Von wegen Fußballmillionär: Auch Profisport ist oft prekär

Bundesliga Hansi Flick, Lothar Matthäus, Berti Vogts und Stefan Kuntz: Sie alle hatten eine Ausbildung. Und das war gut so
Fußballerin Nicole Anyomi beim Spiel im Nachwuchsleistungszentrum Kurtekotten in Köln
Fußballerin Nicole Anyomi beim Spiel im Nachwuchsleistungszentrum Kurtekotten in Köln

Foto: Revierfoto/IMAGO

Die Saison der alpinen Skirennen ist um, dennoch blicken wir auf den Winter zurück. Nicht auf den gerade vergangenen, sondern auf frühere, ein paar Jahre her. Auf Zeiten, zu denen wir aus dem Munde von ARD-Kommentator Bernd Schmelzer noch Sieger-Charakterisierungen vernahmen wie „Michi Walchhofer, der Hotelier aus Zauchensee“ oder „Didier Cuche, der Metzger aus der Schweiz“. Tatsächlich, Sportler hatten einmal Berufe erlernt und, besser noch: sogar ausgeübt.

Auch im Fußball galt das mal: Berti Vogts, der gelernte Werkzeugmacher. Jupp Heynckes, der Stuckateur. Lothar Matthäus, der Raumausstatter. Hansi Flick, der Bankkaufmann, Kurt Pinkall, der Postbote. Stefan Kuntz, der Polizist. Identitäten, die, einmal öffentlich gemacht, für immer mit diesen Starspielern verbunden blieben. Gibt es aber heutzutage noch einen Sportler in höheren Leistungsklassen, von dem man wüsste, dass es bei ihm ein berufliches Vorleben gab? Fehlanzeige. Profisportler haben Profisportler gelernt, der Außenverteidiger ist allenfalls noch gelernter Stürmer, ansonsten gelernter Schüler. Denn das war jeder mal.

Im Fußball ist es so, dass sich seit gut einem Jahr die Bundesliga für 16-Jährige geöffnet hat. Die Clubs fühlen sich nunmehr verpflichtet, schon Minderjährige mit Profiverträgen auszustatten. Dahinter steht erst einmal die Imagepflege. Der Verein demonstriert auf diese Weise Modernität – und er kurbelt das Nachwuchsgewinnungssystem an, für das im deutschen Fußball drei magische Buchstaben stehen: NLZ. Die Nachwuchsleistungszentren wurden vor etwas mehr als 20 Jahren verbindlich eingeführt, und sie haben dem deutschen Fußball den Weltmeistertitel 2014 mitbeschert.

Bundesliga-Nachwuchszentren: Für die meisten die Hölle

Doch werden die Leistungszentren für viele zu wahren Leistungshöllen. Die NLZ sind ein System für die Spitze, nicht für die Basis. Sie spucken Jahr für Jahr massenhaft Spieler aus, die für die große Laufbahn als nicht (mehr) gut genug befunden werden. Es zerplatzen Kinder- und Elternträume, an manchen Standorten herrscht ein toxisches Klima, geschaffen von einem harten Verdrängungswettbewerb. Es ist ein heikles Arbeiten für die Trainer, die fast jederzeit in den Verdacht geraten können, keine gerechten Urteile abzugeben. Vom FC Bayern bis zu Union Berlin – menschliche Abgründe bot die Bundesliga zuletzt meist in ihren Jugendabteilungen. Internatsdramen.

Einer von 1.000 Fußballern im NLZ wird zum gefeierten Star, das ist die Formel in Deutschland. Vor allem „produzieren“ die Zentren letztendlich für die dritte, vierte und fünfte Liga. Mediengeschulte Profis für einen Bereich, der sich gut bezahlten Professionalismus nicht leisten kann, weil er die Medien bestenfalls lokal interessiert. So schaffen die Nachwuchsleistungszentren sogar ein neues Fußball-Prekariat. Spieler, die normal verdienen, aber wissen, dass sie, wenn ihre körperliche Kraft jenseits der 30 absehbar versiegt, etwas nachholen müssen: das Leben lernen – ohne sich dafür Rücklagen geschaffen zu haben. Nicht jeder nimmt sein Los dann so anspruchslos an wie der frühere FC-St.-Pauli-Profi Nico Patschinski, der sich durch diverse bürgerliche Berufe hangelte: Paketzusteller, Bestatter, Busfahrer.

Vielleicht ist es ganz gut fürs spätere Leben, wenn der Hochleistungssport nicht als Endziel verstanden wird, sondern als Etappe, die bei der Persönlichkeitsbildung hilft. Es gibt bemerkenswerte Werdegänge einstiger Sportstars: Der gelernte Zehnkämpfer Paul Meier wurde Top-Manager bei einem US-Software-Konzern, die Profi-Sprinterin Linda Kisabaka leitet Verkehrsbetriebe, und Katja Seizinger ist Aufsichtsrätin in der Stahlbranche. Sie war Skifahrerin, Deutschlands beste. Und sie wusste: Das Endergebnis beim Sport ist nur die Zwischenzeitnahme.

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