Warum der Beacon nicht leuchtet

Manchester Manchester, die Wiege der Creative Industries, kreiselt um ihren eigenen Mythos. Statt nach vorne zu blicken.

Unweit von Manchesters Zentrum, im Stadtviertel Northern Quarter, ragt ein schmaler Turm von einem Parkhaus auf. Er sieht ein wenig aus wie die Spitze des Empire State Buildings, nur bunter. Auf drei Neon-Leuchtelementen in rot, blau und gelb steht eine lange Nadel – ebenfalls in den Primärfarben. Der Turm ist nur etwa 20 Meter hoch, aber so aufgestellt, dass man ihn aus zahlreichen Ecken des Stadtzentrums und noch aus kilometerweiter Entfernung sehen kann.

Würde er noch dazu leuchten, wäre der Effekt noch schöner. Aber das Personal des Parkhauses wechselt oft, und offenbar weiß keiner so recht, wie man ihn entzündet. Wenn er leuchten würde, gäbe das seinem Namen, Beacon – Lichtsignal, einen Sinn.

Liam Curtin, ein Künstler, der dafür sorgte, dass der Beacon über Manchester thront, sitzt in einem Café gegenüber und betrachtet das erloschene Neonlicht mit Wehmut. „Ich habe gerade meinen 99. Brief an den Stadtrat geschrieben“, sagt er. „Ich hoffe, er erlaubt uns, den Turm auf unser Atelier zu stellen. Dann würden wir uns darum kümmern.“

Vor Curtin auf dem Bistrotisch liegen Touristenbroschüren über Manchester. Sie werben für die Stadt der Creative Industries. Auf jeder dritten Seite strahlt der Turm. Curtin lacht leise. „Es ist so sexy, dieses Neonlicht in der Nacht.“

Curtin war eine führende Figur im Northern Quarter Association, einer temporären Organisation, die der Stadtrat in den 90er Jahren ins Leben rief, um diesen Stadtteil zu entwickeln. Curtin hatte große Pläne: Das Northern Quarter sollte zum Campus der Kreativen werden. Zu einer Art Universität – ohne Universitätsgebäude, ohne Professoren, ohne Masterabschlüsse –, in dem die Menschen lernen, schöpferisch zu sein. Heute ist das Northern Quarter ein lebhaftes Ausgehviertel, in dem man in Galerien und Designerläden zwar keine Kunst machen aber hervorragend Kunstprodukte konsumieren kann. Es ist nett in diesem Café, in dem wir sitzen. Junge Leute unterhalten sich, Musik der berühmten Popgeschichte der Stadt wabert durch den Raum. Überhaupt begegnet man dieser Popgeschichte überall in Manchester. Die Stadt wird nicht müde, sich selbst zu feiern – und zu betonen, dass sie etwas Besonderes ist. So wurde Curtin beauftragt, das Northern Quarter mit eigens entworfenen Keramik-Straßenschildern zu bestücken, um dessen Identität zu unterstreichen. Aber dann reichte das Geld nicht aus. „Der Stadtrat kann ganz gut Gespräche organisieren. Sandwiches und Mineralwasser stehen dann immer ordentlich bereit. Aber am Ende kommt wenig dabei heraus.“ So scheiterte auch der Campus der Kreativen.

"Creative Industries" klingt, als würden Künstler dem alten Europa seine Arbeit zurückbringen

So schillernd und leicht überfrachtet wie die Cafés im Northern Quarter ist der Begriff der CCreative Industries“. Die Idee, man könne die Arbeit von Popmusikern, Designern, Spieleprogrammierern und Medienleuten als neuen Wirtschaftszweig fassen, hat ihre Wiege hier. „Creative Industries“ klingt, als würden Tausende von Künstlern ganze Werkhallen füllen und dem alten Europa seine Arbeit zurückbringen, die verloren ging, als die Schornsteine aufhörten zu rauchen. Immerhin haben im Großraum Manchester die Creative Industries im Jahr 2005 – das ist die aktuellste Erhebung – 1,3 Milliarden Pfund zur Wirtschaft beigetragen, doppelt soviel wie im Jahr 2001. Rund 53.000 Menschen arbeiten in über 7.000 Firmen der kreativen Branchen. Das ist über ein Zehntel der Beschäftigten.

Wie das Wunder von Manchester geschah, kann jeder Bewohner erzählen. Auch Dave Haslam kann es. Er ist einer der DJs, die im legendären Haçienda Club auflegten, als der Club 1989 bis 90 der Nabel der Welt der Tanzmusik war. Haslam zog Mitte der Achtziger in diese Stadt. „Sie müssen sich vorstellen, damals gab es noch Bombenschäden, die nicht wieder aufgeräumt worden waren“, erzählt er und zeichnet düstere Bilder vom Niedergang der Industriestadt. Dann stimmt er das Manchesterlied an. Wie das Trauma der Stadt die Geburtsstunde ihrer Erfolgsgeschichte wurde. Wie eben die Misere eine Kreativität freisetzte, die sich geradezu rauschhaft entwickelte, von deren Erbe Manchester heute noch zehrt. Von Joy Division, The Smiths und Tony Wilson, dem Gründer von Factory Records und dem Haçienda Club, die Manchester in den achtziger Jahren weltbekannt machten. Von den Bands der Neunziger, Oasis, Stone Roses und Happy Mondays. Von der typischen Manchester-Ökonomie, die prosperiert, wenn um erfolgreiche Bands Musikproduzenten, Clubbetreiber und Designstudios gedeihen. Selbst den nordenglischen Regen verklärt der Manchester-Mythos: Schon im 19. Jahrhundert hätten die Webstühle wegen der Feuchtigkeit schneller weben können. Jetzt hat das miese Wetter erneut seinen Beitrag geleistet: Wenn es regnet, müssen die Kids zu Hause bleiben und sich selbst beschäftigen, zum Beispiel mit Gitarre spielen.

Bald sollte das Manchester-Prinzip alle Welt retten. Davon kann Andy Lovatt erzählen, der im Stadtteil Withington ein Creative-Economy Consulting-Büro unterhält. Bis vor zwei Jahren beriet er beim staatlichen Regionalentwicklungsträger North West Regional Development Agency Leute, die aus Kreativität Geld machen wollten. Heute arbeitet er privat. „Wir haben Delegationen aus Russland und Finnland empfangen”, erzählt er. In Manchester hatte die Kultur in einer Krise Kapital generiert, jetzt ging es darum, das Rezept zu lernen. Den Anfang machte Tony Blair, der 1998 die Creative Industries Task Force, einen Arbeitsausschuss zur Förderung der Kreativwirtschaft, gründete. Dann schwappte die Welle nach Europa. In Wien, Zürich, Berlin und schließlich in Städten aller Kontinente beauftragte man Studien über die wirtschaftlichen Potentiale der Creative Industries. Wo immer industrielle Fertigung in Billiglohnländer verlegt wurde, glaubte man, man könne Kreative wie Biokulturen auf Kompost ansiedeln, um die Ökonomie zu beleben.

Heute, im Krisenjahr 2009, ist es merkwürdig still geworden um die Hoffnungsträger aus Manchester. Was ist aus ihnen geworden? Wie haben sie die große Flaute überstanden? Wie resistent sind sie gegen Wirtschaftskrisen?

Wo der alte Haçienda-Club war – ein gewaltiges, halbrundes Baumwoll-Lagerhaus aus viktorianischen Zeiten – sind jetzt teure Wohnungen. Musiker können sich hier keine Proberäume mehr leisten, und junge Gestalter kein Atelier. Die Klasse der Kreativen ist weiter gezogen, ins Northern Quarter, wo der erloschene Beacon steht. In Ancoats, wo die ältesten Fabriken waren, blieb die Welle stehen. Hier sind die Straßen leer. Die Lagerhäuser an den typischen Kanälen sind renoviert, aber niemand ist eingezogen.

Die kreativen Industrien sind nicht Krisenresistent – ebenso wenig wie der Immobilienmarkt. Steve Smith, Gründer der Event-Firma „Ear To The Ground“ sagt: „Ein Klischee behauptet, der Mangel fördere die Kreativität, aber das ist Unsinn: In der Krise wurde überall weniger verdient, und folglich gingen auch in den kreativen Branchen Firmen pleite.“

Kreative werden nicht "arbeitslos" sondern "freiberuflich"

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den kreativen und anderen Branchen aber ist: Kreative werden nicht „arbeitslos“, sondern „freiberuflich“. Das ist mehr als ein semantischer Witz: Judi Knight, eine 24-jährige Illustratorin, lebt in Macclesfield in der Nähe von Manchester. In diesem Frühling bekam sie eine feste Stelle bei „Chase“, einer Grafik-Design-Agentur. Ende des Sommers verlor sie diese Stelle wieder. Jetzt ist sie dabei, sich als Freelancer zu etablieren. In ihrem kleinen, niedlichen Reihenhaus trinkt sie Kannenweise Pfefferminztee, während sie ausgefallene Webseiten für Reisefirmen gestaltet. „Das Merkwürdige ist: Dieser Markt wächst“, sagt Judi Knight. „Es gibt einen steigenden Bedarf an neuen, interessanteren Webseiten.”

Judi ist Mitglied von CING, Creative Industries Networking Group, eines von vielen Online-Netzwerken für kreative Selbstständige, die seit letztem Jahr wie Pilze aus dem Boden schießen. CING trifft sich einmal im Monat in einem Pub im Stadtzentrum, um Kontakte und Projektideen auszutauschen. Dass es mehr Selbstständige in der Szene gibt, wundert niemanden. Dass es tatsächlich Jobs gibt, schon. „Man kann nicht soviel verlangen wie vorher,“ gibt Judi zu. Aber sie hat Arbeit und ein Einkommen. Selbst wenn Judi aufgeben muss, kann sie ohne große Hürden wieder ins Geschäft einsteigen, sobald die Marktlage nur geringfügig besser wird. Und sie kann nach Bedarf ihr Arbeitsfeld verändern. Das unterscheidet sie von einem Spezialisten, der in einer großen Firma als Rädchen im Getriebe seinen genau bestimmten Platz einnimmt.

Andy Lovatt hat einen guten Überblick über das Schicksal der verschiedenen kreativen Branchen in der jüngsten Finanzkrise. Er sitzt in seinem Büro an der Burton Road und telefoniert. Er telefoniert viel. Seine Consulting-Firma hat nach einem schwierigen Sommer neue Klienten gefunden. „Der Rückgang hat vor allem die erwischt, die Aufträge von der freien Wirtschaft bekommen: Werbung, Marketing, PR-Firmen. Der davon unabhängige, kreative Bereich ist eher gewachsen”, sagt er. Kommunikationstechnologien, der gesamte digitale Bereich verzeichne Zuwächse. „Nur die Musikbranche ist nach wie vor pessimistisch. Keiner weiß so genau, wie man im digitalen Zeitalter Geld mit Musik verdienen kann.“ Natürlich habe es während der Krise Entlassungen bei Firmen der Creative Industries gegeben. Aber die Zahl der Unternehmen steige an. Vor allem die Ein- bis Zwei-Mann-Betriebe. „Weil kleine, flexible Einheiten eher in die Wirtschaft ein- und wieder aus ihr aussteigen können.“

Auch Lovatt weiß: Die Creative Industries werden niemals die Retter der Weltwirtschaft sein. Und wer sie mit Erwartungen überfrachtet, erweist ihnen Bärendienst. Aber die kreativen Branchen spielen eine wichtige Rolle. Und dennoch sind sie nie angemessen entwickelt oder gefördert worden. „Der kreative Sektor macht mittlerweile zehn Prozent der britischen Wirtschaft aus“, sagt Lovatt. „Aber er erhält nicht annähernd soviel staatliche Investitionen wie etwa die Autoindustrie.“ Der Grund sei: Man nimmt diese Jobs nach wie vor nicht ernst. Wie überall in Europa, werden in Cool Britannia die kreativen Industrien vom Kulturministerium gefördert. Heraus kommen unterfinanzierte Projekte wie der Beacon , die viel mit Image-Making, aber wenig mit Wirtschaftspolitik zu tun haben. Und Manchester entwickelt sich nicht zur Stadt der Creative Industries, sondern zu einem Ort, der um seinen eigenen Mythos kreiselt, statt nach vorn zu blicken.

Das Geld, mit dem man die "richtige" Ökonomie fördert, verwaltet das Wirtschaftsministerium

Ende der Neunziger hatten Labour das alte „Department of Heritage“, das Ministerium für Kulturbesitz der Tories, übernommen und zum „Department of Culture, Media and Sport“ (DCMS) gemacht. „Aber das DCMS war nie ein Ministerium, das Geld ausgeben konnte“, sagt Lovatt. „Es musste immer Geld leihen”. Das richtige Geld, mit dem man die richtigen Ökonomie subventioniert, verwaltet das konservative Wirtschaftsministerium.

Die Creative Industries bräuchten statt Image-Making eine solide Wirtschaftsförderung, die ihren Bedürfnissen entspricht. Eventveranstalter Steve Smith, der mit „Ear to the Ground“ eine der vielen kleinen, kapitalarmen Firmen seiner Branche gründete, sagt: „Es gab ein bißchen Unterstützung, um einzusteigen – ein paar Pfund hier und da, ein paar Seminare. Und dann gab es lange nichts. Bis wir einen Umsatz von etwa zwei Millionen Pfund hatten. Jetzt kriegen wir auf einmal Berater, Programme, alles.“ Steve Smith hätte auf die gutgemeinten Seminare verzichten können, hätte aber in der Wachstumsphase eine Förderung gebrauchen können. Nicht danach. Und Judi Knight könnte eine soziale Absicherung, speziell für Freelancer, gebrauchen.

Andy Lovatt zieht traurig Bilanz. „Die chinesische Regierung behandelt kreative Industrien inzwischen ebenbürtig wie Bio-Technologien und hat in den letzten Jahren Milliarden in sie investiert.“ Sie sind weiter als Cool Brittannia. „Da werden Delegationen aus China und Indien nach Manchester geschickt, um von uns zu lernen wie man kreative Industrien fördert. Und dann fahren sie nach Hause. Und machen es besser als wir.“

21:00 11.11.2009

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