Was Männer krank macht

Medizin Die gesundheitlichen Risiken der Männerrolle geraten nur langsam in den Blick
Was Männer krank macht
Das vermeintlich starke ist in Wahrheit das schwache Geschlecht

Foto: Bettmann/Getty Images

Am 3. November ist „Weltmännertag“. Ins Leben gerufen wurde er im Jahr 2000 von Wiener Andrologen, also auf Männergesundheit spezialisierten Medizinern. Die Schirmherrschaft übernahm der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, aus gutem Grund: Die Lebenserwartung russischer Männer lag zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre niedriger als die russischer Frauen. Auch in westlichen Staaten gab es stets eine geschlechtsspezifische Differenz. In Deutschland sterben Männer derzeit fünfeinhalb Jahre früher als Frauen. Das Gefälle hat sich abgeschwächt: Mitte des letzten Jahrhunderts, in der Hochphase der Industriearbeit, waren es noch acht Jahre Unterschied.

Die körperlichen und psychischen Probleme von Männern standen lange im Schatten des Themas Frauengesundheit. Dass rigide Rollenerwartungen an das angeblich „starke Geschlecht“ zu erhöhten medizinischen Risiken führen, wird erst in jüngerer Zeit empirisch erforscht. Das hat verschiedene Ursachen. Die Krankenkassen zum Beispiel setzten Prioritäten, die gynäkologische Krebsvorsorge war besonders förderungswürdig. Männliche Erkrankungen, vor allem wenn sie nichts mit Fortpflanzungsorganen zu tun hatten, galten als unbedeutsam für die biologische Reproduktionsfähigkeit der Gesellschaft.

Noch wichtiger war, dass in den 1970er- Jahren im Umfeld der Konflikte um den Paragrafen 218 in Westdeutschland eine Frauengesundheitsbewegung entstand. Die Aktivistinnen skandalisierten, dass Testreihen zu neuen Medikamenten oft nur mit männlichen Probanden durchgeführt wurden. Sie kritisierten die damals überwiegend männliche Ärzteschaft, die weibliche Symptome nicht erkannte. So unterscheiden sich die Anzeichen von Herz- und Kreislauferkrankungen nach Geschlecht: Männer spüren Anzeichen wie Engegefühl und Stechen in der Brust, Frauen klagen eher über Schlafstörungen und Übelkeit – mit der Gefahr, dass ein möglicher Infarkt bei ihnen zu spät diagnostiziert wird.

Der Körper als Maschine

Feministische Initiativen haben einst dafür gesorgt, dass der Gender-Blick auf die Medizin geschärft wurde. Früh entstanden Selbsthilfezentren und Ansätze einer Frauengesundheitsberichterstattung, die bald auch von öffentlichen Institutionen gefördert wurde. Dem stand zunächst kein männliches Pendant gegenüber, weder in Form einer Gesundheitsbewegung noch einer auf sie ausgerichteten Berichtskultur. Um Männer krank machende Faktoren kümmerte sich die Politik kaum, auch weil wenig Druck ausgeübt wurde. Erst nach der Jahrtausendwende wurden die Forderungen nach Gesundheitsförderung und Prävention für Männer lauter. Es dauerte allerdings bis 2014, ehe das Robert-Koch-Institut eine umfangreiche Studie zur Gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland vorlegte und so staatlich unterstützt männerspezifische Anliegen und Versorgungsengpässe sichtbar machte.

Schon vorher hatte es einen ersten Bericht zur Männergesundheit gegeben. Auftraggeber war bezeichnenderweise nicht die Bundesregierung, sondern eine private Krankenkasse. Die DKV kooperierte mit zwei Stiftungen und dem Dresdner Gesundheitswissenschaftler Matthias Stiehler als Herausgeber. Die Versicherung ließ die Abrechnungsdaten von über 400.000 Patienten auswerten. Die wichtigsten Ergebnisse: Männer tragen ein höheres Risiko bei Schlaganfall und Herzinfarkt, sie sind häufiger übergewichtig und alkoholkrank, stellen drei Viertel der Verkehrstoten und begehen dreimal so oft Selbstmord.

Viele Männer sorgen nicht gut für sich, betrachten ihren Körper als eine Art Maschine, die nur gewartet werden muss, wenn sie nicht mehr funktioniert. Sie vernachlässigen ihre Gesundheit, missachten selbst massive Warnsignale. Nach der Devise „Indianer kennen keinen Schmerz“ vermeiden sie medizinische Vorsorge, allerdings liegen auch die Zugangsschwellen höher. Mammographie wird Frauen ab dem 50. Lebensjahr angeboten und von den Kassen finanziert. Wollen sich Männer gegen Prostatakrebs schützen, müssen sie den PSA-Test meist selbst bezahlen. Dass Frauen im Schnitt länger leben als Männer, ist schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt, als erstmals geschlechtsspezifische Mortalitätsstatistiken erstellt wurden. Die langsame Angleichung bei der Lebenserwartung seit 1980 erklärt die Forschung mit dem Wandel zur Dienstleistungsökonomie und einer verstärkten weiblichen Übernahme männlicher Lebensentwürfe. Die sogenannte Klosterstudie des Demografen Marc Luy, der die Biografien von Nonnen und Mönchen verglich, belegt einen rein körperlich bedingten Unterschied von nur einem Jahr. Der frühere männliche Tod ist also kein biologisches Naturgesetz, sondern auf krank machende gesellschaftliche Bedingungen, Geschlechternormen und ein enges Rollenkorsett zurückzuführen. Die Gründe sind sozial bedingt, liegen darin, wie Männer leben und arbeiten: Sie gehen selten zum Arzt, haben ruinöse Jobs, ernähren sich ungesund, rauchen und trinken mehr als Frauen.

Eine dialogisch orientierte Gender-Politik sollte nicht in eine wenig produktive Hitparade der Benachteiligung einsteigen. Der britische Autor Jack Urwin zeigt das exemplarisch für das Thema Gesundheit in seinem Buch Boys don’t cry, das er 2016 als Reaktion auf den frühen Tod seines Vaters veröffentlichte (der Freitag 13/2017). Er weist auf die negativen Folgen männlichen Verhaltens hin, ohne die Schuld dafür bei den Frauen zu suchen. Urwin schildert, wie das starre Bild vom starken, wilden, unbesiegbaren Mann das Verhältnis zum eigenen Körper prägt und beschreibt eindrücklich, dass der Mythos der Maskulinität krank macht oder gar tödlich enden kann.

Mythos der Maskulinität

Der jüngste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung fordert explizit, dass auch „Strukturen erkannt und beseitigt werden, die Männer aufgrund des Geschlechtes an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe hindern”. Doch es gibt Defizite. Seit dem Bericht des Robert-Koch-Instituts sei „politisch nichts passiert”, heißt es in einer Stellungnahme des Netzwerks Jungen- und Männergesundheit und des Bundesforums Männer. Die „Herausforderungen für die Gesundheitsforschung und -versorgung“ seien zwar formuliert, die „Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen” stehe aber ebenso aus „wie eine mögliche Umsetzung”. Gefordert werden die „verbindliche Weiterführung der Männerperspektive in der Gesundheitsberichterstattung” und die „Verbesserung der Datenlage“.

Die Medizin als akademisches Fach war einst eine männerdominierte Angelegenheit. Auch in der diagnostischen Praxis erklärte man den männlichen Körper zur Norm. In den Kliniken prägten Halbgötter in weiß die Morgenvisite und erst recht die Operationssäle. Frauen assistierten als Krankenschwestern. Die pharmazeutische Industrie agierte geschlechtsblind und erprobte Arzneimittel nur an Männern, was für Frauen lebensbedrohliche Folgen haben konnte. Heute gibt es deutlich mehr Ärztinnen, schon in der Ausbildung spielt Genderforschung eine größere Rolle. So untersucht ein Fachbereich an der Berliner Charité geschlechtsspezifische Differenzen, noch ist das aber eher die Ausnahme. Auch die „toxische Männlichkeit”, wie sie Urwin nennt, wird in der Wissenschaft kaum bearbeitet. Eine Forschungslücke bildet zudem die Verknüpfung von Geschlecht und Klasse: Männliche Arbeiter, die unter gefährlichen Bedingungen im Stahlwerk oder auf dem Bau schuften, haben eine besonders kurze Lebenserwartung.

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