Vorboten des Untergangs

USA Auf den grünen Inseln vor Florida bedroht der steigende Meeresspiegel begehrte Wassergrundstücke. Mangrovenhaine versalzen und sterben langsam ab
Susanne Götze | Ausgabe 24/2016 23

„Ach, hören sie mir auf mit dem Quatsch – den Klimawandel gibt es nicht“, winkt die 87-jährige Pauline Klein ab. Die zierliche Frau ist wütend. Auf die Behörden, die Politik, die Wissenschaft. Sie hat genug von diesem Fatalismus. Alle sagen ihr, das Meer werde steigen und ihren Keller überschwemmen, wenn nicht mehr. Und daran soll sie auch noch eine Mitschuld tragen – einfach absurd. Pauline Klein ist noch gut beisammen und glaubt wie viele ihrer Nachbarn auf der beschaulichen Insel Key Largo in Südflorida nicht an einen menschengemachten Klimawandel – trotz aller Meetings für Hauseigentümer in der Gemeindebibliothek am Highway 1. Der führt vom Festland über 160 Kilometer weit bis auf die letzte Insel Key West, links und rechts azurblaues Meer, das friedlich plätschert. Nur 90 Minuten müssen Großstädter aus Miami in den Süden fahren, um in den vielen Luxusdomänen einen Martini in reetgedeckten Strandbars zu schlürfen.

Danach kehren sie alle wieder um und fahren nach Hause, Pauline Klein aber muss bleiben. Ihr Haus liegt nicht weit vom Strand, wie eigentlich alle Grundstücke auf den schmalen Landstreifen der Keys. Wie zerbrochene Eierschalen, die auf dem Meer treiben, wirken die Inseln auf Satellitenbildern. Bei einem der Nachbarschaftstreffen berichtete Pauline Klein von einer Zeit im letzten Jahr, als es schwere Überflutungen gab. „Bei uns waren über 200 Häuser betroffen und die Straßen unpassierbar. Wochenlang mussten wir zu unseren Häusern waten. Ich wohne seit über 30 Jahren hier, doch so etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Angst geht um

Tatsächlich war das Urlaubsparadies der ganzjährig sonnigen Keys von September bis Dezember einer Heimsuchung sondergleichen ausgesetzt. Das Wasser floss nicht mehr ab, es stank verfault. Mangobäume gingen ein, Wege waren unpassierbar. Was nützt der schönste palmengesäumte Strand am Grundstück, wenn im Wohnzimmer stinkendes Wasser steht?

Die Inselgruppe der Keys ist der südlichste Zipfel der USA und zieht sich wie eine Kette hinein in den Golf von Mexiko. Das ehemalige Korallenriff liegt nur gut anderthalb Meter über dem Meeresspiegel. Überflutungen gab es hier schon immer, oft mehrfach im Jahr. Sogenannte King tides, besonders Sturmfluten, bedrohen die Idylle seit jeher. Dennoch sind die Key-Bewohner beunruhigt wie selten zuvor. Die Angst geht um, dass auf den Keys die Wetterlage existenzielle Gefahren heraufbeschwört. Mitten im Meer sind die Landstreifen schutzlos den Gewalten der Natur ausgesetzt.

Keine sechs Monate nach den Fluten vom Herbst stehen Ende Mai viele Straßen erneut unter Wasser. Erschrockene Bewohner posten Bilder auf Facebook: „Es geht wieder los!“ Für Chris Bergh ist das keine Überraschung, der Umweltschützer hat sich vor kurzem ein neues Haus auf Big Pine Key gekauft. „Natürlich habe ich genau hingeschaut, wie hoch das Anwesen liegt und in welcher Entfernung zum Wasser.“ Bergh, ein bärtiger Mittvierziger, ist auf den Keys geboren und arbeitet für die Organisation Nature Conservancy, die seit Jahren vor den Folgen des steigenden Meeresspiegels warnt. Es geht um den Lebensraum der Bewohner, doch ebenso um das Ökosystem der Inseln. Deshalb führt Bergh Besucher gern zu einem Platz auf seiner Heimatinsel, an dem die Fluten eindrückliche Spuren hinterlassen haben. Vom Highway geht es mit dem alten Jeep über schmale asphaltierte Straßen auf die andere Seite von Big Pine Key. Vorbei an schicken holzverkleideten Häusern mit weißem Anstrich, durch dichte Kiefernwäldchen und schattige Mangrovenhaine. Am Ende einer Straße wird es licht und die Sonne sengt unbarmherzig auf eine kahle Lichtung. „Hier ist alles abgestorben“, sagt Bergh mit besorgtem Blick und zeigt auf Baumstümpfe und tote Äste, die auf dem ausgetrockneten Boden verstreut sind. In dieser Gegend wächst so gut wie nichts mehr. „Früher, bevor die Fluten kamen, war das hier ein Mischwald aus Kiefern, Mangroven und anderen Baumarten“, so Bergh. Doch sei das Meerwasser tief in den Boden eingedrungen und konnte nicht mehr abfließen. Durch Verdunstung erhöhe sich der Salzgehalt des Brackwassers, so dass nur noch einige schwarze Mangroven stehen, die das Salzwasser noch am ehesten vertragen.

„Diese Lichtung ist nur ein Vorbote für den schleichenden Untergang der Keys, die grünen Inseln drohen wegen des durch die Fluten angespülten Salzwasser zu verwüsten. Wie der Mensch vertragen Süßwasserpflanzen das Meerwasser nicht.“ Bergh hat eine interaktive Karte ins Internet gestellt. Auf einer Skala von 1 bis 4 Fuß (zwischen 30 bis 120 Zentimeter) kann man damit den Anstieg des Meeresspiegels simulieren. „Viele Grundstücke stehen bei 30 Zentimetern schon dauerhaft unter Wasser. Wenn wir noch einen Sturm dazunehmen, ist nicht mehr viel von der gesamten Insel übrig.“ Diese Karten bieten jetzt sogar kommerzielle Agenturen an, damit potenzielle Käufer um das eventuelle Überflutungsrisiko einer Immobilie wissen. Dass die Simulationen von Nature Conservancy nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigen Zahlen anderer Klimaforscher.

Studien der Florida International University gehen davon aus, dass der Meeresspiegel in Südflorida bis 2030 um 15 bis 25 Zentimeter und bis 2060 gar um einen halben Meter steigen könnte. Je nach Lage sind einige Inseln wie Key Largo schneller von den Folgen betroffen als andere. Den Zusammenhang zwischen einer hitzebedingten Ausdehnung der Ozeane und der Eisschmelze an den Polen belegte zuletzt der Fünfte Sachstandsbericht des Weltklimarates. Steigt das Meer um „nur“ einen Meter bis zum Ende des Jahrhunderts, müssten über vier Millionen Amerikaner an den Küsten der USA ihre Heimat verlassen, besagt auch eine aktuelle Studie der University of Georgia. Dies seien aber sehr konservative Zahlen, wie die Forschergruppe um den Demographen Mathew Hauer zu bedenken gibt. Andere Berechnungen der Studie gehen von bis zu zwei Metern aus. In diesem Fall seien über 13 Millionen Bewohner der Küstenzonen betroffen.

Abschied vom Paradies

Weite Teile der Keys wären auch schon beim Worst-Case-Szenario für 2030 (Anstieg um 25 Zentimeter) dauerhaft unter Wasser gesetzt oder müssten mit steten Überflutungen rechnen, das jedenfalls zeigt die Karte von Nature Conservancy. Forscher der Florida University befürchten, dass Zehntausende Inselbewohner zu Klimaflüchtlingen werden.

Für die 87-jährige Pauline Klein ist der Klimawandel eine Ausrede. „Wir machen gerade unsere eigene Studie, um herauszufinden, woher die Überschwemmungen kommen“, sagt sie trotzig. Und so erzählt denn auch Dotti Moses, Präsidentin der Hausbesitzer-Föderation auf Key Largo, dass sich in ihrer Gemeinde hartnäckig das Gerücht halte, der Klimawandel sei „nicht bewiesen“. „Da ist nichts zu machen, die Leute glauben eben alles, was ihnen der Sender Fox News eintrichtert.“

Traut man allerdings neuesten Umfragen, sind all jene, die eine fortschreitende Erderwärmung bestreiten. trotz „Trumpomania“ nicht mehr in der Mehrheit. Laut einer Befragung der Saint Leo University sind über 80 Prozent der Einwohner von Florida wegen des Klimawandels „besorgt bis sehr besorgt“.

Während Politiker wie Floridas Senator Marco Rubio und andere Republikaner noch gegen Klimaschutz zu Felde ziehen, verlangen immer mehr Floridianer, dass die Politik endlich handelt. Nicht nur auf den Keys, auch in Miami und Fort Lauderdale kämpfen Einwohner und Tourismusbranche mit schrumpfenden Stränden, absterbenden Korallenriffen und dezimierten Trinkwasserreserven. Die Everglades – drittgrößter Nationalpark der USA und Wasserreservoir für 20 Millionen Menschen – versalzen langsam. Doch zeigt sich bisher der Immobilienmarkt als erstaunlich widerstandsfähig. Branchenexperten berichten von einem Preisschub bei Wassergrundstücken. „Ein frisch verheiratetes Pärchen hat über 750.000 Dollar für ein Haus am Wasser auf Key Largo bezahlt, freilich war das überflutete Grundstück zunächst einmal nicht bewohnbar“, sagt Dotti Moses von der Hausbesitzer-Föderation. Offenbar haben sich derartige Fälle noch nicht herumgesprochen, wobei hohe Preise auch mit dem begrenzten Platz auf den Keys zu erklären sind.

Langsam gehen den Maklern die Grundstücke respektive die Plätze an der Sonne aus. Immer mehr Menschen kommen auf die Inseln, allein drei Millionen Touristen pro Jahr. Vermutlich lässt das entkrampfte Verhältnis zu Kuba die Zahlen nochmals steigen. Für Pauline Klein und andere noch ein Grund, sich zu verabschieden. Nicht allein das Meer kann dem einst idyllischen Aussteigerparadies zusetzen.

06:00 29.06.2016

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