Was ein Akademieabend bewirken kann

Demokratiefest In Zossen haben Neonazis das "Haus der Demokratie" niedergebrannt. Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, holt Zossen in die Hauptstadt: Was tun?

Um halb sieben beginnt TOM mit dem Zeichnen. Vor ihm steht ein großes Glas, in das ein Mann mit Schnauzer 40 Euro schmeißt. „Ich zeichne Ihnen auch was“, sagt der Hauscartoonist der TAZ. „Nee, das müssen Sie nicht“, antwortet der Spender. Heute soll Geld zusammenkommen. Denn seit Anfang des Jahres gibt es keinen Raum mehr für die Demokratie in Zossen. Nazis haben das „Haus der Demokratie“ im Januar abgebrannt.

Jetzt hat die Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ eine neue Immobilie gekauft. 60 Leute sind mit einem Bus aus Zossen nach Berlin und haben ein großes Foto des neuen Hauses in die Akademie der Künste getragen. Das neue Gebäude ist nur 200 Meter vom alten entfernt, hat Löcher in den Wänden, keine Fenster mehr und sieht auch sonst sehr heruntergekommen aus. Eine Viertelmillion Euro wird die Herrichtung wohl kosten.

Auf dem Akademie-Abend „Brennpunkt Zossen: Demokratie verteidigen!“ soll mit viel Prominenz Spenden gesammelt werden. DGB-Chef Michael Sommer spricht ein Grußwort, Iris Berben liest aus dem Buch Manja von Anna Gmeyer. Weil Gmeyer darin den Beginn des Nationalsozialismus durch die Geschichte von fünf Kindern erzählt, sagt Berben. Der Regisseur Michael Verhoeven zeigt einen Ausschnitt aus seinem Film Der unbekannte Soldat, der sich mit den Nazi-Demonstrationen gegen die Wehrmachtausstellung 1997 beschäftigt. Es folgt eine Diskussionsrunde. Zum Abschluss hat der Kabarettist Dieter Hildebrandt einen Auftritt. Neben TOMs Zeichnungen kann man Bilder und Fotografien verschiedener Künstler kaufen.

Die Fragen des Abends sind: Was kann ein Abend wie dieser eigentlich bewirken? Und, mit Blick auf die Blockadeaktionen am 1.Mai: Wie weit darf der Protest gegen Nazis eigentlich gehen? „Zossen zeigt, was passiert wenn Rechtsradikalismus ignoriert oder negiert wird“, mahnt Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender des Vereins „Gesicht zeigen“, der durch den Abend führt. „Nein sagen gegen alte und neue Nazis – dazu gehört Protestieren und auch Sitzblockaden.“ Dafür gibt es viel Applaus.

Die Schauspielerin Inge Keller liest daraufhin aus dem Spiegel-Artikel Die Eignungsprüfung, der den Anschlag von Zossen nacherzählt: Ein 16-Jähriger hat demnach das „Haus der Demokratie“ angezündet, um den Rechten in Zossen "zum Sieg zu verhelfen". Die Ermittlungen der Hintergründe laufen noch. Während der Diskussion erzählt Jörg Wanke, warum er die Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ gegründet hat: Er konnte es einfach nicht mehr ertragen, als Silvester 2008/09 Nazis grölend durch seine Stadt gezogen sind. Seitdem lebt er mit Todesdrohungen: „Angst spielt immer eine Rolle“, sagt Wanke. Hinter ihm ist eine besprühte Wand zu sehen: „Jörg Wanke stirbt bald“. Die Unterstützung der Bürgerschaft helfe ihm, damit umzugehen.

Der ungarische Schriftsteller und Freitag-Herausgeber György Dalos berichtet von der rechtsradikalen Partei Jobbik, die bei den letzten Wahlen in Ungarn 17 Prozent der Stimmen erhalten hat. Viele seiner Kollegen hätten schon resigniert, sagt er; „die politische Kultur beginnt aber damit, dass man nicht aufhört zu protestieren.“ Dass die Zivilgesellschaft aufstehen müsse, findet auch der Brandenburgische Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg. Wenn sich Leute aber hinsetzen, um eine Demonstration zu blockieren, dann gingen sie zu weit. Die Blockierer trieben damit einen Keil zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Besser sei es, die Nazis nicht zu beachten und parallel zu ihrem Aufmarsch ein „Fest der Demokratie“ zu veranstalten. Die, die eine angemeldete Demonstration verhindern, müssten mit den Konsequenzen rechnen. Das sei der Preis des zivilen Ungehorsams, so Rautenberg. Wanke erwidert: Man könne doch nicht jedes Jahr ein Fest der Demokratie veranstalten, irgendwann müsse auch mal Schluss sein mit den Aufmärschen. Applaus. Klaus Staeck, Präsident der Akademie, sagt, es sei die Aufgabe der Kunst, die Leute hinter dem Ofen vorzulocken und ihnen Lust auf Demokratie zu machen.

Der Saal hat sich mittlerweile geleert. Von den anfangs 400 Menschen sind noch gut die Hälfte da, um Dieter Hildebrandt zu sehen. Der Polit-Kabarettist redet gewohnt schnell, springt von Griechenland zu Rüttgers, von dem Rückzug von Roland Koch zu dem nicht erfolgenden Rückzug aus Afghanistan. Zum Glück werde die Fußball-WM diese Themen bald überlagen, sagt er. Vor kurzem habe er gesehen, dass es jetzt robuste Alu-Fahnen gibt, die man im Garten installieren kann. Um dann im familiärem Umfeld die deutsche Flagge zu hissen. Im Sonderangebot bereits für 89 Euro.


TOM hat an dem Abend über 20 Bilder zu 20 Euro das Stück verkauft. Insgesamt kamen 5300 Euro zusammen. Am 12. und 13. Juni findet ein Aktionswochende in Zossen statt gegenüber dem ehemaligen Hause der Demokratie. Das Bündnis Zossen zeigt Gesicht wird eine Stadtführung veranstalten, Musik gibt es von Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Turbostaat, Antilopengang und Drei gegen Windmühlen.

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15:35 27.05.2010

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