Weimars Herzl

Im Gespräch Ein jüdischer Staat in Thüringen? Der Künstler Ronen Eidelman bezeichnet sein Projekt "Medinat Weimar" als Lösungsversuch politischer Konflikte

Der Freitag: Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Politik?

Die Frage der Grenze ist eine Frage der Selbstbestimmung. Ziehst du als Künstler eine starke Grenze, sicherst du dich durch die Autonomie der Kunst ab, du gehst aber das Risiko ein, ihr ihre Effektivität zu nehmen. Der andere Weg ist, einfach dein Ding durchzuziehen und zu sehen was passiert, so kann Kunst zum politischen Akt werden. Ich versuche mir auf beiden Seiten eine Stellung zu bewahren. Wer auf dem Autonomiestatus von Kunst beharrt, macht ihre Bewertung vorhersehbar. Ich versuche mir der Grenzverläufe bewusst zu sein, die Grenzen aber gleichzeitig zu verwischen, sie zu überprüfen und zu erweitern – das ist der Balanceakt, auf den es mir ankommt.

Sie fassen

in einem Prinzipienkatolog zusammen, wo Sie Nationalismus neu definieren und jüdische Identität hinterfragen. Jüdischsein ist eine Frage der Wahl, nicht der Geburt?

Identität ist immer eine Frage der Wahl, nur die Diskussion ist unumgehbar. Ich denke, Identität ist etwas sehr Grundlegendes, man sollte sie nicht hintanstellen. Genauso wenig ist sie etwas Statisches. Sie kann als Hilfsmittel dienen, einen gemeinsamen Horizont für uns alle zu finden. Das ist auch ein Argument dafür, dass Israelis und Palästinenser als Volk zukünftig zusammengehören. Das Judentum hat einen interkulturellen Kern. In der Bibel z.B. die Episode um Ruth.

Die Bibel ist eine wichtige Referenz für Sie?

Klar, es ist immer von Vorteil zu den kulturellen Wurzeln zurückzugehen. Und schon in der Bibel findet sich die Absage ans Jüdische als Blutsgemeinschaft. Sie kennen bestimmt die Aussage, wonach letztlich der Antisemit definiert, was jüdisch ist? Ich möchte darüber hinausgehen. Ich verstehe das Jüdische als radikalisierende Kraft. Bernand Lazare sagte: Werde "bewusster Paria", ein freiwillig Ausgestoßener. Lazare proklamiert keinen passiven Rückzug aus der Gesellschaft, er spricht vom Juden als signifikantem Anderen, als "Dorn im Arsch". Leider wurde diese Rolle in den 16 Bundesstaaten Deutschlands eingeebnet.

Wie genau meinen Sie das?

Nun, wie Sie wissen, wurden die meisten Juden umgebracht. Es gibt aber sicherlich prominente Persönlichkeiten, die diese Rolle heute noch ausfüllen, auch in Deutschland. Sogar jemand wie Slavoj Zizek übernimmt diese Rolle, und ist sich darüber natürlich im Klaren. Man muss kein Jude sein, um in die Rolle des Juden zu schlüpfen.

Würden Sie sich als Post-Zionisten beschreiben?

Ich bin weder Post-Zionist noch Anti-Zionist – ich bin Vor-Zionist! Ich gehe zu den spirituellen und intellektuellen Anfängen zurück, zur Idee der Emanzipation. Herzl selbst wollte eine utopische Gesellschaft aufbauen, dafür sammelte er die Gedanken und Ideen der Mitmenschen seiner Zeit. Ich bediene mich vieler Ideen der frühzionistischen Bewegung.

Warum Weimar?

Aus zwei Gründen. Einmal ist Weimar Symbol deutscher Kulturgeschichte. Denken Sie an Goethe, Schiller, die Weimarer Republik. Thüringen ist tief verwurzelt in der Geschichte der Juden in Deutschland. Und auf der anderen Seite haben Sie Luther, der Mann, der deutschen Antisemitismus populär machte. Acht Kilometer vom Stadtzentrum stehen Sie vor Buchenwalds "Jedem das Seine". Es sind diese Ambivalenzen und Extreme, die Weimar als Ort interessant machen. In diesem Sinn ist die Wahl Weimars eine Art Tiqqun.

Beziehen Sie sich auf den Begriff der post-situationistischen Intellektuellen im Frankreich der 90er Jahre?

Dort fand Tiqqun Verwendung. Der Begriff stammt aus der Kabbalah: Er besagt, dass die Welt im Schöpfungsprozess zu Bruch ging und es heute an uns liegt, sie aufzuräumen. Sehen Sie sich die deutsche Geschichte an und Sie verstehen: Weimar ist der richtige Ort dafür. Doch es geht auch um Pragmatismus: Thüringen braucht uns! Weimar ist eine aussterbende Stadt. In dem Sinn ist unser Vorschlag keine Strafe, sondern ein Lottogewinn! Einwanderer würden das Gebiet bereichern. Mit uns bekommt Thüringen einen Querschnitt durch die ganze Welt.

Nun, im Allgemeinverständnis sind Antisemiten böse, gemein und in der Minderheit. Der gute Rest der Deutschen aber darf sich seit über 60 Jahren herausnehmen, dich als Opfer zu behandeln. Das eigentliche Problem liegt doch in der imaginierten Fremdheit. Die Fremdheit als Zuschreibung – ob positiv oder negativ – muss angegangen werden. Mein Eindruck innerhalb des deutschen Mainstreams war, dass Diskurse um Juden, Moslems, Deutsche, palästinensische Araber usw. extrem beschränkt sind. Meistens ist schon im Vorfeld scharf abgesteckt, was erlaubt ist und was nicht. Leute aus allen politischen Lagern haben Angst, etwas Neues zu sagen. Ich denke, es muss heute darum gehen, die bestehenden Lücken zu nutzen und Fragen anders zu stellen. Viele haben mich ignoriert oder zurückgewiesen, weil

Versteht sich

Nein. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein einsames Einzelkind. Ob Rabbi, Psychologe oder guter Freund, jeder wird Ihnen sagen, das Leiden Ihres Kindes verringert sich, sobald das Zweite auf die Welt kommt. Gott verhüte, dass Israel kollabiert. Aber stellen Sie sich vor, dieser Fall tritt ein, dann gäbe es einen Plan B!

Letzten Sommer konnte man in Israel die massivsten Sozialproteste in der Geschichte des Landes beobachten. Viele sahen das "Ende des Endes der Geschichte" vor Augen. Funktioniert Ihr Judenstaat nur innerhalb der Grenzen kapitalistischer Marktwirtschaft?

Nein, unsere Bewegung lässt Spielraum für etwas anderes. Kapitalismus widerspricht vielen der spirituellen Ansätze, die für das Projekt bestimmend sind. Von einer egalitären und freien Gesellschaft kann im Kapitalismus keine Rede sein. Das passt nicht zusammen.

Ihr erster Schritt bestünde aber darin, bereits existierenden Strukturen zu übernehmen?

Nein, der erste Schritt besteht darin, die Idee zu bewerben. Das ist schon der halbe Weg. Es ist der Gedanke selbst, der zählt. Ich bin überzeugt, dass utopische Träume Freiheitsräume eröffnen, auch wenn sie nicht realisiert werden. Sehen Sie sich die zionistischen Jugendbewegungen an, die im Holocaust kämpften: Sie mussten nicht nach Israel gehen, allein durch ihren Kampf waren sie freie Leute. Wirklich, ich möchte die Verknüpfung von Kapitalismus und jüdischer Kultur infrage stellen. Dieses verquere Verhältnis spiegelt sich auf absurde Weise in

Hatten Sie unerwartet gute oder schlechte Erfahrungen oder Reaktionen während Ihrer Agitation in Weimar oder im Zuge Ihrer aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin?

In Weimar waren viele extrem aufgeregt, es gäbe viel zu erzählen! Teenagern konnte man ansehen, wie der Gendanke ihre Phantasie anregte. Das liegt sicherlich an der Diversität des Judentums. Auf kleinem Maßstab sehen sie unsere Utopie schon heute in Berlin verwirklicht. Merrill Nisker alias Peaches ist eine ideale Vertreterin, als kanadische Jüdin verkörpert sie ein neues und queeres Berlin.

Was ist Ihr Ziel für die nächsten fünf Jahre? Haben Sie konkrete Erwartungen?

Ich habe folgendes erlebt: Als das israelische Parlament im Juli dieses Jahres ein Gesetz verabschiedete, das jegliche Form des politischen Boykotts Israels verbot, wuchsen schlagartig die Besucherzahlen unserer Homepage. Im Zuge der Sozialproteste verloren die Leute plötzlich wieder ihr Interesse. Ich hoffe also gewissermaßen, dass sich das Projekt letzten Endes selbst überholt und sich die Lage ganz einfach verbessert. Leider halte ich es für wahrscheinlicher, dass

Jerusalem, Berlin, New York: Zwischen Welten bewirbt der Künstler und Kultur-Produzent Ronen Eidelman die Idee eines Judenstaats in Thüringen mit Weimar als Hauptstadt. Eidelmans visionäres Pamphlet Die 13 Prinzipien verspricht Pluralismus und die Lösung einer ganzen Reihe Probleme dieser Welt.

Musikalisch unterstützt wird Medinat Weimar durch The Painted Bird und das "dialektische Klezmerkabarett" The Unternationale. Werbung für das Projekt reicht von Kosher Bratwurst Now!-Schildern in Weimars Innenstadt bis zur aktuellen Ausstellung des Hauptquartiers im Rahmen der Sonderausstellung Heimatkunde im Jüdischen Museum Berlin. Dort findet am Samstag, 14. Januar 2012, ein Podiumsgespräch zu Medinat Weimar mit Ronen Eidelman u.a. statt. Die Veranstaltung beginnt um 15 Uhr.

Das Gespräch führte Hannes Pöppel in einem Café im Süden Tel Avivs.

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16:25 13.01.2012

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