Von der "Schikanepromenade" in die Zwangsarbeit

Erfahrungsbericht Der Arbeitseinsatz der Berliner Juden 1938-1943 und die Erinnerungen der Volkswirtin Elisabeth Freund

Ganz frische Erinnerungen" erbat die achtzehnjährige Tochter Clare im ersten Brief, der ihre Eltern im Exil erreichte. Im November 1941 war Elisabeth Freund mit ihrem Ehemann Rudolf in Havanna eingetroffen. Hinter ihnen lagen die Erfahrungen im nationalsozialistischen Berlin, wo sich die Bewegungsräume für die jüdische Bevölkerung seit den Novemberpogromen von 1938 immer weiter verengt hatten; und hinter Elisabeth Freund lagen sechs Monate Zwangsarbeit, zunächst in einer Köpenicker Großwäscherei, dann in der Metall- und Elektrowarenfabrik Ehrich Graetz in Berlin-Treptow. Um den zerrissenen Zusammenhang zwischen sich und den drei noch im Januar 1939 nach England verschickten Kindern wiederherzustellen, aber auch um ihre quälenden Erinnerungen zu verarbeiten, entschloss sich die diplomierte Volkswirtin zur Niederschrift ihrer Erlebnisse als Zwangsarbeiterin.

Quälende Erinnerung

Dieser Entscheidung verdanken wir eine ganz außergewöhnliche Quelle über den so genannten geschlossenen Arbeitseinsatz deutscher Juden.(*) Elisabeth Freund schrieb ihre Erinnerungen in den ersten Wochen ihrer kubanischen Internierung nieder: "Während die meisten anderen Flüchtlinge anfingen, gesünder auszusehen, war ich noch immer in Berlin, jedenfalls in Gedanken, und erlebte alle Schrecknisse dort noch einmal." Noch vor Weihnachten 1941 setzte sie den Schlusspunkt unter ihr fast 200seitiges Manuskript. Es sollte, so war ihr Anspruch, "so objektiv und unpersönlich" sein, "wie es unter den Umständen möglich war". Ein hohes Maß an Objektivität und Aussagekraft erhält dieser Bericht tatsächlich durch seine präzise Beschreibung aller Arbeitsbedingungen: der technischen Ausrüstungen, der Schutzmaßnahmen beziehungsweise ihrer Vernachlässigung, der Entlohnung, der Hierarchie und der Menschenführung und nicht zuletzt der kollegialen Umgangsformen. Noch in ihrer bedrängten Situation vergleicht Elisabeth Freund selbstreflektiert und vorurteilslos zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Arbeitskräften, zwischen Vorgesetzten und Kollegen, zwischen Männern und Frauen. Dass sie darüber hinaus ihre eigenen Erfahrungen in zwei so unterschiedlichen Betrieben vergleichen kann, lässt die Arbeitsbedingungen der jüdischen Dienstverpflichteten bei der Elektrofirma Ehrich Graetz in ihren besonderen, typischen und allgemeinen Aspekten umso deutlicher hervortreten.

Es ist kein Zufall, dass die am 16. September 1898 in Breslau geborene Elisabeth Freund ihre Erlebnisse nicht nur aus der unmittelbaren Perspektive der betroffenen, rassisch diskriminierten Arbeiterin zu berichten vermag, sondern gleichzeitig den distanzierten Blick der Fachfrau mobilisiert. Elisabeth Freund war eine Anhängerin der in den zwanziger Jahren populären Bewegung zur Haushaltsrationalisierung und brachte 1930 eines der ersten für Frauen bestimmten Selbsthilfebücher unter dem Titel Hausfrau, hilf dir selbst auf den Markt. In einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen, heiratete sie nach Abschluss ihres Volkswirtschaftsstudiums 1922 den über 20 Jahre älteren, entfernt verwandten Juristen Rudolf Freund. Beide stammten aus alteingesessenen jüdischen Familien mit vielen Akademikern. Wie so oft im jüdischen Bildungsbürgertum standen sie der jüdischen Religion fern und fühlten sich vor allem dem "Gedankenkreis der deutschen Kultur" verbunden. Obwohl selbst nicht getauft, schickte das Ehepaar die drei Kinder Clare, Ursula und Rudolf Ernst in den protestantischen Religionsunterricht und pflegte Kontakt zur Dahlemer Annen-Gemeinde, die 1934 ein Zentrum der Bekennenden Kirche wurde. Die Situation der Familie verschlechterte sich, als Rudolf Freund im Rahmen der nationalsozialistischen Berufsverbote 1937 und 1938 zunächst die Betätigung als Anwalt und schließlich auch als Wirtschaftsprüfer untersagt wurde.

Die Freunds schickten die drei Kinder vorsorglich nach England und betrieben nun nachdrücklich ihre Auswanderung in die USA. Ein leitender Mitarbeiter der Berliner Handelsgesellschaft, bei der Rudolf Freund vormals tätig gewesen war, vermittelte schließlich den entscheidenden Kontakt zur Gestapo, durch den das Ehepaar Freund im Oktober 1941 doch noch die Ausreiseerlaubnis erhielt und mit einem der letzten Auswanderungszüge Deutschland verlassen konnte. Über Portugal gelangten sie nach Kuba, wo sie zunächst interniert wurden. Erst 1944 erhielten die Freunds das Einwanderungsvisum in die USA, zwei Jahre später trafen sie dort mit ihren Kindern zusammen. Während Rudolf Freund im Krieg die Familie als Buchhalter über Wasser hielt, wurde nach seiner Entlassung Elisabeth Freund die Haupternährerin. Nach dem Tod ihres Mannes 1959 widmete sie sich der Blindenpädagogik. Elisabeth Freund starb am 4. November 1982 in Rochester, New York.

Verengte Bewegungsräume

Acht Monate bevor Elisabeth Freund in Havanna ihre Schreibmaschine wegräumte, war sie im April 1941 in die in der Kreuzberger Fontanepromenade ansässige "Zentralstelle für Juden" der Berliner Arbeitsverwaltung bestellt worden, die von den Betroffenen nur "Schikanepromenade" genannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die vorletzte Etappe der Verfolgung der Berliner Juden bereits begonnen. In Berlin lebten 1933 über 160.000 von etwa einer halben Million Menschen, die sich im Deutschen Reich zum jüdischen Glauben bekannten. Hinzu kamen diejenigen, die unabhängig von ihrer Glaubensrichtung von den nationalsozialistischen Rassengesetzen als Juden definiert wurden. Deutlich mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung waren Frauen, und über 30 Prozent der Männer und Frauen waren älter als 45 Jahre. Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus im Mai 1945 lebten in Berlin nur noch sechs- bis achttausend Juden, etwa gleich viele Frauen und Männer.

Die gegen Juden gerichtete Arbeits- und Berufspolitik war Teil der unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einsetzenden Verdrängungs- und Verfolgungspolitik, die alle Lebensbereiche von der Wohnung über die Gesundheit, Fürsorge, Schule, den Konsum und die Kultur bis hin zur Raumplanung der Reichshauptstadt erfasste. Antijüdische Maßnahmen in der Arbeits-, Sozial- und Wohnungspolitik griffen ineinander und verschärften sich gegenseitig, auch wenn sie sich manchmal widersprachen. Sie gehorchten zumindest bis zu den Novemberpogromen von 1938 keinem in sich kohärenten Plan und waren keineswegs immer "von oben" verordnet. Vielmehr entwickelten viele untergeordnete Dienststellen, allzu beflissene Beamte, neidische Nachbarn und missgünstige Kollegen einen grausamen Erfindungsreichtum, wenn es darum ging, jüdische Schulkinder, Patienten oder Unterstützungsempfänger zu demütigen und sich auf Kosten jüdischer Geschäftskonkurrenten, Berufskollegen oder Nachbarn einen billigen Vorteil zu verschaffen.

In Berlin begann die antijüdische Arbeitspolitik in den ersten Monaten des "Dritten Reiches". Noch bevor das Berufsbeamtengesetz vom 7. April 1933 mit seinem "Arierparagraphen" auch nur formuliert war, hatten zahlreiche städtische Behörden jüdische Ärzte und Ärztinnen, Richter, Staatsanwälte, Professoren, Lehrerinnen und Lehrer, Fürsorger und Fürsorgerinnen entlassen. Krankenkassen, Versicherungen und andere Einrichtungen folgten diesem Beispiel. Am 1. April 1933 fand die reichsweite "Boykott-Aktion" gegen jüdische Geschäfte, Arzt- und Anwaltspraxen statt. Bei öffentlichen Ausschreibungen wandten Berliner Behörden den "Arierparagraphen" auch auf jüdische Unternehmen und Zulieferfirmen an. Jüdische Firmen wurden in perfider und offiziell gebilligter Weise vom Markt verdrängt oder "arisiert", jüdische Beschäftigte entlassen.

"Geschlossener Arbeitseinsatz"

Nach dem Novemberpogrom konzentrierte sich die soziale Trennung auf die unmittelbare Lebensumwelt der jüdischen Bevölkerung. Der über privilegierte Wohngegenden verhängte "Judenbann" sollte die Juden in bestimmte Bezirke abdrängen; eingeschränkte Einkaufs- und Sprechzeiten in Behörden sie aus dem öffentlichen Raum verbannen. Auch beim Arbeitseinsatz galt das Separierungsgebot. Am 20. Dezember 1938 ordnete der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung reichsweit den "geschlossenen Arbeitseinsatz" für jüdische Erwerbslose und Unterstützungsempfänger an, deren Zahl auf Grund der Verdrängungspolitik erheblich gestiegen war. Wie der Einsatz geschlossener jüdischer Kolonnen praktisch zu bewerkstelligen sei, wurde bis zuletzt nicht im Einzelnen geregelt. Dies bereitete den anfangs ausschließlich öffentlichen Arbeitgebern einige praktische Schwierigkeiten und öffnete der Willkür Tür und Tor.

Im Frühjahr 1940 begannen die Vorbereitungen für den Zwangsarbeitseinsatz aller arbeitsfähigen jüdischen Frauen und Männer in Berlin, unabhängig davon, ob sie Wohlfahrtsunterstützungen bezogen oder nicht. Männer im Alter zwischen 18 und 55 Jahren und Frauen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren mussten sich bei der Jüdischen Gemeinde registrieren lassen, um für den "geschlossenen Arbeitseinsatz" in der Berliner Wirtschaft herangezogen zu werden. Im Sommer 1940 schätzte die Arbeitsverwaltung von den noch 72.000 jüdischen Einwohnern Berlins 25.000 Frauen und 18.000 Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren als arbeitsfähig ein. Ohne die Altersgrenzen sonderlich ernst zu nehmen, rekrutierte die Zentralstelle für Juden bis November 1940 einen großen Teil von ihnen und wies sie der Berliner Stadtverwaltung für Bau- und Abrissarbeiten, verstärkt jedoch auch Industrieunternehmen zu. So beschäftigten die Berliner Siemenswerke bereits im April 1940 500 zwangsverpflichtete jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter; ein halbes Jahr später waren es bereits 1.300 und im Herbst 1941 mehr als 3.000. Die zwangsverpflichteten Arbeiter und Arbeiterinnen wurden dort in teils separaten, teils mit "verstellbaren Trennwänden" abgeteilten Werkhallen eingesetzt. Die Firma Ehrich Graetz richtete vermutlich im Dezember 1940 die erste Judenabteilung ein. Auch Elisabeth Freund berichtet von allerlei organisatorischen Improvisationen und zeitraubenden Schikanen zur Separierung der Juden, die die eingespielten Arbeitsabläufe störten.

Im März 1941 nahmen die Deportationspläne, angetrieben durch die für den Umbau der Reichshauptstadt vorgesehenen Räumungsaktionen des Generalbauinspektors, Albert Speer, konkretere Gestalt an. Zugleich wurde die Zwangsarbeitspolitik gegen die Berliner Juden erneut verschärft. Entgegen den bisherigen Maximen sollten sie nicht mehr zur Auswanderung getrieben, sondern bis zu ihrer nunmehr geplanten Deportation als Arbeitskräfte herangezogen werden. Die jüdischen Kultureinrichtungen und Umschulungskurse, in denen sich Frauen und Männer, halbwüchsige Mädchen und Jungen mit einer praktischen beruflichen Ausbildung auf die erhoffte Auswanderung vorbereiteten, wurden geschlossen, das freigesetzte Personal, die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Unter ihnen war auch Elisabeth Freund, die gerade noch ihren Fotografie-Lehrgang beenden konnte.

Im Juli 1941 waren ungefähr 26.000 bis 28.000 Berliner Juden, darunter 45 Prozent Frauen, im Zwangsarbeitseinsatz beschäftigt. Sie wurden noch vor der Einführung des "Judensterns" mit einer zumeist gelben Armbinde gekennzeichnet, die es erleichtern sollte, ihren geschlossenen Einsatz im Betrieb, ihre Isolierung von den "arischen" Kolleginnen und Kollegen durchzusetzen. Der Arbeitseinsatz und ihre von den meisten Unternehmen durchaus geschätzte Arbeit schützte diese Menschen entgegen ihren Hoffnungen nur vorübergehend vor den Deportationen, die im Oktober 1941 begannen.

In manchen Betrieben wie bei Siemens Halske waren es die jüdischen Arbeiter selbst, die die inzwischen nach Deutschland deportierten polnischen Arbeitskräfte noch als ihre Nachfolger anlernen mussten, bevor sie selbst nach Polen verschleppt wurden. Am 27. Februar 1943 wurden die letzten in den Berliner Betrieben verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, wenn sie nicht wie einige wenige rechtzeitig untergetaucht waren, in einer von der Gestapo in Zusammenarbeit mit dem Werkschutz der Unternehmen vorbereiteten Aktion bei Schichtbeginn am Arbeitsplatz zusammengetrieben und abtransportiert. Nur noch die in so genannten Mischehen mit nicht-jüdischen Partnern lebenden Männer und Frauen und die Kinder aus solchen Ehen durften "legal" in Berlin bleiben und wurden weiterhin zur Zwangsarbeit herangezogen.

Freiheitsberaubung

Ihren Erfahrungsbericht überschrieb Elisabeth Freund ganz selbstverständlich mit dem Wort "Zwangsarbeit". Unter jüdischen Frauen und Männern in Berlin war Zwangsarbeit 1941 schon längst das übliche "Enttarnwort" für das geworden, was von den Behörden "Dienstverpflichtung" genannt wurde. Fungierte "Zwangsarbeit" als subversiver Begriff, der die beschönigenden Umschreibungen untergrub, so gebrauchte die Minderheit derjenigen, die nach den rassistischen Regeln der Nürnberger Gesetze als "Juden" stigmatisiert wurden, ganz selbstverständlich das herrschaftssprachliche Wort "Arier" zur Kennzeichnung der Mehrheit der Nichtjuden.

Von Einschränkungen der beruflichen Freizügigkeit waren nicht nur Juden bedroht, sondern auch "Arier", insbesondere "arische" Frauen. Dennoch bedeutete sie für beide Gruppen Unterschiedliches. "Arische" Frauen konnten Mittel und Wege finden, sich der Dienstverpflichtung zu entziehen. Jüdische Frauen und Männer hatten keinerlei Ausweichmöglichkeiten. Wenn sie von Zwangsarbeit sprachen, empörten sie sich vor allem über ihre Freiheitsberaubung, die die bereits erfahrenen Drangsalierungen noch verschärfte: "Eine Arierin arbeitet hier ja nur, wenn sie will", zitiert Elisabeth Freund eine ältere Kollegin in der Wäscherei. "Wenn sie es nicht aushält, geht sie eben in eine andere Fabrik. Eine Arierin kann kündigen, wenn die Arbeit über ihre Kräfte geht."

Eine andere Ebene der Wahrnehmung von Zwangsarbeit als solcher war der Vergleich der eigenen Arbeitsbedingungen mit denen der nichtjüdischen Beschäftigten im selben Betrieb. Elisabeth Freund nutzte jede Gelegenheit, um herauszufinden, welche Arbeitsbedingungen zwar hart und strapaziös waren, aber jüdische und nichtjüdische Arbeiterinnen gleichermaßen betrafen, wann jüdische Arbeiterinnen durch behördliche Anordnungen oder betriebliches Management gezielt schlechter behandelt wurden und wo sich nichtjüdische Arbeiterinnen und Vorgesetzte auf Kosten der Zwangsarbeiterinnen einen eigenen Vorteil verschafften. Der spezifische Erfahrungsraum jüdischer Zwangsarbeit verdichtete sich in den als ungerecht empfundenen Schlechterstellungen und den daraus resultierenden Ohnmachtgefühlen.

Dabei waren Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten nicht nur rassistisch, sondern auch geschlechtsspezifisch ausgeformt. Allgemeine Arbeitsschutzbestimmungen wurden sowohl für jüdische Männer wie für jüdische Frauen eingeschränkt und später vollends aufgehoben. Spezielle Schutzregelungen für Frauen wurden zuerst für deutsche jüdische Zwangsarbeiterinnen, dann für "Ostarbeiterinnen" und andere "fremdvölkische" Frauen nach und nach außer Kraft gesetzt. Die Einhaltung der jeweils noch bestehenden Vorschriften wurde kaum überwacht, für KZ-Häftlinge schließlich galten sie überhaupt nicht mehr. Das machte die ungeschützten Arbeitskräfte und insbesondere die Zwangsarbeiterinnen und Fremdarbeiterinnen im Gegensatz zu deutschen nicht-jüdischen Frauen nicht nur attraktiv für deutsche Unternehmen, sie bot auch die Möglichkeit, besonders unangenehme Arbeitsvorgänge oder unbeliebte Arbeitszeiten auf die "jüdische Schicht" abzuschieben.

Für die Ökonomin Elisabeth Freund war die nach "Rasse" differenzierende Berechnung der Löhne ein betriebswirtschaftlich besonders markantes und für die meisten ihrer Kolleginnen auch besonders hartes Instrument der Diskriminierung. Deutlich sah sie, dass die meisten der jüdischen Zwangsarbeiterinnen mit dem weit unter dem "arischen" Niveau liegenden Lohn, der noch dazu von besonderen Steuern dezimiert wurde, nicht existieren konnten. Sie wurden durch ihre Dienstverpflichtung vielmehr gezwungen, bisher einträglichere Arbeiten in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden auszuüben beziehungsweise ganz aufzugeben, weil sie die extremen Mehrfachbelastungen auf Dauer nicht durchhalten konnten. Ein großes, mit realen materiellen Nachteilen verbundenes Hindernis war die Zwangsarbeit gerade für Frauen mit Familie, die neben der Fabrikarbeit noch den Alltag organisieren mussten und unter den ohnehin schikanösen Lebensumständen - reduzierte Lebensmittelrationen, beschränkte Einkaufszeiten u. ä. - litten. Wer wie das Ehepaar Freund dabei noch seine Ausreise betrieb, geriet in große zeitliche und ökonomische Engpässe.

Zwangsarbeit bedeutete indes für Juden 1939/40 nicht dasselbe wie 1944 und 1945; sie sah in einer Berliner Fabrik anders aus als im Steinbruch von Mauthausen. Die nach den im Oktober 1941 beginnenden und über das Jahr 1942 hin anhaltenden Deportationen der noch in Berlin verbliebenen jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter wurden bei der "Fabrik-Aktion" vom 27. Februar 1943 aus den Fabriken, wo sie sich gezwungenermaßen aufhielten, geschlossen in die Konzentrationslager deportiert. Für sie wurde das Werk zum Sammellager; die Zwangsarbeit, die ihnen ein weiteres Stück Freiheit geraubt hatte, bereitete letztlich ihre Inhaftierung und Vernichtung vor. Anders sah es für die weiblichen und männlichen KZ-Häftlinge aus, die in den Lagern und Außenkommandos arbeiten mussten und die seit Mitte 1944 beispielsweise von Auschwitz nach Deutschland und auch nach Berlin gebracht wurden, um in Fabriken, in Bergwerken und auf Baustellen zu arbeiten. Für diese "Sklavenarbeiter", wie Benjamin Ferencz sie bezeichnete, ging es längst nicht mehr um Freiheit, sondern nur noch um das Überleben von einem Tag zum nächsten. Zwangsarbeit konnte unter diesen Umständen beides bedeuten: Untertage oder bei Bauarbeiten ohne Rücksicht auf die Witterung in kürzester Zeit zu Tode geschunden zu werden oder an einem halbwegs sauberen und geheizten Arbeitsplatz bessere Überlebenschancen zu haben und vielleicht die Befreiung zu erleben.

Jeder Überlebende hat seinen Zufall

"Fast jeder Überlebende hat seinen ›Zufall‹", schreibt die Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger, "das Besondere, Spezifische, das ihn oder sie unvermutet am Leben erhalten hat." Dass Elisabeth Freund der Zwangsarbeit und zusammen mit ihrem Ehemann der bereits beschlossenen Deportation entkommen konnte, hing ebenfalls von Zufällen ab, doch diese Zufälle waren gebunden an die Einmischungen, Entscheidungen und Handlungen von anderen Menschen. Es war zufällig, dass Rudolf Freund auf der Straße den Bankier und früheren Geschäftsfreund traf. Aber es war dessen Entscheidung, sich bei der Gestapo für das jüdische Ehepaar einzusetzen. Es war nicht weniger zufällig, dass Elisabeth Freund nach ihrem körperlichen Zusammenbruch von der Großwäscherei in die Elektrowarenfabrik Ehrich Graetz und dort zuletzt noch von der Schrauben- in die Petroleumabteilung versetzt wurde. Aber es war die Entscheidung des neuen Meisters, trotz gegenteiliger Bestimmungen die ihm gerade erst zugewiesene Zwangsarbeiterin zu entlassen und ihr in seinem Einflussbereich die Hindernisse bei der Ausreise aus dem Weg zu räumen. Auf der anderen Seite war es kurz zuvor die Entscheidung des anderen Meisters aus der Schraubenabteilung gewesen, dieser Zwangsarbeiterin die bescheidene Bitte abzuschlagen, wegen ihrer Ausreiseformalitäten nur eine Stunde früher nach Hause gehen zu dürfen.

Im Unterschied zu den Funktionshäftlingen in den Konzentrationslagern handelten der Meister in der Petroleumabteilung und der Bankier in Berlin nicht unter unmittelbarer existentieller Bedrohung. Was sie taten, setzte nicht mehr als ein durchschnittliches Maß an Einfühlung und die Bereitschaft voraus, die bedrängte Situation des Gegenübers wahrzunehmen und ihm im Rahmen des eigenen Spielraums entgegenzukommen. Heldentaten erwartete Elisabeth Freund ebenso wenig von ihren "arischen" wie von ihren jüdischen Bekannten, Nachbarn und Kollegen und sah auch sich selbst nicht als Heldin. Sie verschwieg auch nicht, wenn, was nur allzu nachvollziehbar war, Angehörige der existentiell verfolgten Minderheit in ihrer Bedrängnis die Nerven verloren. Doch die Gefühllosigkeit, Gemeinheit und Korruptheit, die unterschwellige und mehr als einmal auch offene Aggressivität, die sie beobachtete und die ihr persönlich von Angehörigen der vergleichsweise unbedrohten Mehrheit entgegengebracht wurden, waren ein Phänomen, das sie nicht nur als persönlichen Affront wahrnahm. Es beunruhigte sie auch intellektuell. Denn sie spürte, dass Unwissenheit oder lückenhafte Bildung, die sie als Argumente besonders dann heranzog, wenn sie das perfide zwischenmenschliche Verhalten einzelner Frauen oder ihre Identifikation mit dem NS-Regime verstehen wollte, dies nicht hinreichend erklärten.

Mit der Zwangsarbeit von jüdischen Männern und Frauen brach der Rassismus in den betrieblichen Alltag ein und zwang alle, die mit ihnen als Vorgesetzte oder Kollegen in Berührung kamen, sich dazu zu verhalten. Es entstanden vielfältige Beziehungsgeflechte. Sie beförderten manchen der wenigen "unabkömmlich" gestellten "arischen" Arbeiter, die vom Kriegsdienst verschont blieben, in eine unerwartete Vorrangstellung gegenüber jüdischen oder "fremdvölkischen" Untergebenen. Die neuen rassistischen Machtverhältnisse wurden mancherorts aber auch in das traditionelle Hierarchiegefüge zwischen Meister und Auszubildenden, Vorarbeiter und Arbeiter eingepasst. Ein sicherlich seltenes Beispiel dafür bietet die Geschichte Manfred Oppenheims, der nicht nur das "Dritte Reich" überlebte, sondern seine bei Ehrich Graetz erworbenen Qualifikationen nach dem Krieg nutzen und eine eigene Elektrowerkstatt in München gründen konnte.

Als Frau in der "Judenschicht"

Unmittelbar abhängig war Elisabeth Freund als Zwangsarbeiterin von ihren Vorarbeitern und Vorarbeiterinnen, die ihr die Regeln des Betriebsablaufs erklären oder sie ins Messer laufen lassen konnten, die unter Umständen ihren Arbeitsplatz bestimmen oder sie bei Fehlern sachlich oder diffamierend rügen konnten. Drei der vier Vorarbeiterinnen, mit denen sie es in der Wäscherei zu tun bekam, verhielten sich beleidigend und schikanierten die ihnen untergeordneten Frauen. Bei den Männern, die als Meister, Abteilungsleiter und Direktor die höheren Ränge in der Betriebshierarchie einnahmen, war es dort nicht viel besser. Nur der Abteilungsleiter kam ihr zu Hilfe, während der Meister ihrem körperlichen Zusammenbruch spöttisch zusah und der Direktor sich immer neue Schikanen für die "Judenschicht" ausdachte. Vielleicht lag es an der zum Teil äußerst schmutzigen und entsprechend gering geschätzten Arbeit, an den auch für die "arischen" Arbeiterinnen körperlich harten Arbeitsbedingungen, dass in diesem Frauenbetrieb der inhumane Führungsstil der männlichen Betriebsleitung bis hinunter zu den Vorarbeiterinnen das "Betriebsklima" vergiftete und sich sogar noch auf die Haltung der "arischen" Arbeiterinnen auswirkte, die sich auf Kosten der "jüdischen Schicht" ein paar Arbeitserleichterungen verschafften.

Bei Ehrich Graetz dagegen hatte Elisabeth Freund fast nur männliche Vorarbeiter, mit denen sie durchweg keine schlechten Erfahrungen machte. Der Personalchef behandelte sie mit einer selbstverständlichen Höflichkeit, die sie nach ihren vorhergehenden Erfahrungen nicht mehr erwartet hatte. Auch die Meister, mit denen sie zusammentraf, verhielten sich ihr gegenüber nicht nur so wie gegenüber allen anderen Arbeitern und Arbeiterinnen, sondern gaben auch des öfteren zu verstehen, dass sie mit den verordneten antijüdischen Diskriminierungen und Schlechterstellungen nicht übereinstimmten, und versuchten hier und da, mildernd einzugreifen. Dass ein solches Verhalten auch in diesem Betrieb nicht selbstverständlich war, zeigt das gegenteilige Beispiel des Meisters in der Schraubenabteilung, der Elisabeth Freund eine Urlaubsstunde verweigerte. Solche Personen waren gefährlich: für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter allemal, aber auch für die "arischen" Kollegen, die ihre Sympathie oder Hilfsbereitschaft allzu offen zeigten. Von den "arischen" Männern, mit denen Elisabeth Freund bei Ehrich Graetz zusammenarbeitete oder auf die sie sonst im Betriebsablauf traf, erfuhr sie mit einer Ausnahme durchweg ein freundliches, hilfsbereites und gelegentlich solidarisches Verhalten, während die wenigen Begegnungen mit "arischen" Frauen, zwei Vorarbeiterinnen, einer Vorzimmerdame und der Betriebskrankenschwester, eher zwiespältig bis negativ waren.

Daraufhin befragt erinnerte sich auch die ehemalige Siemens-Zwangsarbeiterin Gerda B. an die auffällige geschlechtsspezifische Diskrepanz im Verhalten von Vorarbeiterinnen und Vorarbeitern. Obwohl die Arbeit in der kleineren, an die Werkhalle anschließenden Montagehalle relativ sauber war und im Sitzen erledigt werden konnte, schilderte Gerda B. die dort üblichen Beziehungen zwischen Zwangsarbeiterinnen und "arischen" Vorarbeiterinnen als unerträglich und charakterisiert letztere als "aggressiv", "schikanös" und "niederträchtig". Dagegen habe unmittelbar nebenan zwischen den jüdischen Frauen, die an den teilweise nur unter körperlichen Schmerzen zu bedienenden, schweren und veralteten Drehbänken eingesetzt wurden, die üblicherweise Männern vorbehalten waren, und ihren "arischen" Vorarbeitern durchweg bestes Einvernehmen, wechselseitige Solidarität und eine "erotisch aufgeladene" Atmosphäre geherrscht.

Fabrikordnung

Offenbar wurden die Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Männern und Frauen nicht nur von den Arbeitsbedingungen und dem herrschenden Führungsstil geprägt. Jüdische Zwangsarbeiterinnen galten offiziell als "minderwertig" und in diesem Sinne als andere Arbeitskräfte, zu denen sich "arische" Männer und Frauen unterschiedlich in Beziehung setzten. Arbeiterinnen, die sowieso am unteren Ende der Betriebshierarchie rangierten, und Vorarbeiterinnen, die sich nur wenig emporgearbeitet hatten, konnten sich über ihre Geschlechtsgenossinnen nur dann erheben, wenn sie sich die rassistische Stigmatisierung der Zwangsarbeiterinnen, die meist aus höher bewerteten Berufen oder gehobenen sozialen Schichten kamen, als Jüdinnen zu Eigen machten. Arbeiter und mehr noch Vorarbeiter und Meister mussten Zwangsarbeiterinnen hingegen nicht als "minderwertige" Jüdinnen wahrnehmen, sondern konnten sie schlicht als Frauen betrachten, denen sie sich ganz selbstverständlich und von der Betriebshierarchie abgesichert überlegen fühlen konnten. Wurde im Rahmen des rassistisch geprägten Arbeitsregimes die herrschende Fabrikordnung durcheinander gewirbelt - etwa indem die Zwangsarbeiterinnen nun schwere "Männerarbeit" verrichten mussten -, äußerten die Männer öfter ihren Unmut und versuchten gelegentlich, durch "ritterliches" Verhalten die Dinge wieder ins richtige (Geschlechter-) Verhältnis zu setzen.

Hinter der Geschichte die Schicksale

Die Art der Arbeit, der Führungsstil, die Betriebshierarchie und das Geschlecht strukturierten die Handlungsspielräume der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Meister und der Chefs. Aber diese Strukturen beließen den "arischen" Männern und Frauen im Betrieb nicht nur ein Spektrum von Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit den jüdischen Kolleginnen und Kollegen. Eher prägten die Art und Weise, wie diese Spielräume genutzt wurden, das alltägliche soziale Handeln von nichtjüdischen Frauen und Männern gegenüber rassistisch verfolgten Arbeitskollegen auch ihrerseits die Strukturen und das jeweilige Betriebsklima. Die Handlungsspielräume für die jüdischen Arbeiterinnen waren hingegen minimal. Vielmehr waren sie auf ein Minimum an Empathie und Entgegenkommen ihrer "arischen" Vorgesetzten, "Kolleginnen" und "Kollegen" angewiesen, um ihren unvergleichlich härteren Alltag durchstehen zu können. Vor allem aber verdeutlicht der Bericht von Elisabeth Freund, dass sich hinter der Geschichte der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, die mit der Zwangsarbeit jüdischer Deutscher begann und mit dem Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen aus ganz Europa endete, millionenfache Geschichten von individuellen Frauen und Männern verbergen.

(*) Als Zwangsarbeiterin 1941 in Berlin. Die Aufzeichnungen der Volkswirtin Elisabeth Freund. Berlin 1996, herausgegeben und kommentiert von Carola Sachse. Grundlegend zum "Arbeitseinsatz": Wolf Gruner: Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden. Zur Zwangsarbeit als Element der Verfolgung 1938-1943, Berlin 1997, und ders.: Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938-1945. Innsbruck 2000.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Eine Schachtel voller Schicksale

Die Überlieferungsgeschichte der 971 Fotos von insgesamt 502 Personen, 259 Männern und 243 Frauen, ist heute nicht mehr ganz eindeutig zu klären: Als kurz vor Kriegsende die Produktion bei Ehrich Graetz eingestellt wurde, kehrte die Personalmitarbeiterin Marta Wartmann an ihren Arbeitsplatz zurück und wurde von einer Kollegin auf eine Schachtel mit Fotos aufmerksam gemacht. Es handelte sich um Passbilder aus Personalakten und von Werkausweisen der jüdischen Zwangsarbeiter, die zwischen 1939 und 1945 in der Berliner Elsenstraße ansässigen Metall- und Elektrounternehmen zur Arbeit gezwungen und in ihrer Mehrzahl bei der sogenannten "Fabrik-Aktion" 1943 deportiert wurden. Hunderte der sogenannten "Mischlinge" und "Geltungsjuden" kamen in das Sammellager in der Berliner Rosenstraße. Davon und vom offenen Protest der nicht-jüdischen Frauen gegen die Inhaftierung ihrer Männer handelt der gerade anlaufende Film Rosenstraße von Margarethe von Trotta.

Wer die Fotos aus den Akten und Werkausweisen löste und in die Pergaminhüllen rettete, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Über Umwege erreichte diese einmalige historische Quelle das Jüdische Museum Berlin und ist dort in einer Dauerausstellung zu sehen. Der Bestand wird nun auch in einem Buch zugänglich gemacht, mit dem an ein vergessenes Stück jüdischer Geschichte in Berlin erinnert werden soll. Neben der vollständigen Dokumentation der Bilder schildert der Band Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich Graetz, Berlin-Treptow (Du Mont-Verlag, Köln) die Arbeits- und Alltagsbedingungen der Zwangsarbeiter, die Geschichte der Firma und stellt zehn Schicksale betroffener Männer und Frauen exemplarisch vor. Wir dokumentieren hier, leicht gekürzt, den einführenden Essay.

Das Buch wird am Freitag, 19. September 2003 um 11.30 Uhr im Jüdischen Museum vorgestellt werden. Gleichzeitig präsentiert der Nicolai-Verlag den Begleitband zu Margarethe von Trottas Film Rosenstraße. An der Veranstaltung nehmen Margarethe von Trotta, die Autoren und drei der ehemaligen Zwangsarbeiter von Ehrich Graetz teil.

00:00 12.09.2003

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