Was für ein Bordell

Kiez-Bild Don Winslow ist der Superstar des modernen Thrillers. Aber sein neuer Krimi „Germany“ floppt schon wieder. Eine Erklärung
Marcus Müntefering | Ausgabe 16/2016 1

Don Winslow gilt als der beste Thrillerautor der Gegenwart. Er sei eine Offenbarung, erklärte Stephen King. Doch mit seiner Reihe um den Cop Frank Decker verschleudert der Amerikaner sein Talent. Warum? Man kann ja mal fragen.

Vorweg zehn Dinge über seinen jüngst erschienenen Roman Germany: 1. Reiche Leute feiern Orgien. 2. Die Anständigen gucken entgeistert zu. 3. Frauen sind entweder Engel oder Femme fatale. 4. Gewalt ist immer eine Lösung. 5. Deutschland ist ein einziges Bordell. 6. St. Pauli die Hölle auf Erden. 7. Mit dem Semper Fi der Marines ist es auch nicht mehr weit her. 8. Russen sind sehr, sehr böse. 9. In Florida ist es trotz Sonne sehr kalt. 10. In Deutschland scheint nie die Sonne.

Ach ja, Listen. Die gehörten einmal zu den vielen, bemerkenswert variabel eingesetzten Stilmitteln von Don Winslow. Zu einer Zeit, als man ihn für Romane wie Savages – Zeit des Zorns (2011) als Erneuerer des zeitgenössischen Kriminalromans feierte. Nach Tage der Toten (2005) und Frankie Machine und Pacific Private (beide 2009) wollten plötzlich alle so schreiben wie der Amerikaner, so cool und knapp und immer auf den Punkt. Nur ist das gar nicht so einfach, wie es sich dann liest – dem Autor kann vor lauter Stakkato-Präsens einmal der erzählerische Atem ausgehen, was für die Epigonen dieses Stils ebenso gilt wie für Winslow selbst, dessen Germany selbst beim geneigtesten Leser Ratlosigkeit auslösen dürfte.

Böse Leute in Daunenjacken

Hoffnungen, dass der missratene Vorgänger Missing New York (2014), der den Privatdetektiv Frank Decker einführte, ein Ausrutscher gewesen sein könnte, erfüllen sich leider nicht. Ein zweites Mal schickt Winslow seinen Helden, einen aufrechten Provinz-Amerikaner, Ex-Soldaten, Ex-Cop, auf die Suche nach einer Vermissten. Kim, die superschöne, superschlaue, supernette Gattin seines besten Kumpels aus gemeinsamen Tagen bei den Marines ist eines Abends nicht vom Shoppen wiedergekommen. Die Spur führt Decker vom Sonnenstaat Florida, wo schöne Menschen in pastellfarbenen T-Shirts ziemlich böse Dinge tun, bis nach Deutschland, wo nicht ganz so schöne Menschen in Daunenjacken noch bösere Dinge tun. Klischee trifft auf Klischee, tote Russen türmen sich zu Leichenbergen. Die Handlung geht ihren vorhersehbaren Gang, beständig im selben Tempo. Winslow erzählt untypisch im Perfekt, in einer schlichten Sprache, die das ironische Funkeln vergessen hat, das die früheren Romane zum Leuchten brachte.

Für all das hat Don Winslow im Interview mit dem Freitag eine Erklärung bereit: „First person narrator“. Punkt. Winslow ist übermüdet, fahrig, leicht gereizt. Unter der wie immer überaus höflichen Oberfläche brodelt es, zumindest ein bisschen. Vor allem, wenn man ihn auf Frank Decker anspricht, ihn zum Beispiel eine weniger charmante, dafür gewalttätige Version der klassischen Kleinstadt-Helden eines Frank Capra nennt. Vehement verteidigt Winslow seinen Ich-Erzähler. Decker sei nun einmal ein „small town boy“, und so jemand würde eben nicht groß reflektieren, sei nicht ironisch, und die Welt würde er uns auch nicht erklären wollen. Decker mache einfach seinen Job, so gut wie möglich. Winslow wiederum macht es sich ziemlich einfach. Fragen danach, ob dieser sehr amerikanische Held, bei dem sich Selbstgerechtigkeit und Gradlinigkeit mit extremer Gewaltbereitschaft paaren, vielleicht eine Kritik an dem Weltbild vieler US-Amerikaner impliziert, bügelt Winslow ab. Einen Krimi habe er schreiben wollen, pure Unterhaltung, mehr nicht. Er sagt es nicht, aber es klingt wie „nur ein Krimi“, und das mag erklären, wieso sich Germany liest, als hätte ein weniger talentierter Winslow-Epigone dieses Buch geschrieben: literarisches Fastfood, das man zwar in sich hineinstopft, das aber einen ziemlich faden Nachgeschmack hinterlässt.

Mit Heftchenromanen verglich Literaturkritiker Thomas Wörtche Germany. Und es steht zu befürchten, dass Winslow diese Einschätzung nicht einmal als Kritik auffassen würde. Auf die Nachfrage, was ihn an einer doch eher dumpfen, eindimensionalen Figur wie Decker faszinieren würde, erzählt er, was er gern und immer wieder erzählt: dass der Detektiv nichts anderes sei als die moderne Version des Sheriffs und sich der US-amerikanische Noir direkt aus dem Groschenheft-Western entwickelt habe. Das mag zwar teilweise stimmen, aber ist das ein Grund, den Kriminalroman auf dieses Niveau zurückzuführen? Wir waren doch schon viel weiter. Und Winslow war es auch. Literarischer. Politischer. Relevanter.

Sätze von solcher Nichtssagenhaftigkeit wie diese sind entlarvend: „Nach Deutschland reisen ist das eine. Wieder zurückkommen was anderes.“ Oder: „München ist eine biedere, katholische Stadt mit einer sehr aufgeräumten Innenstadt, abgesehen von einigen traurigen Pornoläden und Stripbars im Bahnhofsviertel.“ Oder: „Schließlich kam ich nach Berlin. Einer Stadt mit über 500 Bordellen. Und Dutzenden von Escort Agenturen.“ München, Hamburg, Berlin. Winslow benutzt Orte für seine Kulissen, in denen der Lonesome-Held spricht und denkt, als sei er gerade aus einem drittklassigen Reiseführer gestolpert. In rasendem Tempo, schneller als eine japanische Reisegruppe von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzt, fragt und prügelt sich Decker durch Deutschlands Rotlichtmilieu (wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge). Hier soll die vermisste Kim als Edelprostituierte anschaffen. Viel mehr fällt Winslow allerdings nicht ein zum Thema (Zwangs-)Prostitution, vielleicht auch, weil er auf umfangreiche Recherchen, eigentlich sein Markenzeichen, verzichtet hat. Auf der Reeperbahn sei er gewesen, sagt er, aber nicht in den Bordellen und Animierbars. Das könne man schließlich alles im Internet nachschauen. Außerdem kenne er die Szene, schließlich habe er in den Siebzigern (!) am New Yorker Times Square als Detektiv einschlägige Erfahrungen gesammelt.

Eine schmutzige Meile

Wenig überraschend also, dass sein Kiez-Bild („eine schmutzige Meile mit Stripclubs, Bars, Fastfood-Restaurants und Betrunkenen aller Altersstufen“) ebenso eindimensional ist wie sein DeutschlandBild. Meinen Einwurf, dass St. Pauli über die Auswüchse von Komasaufen und Billigsex hinaus ein sich entwickelnder Stadtteil sei, mit einer befruchtend heterogenen Bevölkerung, ignoriert Winslow. Er kennt nur das eine Mantra. Einen Krimi habe er schreiben wollen, mit seinem eigenen Deutschland-Bild habe das wenig zu tun. Die Handlung dominiere nun einmal alles andere.

Winslow fehlt in den Decker-Romanen die Wut und die Wucht, die Romane wie Tage der Toten und (mit Abstrichen) auch die im vergangenen Jahr erschienene Fortsetzung Das Kartell meilenweit aus dem Wust der Krimi-Neuerscheinungen herausragen ließen. Dass es in Germany um Luxusprostitution gehen würde, sei ihm überhaupt erst eingefallen, nachdem er etwa 100 Seiten fertig hatte, erzählt Winslow. Und der Verdacht liegt nahe, ein echtes Interesse für das Thema hat er nie entwickelt, eher, dass da einer am Fließband schreibt.

Was denn mit seinem Lebensthema sei, dem organisierten Drogenhandel, will ich am Ende noch wissen. Als Autor habe er damit abgeschlossen, antwortet Winslow sehr bestimmt. Natürlich kommt am Abend, als er seinen Roman in einem Hamburger Programmkino präsentiert, doch die Rede auf den sogenannten War on Drugs. Und erst dann entwickelt der bis dahin leidlich launige Abend eine echte Dynamik. Spontan schlüpft Winslow in die Rolle von Drogenboss Joaquín Guzmán, demonstriert mit vollem Körpereinsatz, wie albern der Gedanke ist, „El Chapo“ müsse erst einen Tunnel bauen, um aus dem Gefängnis auszubrechen. Für einen Moment ist er wieder da, der alte Don Winslow. Leidenschaftlich. Witzig. Mitreißend.

Info

Germany Don Winslow Conny Lösch (Übers.), Droemer Knaur 2016, 384 S., 14,99 €

Marcus Müntefering ist Jury-Mitglied der Krimi-Bestenliste der Zeit

Über die Bilder des Krimi Spezials

Die Illustratorin Lisa Rock hat diese Beilage exklusiv für den Freitag bebildert. Als Vorlage für ihre Tusche­zeichnungen verwendet sie Fotos von realen Tatorten. Lisa Rock lebt in Berlin und arbeitet für Magazine, Zeitungen und Verlage

06:00 11.05.2016

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