Weder lebend noch tot

Erstarrtes Beslan Für das Leid dieser Stadt gibt es keine Worte

Auf dem verkohltem Boden der Sporthalle liegen Blumensträuße. Männer sitzen in der Hocke und starren vor sich hin, an ihnen vorbei humpelt ein alter Mann am Stock zu der Stelle, wo eine Detonation ein gewaltiges Loch in die Wand des Sportsaals der "Schule Nr. 1" gerissen hat. Er schaut in das verkohlte Innere, sieht auf eine halb verbrannte Schulmappe und einen Turnschuh, tritt zurück und wischt sich die Tränen aus dem zerfurchten Gesicht. Für das Leid in Beslan gibt es keine Worte.

Eine Mutter hält die Schwarz-Weiß-Fotografie ihres Sohne vor eine Kamera des Ersten Russischen Fernsehkanals (RTR) - der Junge mit Schlips, weißem Hemd und schwarzem Jackett mag zehn oder elf Jahre alt sein. "Ich wurde von der Explosion aus dem Saal geschleudert, aber mein Sohn blieb drinnen", erzählt die blonde Frau mit zitternder Stimme. Seitdem habe sie ihn nicht wieder gesehen - "weder lebend noch tot". Wie dieser Mutter geht es so vielen in der nordkaukasischen Kleinstadt. Verzweifelt suchen sie wieder und wieder die Listen der Geiseln ab, breiten Fotografien vor Soldaten und Helfern aus. Aber sie können ihre Söhne und Töchter und Mütter und Väter nirgends finden, weder im Hospital noch in der Leichenhalle, noch in der verwüsteten Umgebung der "Schule Nr. 1".

Zu Wochenbeginn besteht am Ort des Geschehens auch keine endgültige Gewissheit über die Zahl der Terroristen, ihre Herkunft und ihren Verbleib. Während Russlands stellvertretender Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski noch am Samstag erklärt hat, an der Geiselnahme seien 26 Frauen und Männer beteiligt gewesen, nennt er einen Tag später die Zahl 32. Man habe 30 Leichen von Terroristen gefunden, ein Teil davon sei bereits identifiziert. Aber Namen - die will die Staatsanwaltschaft dann doch nicht nennen.

Die lokalen Behörden entwickeln unterdessen eigene Aktivitäten und teilen mit, bei einem der Getöteten handele es sich um den unter dem Decknamen Magas bekannten tschetschenischen "Brigadegeneral" Magomed Jewlojew. Der hatte am 22. Juni jenes Kommando angeführt, das in Nasran, der Hauptstadt Inguschetiens, einfiel und ein Massaker unter der örtlichen Polizei anrichtete.

Am Nachmittag des 3. September, kurz nach dem stundenlangen Gefecht um die Schule, hatte es geheißen, unter den erschossenen Terroristen befänden sich zehn Araber - sogar ein Afrikaner sei dabei. Staatsanwalt Sergej Fridinski präzisiert wenig später: Unter den Tätern sind Tschetschenen, Inguschen, Araber und Slawen.

Die Leiche des Afrikaners bekommt kein Journalist je zu Gesicht. Und bei den frei gegebenen Aufnahmen habe man nur in einem Fall ein Bild gesehen, das Ähnlichkeiten mit einem Araber erkennen ließ, schreibt die angesehene Internetzeitung Gazeta.ru. Mit der genannten hohen Zahl von arabischen Terroristen versuchten die Behörden augenscheinlich, die Wut der Bevölkerung auf einen äußeren Feind zu lenken.

Wie auch immer - falls sich herausstellen sollte, dass in der Todesschwadron von Beslan viele Inguschen standen, könnte das bis zum Bürgerkrieg führen. Das Verhältnis zwischen Inguschen und Osseten ist äußerst gespannt, seit es 1992 im Prigorodnij Rayon von Nordossetien zu heftigen Gefechten zwischen Freischärlern beider Volksgruppen kam. Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten der Osseten, weil die in Nordossetien stationierten 12.000 russischen Soldaten auf ihrer Seite standen - 70.000 Inguschen mussten damals fliehen.

Etliche Spuren im Sportsaal der "Schule Nr. 1" deuten darauf hin, dass sich die Terroristen auf einen längeren Kampf eingerichtet hatten. Es muss ihnen unter Umständen Wochen vor der Geiselnahme gelungen sein, unter der Turnhalle ein Waffenlager einzurichten. Offenkundig bestochene oder mit ihnen sympathisierende Bauarbeiter, die in den Ferien mit Renovierungsarbeiten beschäftigt waren und dabei auch den Boden des Sportsaals auswechselten, müssen große Mengen in Zementsäcke verpackter Maschinenpistolen und mehrere Ladungen Sprengstoff im Keller der Schule versteckt haben. Einige der Geiseln erzählen, sie hätten gesehen, wie nach dem Überfall auf die Schulfeier am frühen Vormittag des 1. September mehrere der Erwachsenen gezwungen wurden, den Boden des Saals zu öffnen. Diese Aussagen stehen Berichten anderer gegenüber, die bezeugen, den Terroristen sei gar nicht klar gewesen, in welcher Stadt sie sich befänden - sie hätten geglaubt, im benachbarten Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, zu sein.

Wladimir Putin ruft 24 Stunden nach dem Inferno von Beslan in einer Fernsehansprache zur "Mobilisierung der Nation" auf. Russland sei angegriffen worden, man müsse sich deshalb verstärkten Sicherheitsmaßnahmen unterwerfen. Zwar verfüge das Land über ein "mächtiges Verteidigungssystem", aber es sei nicht mehr ausreichend geschützt, "nicht im Westen, nicht im Osten". Selbstkritisch meint der Präsident, man habe die neuen Prozesse in Russland und in der Welt nicht ernst genug genommen. "Wir wurden schwach. Aber Schwache werden geschlagen." Es gäbe Kräfte, die sich daran störten, dass Russland immer noch eine mächtige Nuklearmacht sei. Für die seien die Terroristen das Instrument, die Russische Föderation zu destabilisieren.

"Wir haben keine Wahl", erklärt er mit ernstem Gesicht. Wenn man sich von Terroristen erpressen lasse, sei der Bestand des Landes in Gefahr. Wie Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre könne es blutige Regionalkonflikte geben, von denen dann Millionen Menschen bedroht seien.


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Der Vertrag von Chasawjurt 1996

Am 31. August 1996 hatten sich Alexander Lebed, damals Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates Russlands, und Aslan Maschadow, Militärchef des tschetschenischen Widerstandes, mit dem "Vertrag von Chasawjurt" (*) darauf geeinigt, durch eine Waffenruhe und die anschließende Demilitarisierung Tschetscheniens den im Dezember 1994 begonnenen ersten Kaukasus-Krieg zu beenden. Der Vertrag sah vor, die Entscheidung über den Status Tschetscheniens bis 2001 aufzuschieben, die russischen Truppen bis Ende 1996 weitgehend abzuziehen und am 27. Januar 1997 in Tschetschenien Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abzuhalten.

Der Vertrag von Chasawjurt war am 23. November 1996 durch ein Abkommen zwischen dem russischen Premier Viktor Tschernomyrdin und Aslan Maschadow - zwischenzeitlich Chef einer in Grosny gebildeten Koalitionsregierung - ergänzt worden. Er regelte die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Moskau und Grosny, den "freien Transit von Menschen, Beamten und Waren", den Wiederaufbau und die Verwaltung der Erdölwirtschaft. Dazu garantierte die tschetschenische Seite die Sicherheit sämtlicher Pipelines. Parallel zu diesem Vertrag verfügte Präsident Jelzin am 25. November 1996 den Abzug aller russischen Truppen bis zu den zwei Monate später geplanten Wahlen.

Kurz vor der Einigung zwischen Tschernomyrdin und Maschadow war allerdings General Lebed in Moskau aus all seinen Funktionen entlassen worden - sein Einfluss auf die Tschetschenien-Politik der russischen Regierung war weitaus geringer, als es der Kraftakt des Waffenstillstandes vom August 1996 zunächst vermuten ließ.

Die Wahlen am 27. Januar 1997 gewann erwartungsgemäß Aslan Maschadow, der danach den Bestrebungen extremistischer Kräfte wenig Widerstand entgegensetzte, in Tschetschenien ein islamistisches Regime zu etablieren. Entgegen den getroffenen Vereinbarungen wurden einige Basen des russischen Tschetschenien-Korps nicht geräumt, was mit der prekären Sicherheitslage und Übergriffen tschetschenischer Verbände auf die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan begründet wurde.

Der zweite Tschetschenien-Krieg begann, nachdem am 10. August 1999 in Dagestan ein "Islamischer Rat" einen "unabhängigen islamischen Gottesstaat" proklamiert hatte.

(*) Ort an der dagestanisch-tschetschenischen Grenze

Lutz Herden


00:00 10.09.2004

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