Von der Mumie zur Stulle

Film In „Atlantis“ von Walentyn Wassjanowytsch hat der Krieg die Ukraine zerstört – das Grundwasser ist sauer und knapp

Das Portfolio des Arthouse-Streamers MUBI huldigt aktuell der Langsamkeit: mit Filmen des „slow cinema“ wie Nicolás Rincón Gilles Valley of Souls, Dea Kulumbegashvilis Beginning, der im vergangenen Jahr beim Festival von San Sebastián Preise abräumte, oder mit Walentyn Wassjanowytschs nun exklusiv auf dem Portal startendem Atlantis. Es sind alles Filme, die auf ihre Art die Austerität eines auf den ersten Blick spröde daherkommenden Minimalismus zelebrieren – mit oft langen ungeschnittenen Einstellungen, Totalen, wenig bis keiner Musik und wenigen Dialogen. Sicher, das erfordert Geduld. Aber gerade in dieser Ruhe entfalten sich die Kraft und die Möglichkeit, ohne ästhetische Spielereien zu erzählen und unvergessliche Bilder zu schaffen.

Eines der unvergesslichen Bilder von Atlantis, bei dem Wassjanowytsch in Personalunion neben der Regie auch das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt verantwortet, ist eine der ungewöhnlichsten Badewannen der Kinogeschichte: eine Baggerschaufel inmitten einer kriegsgeschundenen, von Minen und den Überresten gefallener Soldaten geprägten Trümmerlandschaft. Mit großer Akribie bereitet Sergiy (Andrii Rymaruk), der breitschultrige, kriegstraumatisierte Held des Films, sich hier sein Bad vor. In der ungeschnitten gezeigten Sequenz läuft er hin und her zwischen seinem klobigen Tanklastwagen und der Schaufel, lässt Wasser ein und entfacht ein Feuer unter seiner „Wanne“, in die er zuletzt endlich hineingleitet.

Dieser gelebte Genuss inmitten der Trümmer ist ein „leichterer“ Moment in diesem Film, der von den zerstörerischen Folgen eines Krieges handelt, den Wassjanowytsch in der nahen Zukunft ansiedelt: 2025, ein Jahr nach Ende des ukrainisch-russischen Kriegs, so steht es da zu Beginn des Films. Weltpremiere feierte der Film 2019 in Venedig, wo er in der Sektion Orizzonti als bester Film ausgezeichnet wurde.

Was macht der Konflikt zwischen ukrainischer und russischer Armee samt den prorussischen Milizen mit dem Land? Wassjanowytsch antwortet darauf filmisch mit postapokalyptisch anmutenden Tableaus. Alles ist kaputt: das Land eine unbewohnbare Wüste mit saurem Grundwasser, die Wirtschaft am Boden. Und Sergiy, der schweigsame Ex-Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung, findet nicht ins Leben nach dem Krieg zurück. Mit einem Kumpel übt er noch immer das Schießen im Wettbewerbsmodus auf Eisenfiguren, abends putzt er seine Pistolen.

Crowdfunding für Soldaten

Nachdem die alte Schmelzhütte, in der er arbeitet, von dem amerikanischen Boss geschlossen wurde, fängt Sergiy an, auftragsmäßig Wasser in die Trümmerlandschaft zu fahren. Wie ein Neo-Stalker – man muss unweigerlich an die „Zone“ aus Andrei Tarkowskis Klassiker von 1979 denken – schiebt er sich mit seinem Gefährt durch die Landschaft, die von der Armee nach Minen abgesucht wird. Das tote Land erscheint zugleich wie ein Spiegel für die geschundene Seele Sergiys und die seiner Nation. Gestrandet mit einem klapprigen Transporter, trifft Sergiy auf die Rettungshelferin Katja (Ljudmila Bileka), die Soldatenleichen im Auftrag der Black Tulip Mission exhumiert, die versucht, die Umstände ihres Todes zu ermitteln und sie zu beerdigen. Es ist eine Begegnung, wie nur das Kino sie erzählen kann: romantisch trotz aller Zerstörung drum herum.

Inspirieren ließ sich Wassjanowytsch von Geschichten um die katastrophale Verschlechterung der Wasserqualität in den aktuell besetzten Gebieten in der Ostukraine. Überhaupt verbindet er in Atlantis geschickt Realität und Fiktion: Hauptdarsteller Rymaruk war frisch aus dem Krieg zurückgekehrt und arbeitete bei der Nichtregierungsorganisation Come Back Alive, die ukrainischen Soldaten im Krieg im Donbass mittels Crowdfunding hilft. Auch die humanitäre Organisation Black Tulip existiert wirklich. „War is not over until the last soldier is buried“, heißt es auf deren Homepage.

Wassjanowytsch umrahmt die realen Elemente mit einer Zukunftsvision, die von seiner Kamera größtenteils in strengen Totalen eingefangen wird. Doch so düster es in Atlantis zwischendurch zugehen mag, wohnt dem Geschehen auch eine faszinierende Poesie inne.

So ist Atlantis einerseits ein Film über die Verheerungen eines Krieges: Tod überall, lange Einstellungen, in denen Reste von Leichen von Ärzten derBlack-Tulip-Organisation sorgfältig katalogisiert werden, eine wie vergiftet wirkende Landschaft und zerstörte Gebäude, in denen Sergiy nach Spuren seiner Vergangenheit sucht. Doch gleichzeitig findet Wassjanowytsch noch im Morbiden Momente von Bezauberung und sogar Humor. Einmal folgt durch einen abrupten Schnitt auf eine Leichenbestattung ein Abendessen, quasi von der Mumie zur Stulle. Es muss ja weitergehen!

Zugleich nämlich, und das verleiht diesem in vielem so düsteren Film einen fast anrührenden Lichtblick, erzählt Atlantis davon, dass aus Trümmern etwas Neues erwachsen kann. Genau das manifestiert sich in einer weiteren unvergesslichen Szene. Auch sie hat mit dem Wasser zu tun, diesmal ist es ein im Sturzregen stecken gebliebener Transporter mit einem Paar Scheibenwischer, die wild dagegen anzukämpfen versuchen, während eine der wenigen Kamerabewegungen des Films das „Aufwallen“ einer Emotion einfängt, die den Zuschauer in ihrer Plötzlichkeit überrascht. Atlantis ist ein Film, der zum Hinschauen nötigt und doch belohnt. In der Langsamkeit liegt die Magie.

Info

Atlantis Walentyn Wassjanowytsch Ukraine 2019, 106 Minuten, Anbieter: MUBI

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06:00 23.05.2021

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