Von der Schwierigkeit, eine Fackel zu löschen

Im Gespräch Thomas Alkemeyer über das Gerangel um ein olympisches Ritual


Freitag:Der olympische Fackellauf kommt antik daher - obwohl die erste olympische Fackel aus Kruppstahl bestand und 1936 mit einem Zeiss-Spiegel entzündet wurde. Woher kommt das Ritual?
Thomas Alkemeyer: Einen olympischen Fackellauf in der Antike hat es in der Tat nie gegeben. Man streitet sich, ob der Fackellauf, uraufgeführt bei den Olympischen Spielen 1936, auf Carl Diem, den Chef des Organisationskomitees der Spiele zurückgeht, oder ob die Idee direkt aus dem Reichspropagandaministerium von Joseph Goebbels stammte. Carl Diem war kein NSDAP-Mitglied und galt lange als honorable Persönlichkeit, als führender Sportfunktionär schon seit der Weimarer Republik und Träger des modernen Wettkampfgedankens. Erst in den letzten 20 Jahren wurde Diems Vergangenheit kritisch rezipiert, unter anderem, weil bekannt wurde, dass er in den letzten Kriegstagen auf dem Berliner Olympiagelände in einer flammenden Rede an den Volkssturm appellierte, sich mit Sportsgeist, Opferbereitschaft und olympischem Heldenmut in den Kampf gegen die Rote Armee zu werfen.

Im Grunde spielt es keine entscheidende Rolle, ob in erster Linie Goebbels´ Propagandaministerium oder Diem Urheber des Fackellaufs war. Entscheidend ist, in welchem Geist er stand. Und hier fällt auf, dass es da Anknüpfungspunkte gibt: Der Rückgriff auf die Antike durchdringt sowohl den gesamten Kanon an Riten und Symbolen des neuzeitlichen Olympismus als auch eine bestimmte, sich seit 1936 durchsetzende Strömung der nationalsozialistischen Ästhetik und Symbolik. Wobei hier nicht die Antike Vorbild ist, sondern eine Vorstellung von ihr, die sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt hat.

In beiden Fällen interessierte nicht die Authentizität antiker Symbole oder Rituale, sondern allein deren Effekt, die Strahlkraft, die Wirkung auf das kollektive Imaginäre.

Deshalb ist ganz gleich, ob das ewige Feuer, das im Heiligtum in Olympia brannte, mal eben mit den Läufern verknüpft wurde, die - allerdings ohne Fackel - ausschwärmten, um den Zeitpunkt der Spiele bekannt zu geben - und dies wiederum mit der Idee eines Staffellaufs mit Fackeln vermischt wurde ...
Genau. Der Fackellauf funktioniert wie alle olympischen Rituale. Er ist breit interpretierbar und knüpft an alle möglichen Vorstellungen, Mythen und Riten an: an die Mythologie des Prometheus, der das von Zeus geraubte Feuer den Menschen wiederbringt, wenn man will, in einem anderen historischen Kontext, auch an germanische Feuerkulte. Indem er vielfältige Assoziationen und Deutungen zulässt, die in der kollektiven Erinnerung gespeichert sind, ist er besonders massenwirksam. Diese Vieldeutigkeit ist für die olympische Symbolik konstitutiv. Die Nationalsozialisten bemächtigten sich der Olympischen Spiele und trieben den Kult der Muskelreligion mitsamt ihren pseudoantiken Riten auf die Spitze. Den besonderen Bezug des nationalsozialistischen Deutschland zu den griechischen Spielen versuchten sie unter anderem zu untermauern, indem sie behaupteten, Olympia sei einst durch nordische Einwanderer begründet worden - und nun kehrte das olympische Feuer an seinen wahren Bestimmungsort zurück.

In der Folge wurde mit diesem nationalsozialistischen Erbe ebenso unkritisch wie kreativ umgegangen: In London stellt man den Fackellauf 1948 ohne Schwierigkeiten unter das Motto "Frieden", 1960 in Rom wird die Fackel sinnigerweise unter dem Motto "Antike" getragen, und 1968 laufen die Fackelträger "auf den Spuren von Kolumbus", um die alte mit der neuen Welt zu verbinden.
In der Geschichte der Olympischen Bewegung wurde die Idee des Fackellaufs nicht in erster Linie mit den Nazis in Verbindung gebracht - was man für anstößig gehalten hätte - vielmehr glauben viele, dieses Symbol gehöre von Beginn an zum modernen olympischen Ritual. Es wird vielleicht noch mit Diem assoziiert, der als ehrbarer Förderer des Sports galt, oder gleich mit Pierre Coubertin, der die neuzeitlichen olympischen Spiele als ein sportliches und kultisches Fest zur "gesellschaftlichen Heilung und Konsolidierung" begründet hatte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert machte er, passend zur Fin-de-Siecle-Stimmung der Zeit, für "die Dekadenz" und Zerrissenheit moderner Gesellschaften unter anderem deren visuell-symbolisches Vakuum verantwortlich - und entwickelte das olympische Zeremoniell mit Musik, Körperkult, Riten und Symbolen, das Schritt für Schritt weiter ausgebaut wurde. Der Fackellauf fügte sich da trefflich ein. Wenn Nationalsozialisten antimoderne Pseudomythologie einsetzen, um Weltheilung zu zelebrieren, ist das verdächtig. Wenn Coubertin als "Gründungsvater" der Olympischen Bewegung es tut, ist das etwas ganz anderes. Auch heute noch wird der "olympische Geist" gegen die "Zersetzung" des Sports durch Kommerz und Massenmedien als moralisch integer in Stellung gebracht. Kurz gesagt: Die Olympische Bewegung war 1936 begeistert vom Fackellauf. Es liegt auf der Hand, dass sie auch später nie ein Problem damit hatte, daran anzuknüpfen. Auch die Weltöffentlichkeit sah das ganz unverkrampft.

Das olympische Spektakel 1936 - samt Feuerentzünden, Weihestunde und Übergabe der Fackel an den Läufer - war medien- und massenwirksam. Es fällt auf: Ebenso wie die Anhänger der Deutschen und der deutschen Olympiade sich an den Ritualen begeisterten, schienen diese Gegenstand von Attacken politischer Gegner zu sein. Die griechische Linke rief seinerzeit dazu auf, den Fackellauf zu stören. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen um die Fackel - auch auf ihrem weiteren Weg. Beim "Prager Fackelattentat" gelang es den Gegnern, sie in ihre Gewalt zu bringen.
Sobald die Inszenierung eines Rituals zur Bühne für die Selbstdarstellungen politischer Machthaber wird, versuchen auch deren Gegner, sich dieser Bühne zu bemächtigen. Die Bühne wird zum Kampfplatz. Im selben Maße, in dem eine politische Macht ein Ritual für ihre Sache vereinnahmt, suchen auch ihre Gegner, es zu erobern. Es beginnt ein Kampf um die Definitions- und Deutungsmacht über das Symbol. Der Effekt ist, dass beide Seiten so seine Macht stabilisieren. Es wird - auch von den Gegnern - als etwas Bedeutendes anerkannt.

Die Fackelläufe haben sich im Lauf der Geschichte im Sinne eines Schneller-Weiter-Höher entwickelt. 1952 in Norwegen fuhr die Fackel Skibob, 1964 wurde sie mit dem Flugzeug überbracht, später flog sie in Überschallgeschwindigkeit, dann wurde sie beim Fallschirmspringen übergeben. Besonders beeindruckte ein Taucher, der es 2000 vorAustralien schaffte, die Fackel unter Wasser zu transportieren - natürlich ohne, dass die Flamme Schaden nahm. ...
Das gesamte olympische Geschehen folgt einer Steigerungslogik, einer Logik des Superlativs. Es geht um Überbieten auf allen Ebenen. Auf der Ebene des Sports wie auf der Ebene der Zermonielle, jeder Fackellauf muss den vorigen in den Schatten stellen.

Und während das Feuer immer weitere Entfernungen zurücklegt, verbuchen es die Gegner als Erfolg, wenn die Organisatoren die Strecke des Fackellaufs aus Sicherheitsgründen verkürzen müssen. Wie vor wenigen Wochen in Frankreich. Als weiteren Sieg feierten sie, dass die Fackel, völlig unspektakulär, mit einem Bus befördert werden musste, weil der öffentliche Lauf zu riskant geworden war.
Die Störungen bleiben letztlich der Logik der offiziellen Inszenierungen verhaftet, oft wird das Ritual schlicht gespiegelt. Tragen die Fackelläufer das Feuer möglichst weit, wollen die Gegner den Lauf verkürzen, will der Läufer die Fackel durch den öffentlichen Raum tragen, freuen sich die Gegner, wenn sie in einem Bus verschwinden muss, versucht der Läufer, die Flamme unbeschadet ans Ziel zu bringen, werfen sich die Gegner in den Weg - wie jüngst in London - oder versuchen sie zu löschen. Wie 1994, als das olympische Feuer auf dem Weg nach Lillehammer durch Köln getragen wurde, der Geburtstadt Carl Diems, und es Studenten gelang, einen Eimer Wasser über die Fackel zu schütten. Oder wie aktuell wieder in Frankreich, als das Feuer für kurze Zeit erlosch. Das Feuer zu löschen - das ist ein sehr starkes Zeichen. Denn damit wird ja sichtbar die Verbindung unterbrochen, die das Feuer beansprucht, durch den Lauf von Olympia durch verschiedene Länder bis zum Ort der Spiele herstellen. Das Feuer steht für das Leben, der Lauf für das lebendige Band - dies zu zerreißen, ist sicher der stärkste Sieg, den man über das Symbol erringen kann.

Wobei mir scheint, dass das Zeichen, der Fackellauf, damit nur umso sichtbarer wird. "Die olympische Fackel erreicht Argentinien und wird unbeschadet durch Buenos Aires getragen" - diese Nachricht wäre ohne die Ereignisse in London und Frankreich kaum eine Meldung wert gewesen. Nun wurde sie weltweit wahrgenommen ...
Das Problem ist, dass all diese Störungen die öffentliche Aufmerksamkeit für das Ritual erhöhen. Sie akzeptieren seine Bedeutung - und stärken es damit. Ein aufklärerischer, vielleicht subversiver Protest müsste aus dieser Logik ausbrechen. Er dürfte keinen eigenen Beitrag zur Erhöhung der Symbole leisten.

Wie könnte das gehen?
1956 haben in Melbourne ein paar junge Leute, denen das olympische Spektakel zuwider war, aus einem Stuhlbein und brennenden Unterhosen eine eigene Fackel gebastelt und haben sie dem Bürgermeister überreicht. Die Ironisierung veralbert das Ritual, das in seiner Würde und Erhabenheit darauf angewiesen ist, ernst genommen zu werden.

Die Aktion überhöht das Symbol nicht noch weiter - wie ein Fackelraub ...
... Wenn man diese Rituale unbrauchbar machen will, sollte man ihnen eigentlich schlicht überhaupt kein Interesse entgegen bringen. Auch Anstrengungen, sie umzudeuten, erkennen das Ritual an. Ich empfehle die souveräne Missachtung.


Das Gespräch führte Tina Veihelmann

Thomas Alkemeyer, geb. 1955, ist Professor für Sport und Gesellschaft an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. 1996 dissertierte er mit Körper, Kult und Politik. Frankfurt am Main, New York, 1996. Zuletzt erschien von ihm und Gunter Gebauer Treue zum Stil, die aufgeführte Gesellschaft. Bielefeld, 2004

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00:00 18.04.2008

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