Weg mit den Fesseln

Götterspeise Der "open-mike"-Literaturwettbewerb 2002

Können die Deutschen noch richtig lesen? Glaubt man den Pisa-Studien, geht es mit der Lesefähigkeit der jungen Deutschen bergab. Bücher sind verpönt. Heute schaut man kurz ins Internet und sendet SMS. Doch dann harren jeden Herbst gut 200 junge Leute zwei Tage beim alljährlichen Lesemarathon der Berliner Literatur-WerkStatt aus. Diesmal sogar, direkt neben einem der großen Multiplex-Kino, in der Kulturbrauerei! Die magische Attraktion des open-mike-Literaturwettbewerbs war auch in seinem zehnten Jahr ungebrochen. 700 Möchtegern-LiteratInnen sandten in diesem Jahr ihre Manuskripte ein. Mit 6000 Texten seit seiner Gründung ist dieser Förderwettbewerb für junge Schreibende zu einem literarischen Attraktionspol ohne Gleichen geworden. Straft so ein cooles Kult-Event nicht auch die pessimistische Klage Wolfgang Hilbigs Lügen? "Vage, diffus" und "randständig" hatte der neue Büchner-Preisträger den Platz der Literatur in der Gesellschaft vor ein paar Wochen genannt.

Die Inflation der Schreib- und Lesewünsche bedeutet nicht automatisch literarische Bildung. Für die Pisaisten heißt Lesefähigkeit, Gelesenes zu verstehen und anzuwenden. So gesehen haben die Jungautoren vor allem sich selbst gelesen. Nicht der historische Epochenbruch seit 1989 interessiert die Jungen, nicht die geplatzte Seifenblase der New Economy. Stattdessen spielten in zwei Geschichten Teddybären eine Schlüsselrolle. "Ich fühle mich nicht", klagte die Erzählerin in Wiebke Edens Familiengeschichte Scherbennetz. "Ich" schreit die bleiche Lina in Larissa Boehnings Geschichte Globsch, als sie japsend vom Grund einer Badewanne auftaucht, in die sie sich zurückgezogen hatte, um ihr Herz schlagen zu hören. Und das junge Mädchen, das in Stefan Reichs Geschichte Küsse und Rolltreppen im Kaufhaus die Ermahnungen ihrer Mutter leid ist, tritt aus der Umkleidekabine und ruft: "Weg mit den Fesseln!". Der Furor der Pubertät lugte aus allen Ecken dieser Schreibarbeiten. In einem Kinderzimmer "überfiel mich das Bewußtsein" resümierte auch in Uwe Diemars Kindheitsmedley der häufigste Protagonist aller Texte - der Ich-Erzähler - diesen Weg zum Selbst.

Doch ihr textueller Furor hielt sich in Grenzen. Vor dem Fehler der "falschen Ermutigung" hatte Juror Josef Haslinger kurz vor dem Wettbewerb auf einem Symposion noch gewarnt. Um so skandalöser, dass die drei Preisrichter (neben Haslinger Ulrike Draesner und Birgit Kempker) drei ziemlich risikolos erzählten Geschichten die Siegespalme aufsteckten. Wirkliche Begabungen wie Achim Stricker aus Tübingen oder Milena Oda aus Düsseldorf zogen dagegen ohne die obligate "lobende Erwähnung" von dannen. Komplexer dürfte die Lesefähigkeit in Deutschland durch diese "Ermutigung" nicht geworden sein.

Der Literatur-WerkStatt ist es gelungen, mit dem open-mike eine verborgen sprudelnde Quelle literarischen Interesses einzufassen. Doch unreflektiert poliert die darob stolze Institution den Nimbus des Wettbewerbs als Königsweg zum schnellen Erfolg. Da stehen nun der Freiburger Kai Weyand, der Berliner Christian Schünemann und die Stralsunderin Ariane Grundies mit ihren preisbekränzten Werken - banale Geschichtchen, handwerklich ordentlich gebaut, doch ohne einen wirklich doppelten Boden - und wähnen sich angehende Literaten. Die "Götterspeise" (Grundies) der Kunst klebt ihnen an den Lippen. Wie werden sie mit der süßen Verführung umgehen? Können sie sie pflegen? Oder verdampfen sie im Treibhaus des Literaturbetriebs, wenn sie nach dem open-mike den ersten Verlagsvertrag unterschreiben? In Zukunft soll den Wettbewerb ein "Text-Workshop" begleiten. Ob er den jungen Schreibenden der Zukunft jenen Schutz- und Reflektionsraum "außerhalb des Verwertungszusammenhangs" (Michael Wildenhain) bieten wird, der für sie womöglich wichtiger ist, als der Trockeneisnebel des frühen Ruhms, wird sich zeigen. Und vielleicht kann ihnen da dann jemand, der noch Mut hat, auch mal raten, was der Frankfurter Uwe Diemar den Erzähler seiner Geschichte sagen lässt: "Worte sparen!" Auch wenn´s mit der Börse grad bergab geht. Vielleicht gibt´s auch dafür irgendwann einmal Zinsen.

00:00 15.11.2002

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