Jörg Magenau
Ausgabe 1117 | 18.03.2017 | 06:00 1

Viel Wind in den Weiden

Trend Prosa und Lyrik haben die Natur wiederentdeckt, Tiere und Bäume erzählen die Welt

Viel Wind in den Weiden

Alle Fotografien dieses Spezials stammen aus dem Bildband „Buzzing at the Sill“ (siehe Info)

Foto: Peter van Agtmael/Magnum Photos/Kehrer Verlag

Die Riesenwanze hat nicht viele Freunde. Auch der Frosch am Ufer des Tinker Creek in Virginia gehört nicht unbedingt zur Kategorie der Kuscheltiere. Er sitzt reglos da – und schrumpelt unter den entsetzten Augen der Beobachterin zusammen wie ein Ball, der die Luft verliert. Das Gesicht verwelkt, er schaut ratlos aus seinen erlöschenden Froschaugen, und dann geht seine leere Haut unter und trudelt im Fluss davon. Die Riesenwanze hat ihn angestochen, hat ihn mit ihrem Gift innerlich verflüssigt und ausgesaugt, so wie man einen kühlen Sommerdrink mit Strohhalm zu sich nimmt.

Die amerikanische Essayistin und Lyrikerin Annie Dillard schildert die Szene eingangs ihres grandiosen, jüngst wieder neu aufgelegten Klassikers Pilger am Tinker Creek. Er fällt heute, mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung, in eine verwandelte literarische Landschaft. Damals, in der Epoche der Soziologie, der Theorien und des ideologischen Rechthaben war das intensive Naturerleben eine des Eskapismus verdächtige Absonderlichkeit (auch wenn Dillard dafür den Pulitzer-Preis erhielt). Heute belegt schon ein flüchtiger Blick auf die Bestsellerlisten (zum Beispiel Martin Suter mit Elefant), dass die Natur den Platz eingenommen hat, den einst Gesellschaft und Geschichte behaupteten.

Eidechsen gucken mit Adorno

Der Roman Wiesengrund von Gisela von Wysocki, die gerade mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt zwar von ihrem Studium bei Theodor W. Adorno, redet aber kein bisschen von Theorie, sondern hauptsächlich von seinen auf schönen Frauenbeinen ruhenden Augen.

Der Blick geht hier dem Denken voraus, Anschauung und Leiblichkeit kommen vor der Theorie, und so ist es nur natürlich, dass Professor und Studentin eine Zoohandlung besuchen, um Eidechsen zu betrachten. Bezeichnend sind auch die Bestseller des Försters Peter Wohlleben, der das sozialdemokratische Prinzip der Solidargemeinschaft im Zusammenleben der Bäume entdeckt und uns das Seelenleben der Tiere erklärt. War früher einmal die kapitalistische Gesellschaft Tummelplatz der Raubtiernatur des Menschen, so ist bei ihm umgekehrt die Natur das sanfte Abbild der Zivilgesellschaft. Da muss man sich nicht, wie bei Annie Dillard, vor der Gottesanbeterin fürchten, die ihr Männchen noch während der Begattung verspeist. Der überwältigende Erfolg Wohllebens hat aber auch damit zu tun, dass er von Verschwindendem erzählt – der Solidarität einerseits, wenn er den Wald zur „Kuschelgruppe“ erklärt, der Natur andererseits, an der nicht mehr viel „natürlich“ ist. So sind es „Liebe, Trauer und Mitgefühl“, die Wohlleben Einblick ins Seelenleben der Tiere geben. Der gemütvolle Blick ins Tierreich weiß, dass es sich bereits um einen Nachruf handelt.

Eine Mücke im Universum

Wohin wir auch schauen: Tiere sehen uns an. Den Umschlag von Eva Menasses Erzählungsband Tiere für Fortgeschrittene ziert eine Käfersammlung, fast so, als handle es sich um die subtilen Jagden von Ernst Jünger (der ja im Übrigen entschieden auf das Primat der dauerhaften Natur gegenüber der flüchtigen Geschichte setzte). Für Menasse sind die Tiere allerdings nur ein Erzählanlass. Sie hat Tiermeldungen gesammelt, die zum Ausgangspunkt ihrer Geschichten über Familien- und Beziehungsverhältnisse wurden. Die Meldung, dass bestimmte Insekten auf der Suche nach nährstoffreichem Wasser auch die Tränen von Krokodilen aufsaugen, wäre schon Geschichte genug, sie dient ihr aber nur als Metapher eines Lebens in Traurigkeit. Immerhin: Der Igel, der mit seinem Kopf in einem Plastik-Eisbecher feststeckt, kommt leibhaftig vor. Ein trauriger Fall ist auch das europäische Schaf Nolana, das keine Wolle mehr trägt, weil die gegen asiatische und australische Wolle sowieso nicht konkurrenzfähig wäre: eine Züchtung im Dienste der Globalisierung.

Annie Dillard war 1972 Mitte 20, als sie sich auf den Spuren von Henry David Thoreau in die Natureinsamkeit zurückzog. Sie ist nichts als Beobachterin, die sieht und staunt und nach Worten sucht. Sie braucht nur die Haustür zu öffnen, und die Welt ist voller winziger Wunder. Jede tanzende Mücke verweist aufs Universum, jeder Lichtstrahl auf seinen Herkunftsort. Warum gibt es das alles? Wozu diese unendliche Vielfalt, wo es doch viel einfacher wäre, wenn es nur wenige Formen gäbe, die sich bewährt haben? Dillard ist auf der Suche nach dem abwesenden, sich verbergenden Schöpfer. Sie vermutet, dass es sich bei ihm um einen „schwer gestörten Manisch-Depressiven“ handelt, denn seine Schöpfung, sagt sie, „besteht aus nichts als extremistischen Randgruppen“. Und doch ist sie zugleich voller Schönheit, sofern wir sie nur zu sehen wissen und den Tieren und den Pflanzen einen Namen geben.

So beginnt ja schon die Genesis, wo Gott „alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels“ dem Menschen zuführt, „dass er sähe, wie er sie nennte, denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen“. Bob Dylan machte daraus in seiner christlichen Phase das fröhliche Kinderlied Man Gave Names to All the Animals. Der Mythenerzähler Michael Köhlmeier spitzt die Szene weiter zu, wenn er behauptet, die Tiere hätten zuvor einfach nur herumgestanden auf der Erde, „und es war, als wären sie nicht, denn wer keinen Namen hat, der ist nicht“.

Erst das Benennen vollendet die Schöpfung. Indem er Sprache besitzt und Namen gibt, wird der Mensch selbst göttlich. Zugleich aber verschließt sich ihm die Natur und erscheint als eine unentzifferbare Geheimschrift. „Wir sitzen mit den Hieroglyphen von Tieren am Tisch“, heißt es in Köhlmeiers neuem Gedichtband Ein Vorbild für Tiere: „Das umgedrehte Ypsilon im Gesicht eines Löwen, / Die blauen Augen des Nordhundes“. Das Schweigen der Tiere ist undurchdringlich, und niemand weiß, ob wir ihnen die richtigen Namen gegeben haben.

Glaubt man Brigitte Kronauer, dann kennen auch die Tiere diesen Unterschied, junge Katzen und Hunde jedenfalls. Sie schildert den bestürzenden Moment, in dem so ein Tier sich dem Gesicht von Herrchen oder Frauchen nähert, mit konzentriertem Blick auf den Mund, „dahin, woher die Sprache kommt“. Mit höchster Aufmerksamkeit „scheint das kleine Wesen sich einer Grenze zu nähern, wo es, den Kontakt unbedingt wünschend, unsere Worte versteht“. Das dauert nur Sekundenbruchteile, dann wendet das Tier sich endgültig ab, „entmutigt von Grammatik und Abstraktion“.

Diese absolute Differenz versucht der britische Biologe Charles Foster zu überwinden, wenn er versucht, zum Tier zu werden. Er begibt sich in den Wald und frisst Laub wie ein Hirsch oder kriecht wie ein Dachs in eine Höhle, frisst Regenwürmer und schnüffelt nasse Erde. Das ist natürlich nur ein schlechter Scherz, taugt aber zum Bestseller. Auch wenn er seinen Geruchssinn verfeinert, ist er noch lange kein Dachs. Der käme wohl kaum auf die Idee, seine Erfahrungen aufzuschreiben.

Mag sein, dass die Literatur heute den Platz einnimmt, den die Biologie geräumt hat. Alfred Brehm war ja noch ein großer Erzähler. Doch seither haben sich die Biologen ins Labor zurückgezogen und schreiben nur noch Formeln auf. Deshalb kümmert sich die Literatur um die vernachlässigten, ausgesetzten Tiere, und die Natur wird – wie im staunenden Blick von Annie Dillard – zu Poesie. In ihr haben die Wunder Platz, die sich für die Naturwissenschaft in Statistik aufgelöst haben. Das eben ist wunderbar genug. Nehmen wir uns mit Michael Köhlmeier ein Beispiel an den Tigern: „Sie jagen, lecken Wasser und fressen / Ohne Mitleid, aber mit überlebensgroßem Ernst / Und schließen in der Sonne langsam die Augen.“

Info

Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben Charles Foster Gerlinde Schermer-Rauwolf, Robert A. Weiß (Übers.), Piper 2017, 288 S., 20 €

Ein Vorbild die für Tiere. Gedichte Michael Köhlmeier Hanser 2017, 144 S., 18 €

Tiere für Fortgeschrittene Eva Menasse Kiepenheuer & Witsch 2017, 320 S., 20 €

Pilger am Tinker Creek Annie Dillard Karen Nölle (Übers.), Matthes & Seitz 2016, 347 S., 22 €

Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Michael Köhlmeier, Konrad Paul Liessmann Hanser 2016, 224 S., 20 €

Wiesengrund Gisela von Wysocki Suhrkamp 2016, 264 S., 22 €

Das Seelenleben der Tiere. Liebe, Trauer, Mitgefühl Peter Wohlleben Ludwig 2016, 240 S., 19,99 €

Poesie und Natur. Natur und Poesie Brigitte Kronauer Klett-Cotta 2015, 295 S., 29,95 €

Die Bilder des Spezials

Peter van Agtmael, geboren 1981 in Washington D.C., ist Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum und mit einigen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Van Agtmaels soeben erschienener Fotoband Buzzing at the Sill (Kehrer-Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro), aus dem die Bilder unserer Beilage stammen, ist voller oft dunkler, poetischer Arbeiten, in denen die USA wie ein unwiderruflich zerrissener Ort erscheinen. Den mysteriösen Titel verdankt Buzzing at the Sill einem Gedicht von Theodore Roethke, In a Dark Time („My soul, like some heat-maddened summer fly, keeps buzzing at the sill“). In der Auseinandersetzung des Fotokünstlers mit seinem Land sind immer auch ganz persönliche Stimmungen zu spüren: Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit angesichts einer absolut ungewissen Zukunft. Und gleich daneben kocht die Wut

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.