Warum müssen wir teilen?

EU - Tschechien Der Prager Weihbischof und frühere Dissident Václav Maly sieht den EU-Beitritt Tschechiens als Chance für einen Mentalitätswandel von Politik und Gesellschaft

Der Priester Václav Maly (53) war als Unterzeichner und zeitweiliger Sprecher der Charta 77 Gründungsmitglied des oppositionellen Bürgerforums. Im Herbst 1989 nahm er an dessen legendären Sitzungen in der Prager Laterna Magica teil. 1996 wurde Maly von Johannes Paul II. zum Weihbischof von Prag ernannt, er ist zugleich Vorsitzender des tschechischen Rates der Organisation Lustitia et Pax, die sich um die Einhaltung der Menschenrechte sorgt.

FREITAG: Hat sich 14 Jahre nach der "Samtenen Revolution" von 1989 Ihre Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Gesellschaft erfüllt?
VACLAV MALY: Ich hoffe darauf, aber bis heute ist diese Gesellschaft immer noch krank. Vor allem die Politiker haben eine unterentwickelte politische Kultur. Man führt keine Dialoge, sondern bevorzugt Monologe, dabei wäre es notwendig, die bürgerliche Gesellschaft zu vertiefen. Das sehen einige Politiker nicht, sie wollen herrschen und alles entscheiden. Ich denke, eine Erneuerung der politischen Kultur wird wenigstens zwei Generationen brauchen.

Sie werfen der tschechische Gesellschaft besonders Nationalismus und Fremdenhass vor.
Ich beobachte bei uns keinen scharfen Nationalismus, aber bis heute existiert ein bestimmtes Misstrauen gegenüber Ausländern. Dabei müssen wir darauf vorbereitet sein, dass der Eintritt in die EU am 1. Mai auch eine Immigration von Menschen aus der Dritten Welt bringen wird. Im Bewusstsein der Bürger herrscht weiter ein tiefes Unbehagen, dann teilen zu müssen. Also stellt sich vielen die Frage: "Warum müssen wir überhaupt teilen?" Gewinne aus dem Wirtschaftsleben grundsätzlich nicht nur für uns, sondern auch für andere einzusetzen - diese Mentalität fehlt bei uns. Und die Politik ändert daran nichts.

Viele Bürger klagen über die soziale Kälte der neuen Zeit - ist das der Preis der Demokratie oder waren die Erwartungen einfach zu hoch?
Waren sie. Wir hatten eine feine Revolution, also erwarteten die Leute, Europa werde uns Geld und alles Mögliche geben. Aber wir können nicht nur etwas erhoffen, sondern müssen auch geben. Der Eintritt in die EU bringt nicht automatisch eine Erhöhung des Lebensstandards - er verlangt auch Opfer ...

.. wozu offenbar der Wille fehlt. Ist das für Sie eine Folge des eingetretenen Wertewandels?
Das jetzige System betont Leistung, Erfolg, momentanen Gewinn, doch in dieser Werteskala fehlt das Verständnis für Opfer. Opfern bedeutet, etwas aufzugeben - das hängt auch mit Moral zusammen und ist nicht nur eine Angelegenheit der postkommunistischen Ära. Wir sollten von den Politikern zu hören bekommen, dass in unserem Teil der Erde der Lebensstandard sehr hoch ist, und wir daher die Fähigkeit entwickeln müssen, etwas zu opfern.

Haben Sie alles in allem die tschechischen Nachwende-Politiker enttäuscht?
Grundsätzlich nicht. Politiker sind das Abbild einer Gesellschaft. Man konnte keine Wunder erwarten. Die heutigen Minister und Parlamentarier wuchsen ja noch in der kommunistischen Ära auf. Erst jetzt kommt eine neue Generation, und ich frage mich: Wird sie besser sein? Ich will nicht vorschnell urteilen, aber es scheint so, dass eine neue Generation Chance und Hoffnung zugleich ist. Ich erwarte einfach von unserem EU-Beitritt eine reifere politischen Kultur. Dazu gehört für mich, dass ein Politiker gehen muss, wenn er versagt hat.

Als es während der Revolution um die Führung des Bürgerforums ging, wurde auch Ihr Name genannt. Wie nahe waren Sie damals daran, selbst Politiker zu werden?
Das war für mich eine große Versuchung, selbstverständlich. Als Priester wollte ich aber nicht wie ein Politiker funktionieren.

Sie sehen die EU als Chance, tschechischen Provinzialismus zu überwinden. Worin besteht der?
Unter anderem darin, dass wir uns nur mit dem Westen vergleichen, statt auch den Osten zu sehen. Wir leben aber in Mitteleuropa und müssen beiden Seiten betrachten.

Bezogen auf die deutsch-tschechischen Beziehungen hat die Kirche schon 1991 einen Dialog angeboten, als tschechische und sudetendeutsche Christen in einer Erklärung vor Kollektivurteilen warnten. Haben Sie Hoffnung, dass sich der Umgang mit dem Thema Vertreibung noch in dieser Generation entspannt?
Die jüngere Generationen steht dem gleichgültig gegenüber, nur ist das ein Fehler, man kann nicht ohne Geschichte leben. Die Nachgeborenen müssen wissen, was geschehen ist, und dass es ein Fehler wäre, wenn sich so etwas irgendwann wiederholt. Ich sehe bei uns keinen scharfen Nationalismus gegenüber den Deutschen, dennoch steckt in älteren Tschechen noch immer die Angst, die Deutschen könnten ihnen ihr Land nehmen. Das ist Unsinn. In der EU kann zweifellos jeder leben, wo er will, aber die Sudetendeutschen werden nicht zurückkehren, sie haben jetzt ihre Heimat in Deutschland.

Das Gespräch führte Klaus Hanisch


00:00 20.02.2004
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