Wabe

Fingerfood Der 13. Open-Mike in Berlin

Im Norden des Prenzlauer Bergs in Berlin steht ein großes, altes Haus mit Holzgiebel und einem Theater unter dem Dach. Hinter dem bröckelnden Gründerzeitrelikt findet man eine Art Miniaturausgabe des Palasts der Republik: ein einstöckiger Saal mit bronzebedampften Scheiben, von Waschbetonkübeln umgeben - halb jederzeit zusammenklappbare Multifunktionshalle à la Sonnenallee, halb soziokulturelles Zentrum West.

Das skurrile Zwitterwesen namens Wabe, in dem die Berliner LiteraturWerkstatt vergangenes Wochenende die Zelte ihres open-mike aufschlug, dem - nach Klagenfurt - zweitwichtigsten Wettbewerb für Nachwuchsautoren unter 35, schien ein paradigmatischer Ort. Halb steht es noch im Schutz der angrenzenden Plattenbauten, aber doch schon in Sichtweite des sagenumwobenen Terrains der Asphaltliteraten auf der anderen Straßenseite. Der ideale Ort für die beliebteste Jugendherberge der deutschsprachigen Literatur also, wo jeden Herbst Texte ausgepackt werden, die auf der Grenze von Vergangenheit und Zukunft, Avantgarde und Durchschnitt, Hiptown und Banlieue balancieren.

Kreisten sie in den letzten Jahren um das schmerzlich geliebte Ich, die Freunde, das erste Mal, lastete in diesem Jahr eine andere Institution mit beschränktem Horizont wie ein Alp auf den Gehirnen der Jungen - die Familie. Der Heilige Abend im Kreise der Lieben, den Sabine Brandel beschrieb, wird wahrscheinlich so oder ähnlich in ein paar Wochen in den Wohnsilos hinter der Wabe stattfinden - ein grausames Jingle-Bells-Ritual à la Heinrich Böll, bei dem am Ende nur noch der Griff zur Flasche hilft.

Man kann über all diese Geschichten, die sechs renommierte Lektoren aus über 650 Einsendungen auswählten, nichts wirklich Schlechtes sagen. Liegt es an den vielen Literaturschulen, dass sie alle ordentlich gebaut waren, Haupt- und Nebenfiguren, passable Dialogen boten, sich hie und da doppelte Böden auftaten und erstaunlich professionell vorgetragen wurden? Jedenfalls beherrschten ihre Erzeuger das Handwerk. Aber richtig gut im Sinne von überraschend, gar wagemutig waren sie auch nicht. Nur wenige der Jungliteraten schlugen erkennbar über die Leisten des sicheren Erzählens: Dagrun Hintze mit einer erfreulich distanziert erzählten Liebesgeschichte (2. Preis) oder Sebastian Wallmann mit einer Etüde für Tempuswechsel (leider unbepriesen). So dominierte literarisches Fingerfood das Feld - so geschmackvoll, aber auch so gefahrlos zu konsumieren wie die chilenischen Teigtaschen in den Lesepausen.

Bis der 1981 geborene Jörg Albrecht hinter das Lesepult trat. Der junge Mann war mit einem Cassettenrecorder bewaffnet. Blutanfall//Bildpunkte hieß sein furioser Text. Kein melancholisches Ich lustwandelte da im Garten der familiären Erinnerung, sondern ein dissonanter Stimmenchor überlagerte sich in einer wüsten Medienwelt. Eine Bande Halbwüchsiger sitzt in einem Haus am Ende einer Straße auf einem Blümchensofa, vom Fernseher beschienen, die Augen gerötet von dem Moment, wo zwischen Plexiglas und Glaskörper die Lichtpunkte auf die Netzhaut treffen. Was ist Bild? Was ist Realität? Was Original, was Kopie? "Wir halten die Mattscheibe in die Sonne. Was wir hinter der Mattscheibe vermuten, ist kein Trickfilm" las Albrecht. seine Stimme kreuzte sich mit der eigenen vom Band. Schon beim ersten Satz dieses bestechend konstruierten Staccato aus Bewusstseinsfetzen war klar - hier hatte jemand ohne Berührungsängste zur neuen Bildkultur und den neuen Medien der Literatur einen zeitgemäßen Sound erschlossen.

Um so unverständlicher, dass die Jury (in diesem Jahr: Lutz Seiler, Katja Lange-Müller, Peter Stamm) Albrecht nur auf den zweiten Platz hievte und ausgerechnet Lucy Fricke mit ihrer biederen Familiengeschichte Winken bis nach Buenos Aires den Hauptpreis zuerkannte. Zugegeben: Die Geschichte einer Tochter, die ihren todkranken Vater zum womöglich letzten Mal sieht, bezog ihre Kraft von einem Urstrom existentieller Bedrängnis, dessen Quelle man in der Autorin selbst vermuten darf. Doch zu unausgegoren standen in dieser Prosa Coolness und Sentimentalität nebeneinander. Und allzu oft hat man in letzter Zeit in den Abgrund verschwitzter Familiengeheimnisse geschaut.

Jahr um Jahr lamentiert der Betrieb, wie brav die deutsche Gegenwartsliteratur gestrickt ist, wie wenig sie sich neue Erzählformen zutraut, wie sie an ihrer privaten Welt im Kleinen häkelt, wie selten sie etwas anderes als "Ich" sagt. Literaturpreise sind irgendwie Banane, aber doch ein Signal. Welches sollte der nachwachsenden Spezies mit dieser seltsamen Entscheidung gegeben werden? Da zu bleiben wo sie herkommt? In der Wabe der Biographie, der Konvention, der Risikoarmut?


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00:00 18.11.2005

Ausgabe 38/2020

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