einfuhren, ist unbekannt. In Bayern verspekulierten 19 Kommunen zusammen über 27 Mio. Euro. Pforzheim verzockte allein rund 40 Millionen. In Nordrhein-Westfalen verwalten Städte und Gemeinden Fremdwährungskredite von insgesamt 1,9 Milliarden Euro, die derzeit große Wertverluste verzeichnen. Zwar konnte das sächsische Riesa drei Millionen gewinnen, insgesamt haben die knapp 40 Gemeinden im Freistaat, die solche Geschäfte eingingen, aber Verluste geerntet: Dresden 7,2 Mio., Radebeul 1,2 Mio., Bautzen 40.000. Als Resultat hat Sachsen nun ein Spekulationsverbot in der Gemeindeordnung verankert. Tobias Prüwer

L

Lied von Eis und Feuer Die Fangemeinde von George R. R. Martins Fantasyreihe wurde von der Entertainmentseite vulture.com zur treuesten ihrer Art gekürt. Fünf der sieben angekündigten Eis und Feuer-Romane und die erfolgreiche Serie A Game Of Thrones gehen bislang auf Martins Konto. Nun hat er mit The World of Ice and Fire eine Chronik vorgelegt, die die Geschichte vor den Romanen erzählt, und erntet Wut. Statt ein Handbuch zur Fantasywelt herauszubringen, solle er lieber endlich den sechsten Teil seiner Heptalogie schreiben, finden einige. „Wenn du 100 Jahre für jedes einzelne Buch deiner Serie brauchst, sollte es illegal sein, nutzlosen Bullshit zu bringen, der die Handlung nicht weiterbringt“, schrieb ein besonders grummeliger Leser. Da hat der Autor sich wohl verzockt, was die Geduld seiner Fans angeht. Martins Antwort auf die Beschwerdewelle: „Fuck You to those people.“ Simon Schaffhöfer

P

Profifehler Wer Erfahrung und Kompetenz in seinem Metier besitzt, kann Risiken besser einschätzen. In vielen Bereichen wäre ein Fortschritt ohne mutige Pioniere gar nicht denkbar. Etwa in der Medizin, wo ein Kunst- oder Profifehler allerdings auch Leben kosten kann.

Manchmal macht Kompetenz aber auch einfach selbstgefällig. So bringen Börsenspekulationen oder Risikosportarten immer wieder Meister hervor, die verunglücken, manchmal nur finanziell, manchmal auch tödlich, weil sie Gefahren unterschätzen. Der Segelflieger Klaus Holighaus zum Beispiel hatte fast 10.000 Flugstunden Erfahrung und galt als sehr guter Flugzeugkonstrukteur. Dennoch stieß er vor 20 Jahren gegen eine Felswand des Rheinwaldhorns. Vielleicht hatte er nach dem Wetterumschwung mit der Umkehr einfach zu lange gezögert? Tragisch. Noch tragischer natürlich, wenn dem Piloten eines Passagierflugzeugs ein solcher Fehler unterläuft. Ulrike Bewer

Prognosen „In zwei Jahren wird das Spam-Problem gelöst sein“, orakelte Bill Gates im Jahr 2004. Beim Kommunikationskonzern Western Union sah man 1876 „keinen Wert“ im Telefon. Ein IBM-Präsident sah 1943 einen Weltmarkt für ganze fünf Computer. Und die Titanic galt bekanntlich als unsinkbar. Auch Kulturkritiker verzocken sich leicht: „Im Juni wird er verschwunden sein“, war 1955 im Magazin „Variety“ über den Rock ’n’ Roll zu lesen. Konrad Adenauer versicherte 1957 bei Einführung der dynamischen Rente schwer zuversichtlich: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Die tollsten Irrtümer gibt es aber von jeher (und immer noch) in der Wirtschaft. „Es sieht danach aus, dass die Aktienmärkte ein dauerhaft hohes Niveau erreicht haben“, prognostizierte ein Ökonomieprofessor 1929, acht Tage vorm Schwarzen Freitag. Tobias Prüwer

S

Spaß Sich zu verzocken hat einen zweifelhaften Ruf, haftet ihm doch der unangenehme Beigeschmack einer Niederlage an. Aber da ist ja noch eine weithin bekannte englische Binsenweisheit: No risk, no fun. Aus jener Perspektive erscheint die schlechte Meinung, die man sich schnell mal über das Sichverzocken bildet, doch eher kurzsichtig. Denn die Möglichkeit, auch einmal zu viel zu wagen und zu verlieren, schafft doch erst das risk und damit auch den fun. Möglicherweise zu weit zu gehen, ist der Einsatz, den man sehr oft für den Spaß im Leben zahlen muss. Das gilt nicht nur beim Spiel, sondern oft auch in der Liebe. Nicht selten ist das Risiko nicht nur der Weg zu den großen Momenten im Leben, manchmal ist es sogar gerade der Genuss des Nervenkitzels, der den späteren Verlust letztlich wieder aufwiegt. Auf Deutsch: „Nur wer wagt, gewinnt.“ Benjamin Knödler

W

Wahlkampf Wo immer es eine Strategie gibt: Man kann mit ihr auch weit danebenliegen. Insbesondere im Wahlkampf setzen Parteien einiges daran, mit Programm und Taktik zu bestechen. Nach der Wahl tauchen dann die Schlagzeilen auf, die fragen, inwieweit sich die Wahlverlierer verspekuliert haben. Spitzenkandidaten, zentrale Themen, Gedanken über die potenzielle Wählerschaft – es gibt viele Unbekannte in diesem Spiel. Kürzlich warf man etwa dem CDU-Mann Stanislaw Tillich vor, sich bei der Festlegung des Wahltermins in Sachsen verzockt zu haben. Das habe letztlich zu dem Erfolg der AfD geführt. Ein Paradebeispiel des politischen Verzockens ist auch die Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück. „Er kann es“, hatte Helmut Schmidt schon vor Steinbrücks Wahl zum SPD-Spitzenkandidaten erklärt. Dann wurde Steinbrück Kanzlerkandidat und konnte das nicht wirklich. Die Parteien müssen ein solches Scheitern aber riskieren. Eine als plan- oder profillos wahrgenommene Partei gewinnt erst recht nichts. Benjamin Knödler

Z

Zonk Auch Trostpreise können Kultstatus erlangen. Den Zonk, eine hässliche schwarz-rote Stoffratte aus der Sat1-Show Geh aufs Ganze! (1992 – 97), kann man heute über Kleinanzeigenseiten kaufen, als Sammlerstück. Hatte in der Spielshow ein Kandidat einen falschen Umschlag gewählt, erhielt er das Plüschvieh. Dieses ist sogar in die Umgangssprache eingeflossen: „Den Zonk haben“ steht dafür, die größte Niete gezogen zu haben. Im Duden taucht das Wort allerdings (noch) nicht auf. Der Zonk ist auch keine Sat1-Erfindung. Er entstammt dem US-TV-Original Let’s Make a Deal und hat dort eine etwas andere Bedeutung: Im amerikanischen Englisch meint zonk so viel wie „wegtreten“ oder auch „hinüber sein“. Tobias Prüwer

06:00 03.12.2014
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