"Was wir gar nicht mögen, sind Kommunisten und Drogen ..."

Ein anderer Planet Als Sprachlehrer bei der US-Army in Deutschland: Ein Frontbericht aus dem Kalten Krieg

JOIN THE ARMY, VISIT EUROPE, MEET NICE PEOPLE - AND NUKE THEM!

Das steht auf einem T-Shirt, das mir neulich wieder in die Hände gefallen ist. Es ist ein Geschenk. Ich glaube, es war Bob H., der mir das olivgrüne Teil vererbt hat. Nein, Timmy R. Von Bob habe ich ja den Navy-Deckel, der mich zum Leichtmatrosen macht. Bob war ein netter Kerl. Ein Riesenbaby. Aber intelligent. Timmy dagegen einer dieser fanatischen "Born again Christians".

Mit den Fernsehbildern kommt die Erinnerung: US-Soldaten auf allen Kanälen. Solche Gesichter kenne ich gut. Damals war Ronald Reagan US-Präsident, und die Pershing II rollte durch die Lande, während die Sowjets "drüben" dasselbe machten mit ihren SS 20. In Mutlangen demonstrierte man frau gegen die NATO. Lange her, viel passiert. Und ich irgendwie mittendrin. Als German teacher für US-Soldaten.

Ich werfe das T-Shirt in die Waschmaschine. Wie ist es mir seinerzeit gelungen, zwei Jahre mit einem inneren Widerspruch zu leben? Da leistet man Zivildienst - und plötzlich war ich "in the army now".

Begonnen hatte alles nach dem Abschluss meines Germanistikstudiums in München. Ein erster Job wollte gefunden werden. In einer Buchhandlung erfuhr ich von zwei Amerikanern, die Material für Deutschunterricht gekauft hatten und auf der Suche nach Sprachlehrern waren. Man gab mir eine Telefonnummer, und ich rief einen gewissen Dr. P. an, dessen Büro sich in der MCGRAW-Kaserne befand. Ich bekam einen Termin und fuhr hinaus nach München-Harlaching. Dem Wachmann an der main entrance zeigte ich meinen Ausweis, und er wies mir den Weg zum office von Dr. P.

Die eintönigen Gebäude, die auf beiden Seiten des MCGRAW-Grabens aufragten, einer Ausfallstraße, die in die Salzburger Autobahn übergeht, waren ebenso beeindruckend wie unheimlich. Über den Eingängen wehten die stars and stripes. Es regnete. Hatte ich nicht vor kurzem meinen Namen auf eine Liste für den Frieden gesetzt? Das Büro von Dr. P. war ein schmuckloser Raum mit nur einem Fenster und Postern von deutschen Sehenswürdigkeiten an den Wänden. P. war um die 50 und Zivilist, ebenso wie Dr. F., der zweite Leiter der Deutschabteilung (es gab - wie ich erfuhr - noch eine Abteilung für Tschechisch und eine für Russisch). Auch ein Soldat war anwesend: Major S.

"Mädscher" S. sprach perfekt deutsch: "Herzlich willkommen im foreign language training center europe der US-Streitkräfte, FLTCE abgekürzt und ›Flitzi‹ ausgesprochen". Ich erfuhr, dass das FLTCE zum DLI und DOD gehört und auch mit der NSA zu tun hat. NSA? War das nicht die national security agency? P. erläuterte die Zusammenhänge: Im II. Weltkrieg wurde vom departemt of defense (DOD) das defense language institute (DLI) ins Leben gerufen, das Spracheninstitut der US-Streitkräfte im kalifornischen Monterey. Die ersten Unterrichtssprachen: Deutsch und Japanisch.

Mir war ein wenig unbehaglich geworden unter dem Neonlicht. An der Wand dieses seltsam deplaziert wirkende Loreley-Bild. Ich hätte den Wehrdienst verweigert, hörte ich mich reden. Dr. P. beruhigte. Erstens sei es mein gutes Recht, den Dienst an der Waffe zu verweigern, das sei nun einmal zutiefst demokratisch, wovon ja gerade die Amerikaner einiges verstünden. Und zweitens hätte ich bei ihnen nichts mit militärischen Dingen zu tun. Es gehe um die deutsche Sprache, Land und Leute. Wie man wisse, seien die US-Streitkräfte hier, weil es drüben die DDR gebe, den Eisernen Vorhang, die Russen. Jene Soldaten der US-Army in Europa, die zum FLTCE kämen, seien zuvor am DLI und würden bereits Deutsch (oder eben Russisch oder Tschechisch) können. Das FLTCE diene der Intensivierung ihrer Sprachkenntnisse. Die ganze Sache interessierte mich nun doch, und ich fand den Job auch und gerade unter dem Aspekt der Völkerverständigung durchaus akzeptabel. Ich musste einen Fragebogen ausfüllen - und drei Wochen später hatte ich eine ID-Card: U.S. ARMY EUROPE/ INSTALLATION PASS/ IDENT NR: H8966906/USMCA MUNICH.

Das T-Shirt ist inzwischen fertig gewaschen, ich hänge es zum Trocknen auf. Im Fernsehen sieht man Donald Rumsfeld.

Mein erster Arbeitstag, 1. Juli 1984. Auf einem Schild neben dem PX las ich "positively no parking!" Und auf einem anderen: "100 % security check in progress!" Ich befand mich auf einem anderen Planeten.

Ein Jeep der military police ließ mich einen Zebrastreifen überqueren, und kurze Zeit später war ich wieder im Büro von Dr. P., diesmal mit sieben weiteren Frauen und Männern, die man ebenfalls als Lehrer rekrutiert hatte. Dann wurden wir vom FLTCE-Chef, Commander K., einem Ein-Meter-sechzig-Mann mit Glatze und Hornbrille, offiziell begrüßt. K. trug eine so genannte BDU ("Bidiju"), eine battle dressed uniform in Tarnfarben und sagte: "I don´t do german, I only do french and vietnamese!" Wir waren beeindruckt: Der Chef unserer Schule hatte womöglich ein paar Vietcong auf dem Gewissen! Allerdings erwies sich der Commander als durchaus humorig, und immerhin war seine Frau Vietnamesin. Wir wurden auch mit den Russisch- und Tschechisch-Lehrern bekannt gemacht, einem Club ältlicher Damen, die offenkundig vehement antikommunistisch eingestellt waren. Der Commander ließ Plastikschüsseln mit Chips kreisen, und wir tranken Root Beer. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass ich die nächsten beiden Jahre in einem abenteuerlichen Lebenszusammenhang verbringen würde, in einer mitunter kuriosen Mischung aus Deutschunterricht und Toga-Party, Army Intelligence und Thanksgiving, Friedensbewegung und American-Oktoberfest.

Während der Einführung in das Unterrichtssystem wurde deutlich: Wir hatten einen politisch und militärisch keimfreien Unterricht zu führen, in kleinen Klassen mit drei bis fünf Schülern. Natürlich war schnell klar, dass die USA ihren GIs nicht unbedingt ein besseres Leben in Deutschland bescheren wollten, mit schönem Deutsch, wortgewandt und kenntnisreich. Fremdsprachenerwerb und die Optimierung der sprachlichen Fähigkeiten waren Teil der Strategie: Nur wer die Sprache des Feindes spricht, sie versteht und lesen kann, wird den Einschlag einer SS 20 in das Fulda Gap verhindern.

Als die ersten students eintreffen, sind wir bestens vorbereitet: Wir wissen, wie wir aus einem Haufen Soldaten, die zwar alle deutsch sprechen, allerdings auf unterschiedlichsten Niveaus, homogene Gruppen bilden.

An das FLTCE kamen alle Arten von Gattungen der unterschiedlichsten Ränge: Army, Airforce, Navy, Marines sowie special agents in Zivil. Die konkreten Aufgaben der Soldaten wurden nur vage umrissen: Abhören des DDR-Funkverkehrs, interrogation "der anderen Seite", Analyse schriftlicher Dokumente.

Wir unterhielten uns vier Stunden täglich mit unseren GIs, ließen dabei vor allem sie sprechen, gaben ihnen Leseaufgaben, hörten das deutsche Idiom anhand von Audio-Material, sahen Filme an. Der Unterricht im Detail war den Lehrern überlassen. Klassen und Lehrer rotierten im Verlauf der Unterrichtseinheiten, so dass wir es immer wieder mit neuen Gesichtern, unterschiedlichen Ansichten und verschiedenen Sprach- und Bildungsniveaus zu tun hatten. Fast die Hälfte der Soldaten waren Frauen, die aus der Airforce gaben sich elitär und wirkten in ihren blauen Uniformen im Gegensatz zu ihren olivgrünen Kameradinnen von der Army fast elegant.

Ich kann mich noch gut an meine erste Klasse erinnern. H. war bei der Navy. Sein Arbeitsplatz: ein U-Boot mit Heimathafen Rota in Spanien. S. war bei der Army und irgendwo an der Grenze zur DDR stationiert, G. bei der Airforcemit Dienst auf dem Teufelsberg in Berlin.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Während H. seit Jahren bei den Streitkräften war und dort bleiben wollte, hatten G. und S. das so genannte GI-Bill-Programm in Anspruch genommen: Wer sich für einige Jahre verpflichtete, bekam vom Staat einen Teil der Kosten für die Universität. Ich hatte Glück mit meinen ersten students: Zwei wählten demokratisch, alle drei waren keine konservativen Militärs, hatten Humor, und irgendwie hatte ich die Vorstellung, alle weiteren students würden ebenso sein wie sie. Doch Konflikte blieben nicht aus. Viele Soldaten waren arrogant, dachten zum Teil extrem nationalistisch und fühlten sich uns Zivilisten überlegen.

Immerhin gab es ständig Partys. Gemeinsam mit den GIs haben wir jede Menge Michelob aus Dosen getrunken, Hummer aus dem PX gegrillt und zu Thanksgiving Truthahn mit sweet potatoes verdrückt. Kein Soldat trug dann eine Uniform, es war wie in einem dieser College-Filme. Streng verboten: Drogen - und Sex zwischen den Army-Angehörigen. Was soll´s: We like to party tonight!

Mitte der achtziger Jahre sorgte die Friedensbewegung für eine gereizte Stimmungslage, und immer lauter wurden jene, die uns Lehrer für "zu links" hielten. Deutlich zutage traten dann auch die inneren Widersprüche, mit denen wir zu tun hatten. "Gegen den Krieg" sein - und doch für das Militär arbeiten? Die Lage war ernst. Aus Angst vor Anschlägen wurden alle Fahrzeuge bei der Einfahrt auf Sprengkörper untersucht - auch mein 2CV, ein recht auffälliges Vehikel inmitten all der Jeeps, Chevrolets und Buicks.

Nicht selten kam es im Unterricht zu Meinungsverschiedenheiten und anschließenden Beschwerden über "diese Zivilisten": Wie könnt ihr gegen unsere Pershing sein, wenn wir täglich sehen, was die Sowjets so treiben? Schließlich sind wir es, die euch schützen! Einige Soldaten waren allerdings auch "auf unserer Seite" und standen ihrem Oberbefehlshaber Reagan durchaus kritisch gegenüber.

Ich blättere in meinen Notizen. Dezember 1984: Im indischen Bhopal explodiert eine Fabrik von Union Carbide. Mehrere tausend Tote. Januar 1985: In Heidelberg kommt es zu einem Unfall mit einer Pershing, und der damalige Chef des Maschinenbau-Werktechnikunternehmens MTU, Zimmermann, fällt einem Terroranschlag zum Opfer. Am FLTCE wird Reagans zweite Amtszeit mit einer "Inauguration" gefeiert und wegen des Superballs gibt es frei für die students. März 1985: US-Außenminister Shultz trifft Daniel Ortega, den Chef der Sandinisten. Juni 1985: Das FLTCE bekommt einen neuen Commander - und wir eine feierliche "Change of Command Ceremony".

Auch wenn die meisten GIs offen waren für andere Ansichten, hatten wir doch schwierige "Fälle": Da gab es Typen, bei denen man unwillkürlich an Amokläufer denken musste. Einmal wurde ich von einem special agent gefragt, ob ich gegen Geld jemanden würde umbringen können, er hätte damit kein Problem. Ein anderer Schüler - wütend auf mich - wollte mir einen "window job" verpassen, mich also kopfüber aus dem Fenster halten. Ein student wollte allen Ernstes wissen, ob es denn auch rechte Diktaturen gibt, er hatte bisher nur von linken Regimes gehört. Die GIs lasen stramme Blätter wie Soldier of Fortune, und an der Wand einer Toilette entdeckte ich einen nicht druckreifen Spruch gegen Petra Kelly. In einer Versammlung fragte ein student ängstlich (ja: wirklich ängstlich!), wie er sich verhalten soll, wenn ein Auto mit einem "Peace"-Aufkleber neben ihm halte. Und ich bekam unfreiwillig ein gestelltes Verhör mit: Ein US-Soldat in Sowjetuniform wird von einem "Interrogator" vernommen, an einen Stuhl gefesselt.

Februar 1986: Reagan fordert die Todesstrafe für "Spione in Friedenszeiten". März 1986: Die Amerikaner führen eines ihrer großen Manöver durch: REFORGER ("return the forces to germany"). Und der Ehemann der Sekretärin unseres Commanders, Mitarbeiter des US-Senders Radio Free Europe, taucht in Moskau auf - als Sowjetagent.

Dann der April 1986: In Berlin wird die Disko La Belle von einer Bombe zerstört, viele Amerikaner sterben. Der Ruf "nuke them!" (gemeint waren Libyen und Ghaddafi) hallte durch die Flure des FLTCE. Eines Tages, am 15. April, lag etwas in der Luft. Gegen Mittag waren die students und die militärische FLTCE-Leitung zu einer geheimen Versammlung einberufen worden. Was los war, brachte die Tagesschau: Die Amerikaner hatten einen massiven Angriff auf Libyen geflogen. Am nächsten Tag - die security war noch strenger als gewöhnlich - gab es Applaus für die "erfolgreiche Operation", mit der wir Lehrer uns nicht identifizieren konnten.

Im Sommer 1986 verließ ich das FLTCE. Und irgendwann später las ich, dass die russische Sekretärin des Commanders auf dem Gelände der Kaserne unter Spionageverdacht verhaftet worden war.

Deutsche Sprache und Kultur als strategisch relevanter Vermittlungsgegenstand? Mit dem Lauf der Geschichte ist das obsolet geworden. Und am DLI in Monterey sind jetzt wohl vor allem Arabischlehrer gefragt.

Ich falte das inzwischen trockene T-Shirt zusammen, lege es in den Kleiderschrank und schließe die Schranktür.

00:00 06.06.2003

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