Weißes Licht

Auschwitz Zum Jahrestag der Befreiung diskutiert Polen intensiv über den Holocaust

Am frühen Morgen nach dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ist Oświęcim, das ehemalige Auschwitz, in Nebel und Smog getaucht. Die Staatsgäste und etwa 200 geladenen Überlebenden haben die Stadt am Abend zuvor unter dem Sirenengeheul mehrerer Polizeieskorten wieder verlassen. Jetzt stehen sie hier: die gut 20 Schülerinnen und Schüler mit ernsten, etwas unsicheren Gesichtern. Einige zittern, es ist kalt. Sie tragen, während sie sich vor einem Denkmal für 700 in Auschwitz ermordete Häftlinge aufstellen, nur Sportpullover, darüber weiße T-Shirts mit einer polnischen Aufschrift, zu Deutsch: „Gedenklauf mit Friedenslicht“. „Wenn ihr jetzt friert, dann ist es richtig so – damals war es auch kalt. Wenn ihr Schmerzen haben werdet, dann ist es ebenso richtig, denn damals tat es auch weh. Und wenn eure Kräfte schwinden, dann passt es gleichfalls zu dem, was damals war.“

Mit diesen Worten stimmt Andrzej Sznajder die Gymnasiasten auf das ein, was sie sich vorgenommen haben – einen gut 50 Kilometer langen Staffellauf. Der Historiker Sznajder kann trotzdem nur vage andeuten, was die knapp 60.000 Auschwitz-Häftlinge, an die erinnert werden soll, während der berüchtigten Todesmärsche im Januar 1945 ertragen mussten. Warum Tausende die Tortur damals nicht überlebten, weshalb sie überhaupt aus dem Lager getrieben wurden – darüber haben sich die Schüler aus dem oberschlesischen Industrierevier in den vergangenen Wochen eingehend ins Bild gesetzt. „Wir haben im Unterricht viel darüber geredet. Weil ich Pole bin, wusste ich schon, was in Auschwitz geschah – über die Märsche jedoch eher weniger“, meint der 18-jährige Filip Buława. „Wenn ich nun die Todesroute ablaufe, werde ich das alles hoffentlich besser nachfühlen können.“ Er ergänzt: „Ich würde das gern weitergeben, an Freunde, die nicht mitkommen.“

Eine würdige Rede

Die Geschichtslehrer Adam Lichota und die Bibliothekarin Aleksandra Zdaniewicz beschreiben als Initiatoren des Friedenslaufs, worum es ihnen geht. „Entlang des Weges, den der Todesmarsch aus Auschwitz in Richtung Gleiwitz seinerzeit genommen hat, wird der Opfer bereits gedacht, doch finden wir mit dieser Rekonstruktion zu neuen Verbindungen, wir lernen voneinander, und wir lernen etwas übereinander“, sagt Lichota.

Der Gedenklauf ist eine von vielen Aktionen in Polen, um an die Befreiung von Auschwitz zu erinnern, ebenso an das Leid der polnischen Juden wie der nicht jüdischen Polen ab September 1939. Denn hier gehört beides zusammen, eben das markiert den zentralen Unterschied zum Gedenken in Deutschland. „Wir müssen uns bewusst machen, dass es bis zum Jahr 1989 in Polen praktisch kein Gedenken an Juden gab, die in Auschwitz starben, sondern nur an Tschechen, Ungarn oder Polen, die eben auch Juden waren“, so Włodzimierz Kac, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Oberschlesien. „Danach hat sich das allmählich geändert. Mittlerweile gibt es manche Initiative von unten.“ „Wobei ich“, schiebt Kac nach, „nicht nur die Antisemiten nicht mag, sondern auch ein Problem mit den Philosemiten habe, die in allen Juden nur die Guten sehen.“

Wer war gut, wer war böse? Viel ist in den vergangenen Wochen im Land debattiert worden, über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, den Holocaust, den Antisemitismus. Ursache war der Disput zwischen Russlands Präsident Putin und der polnischen Führung – es ging um Fragen der Schuld, der Verantwortung von Politik, der Deutung von Geschichte. Viele Polen wollen die Dinge voneinander trennen: Bei einer repräsentativen Umfrage kurz vor den Gedenkfeiern haben nur fünf Prozent der Befragten den 27. Januar als Augenblick „einer starken historischen Botschaft Polens gegenüber dem russischen Narrativ“ wahrnehmen wollen. Drei Viertel der Polen sehen den Jahrestag als Anstoß zum Gedenken „an alle Opfer des deutschen Vernichtungswahns, unabhängig von Nationalität oder Konfession“. Es gehe nicht um eine Konkurrenz der Opfer. Dennoch sei es wichtig, zu wissen, dass in Auschwitz etwa 75.000 Polen ermordet wurden, die nicht jüdisch waren, zusätzlich zu den rund 300.000 polnisch-jüdischen Staatsbürgern, sagt Krzysztof Utkowski vom Christlichen Verein der Auschwitzer Familien.

Einen Tag zuvor ist es zwölf Uhr mittags, als der staatliche Hörfunkkanal Jedynka eine Sondersendung zum Thema Holocaust-Gedenken und Befreiung des ehemaligen „deutschen nazistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers“ ausstrahlt. Dass die Lager „deutsch“ waren, wird von polnischen Mainstreammedien stets betont, die es als Kränkung betrachten, wenn im Ausland wieder einmal die Bezeichnung „polnische Lager“ verwendet wird.

Kurz vor der Gedenkfeier in Auschwitz hat Polens Präsident Andrzej Duda sein Fehlen bei der Gedenkkonferenz am 23. Januar in Yad Vashem damit gerechtfertigt, dass er dort kein Rederecht bekam und so die Gefahr bestand, dass der polnische Anteil am Sieg über das NS-Regime mit keinem Wort gewürdigt werde. Vier Tage später, bei der Andacht in Auschwitz-Birkenau, kann Duda endlich sagen, was ihm anderswo fehlte. Zum Beispiel, dass der polnische Offizier Witold Pilecki der Erste war, der über den Massenmord berichtet habe. Und dass im Zweiten Weltkrieg neben über drei Millionen polnischen Juden auch drei Millionen nicht jüdische Polen umgekommen seien.

Polens Staatschef, der im Mai zur Wiederwahl antritt, hält eine würdige Rede – doch die bleibenden Worte, die ins Land und in die Welt gehen, kommen an diesem Tag von anderen: Von der Auschwitz-Überlebenden Batsheva Dagan etwa, die vor den versammelten Staatsoberhäuptern und Regierungschefs fragt: „Wo sind Sie damals gewesen, als das Unfassbare geschah?“ Oder von Marian Turski, Überlebender und Geschichtspublizist, der einen verstorbenen Freund zitiert, um ein elftes Gebot anzumahnen: „Sei nicht gleichgültig!“ Und von Piotr Cywiński, dem Direktor des Auschwitz-Museums, der es in fünf Minuten schafft, die Brücke zu schlagen ins Jahr 2020. „Was tun wir heute? Wir werden zunehmend gleichgültig, apathisch, passiv. Wir sehen nicht und wollen nicht sehen. Die Mehrheit von uns hat geschwiegen, als Syrer im Mittelmeer ertranken. Wir brachten kein Wort heraus, als vor zwei Jahren viele Rohingya in Myanmar ermordet wurden“, klagt Cywiński. „In ihrem Kern geschieht die Befreiung von Auschwitz auch heute und jetzt. Jeden Tag.“

Der Todesmarsch von einst

Eine Woche zuvor wirkt an einem mäßig kalten Sonntag der 77-jährige Jan Stolarz in sich gekehrt, beinahe bedächtig, als er inmitten des Publikums im Empfangssaal des Bahnhofs Wodzisław Śląski in Oberschlesien sitzt. Vor 75 Jahren hieß der Ort Loslau, seine Eisenbahnstation war der vorläufige Endpunkt eines anderen, fast 70 Kilometer langen Todesmarsches aus Auschwitz-Birkenau. Stolarz, dessen Vater noch vor der Geburt des Sohnes im Jahr 1942 von deutschen Soldaten erschossen wurde, kam vor zehn Jahren auf die Idee, mit einem Zug des Gedenkens Jahr für Jahr an das Martyrium dieser Todgeweihten zu erinnern. „Als ich das Auschwitz-Museum besucht hatte, was sehr erschütternd war, konnte ich dort etwas Fundamentales lernen: Ein Mensch lebt so lange weiter, wie es andere Menschen gibt, die sich seiner erinnern.“

An diesem Tag sind es in Wodzisław Śląski einige, die dies tun und aus Städten und Gemeinden ringsherum kommen. Etwa 80 von ihnen begeben sich mit Stolarz auf die letzte der vier Tagesetappen des Marsches von einst. Unterwegs besuchen sie Gräber von Ermordeten. Und sie sprechen mit Priestern, die in ihren Gemeinden Schlafplätze und Essen anbieten. Die meisten der Teilnehmer sind zwischen 60 und 70 Jahre, doch auch Schüler reihen sich ein, inspiriert durch Lehrer wie den 44-jährigen Robert Furtak, der Geschichte lehrt, seit Jahren die gesamte Route abläuft und „unverhoffte Begegnungen“ hatte, wie er erzählt. „Einmal trafen wir im Ort Pawłowice einen alten Mann, der sich an den Todesmarsch erinnert hat, weil er in diesem Moment zum letzten Mal den eigenen Vater sah. Der verabschiedete sich von seinem Sohn, wurde weitergetrieben und nie wieder gesehen.“ Robert Furtak, dessen Großeltern zwei Juden retteten und den Titel „Gerechte unter den Völkern“ tragen dürfen, legt Wert darauf, dass seine Art des Gedenkens allen Opfern der deutschen Besatzung in Polen gilt. Er wolle an Menschen aller Konfessionen und weltanschaulichen Bekenntnisse erinnern, denen das Recht auf Leben genommen wurde.

An jenem Sonntag ist es im Empfangssaal des Bahnhofs von Wodzisław Śląski ganz still geworden. Die Abiturientin Aneta Pawliczek hat soeben in einem eindringlichen Vortrag Gedichte geretteter Frauen aus dem Lager Ravensbrück bei Fürstenberg im Norden Brandenburgs rezitiert. Nun tritt Izabela Gardian ans Mikrofon. Die Lyrikerin ist seit einiger Zeit beim Marsch der Erinnerung dabei und hat das Erlebte in einem Gedicht wiederzugeben versucht. „Schnee. Wie kalt kann doch der Schnee sein / Eiseskalt und fremd, in grausamer Reinheit, in seiner makellosen, sterilen Kühle / Der Klang von Stahl, die Stille davor / Doch Tauwetter wird es nicht geben / Weiße Landschaft, weißes Licht, weißer Schnee, hier und da verschmutzt / Durch geronnenes Blut.“

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06:00 01.02.2020

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