Volksfeind Nr. I

Militarismus In Porta Westfalica feiern sie ihr hässliches Denkmal für Kaiser Wilhelm, der aufmüpfige Bürger gern niederschießen ließ

Für zwölf Millionen Euro hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das 88 Meter hohe Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica bei Minden renovieren lassen. Die Aussichtsplattform unterhalb des Kolosses wurde wiederhergestellt und mit einem Besucher-Informationszentrum versehen. In der Ausstellung begrüßt uns das reproduzierte Porträt eines älteren Herrn in Uniform. Er sah sich selbst als „bescheidenen und fleißigen ‚Ersten Soldaten‘“, heißt es. Sein Denkmal ist die Stein gewordene Protzerei und Großmannssucht, hier aber ist von des Kaisers Genügsamkeit die Rede. Sein Enkel Wilhelm II., verkörpert durch den Schauspieler Tilman Rademacher, ergänzt in einem Bildschirmauftritt knarzig die Eigenschaften „pflichtbewusst“ und „ganz Soldat“.

Kaiser Wilhelm I., der unter dem Steinbaldachin des Denkmals seinen Brustpanzer reckt und mit ausgestreckter Rechter seine westfälischen Untertanen segnet, war in jungen Jahren, als Prinz von Preußen, ein gefürchteter Offizier. Als im März 1848 revolutionäre Berliner Demokraten Barrikaden bauten, um endlich eine Verfassung und Wahlen durchzusetzen, setzte sich der Prinz bei seinem Bruder, König Friedrich Wilhelm IV., für eine rasche militärische Lösung des Problems ein. So fing er sich bei den Berlinern den Beinamen „Kartätschenprinz“ ein. Kartätschen waren schrotgefüllte Geschosse für den Nahkampf. Der Potsdamer Revolutionär Maximilian Dortu, der das Schimpfwort im Mai 1848 prägte, hatte sich allerdings geirrt. Der Prinz kam erst im Juni 1849 dazu, seine Soldaten auf Demokraten schießen zu lassen – als Kommandant der Truppen, die die revolutionäre Verfassungskampagne in der Pfalz und in Baden blutig niederschlugen.

Sein Enkel fand ihn super

Die Ausstellung erwähnt die Episode in einer knappen Chronik. Der gespielte Wilhelm II. darf auch hier seinen Senf dazu abgeben. Er hetzt mit hochgerecktem Kinn gegen den „Aufstand der Gosse“ und schlussfolgert: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten. Sein Wahlspruch – richtig so!“ Besucher, die nichts über die Revolution von 1848 wissen, werden angesichts solcher Sprüche vermuten, dass es wohl um eine Revolte des Berliner Mobs ging.

Über Wilhelm I. und seine Rolle in der deutschen Geschichte ist hier sonst wenig zu erfahren. Sein Enkel fand ihn „tadellos“ und „groß“. Der Platz unter der Plattform ist knapp, aber offenbar groß genug, um das Eigenlob der beiden Monarchen zu reproduzieren. Die meisten Besucher werden das als Kaiserlob verstehen, das die Autorität heutiger Historiker hinter sich hat. Und so pflanzt sich der Preußen-, Soldaten-, Königs- und Kaiserkult fort in die heutige Zeit, in die der Monarchismus offenbar gut passt. Der Mindener FDP-Politiker Kai Abruszat, Vorsitzender des Denkmal-Fördervereins, lud vor ein paar Jahren sogar den amtierenden Prinzen von Preußen zum Jahresempfang der FDP ein. Der Adlige, war damals in der Mindener Rundschau zu lesen, „überzeugte … besonders durch sein bescheidenes und bürgernahes Auftreten“. Mit diesem Gestus plädierte er „für mehr Beständigkeit und traditionelle Werte“.

J. C. C. Bruns, das Verlagshaus des Mindener Tageblatts, steuert eine eigene Website bei: kaiser-wilhelm-porta.de. Sie steht unter dem Motto „Der Kaiser“. Das erste Aufmacherfoto zeigt das rot leuchtende Denkmal über der nächtlichen Weser. Das zweite zeigt das backenbärtige, lorbeerbekränzte Antlitz des göttergleichen Feldherrn, hübsch in der dem Untertanen geziemenden Untersicht. Die Sehnsucht nach den Zeiten, in denen deutsche Soldaten ihre Kriege noch gewonnen haben, scheint groß zu sein. Wer da nicht andächtig niederkniet, kann eigentlich nur ein Demokrat sein, für den die Kartätsche schon pflichtbewusst bereitliegt.

Natürlich gehe es nicht um eine Erneuerung der Kaiserverehrung, betonte Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, vor der Eröffnung. Man wolle dem Denkmal „die Wucht und das Pathos durch bunte, spielerische Aktionen“ nehmen; eine Auseinandersetzung mit der Geschichte sei auch geplant. In der Realität muss dann, wie so häufig, die Darstellung einer Episode des Zweiten Weltkriegs für diese Auseinandersetzung herhalten: ein Stollen unter dem Denkmal, in dem KZ-Häftlinge 1944/45 Zwangsarbeit verrichten mussten. Der Rest der deutschen Herrschaftsgeschichte hat kritische Aufmerksamkeit offenbar nicht verdient.

Als Wilhelm I. 1861 König von Preußen wurde, heckte er zusammen mit seinem Militärberater Albrecht von Roon eine gewaltige Aufrüstung des Heeres aus. Das Berliner Parlament lehnte die dafür nötigen Staatsausgaben ab, es kam zum preußischen Verfassungskonflikt. Der König engagierte den gewieften Taktiker Otto von Bismarck als Ministerpräsidenten, um den Widerstand der Liberalen im Parlament zu brechen. Die Ausstellung verliert darüber kaum ein Wort, geschweige, dass sie einen von Wilhelms seinerzeit berühmten Gegnern zitierte, etwa den Königsberger Demokraten Johann Jacoby.

Opposition gegen „die Kaisers“ darf nur das fiktive Dienstmädchen Henny äußern, das im Weltkrieg seinen Verlobten verlor und nun, aus dem Blick des Revolutionsjahres 1918, mit dem Kriegskaiser Wilhelm II. abrechnet. Sie wird von Henriette Nagel gespielt. Ganz leise, damit es „die Herrschaft“ nicht mitbekommt, teilt sie uns mit, dass sie „für die Roten“ sei, und rührt dabei schamhaft mit dem Finger in einem Kaiser-Wilhelm-Tässchen. Sie hofft auf die neue Zeit: „Jetzt sind andere am Ruder. Keine Kaisers. Die werden schon dafür sorgen, dass man uns kleinen Leuten Denkmäler baut, dass uns keine Herrschaft mehr herumkommandiert.“ Dass viele Besucher ihren – diesmal wirklich – bescheidenen Auftritt mitbekommen werden, ist zweifelhaft.

Ganz amüsant und aufschlussreich ist eine kleine Zusammenstellung anderer Heldendenkmäler verschiedener Länder und Zeiten. Die meisten als Fotos, drei als Modelle: Darunter zwei freundlich blickende Herren in Kitteln, einer davon winkt ebenso segensreich wie der große Wilhelm. Es sind Kim Il-sung und Kim Jong-il, nordkoreanische Diktatoren auf dem Weg zur Schaffung eines neuen Menschen. Hier erfährt man, dass Demokratien heute eher horizontal-flächige Denkmäler bauen wie das Stelenfeld in Berlin, während Autokratien immer noch die Höhe lieben. Sagt Ulrich Hermanns, der die Ausstellung entwarf und sein Konzept mit vielen zuständigen Gremien ausdiskutieren durfte.

Der Architekt der Anlage, Bruno Schmitz, entwarf zwischen 1892 und 1913 auch das Kyffhäuserdenkmal, das Deutsche Eck in Koblenz und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Eines düsterer, klobiger, optisch brutaler als das andere. In der Porta-Ausstellung ist die verwunderte Frage der Analysten zu spüren, wie der Geist entstehen konnte, der solche Pickel in anmutiger deutscher Berg- und Flusslandschaft wachsen ließ. Doch muss die Frage nicht eher umgekehrt gestellt werden? Wie war die Propaganda-Wirkung dieser Denkmäler, die häufig auf Initiative einzelner einflussreicher Personen errichtet wurden, und der bombastisch inszenierten Eröffnungsfeiern? Mehrere Historiker haben die gleichschaltende Wirkung solcher Rituale am Beispiel des Sedantags untersucht.

Das Dienstmädchen Henny wirft eine interessante Frage auf: Wo sind die Denkmäler für „einfache Leute“ geblieben, die sie von der neuen Zeit erwartet hat? Warum hat Friedrich Ebert 1920 dann doch keine errichtet? Die Idee an sich bleibt populär, wie ein Ergebnis der Besucherumfrage nahelegt: 69 Prozent finden es demnach richtig, weiterhin Denkmäler für Personen und Ereignisse aufzustellen.

Jens Jürgen Korff ist Historiker und Politologe. Er lebt und arbeitet als Werbetexter in Bielefeld

06:00 23.09.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community