Was ist, wenn der Spaß aufhört?

Sammelbecken Love Parade In der Technoszene gibt es mehr rechtsextreme Tendenzen als allgemein angenommen

Vergangenen Samstag war es wieder soweit: Etwa 700.000 Raver feierten in Berlin die größte Techno-Party der Welt. Unter dem Motto Access Peace fand das 14. Jahrestreffen der jugendlichen Spaßkultur statt und DJ Dr. Motte verkündete in seiner traditionellen Ansprache an der Siegessäule, dass die Love Parade "die größte Friedensdemo der Welt sei", ein Zeichen gegen Krieg, Hass und Terror. Unermüdlich proklamiert die internationale Rave-Society ein Selbstverständnis von Gewaltablehnung, Weltoffenheit und Toleranz. Wer würde da an Verbindungen zwischen Techno und Rechtsextremismus denken?
In einer Befragung am Rande der Love Parade des Vorjahres sprachen sich alle Angesprochenen wacker für die multikulturelle Gesellschaft aus. Jedoch: Gut die Hälfte der Befragten war gegen Ausländer in der Szene. Alles würde sich ändern, irgendwie schlechter werden, wenn da zu viele Türken und andere Nationalitäten untergemischt wären, hieß es. Die widersprüchlichen Aussagen zeigen, wie brüchig das Bekenntnis zur Multikultur sein kann und wie sehr das neudeutsche politische Ressentiment auch Angehörige der Techno-Szene betrifft.
Wie aber ist es unter den Ravern um bewussten Rechtsextremismus bestellt? Bei Schulprojekttagen in Sachsen-Anhalt waren es vor allem die Techno-Workshops, bei denen sich Jugendliche mit radikal rechten Positionen einfanden. In Diskussionen zeigt sich: Für einige von ihnen ist es alles andere als widersinnig, brutal gegen Ausländer vorzugehen und dennoch Angehöriger der Love-, Peace- und Unity-Szene zu sein. Drei der anwesenden Jungen beklagen sich bitterlich, dass ihnen ein Gerichtsverfahren anhängt, "bloß" weil sie einen Ausländer zusammen geschlagen haben. Und einige Marburger Raver bekunden einen Nationalstolz, der ausdrücklich nichts mit der "bestehenden Demokratie" zu tun haben soll. Schließlich seien die Asylgesetze schlecht, denn jeder Asylsuchende, der sich in Deutschland nicht korrekt verhält, müsse nach Hause geschickt werden, egal ob ihn dort Tod oder Folter erwarten.
Wie repräsentativ solche Figuren im Friede-Freude-Eierkuchenland der Love Parade sind, ist schwer einzuschätzen. Denn dort herrscht große Unübersichtlichkeit. 2001 verkündete Star-DJ Sven Väth im Techno-Magazin Groove, dass es Rechtsradikalismus "bei uns doch gar nicht gibt". Daraufhin erinnert Kay Wendel von der Brandenburger Opferperspektive e.V. in der nächsten Ausgabe des Groove an einen Vorfall, in dem rechtsextreme Jugendliche einen Wachmann "halb totgetreten haben", während der mitgeführte PKW die Techno-Beschallung der gräulichen Szenerie besorgte. Im darauffolgenden Gerichtsprozess erscheinen einige Freunde der Täter demonstrativ in Techno-Montur. Sicherlich, so Wendel, gehören rassistische Grundeinstellungen gerade in den neuen Bundesländern zum Bodensatz aller Jugendszenen: "Techno ist Mainstream geworden. ›Raver sein‹ und ›rechts sein‹ sind hier keine Gegensätze mehr." Auch DJ Doorkeeper widerspricht dem Kollegen Väth. Über die Jahre hat er einen Generationswechsel beobachtet, aufgrund dessen Klima und Ästhetik in manchen Clubs eine leichte Verschiebung nach rechts erfahren haben. "Außerdem habe ich viele Jugendliche bei rechten Demonstrationen, auch bei NPD-Demonstrationen, gesehen, die T-Shirts mit Label-Logos aus dem Techno-Bereich trugen. Das hat mich schon erschreckt." Und doch wehren sich die meisten Szene-Angehörigen, Techno mit "rechts" in Verbindung zu bringen. Zwar legen namhafte DJs bundesweit "gegen rechts" auf und wollen über die Szene hinaus ein Zeichen setzen, aber DJane Monika Kruse, die die Initiative No Historical Backspin mitbegründet hat, scheint dabei einem eher allgemeinen Humanismus zu folgen. Im Grunde nämlich hält sie Techno "für die vielleicht friedlichste Jugendbewegung überhaupt".

Die "Chancen" der Neuen Rechten im Techno
Andere fanden die Techno-Szene schon immer verdächtig. Mit strenger Stirnfalte spekulierte das gebildete Feuilleton Anfang der neunziger Jahre erstmals über die "konsumorientierte Jugend-Bewegung". Dabei zeichneten die intellektuellen Kritiker der "liederlichen Spaß-Kultur" ein Bild des Techno, wie er letztlich auch rechtsextreme Herzen erwärmen könnte. Gustav Seibt bezeichnete die Love Parade als "eine Gleichschaltung von Hunderttausenden auf niedrigem Niveau", eine "Feier der Triebnatur", die "mit der kollektiven Zerstörungswut spielt". Techno-Musik als eine moderne Spielart der Nationalhymne. Ingo Arend wiederum hörte "Klangdetonationen wie das Mündungsfeuer des fun". Und auch Fürsprecher dieser Jugendkultur wie Ulf Poschardt beschrieben die Love Parade als eine Besetzung des Kudamms "in einer quasimilitärischen Aktion". Motte, der wahrscheinlich nie ein Intellektueller war, tönt in diesem Jahr gar nicht unähnlich: "Lasst es krachen!"
Über alle Fraktionen hinweg zeigt sich ein erstaunlicher Hang zur soldatischen Sprache, der tief in die Zwiespältigkeiten des alt-linken Habitus blicken lässt. Jedoch: Wäre die Ideologiekritik von damals wenigstens im Alter weniger ressentimentbeladen und dafür präziser geworden, könnte sie zu einer Analyse der Techno-Szene im Positiven wie im Negativen wichtige Erkenntnisse beitragen. Denn die rechte Fährte trügt keineswegs. Das Männlich-Harte, die körperliche Grenzerfahrung, das militärische Stakkato der Bewegungen, die absolute Kontrolle und Unnachgiebigkeit des Rhythmus - sie sind tatsächlich auch der rechten Exzentrik verwandt.
Dieses Phänomen zeigt sich besonders im Mainstream-Techno und dessen allgemeinstem Forum: der Love Parade. Hier herrscht die Techno-Stilrichtung Trance. Alles Subkulturelle ist schon rausgefiltert, der verbleibende Gleichklang, der Kulturindustrie zum Fraß vorgeworfen, wird von Radio und Werbung breitgetreten und lässt sich dann auf jedwedes Zielpublikum ansetzen. Und hier finden sich nicht zuletzt die konservativen und rechtslastigen Technofans wieder.
Dieses zweifelhafte Potential der Szene ist Mitte der neunziger Jahre von den Autoren der rechtsextremen Wochenzeitung Junge Freiheit instinktsicher erkannt worden. Dort wurde der Ernst Jünger des Weltkriegs-Tagebuchs In Stahlgewittern flugs zum "ersten deutschen Raver" gekürt. Die JF witterte in der bislang unpolitischen Spaßjugendkultur den Aufruhr gegen die 68er und deren linke Ideale. Roland Bubik, zeitweiliger Redakteur der JF, sah im Techno den "Rausch der Masse". Die virtuos aufgelegten Scheiben der DJs würden von den Ravern als die "Kommandos ihrer Führer" erlebt. Jürgen Hatzenbichler und Manuel Ochsenreiter beschreiben das Phänomen Techno in der JF als Auflehnung "gegen eine durchrationalisierte Welt". "Der Raver hebt sich über diese Nichtigkeiten hinweg und versinkt gleichzeitig im Rausch der Gemeinsamkeit."
Diese neurechten Ideologisierungsversuche beziehen sich auf eine Geschichte des Techno mit angeblich deutschen Stammbaum. Der inzwischen durch Selbstmord verstorbene Christian Böhm-Ermolli, ehemals leitender Funktionär des Ring freiheitlicher Jugend und 1994 Nationalratskandidat für Haiders "Freiheitliche", äußert sich entsprechend euphorisch in der JF. Techno wäre "die erste Jugendkultur im deutschen Raum seit dem Zweiten Weltkrieg, die weder amerikanisch noch schwarz noch britisch dominiert ist". Zum ersten Mal ist "Deutschland wieder ein Land geworden, in dem Neues gemacht wird und von wo es ausgeht". Böhm-Ermolli ignoriert die afroamerikanischen Wurzeln von Techno nicht gänzlich, hebt allerdings den Durchbruch des Techno in Deutschland und die "weißen Wurzeln" im New Wave und Industrial hervor. Aus diesem Diskurs werden die neurechten Ziele ersichtlich, eine Positionierung, in der die Haltung einer liberalen Globalisierungs-Gegnerschaft zunehmend einem demokratiefeindlichen Antimodernismus Platz macht.

"Fight for your Right to Party"
Gerade in Österreich gibt es Anzeichen dafür, dass die Anbiederung der Rechten an eine bislang multikulturelle und drogennahe Techno-Szene über die eigenen ideologischen Grundsätze gestellt wird. Ochsenreiter beschreibt in der JF seinen Besuch in Wien beim FPÖ-Bezirksrat Graf Johann Gudenus. Der FPÖ-Graf ist gleichzeitig Techno-DJ. Und wenn man Ochsenreiter über einen geselligen Abstecher der beiden ins Wiener Gazometer schwärmen hört, ist spürbar, dass sie sich auf dieser Techno-Veranstaltung unter einigen Gleichgesinnten befanden. Zudem nutzt die FPÖ Techno politstrategisch zur Jungwählerwerbung, indem sie innerhalb einer Wahlkampagne auch Computerspiele versendet, die mit Techno-Sounds unterlegt sind.
Dass diese Annäherung bei den Techno-Kids auf fruchtbaren Boden fällt, weist das Wiener Institut jugendkultur.at nach. Zu einem viel höheren Prozentsatz als alle anderen Jugendlichen möchten die Raver laut einer vergleichenden Studie aus dem Jahr 2000 "Zigeuner", Juden oder Zuwanderer nicht als Nachbarn haben. Die Techno-Jünger "vertreten die Ansicht, dass ›Ausländer‹ den ›Inländern‹ nicht die Arbeitsplätze wegnehmen sollten." Zwei von drei Techno-Heads würden Gastarbeiter wieder "in die Heimat zurückschicken", wenn die Arbeitsplätze in Österreich knapp werden. "Die Ideologie der ›Rassentrennung‹ ist", so die Erhebung des Wiener Instituts, "wenn auch nicht als elaboriertes politisches Konzept - in der Mainstream-Technoszene erstaunlich stark präsent." Laut Dr. Beate Grossegger, der wissenschaftlichen Leiterin von jugendkultur.at, wäre es daher dringend nötig, den Focus der Rechtsextremismus-Prävention nicht nur in der Skinhead-Szene, sondern ebenfalls in der Techno-Szene anzusetzen.
Diffus-aggressive Fremdenfeindlichkeit ist wie erwähnt auch bei deutschen Techno-Fans häufig zu finden. Doch in Deutschland tut sich die organisierte Rechte schwerer. Allerdings könnten deren Vorurteile gegenüber der Techno-Szene auch hier - vielleicht nicht gänzlich abgebaut - aber durch eine gefährlich zweckmäßige Toleranz ersetzt werden. Bislang drückt der harte Kern der Rechtsextremen seine Abneigung gegenüber Techno unverhohlen in den Publikationen und Chats der Szene aus. Die sogenannte "Nazi-Bravo", das Rechtsrock-Musikmagazin Rock Nord, vertreibt entsprechende Aufkleber mit der Aufschrift "Techno tanzen verboten! Reichskulturkammer" in Frakturschrift. Gleichzeitig hat aber der hauseigene Musik-Vertrieb dieses Magazins Funny Sounds Visions einige Nazi-Techno-CDs im Angebot. Ebenso wollte sich der rechtsextreme Musik-Vertrieb VAWS in den neunziger Jahren des Techno-Booms bemächtigen und nahm Techno-Sampler in seine Angebotspalette auf. Letztlich ging es aber weniger darum, strategischen Einfluss auf die Szene auszuüben, als Profit und Popularität der Szene abzuschöpfen.
Norbert Weidner kann beide Welten beurteilen. Er gehörte zum engsten Führungszirkel der militanten deutschen Neonazis und zog sich 1995 aus der organisierten Bewegung zurück. Weidners Rückzug aus der regressiven rechten Subkultur kompensierte er mit großer Leidenschaft in der progressiven Techno-Szene. In den Clubs begegnete er immer wieder Leuten, die vorher in der rechten Szene verkehrten. "Ich habe bis zu 20 ehemalige Skinheads getroffen oder sah bestimmte Keltenkreuz-Tätowierungen. Ich habe auch immer wieder Leute kennen gelernt, die sich früher am Rande der rechten oder rechtsextremen Szene bewegt haben." Weidner kann sich zwar nicht vorstellen, wie man die Techno-Szene konsequent instrumentalisieren könnte, da "gerade die Rechte (wie NPD und Republikaner, Anm.d.Aut.) viel zu träge ist". Trotzdem weiß auch er, dass die Büttel rechtsextremer Parteien regelmäßig auf der Love Parade gesichtet werden, während sie ihre Flugblätter unter das Partyvolk mischten.
Die zwiespältigen Einstellungen und diffusen Praktiken der Rechtsextremen gegenüber der Techno-Szene sind gewiss nicht überraschend. Eine Erkenntnis ist aber auch bei den Rechten bestimmt gegenwärtig, dass nämlich die Form der Techno-Musik theoretisch einer rechtsextremen Ideologie Vorschub leisten kann - einer Ideologie, die sich nicht nur aktuell durch ihre anti-globale Einstellung auszeichnet, sondern in ihren vereinfachenden politischen Konzepten höchst fragwürdig ist. Und in den sich globalisierenden Gesellschaften mit ihren vielen neuen Armutsfallen vermag das interkulturelle Miteinander genauso verstörend wirken wie eine komplexere musikalische Struktur. Der gleichbleibende Beat von Techno mag da wie ein Fels in der Brandung einer zunehmend unübersichtlichen Welt sein.
Wie groß die Menge derer mit rechtsradikalen Einstellungen auch sein mag: Angesichts der beunruhigenden Zeichen sollte man Beate Grossegger folgen und bei der Rechtsextremismus- und Rassismus-Prävention auch die Techno-Szene in den Blick nehmen: "Wenn man harten schnellen Techno hört, ist man sozial nicht auffällig, man kann rechts sein, kann rechts denken, ist unter seinesgleichen durchaus auch als Rechter erkenntlich, für den Außenstehenden ist man aber einfach ein Techno-Fan." Was jedoch die aufklärende Jugendarbeit in Sachsen-Anhalt angeht, stehen die politischen Zeichen schlecht. Denn die neue CDU-Regierung findet diese Arbeit "politisch einseitig", weil sie nicht "auch gegen Links-Extremismus und Sprayer" vorgehe. Man sperrt die Gelder und will lieber "heimatverbundene Kulturarbeit" fördern. Techno goes rechts goes Volksmusik? Aber auch viele Veranstalter und DJs wollen das Problem nicht sehen. "Spaß" als Motto einer Jugendbewegung ist eben kein Garant für humanistische Einstellungen. Denn was ist, wenn der Spaß ausbleibt? Im Sommer 2000 töteten fünf junge Männer aus Wismar grundlos einen Obdachlosen. Diese seien "nutzlos und lebensunwürdig", so hieß es. Und einer der Täter räumte ein, dass er "an dem Abend einfach sauer war", weil er seinen Geburtstag eigentlich auf der Love Parade feiern wollte.

00:00 19.07.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare