Was sinnlos schien, hält mich am Leben

Sänger der Wende Hans-Eckart Wenzel präsentiert Neues über die neue Gesellschaft. Vor kurzem feierte er seinen 50. Geburtstag

Humor braucht Klugheit. Sonst erschöpft er sich in Banalitäten. Ein Clown ist Meister der Reduktion. Eine einzige Szene, eine Geste, ein Satz kommentieren den Zustand der Gesellschaft. Deshalb können wir, die Zuschauer, bei den Besten der Zunft gleichzeitig weinen und lachen. Er, der Clown, durchschaut, was geschieht, transportiert Überlegenheit und Melancholie. Die traurige Gestalt mit den hoch gezogenen Brauen und tropfenden Tränen, die den Zustand der Welt begreift, ihn aber nur zum Besten geben kann ...

Hans-Eckart Wenzel ist (studierter) Kulturwissenschaftler und Ästhet. Ein Analytiker also. Beste Voraussetzung für das, was er tut: Clown und Poet sein, Sänger und Theatermann. Seit den achtziger Jahren versucht er, sich dem "Blödsinn der Welt" entgegen zu stellen. Seine Texte karikieren nicht Personen, seine Programme leben von den Umständen, in denen die Figuren agieren. Schon in der DDR. Aber der Clown ist mehr als Maske, hinter der man sich verbirgt. Er ist ein Medium, das der Wahrheit verpflichtet ist. Zusammen mit Steffen Mensching wurde Wenzel einer der Poeten der Wendezeit. Es gab Augenblicke, da schien er in ein "Loch aus Sinnlosigkeit" zu stürzen, kurz vor der Wende zum Beispiel, als er Verschwörung und Verhinderung spürte. Auf seiner Suche nach Gegengesellschaften, klein aber fein. Dabei durchaus am Gewohnten anknüpfend. In der Pflicht, etwas Sinnvolles mit dem Leben anzufangen. Mit einer "eigenartigen Hassliebe" für die Gesellschaft, in der er lebte. Leicht schizophren, wie fast alle um ihn herum.

Man müßte schöner lügen
Können, vergessen, wer man war.
Zwischen zwei Guiness-Zügen
Wird das Leben wieder wunderbar wahr.
(Aus: Schöner Lügen)

Zunächst auch westwärts wahrgenommen: Ein Exot, den man bestaunen konnte, dem vielleicht ein bisschen von der Kraft geschuldet war, mit der die Wende in der DDR voran getrieben wurde. Für deren Geschichte man sich aber bald nicht mehr interessierte. Gesamtdeutsch gesehen mutierte er in rasanter Geschwindigkeit zum Konkurrenten. Ohne Werdegang. Auf einem Markt, der Moden folgte, waren Inhalte, "Gebrauchswerte" sagt Wenzel, zugunsten von "Tauschwerten" bald out. Kunst und Realität sind verschiedene Kategorien. Um sie anzunähern, braucht man heute Promotion, je lauter und heftiger, desto wichtiger. Das war in der DDR anders, dort brauchte man Mundpropaganda, Tipps von Leuten, die dachten, wie man selbst. Inhalte, die Realität erhellten. Auf den Punkt genau.

Was nicht heißt, dass Inhalt heute ohne Chance wäre. Wenzel-Konzerte finden ihr Publikum. In Ost wie West. Natürlich mit Promotion. Im Jubiläumskonzert zum 50. Geburtstag saßen dennoch mehr von denen, die seine Lieder als intellektuelle Kommentare aus der Wendezeit kannten. Seinen kritischen Blick schätzen. Wolfgang Thierse zum Beispiel und Werner Schulz. Ordentlich durch mehrere Sitzreihen voneinander getrennt. Dazu Freunde, Lehrer, Kollegen, Dichter, Liedermacher aus anderen Gefilden, die heute alle ein Stück von Wenzel sind. Elemente seiner Texte, seiner Musik weisen das aus. Texte, die immer wieder neu Zustände attackieren. Wenzel ist, wie ein guter Kabarettist, in der Lage, den Augenblick für seine Songs zu nutzen. Die aufgetürmte Bürokratie für ein aktuelles Konzert zu karikieren, bei der Vorstellung seiner Musiker singend halbe Gesellschaftsanalysen zu liefern, ohne die Kunst zu überfrachten:

Ach, in diesem tristen Land, dem kalten,
Da ist´s nüchtern doch nicht auszuhalten,
Und wie alle, wär auch ich zu gerne
Lieber irgendwo ganz weit, da in der
fernsten Ferne
Zwischen schwankenden Gestalten.
(Aus: Paradies)

Fernweh hat bei Wenzel mit Dabei-sein-wollen zu tun, mit dem Wunsch, die Entwicklungen von geistesverwandten Autoren verfolgen zu können. Die von Woody Guthry zum Beispiel, jetzt hat er seine Texte übersetzt und eingesungen, lange konnte er ihn nur bewundern. Wenzel will dem "Illusionsspektakel" entkommen und lässt keine Gelegenheit verstreichen, den österreichischen Autor Theodor Kramer, der in seinen Gedichten Außenseiter, Tagelöhner, Heimat- und Arbeitslose zu Hauptfiguren macht, deshalb in Nazideutschland verboten war und emigrieren musste, seinen Lehrer zu nennen. Bei ihm guckt er ab, wie man die Realität zunächst akzeptiert, um sie dann beschreiben und kritisieren zu können. Nicht Anschauungen, Meinungen, Dogmen bestimmen Poesie und Lieder, sondern das Absurde der Gegenwart. Nah wie fern.

Wenzel ist ein politischer Mensch und ein politischer Autor, der nichts von Parteien hält. Tagespolitik ist Stoff, sein Lebensraum, aber nur in Ausnahmefällen kann man daraus etwas Brauchbares machen. Im aktuellen Programm findet sich ein Lied über den Undank des Volkes seinem Kanzler gegenüber, der doch das Beste wollte. Gebaut nach dem alten Stalin-Gedicht Im Kreml brennt noch Licht. Das Publikum im Konzert tat, was es tun sollte. Es sang laut den Refrain Tut uns so leid .... Aber das Spiel um Macht hat für Wenzel auch etwas Absurdes, Theatralisches.

Ein Ex-Minister lacht verstört.
Der Mittelstand ist höchst empört.
Die Spanner liegen auf der Lauer.
Die Hochdruckzone bleibt von Dauer.
Der Asphalt hat sich hochgebogen.
Der Fliederduft setzt unter Drogen
Und jede Logik ist verboten.
Das ist die Zeit der Irren und Idioten.
(Aus : Die Zeit der Irren und Idioten)

Irre und Idioten sind natürlich immer die anderen, das ist man sich und den gewendeten Verhältnissen schuldig. Und die Königsebene, auf der einer agiert und die anderen zuschauen, lässt sich heute sehr viel seltener ausmachen als vor 1989. Aber immer noch wird verlangt, dass "wir die Knie beugen". Die Grenzen bleiben dicht verschlossen, nicht für die aus dem Osten, sondern gegen die aus dem Süden, und sie sind aus anderem Material. Aus Stein und Stacheldraht wurde Geld. Wenzel weiß, dass Texte vereinfachen, zuspitzen, das wirkliche Leben manchmal unüberschaubar, schwerer regelbar und gelegentlich auch zum Verzweifeln ist. Je älter einer wird, desto mehr Verluste muss er hinnehmen. Auch deshalb schafft sich der Mensch, der Autor, der Clown, eigene Welten. "Ich bändige Phänomene, die mich sonst vernichten könnten", sagt er. Verlust, Trauer, Liebe, sie gehören zueinander. Nur wer alles erfährt lebt, reift, weiß, was er will, kann Gelassenheit ausstrahlen, bei aller Kritik. Es geht Wenzel nicht ums hektische Agieren, er will wirken. Wenn es sein muss, ganz langsam. Spießer, seine literarischen Lieblinge, ändert man nicht, wenn man ihnen ständig zuruft, "was seid ihr doch für Spießer"... und Erfolge feiert nicht, wer schnellen Gewinn einfährt oder, um des Erfolgs willen, über Bord wirft, was ihm heilig war.

Ihr starken, ihr deutschen Soldaten!
Wie lang hocktet ihr hinterm Ofen.
Von falschen Beratern beraten,
Ganz ohne Mandat, wie die Doofen,
...
Behangen mit Stillhalte-Orden,
Von den Pazifisten verlacht,
Ihr kanntet nicht Süden, nicht Norden
Und nicht die Gefahren der Nacht.
Aus: Miserere militaria)

Wenzel kennt das, was regierende Politiker gerne Sachzwang nennen und wofür sie Prinzipien kippen, die vorher gegen alle Widerstände hochgehalten wurden. Tragisch ist deshalb für ihn die Entwicklung der Grünen, die vom einen zum anderen Tag deutsche Uniformen in aller Welt für unverzichtbar hielten. Und wie sie zurück ruderten, wenn sie die Wähler brauchten. Wie sie dann wieder losließen und mutierten. Zu einer Spezies, gestreift grau, mit stierem Blick auf Machterhalt. In der Mitte des Kokons fett geworden. "Was Du auch greifst mit deinen Händen, verlierst Du irgendwann", singt er. Ein Plädoyer fürs Scheitern. Denn erst im Scheitern liegt die Kraft für den Neuanfang. Diese Weisheit glaubt er aus der Entwicklung im Osten ableiten zu können. Falsch gelegen zu haben, geschmäht zu sein, hilft nachzudenken, einen Umweg zu wagen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Der Clown liebt Sprünge, Umwege, die scheinbar überflüssige Geste.


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00:00 05.08.2005

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