Vor der Enthauptung

Textgalerie Am 20. Oktober 1401 rollten auf der Elbwiese Grasbrook in Hamburg die Köpfe. Der Freibeuter Klaus Störtebeker, der viele Jahre die Handelswege der ...

Am 20. Oktober 1401 rollten auf der Elbwiese Grasbrook in Hamburg die Köpfe. Der Freibeuter Klaus Störtebeker, der viele Jahre die Handelswege der Nordsee mit seiner Piraterie zum Kriegsschauplatz verwandelt hatte, wurde an diesem Tag mit siebzig seiner Gefährten enthauptet. Die Fama behauptet, dass dem Delinquenten kurz vor der Hinrichtung noch ein letzter Wunsch gewährt worden sei. Man werde alle Piraten begnadigen, an denen der Geköpfte noch vorbeilaufen könne. Günter Eich hat diesen Schicksalsaugenblick in einer fünf Zeilen umfassenden Prosaminiatur eingefangen, die 1970 in der Sammlung Ein Tibeter in meinem Büro erschien. Der Dichter Jan Wagner, sicherlich der begabteste Autor der jungen Berliner Lyrik-Szene, antwortet auf die Lakonie von Eich mit einem lyrischen Gegenentwurf, der sich erzählerischer Mittel bedient. Die narrative Bewegung des Textes stützt sich dabei auf subtile metrische Operationen - auf unregelmäßige Jamben, die den Erzählfluss strukturieren. Wie bei Eich spricht hier das lyrische Ich aus der Perspektive eines Todeskandidaten, der noch auf den letzten Freundschaftsdienst seines Anführers hofft. Es ist noch ungewiss, wann der vorwärts taumelnde Körper des Enthaupteten endgültig fällt.

Aber Wagner begnügt sich nicht damit, den Augenblick der Todesdrohung in einer Momentaufnahme zu evozieren. Die poetische Balance von Schönheit und Schrecken entsteht hier gerade dadurch, dass die Perspektive biographisch und philosophisch erweitert wird: Es geht nicht nur um die Evidenz des Todesschreckens, sondern um Fragen von Subjektivität und Identität - und um den kunstvollen Zusammenprall von Idylle und Grauen. Im lyrischen Ich bündeln sich in diesem entscheidenden Moment des Lebens die Fragen nach dem Ort der Subjektivität; danach kehren in Erwartung des Todes noch einmal die leuchtenden Bilder der Kindheit zurück.

Der erste Teil des Gedichts stellt eine paradox anmutende, gleichwohl fast ontologische Frage: Wo bleibt das Ich, wenn der Geköpfte vom Individuum zum Dividuum geworden ist: im Kopf oder im Körper? Im zweiten Teil vollzieht sich die imaginative Rückkehr des Ich in die Kindheit. Auch hier gibt es eine Tötungsszene, die Schlachtung eines Huhns. Aber sie erscheint seltsam friedlich eingebettet in aufstrahlende Sehnsuchtsbilder von Natur und Kindheit. Man hat Jan Wagner - nicht ganz zu Unrecht - eine gewisse Koketterie mit dem Ästhetizismus und eine Neigung zur ornamentalen Idylle vorgeworfen. Wer aber genauer hinsieht, wird entdecken, dass die scheinbar weich gezeichneten Szenen, selbst in den unspektakulärsten Stilleben des Autors, überall Risse bekommen, dass die Idylle mit Bildern der Unruhe und des Schreckens aufgebrochen wird.

Auch in diesem "Störtebeker"-Bild eines Todgeweihten ist diese prekäre Kollision zweier Welten - des Schrecklichen und des Schönen - subtil festgehalten. Die kühne Entscheidung, die lyrische Lakonie von Günter Eich zu übermalen, wird poetisch überzeugend legitimiert. Es ist nicht ohne Reiz, die historische Miniatur noch zu ergänzen: Der kopflose Störtebeker, so wird kolportiert, soll noch bis zum elften Gefährten gelangt sein, bevor ihm der Scharfrichter ein Bein stellte. Aber alle Hoffnung war vergebens. Das Begnadigungsversprechen wurde nicht eingehalten, alle Piraten wurden hingerichtet.n

Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Das vorliegende Gedicht wurde seinem zweiten Gedichtbuch "Guerickes Sperling" entnommen, der in diesem Frühjahr im Berlin Verlag erschienen ist.


2 cellpadding=10 cellspacing=2>

Jan Wagner

Störtebeker

"Ich bin der neunte, ein schlechter Platz.
Aber noch läuft er."
Günter Eich

noch läuft er, sieht der kopf dem körper zu
bei seinem vorwärtstaumel. aber wo
ist er, er selbst? in diesen letzten blicken
vom korb her oder in den blinden schritten?
ich bin der neunte und es ist oktober;
die kälte und das hanfseil schneiden tiefer
ins fleisch. wir knien, aufgereiht, in tupfern
von weiß die wolken über uns, als rupfe
man federvieh dort oben - wie vor festen
die frauen. vater, der mit bleichen fäusten
den stiel umfasst hielt, und das blanke beil,
das zwinkerte im licht. das huhn derweil
lief blutig, flatternd, seinen weg zu finden
zwischen zwei welten, vorbei an uns johlenden kindern.

00:00 14.05.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare