Weinen gehört dazu

Medientagebuch Und tschüss! Auswandern als Sommerthema auf allen Kanälen

"Ich war mal einkaufen alleine, was eigentlich sehr selten vorkommt, und dann war das neben der Kasse gelegen, und dann hab ich das mitgenommen und hab´ zu Petra gesagt: Guck mal hier - was hältst´n davon?" Ulli Heck zeigt auf eine ordentlich abgeheftete Ausgabe des Stern, Nummer 19/2003: Der Traum vom Auswandern. Wer da nicht von der Macht der Medien sprechen wollte: Drei Jahre später befinden sich Ulli, Petra und ihre beiden Kinder auf dem Weg nach Neuseeland. Da wollen sie nicht nur hin, da wollen sie auch bleiben. Obwohl sie zuvor noch nie dort waren.

Ulli und Petra Heck sind nur ein Paar von vielen - und es sind fast ausschließlich Paare -, die von Fernsehkameras gerade beim Auswandern begleitet werden. Eben lief der ARD-Zweiteiler Deutschland ade, der neben der Familie Heck nach Neuseeland der Familie Bressmer nach Kanada folgte. Jeden Donnerstag zur besten Sendezeit zeigt Kabel 1 Mein neues Leben, das irgendwem beim Auswandern zuguckt. Und Stern TV - die Reportage machte es genauso: ... Und Tschüss! Abenteuer "Auswandern" hieß eine der jüngsten Ausgaben - man beachte die Gänsefüßchen um das Wort "Auswandern".

"Auswandern" - das ewige Zitat: Was die aktuellen TV-Dokumentationen zum Thema zu sagen haben, ist nichts anderes als das Souvenir im Ordner von Ulli Heck einst schon beizutragen hatte. Wenn im Stern 19/2003 ein Auswanderer sagt: "Wir hatten alles, nur keine spannende Perspektive mehr. Wir brauchten eine Herausforderung, die Freiheit, Neues zu probieren", dann dichtet der Autor mit personaler Stimme dazu: "Was nagte, was nervte und am Ende den Ausschlag gab, war dieses Gefühl, in einem festgefahrenen Land gefangen zu sein." Auch, warum es in Deutschland nur mehr Große und Kleine gibt, weiß der Schreiber: "Mittelständler aus allen Bereichen fliehen vor dem deutschen Steuersystem." Und überhaupt: "Das Wirtschaftsklima ist depressiv, die Gesellschaft schlafft ab. Die politische Lage: jenseits der Empörung."

Auf dieselbe Weise performativ zeigen sich auch in diesem Jahr die Beiträge zum super Sommerthema "Auswandern". Die ganz unterschiedlichen Motivationen der Emigranten werden stets auf den oder einen recht gleich lautenden Satz zurückgestutzt: "In Deutschland hat die junge Familie für sich keine Perspektive mehr gesehen." Heimat, du bist selbst schuld, dass du deine Eingeborenen an andere verlierst, soll das wohl heißen. Die schöne Zukunft findet nie zuhause, sie findet immer woanders statt. Das wirtschaftliche Glück liegt jenseits der deutschen Grenzen. So behaupten diese TV-Produktionen von Beginn an die Fakten, die sie eigentlich erst im Laufe der Dokumentation herausfinden sollten.

Deshalb darf Arndt Naujoks (Mosambik mit Frau Dorothea und Sohn Malin) zwar kurz über die Bürokratie an seinem neuen Wohnort meckern, muss sich aber gleich danach und den ganzen Abend lang über den superbilligen Schwertfisch freuen; deshalb muss sich auch Jana Riedler (Kanada mit ihrem Freund Torsten Wagner) über ihren Job als Hilfsgärtnerin freuen, der mit sieben Euro die Stunde entlohnt wird. "In Deutschland hat die studierte Landschaftsökologien monatelang keinen Job angeboten bekommen", lautet der Off-Kommentar. Vermutlich waren ihr zuhause sieben Euro zuwenig, möchte man hinzufügen.

Über das jeweilige Land, in dem die ach so frustrierten Deutschen einen glücklichen Neuanfang suchen, erfährt man meist nichts außer ein paar Szenen einer idyllischen Landschaft. Für ernsthaft Ausreisewillige halten die Dokus zudem keinerlei brauchbare Informationen bereit, schon konkrete Zahlen scheinen zuviel verlangt. Wie viele Deutsche wandern jährlich aus? "Immer mehr", heißt es an einer Stelle, "weit über hunderttausend" an anderer. Was kostet Auswandern? Mehr als man denkt. Genauere Angaben? Fehlanzeige.

Von der politischen Situation im Zukunftsland ist ohnehin nie die Rede - als wäre es doch nur Urlaub - und wenn es mal Probleme gibt, dann delektiert sich die Sendung eben an der Naivität ihrer Protagonisten. Wieder einmal ist die Kamera zwar gern nah dran, jedoch nie, um zu unterstützen, sondern nur auf der Suche nach einem obszönen Blick. Klar, dass die ständig wiederkehrenden Tränen stets groß ins Bild gerückt werden - auch wenn man dazu ein ums andere Mal Gesichtern hinterher muss, die sich abwenden, um eben nicht aufgezeichnet zu werden.

Doch nicht nur die Weinenden gehören fest in die Ikonografie der Auswanderer-Doku. Oder anders: "Guck mal hier - was hältst´n davon?" "Davon", das ist: Regenwetter oder zumindest dunkle Nacht in Deutschland, Morgengrauen oder gar Sonne in der neuen Heimat. Der Grenzübertritt ein Kinderspiel. Und nur nette Menschen, wohin man schaut - mit ihnen sprechen kann man ja leider noch nicht, und auch die Autoren des Films unterlassen das jeweils tunlichst. Ein Heimatfilm, gedreht im Ausland: Vielleicht rührt daher die eigenartige Sprachlosigkeit der Auswanderer-Dokus, diese Eindimensionalität im rhetorischen Ausdruck, die so fest an die schönen Bilder glauben will. Bleibt nur zu hoffen, dass Ulli Heck sich nicht wundert, dass in Neuseeland gar nicht die Palmen stehen, die auf dem Stern-Cover abgebildet waren, das einst so apart und griffbereit an der Supermarktkasse lag.


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00:00 11.08.2006

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