Was sagen die Fliesen?

Alltag II Alex K. ist Fliesenleger von Beruf. Er liebt seine Arbeit. Langweilig wird ihm nie

Die Zeit von acht Uhr früh bis 17 Uhr verbringt Alex K. in einem Badezimmer. Auf zwei Quadratmetern hat er alles, was er braucht. Um 9.30 Uhr löffelt er, auf dem Toilettendeckel sitzend, seinen Joghurt, in den er durch einen Knick der Packung die mitgelieferten Knusperflocken hineinkatapultiert.

Die Mieterin ist überrascht. Warum er denn in seiner Pause im Bad bliebe, es gäbe in der Wohnung doch Stühle und einen Esstisch. Und ob er einen Kaffee oder einen Tee trinken möchte? Danke. Kaffee trinkt er nicht, und er bleibt im Bad, und er braucht nichts: "Ich hab´ ja eine Mama, die packt mir immer alles ein."

Alex K. ist Anfang 20. Er ist Fliesenleger und repariert zwei Reihen defekter Fliesen in einer alten, sanierungsbedürftigen Mietwohnung. Weil der Vermieter es gerne billig hätte, muss Alex K. Fliesen kleben, die mit den alten Kacheln rechts und links davon nur eins gemein haben: Sie sind 15 mal 15 Zentimeter groß. Alex K. hasst seinen Job. Einen ganzen Tag für diese Flickerei, immer wollten es die Leute nur billig. Billig, aber nicht gut: "Da stehe ich hier für einen Tag mit so ein paar Fliesen und hätte Ihnen locker in zwei Tagen das ganze Bad neu fliesen können, und dann wäre es schön geworden." Alex K. liebt seinen Job: Kürzlich hat er ein ganzes Bad gefliest, ein großes, das ein Innenarchitekt entworfen hatte. Dem musste er erst mal erzählen, was technisch geht und was nicht. Am Ende sah es toll aus. Ganz große schwarze Fliesen, nicht auf Fliesenkreuz geklebt sondern versetzt und mit ganz bunten Farben oben an der Wand und an der Decke. Alex K. träumt von der Meisterschule. Noch zwei Jahre als Geselle, dann geht es los. Meisterschule ist teuer, aber das ist nicht schlimm, dafür gibt es ja Schwarzarbeit. Der schlechte Ruf der Schwarzarbeit? Es ist ja eigentlich nicht die Schwarzarbeit an sich, die dem Handwerk schadet. Nur die zu billige Schwarzarbeit, und die Firmen aus Polen sind schlecht. Anständig bezahlte Schwarzarbeit ist gut. Und nötig, um über die Runden zu kommen.

Sein jetziger Chef zum Beispiel, bei dem weiß man nie, wann er den Lohn zahlt. Immer behauptet er, die Kunden würden nicht zahlen. Aber das kann Alex K. nicht überprüfen, deshalb will er seinen Meister machen, selbstständig sein. Und wenn dann die Kunden nicht zahlen? Dann weiß er wenigstens, wer Schuld hat.

Alex K. wohnt bei seinen Eltern und hilft an den Wochenenden Freunden und Bekannten beim Renovieren: "Wenn ich mir mal ein Haus baue, mache ich alles selber, außer Tapeten kleben." Tapeten kleben mag er nicht, Papier ist nicht seine Sache. Lieber Fliesen oder Arbeiten mit Holz, aber Fliesen, das ist das Größte. Bei einem Klempner zum Beispiel, da sieht man das Ergebnis der Arbeit am Ende gar nicht - bei ihm schon. Da ist abends immer alles schön gefliest. Und außerdem kann er meistens allein arbeiten. Apropos allein, fällt es der Mieterin ein, ob sie ihm ein Radio bringen soll, damit es nicht so langweilig wäre in ihrem Badezimmer. Nein, wieso langweilig? Er hat ja die Fliesen, um sich zu unterhalten.

"Und was sagen die Fliesen?"

"Die sagen mir, ob sie gut geklebt sind."

"Knurren die, wenn etwas nicht stimmt?"

"Hm."

"Schnurren sie, wenn sie sich wohl fühlen?"

"Ja, so ungefähr. Man kann es den Fliesen ansehen, ob alles gut ist."

"Fliesen", so hatte ihn sein Chef angekündigt, "tut er wie ein junger Gott. Nur Auto fahren kann er nicht." Alex K. hat derzeit keinen Führerschein. Er wird morgens von Kollegen auf der Baustelle abgesetzt und abends dort wieder eingesammelt. Heute hat er gerade keine Zeit, also werden Kübel und Kelle, Geräte und Geselle mit dem Taxi abgeholt. Auf dem Arbeitszettel steht: Alte Fliesen aufgestemt, untergrund berabt, Fliesen Geklebt und Ferfugt, Abgewaschen und Saubergemacht.


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00:00 10.11.2006

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