Wenn alle weiter funktionieren sollen

Ärztestreik und Reformnot Das Gesundheitswesen muss die Leistungsexplosion unserer Gesellschaft auffangen, es unterliegt aber auch selbst enormem Druck

Boshafte Zungen prophezeien schon jetzt, dass die große Koalition am Streit um die Gesundheitspolitik auseinander bricht. In dem Thema steckt Zündstoff, angeheizt noch vor Jahresende durch einen Ärztestreik, der durch die Berliner Charité-Ärzte angeführt wird. Die erneut anstehende Gesundheitsreform wird die politische Debatte des nächsten Jahres prägen. Doch warum fehlt dem Gesundheitsbereich eigentlich so viel Geld? Beharrlich hält sich nach wie vor der Mythos einer Kostenexplosion. Als Gründe halten meist her: Verschwendung, Bürokratie, "Überalterung" und ähnliches. Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) geben die Deutschen heute im Durchschnitt kaum mehr für ihre Gesundheit aus als vor 30 Jahren. Die Beitragssatzsteigerungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von etwa acht Prozent zu Beginn der siebziger Jahre auf derzeit rund 14 Prozent lassen sich dagegen viel eher mit einem Einnahmeproblem erklären. Die Beiträge sind aufgrund von Massenarbeitslosigkeit, niedrigen Lohnabschlüssen und einem sich ausbreitenden Niedriglohnsektor erheblich zurückgegangen. Die relativ gleichen Kosten verteilen sich so auf die immer schwächeren Schultern von immer weniger Beitragszahlern.

Zwar ist es richtig, dass der Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen erheblich angestiegen ist - die Gründe hierfür haben freilich nichts mit erhöhter Lebenserwartung oder Verschwendung zu tun. Ursachen sind viel eher in veränderten Lebensbedingungen zu suchen, viele Krankheiten sind heute gesellschaftlich bedingt, angefangen mit Allergien über Diabetes bis hin zu Krebs. Menschen etwa, die im Schichtdienst mit Nachtschicht arbeiten, haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- und Magen-Darm Erkrankungen. Jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet heute in einem solchen Arbeitsverhältnis. Während unsere Gesellschaft sich immer weiter auf ein 24-Stunden-Dienstleistungsunternehmen hin entwickelt, produziert sie gleichzeitig einen enormen Bedarf an gesundheitlicher Versorgung, da eine solche Lebensweise unserer Körperbiologie nicht entspricht. Bei weiter wachsendem Leistungsdruck und zunehmender Verdichtung der Zeit werden auch in Zukunft mehr und mehr Menschen überfordert sein. Ähnlich wie ein Leistungssportler heute medizinische Spitzenbetreuung braucht, um stets von Neuem seine Spitzenleistungen abrufen zu können, braucht der Leistungsarbeitnehmer beziehungsweise Leistungsselbstständige medizinische Spitzenbetreuung, um die von ihm erwarteten Leistungen auf Dauer erfüllen zu können.

Der medizinische Fortschritt ermöglicht immer mehr Heilungserfolge, quantitativ bedeutsamer ist allerdings der Anteil der Menschen, die man zwar intensivmedizinisch vor dem Tod retten kann, die aber mit chronischen Krankheiten weiterleben. Der ärztliche Erfolg führt so dazu, dass viele Menschen mittelfristig oder sogar dauerhaft vom Gesundheitssystem abhängig sind. Hier wird übrigens der Beitrag älterer Menschen zum Kostenwachstum notorisch überschätzt. Etwa ein Drittel der Gesamtkosten, die wir im Laufe unseres Lebens dem Gesundheitssystem aufbürden, fällt im letzten Lebensjahr an - dabei ist aber das Alter nicht entscheidend.

Die Folgen der wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen sind unübersehbar: Bezogen auf die alten Bundesländer nahm die Anzahl der stationär behandelten Patienten zwischen 1974 und 1995 um etwa 50 Prozent zu, die der ambulanten Fälle um 65 Prozent. Zugleich stieg in Folge des medizinischen Fortschritts die Zahl der pro Patient erbrachten Leistungen. Der Anteil der Erwerbstätigen im Gesundheitswesen verdoppelte sich nahezu in den vergangenen 30 Jahren. Inklusive Zulieferindustrien (Pharma-, Medizintechnik etc.) arbeiteten im Jahr 2004 über vier Millionen Menschen im oder für das Gesundheitssystem - das entspricht etwa jedem zehnten Arbeitnehmer. Seit 1996 jedoch stagniert die Jobmaschine, vor allem weil durch immer neue Sparrunden der Geldhahn zugedreht wurde.

Nachdem den Beschäftigten des Gesundheitswesens jahrelang immer mehr Leistung abverlangt wurde, ohne mehr dafür zu zahlen, hat dieses Auspressen nun seine Grenzen erreicht, weil die arbeitenden Menschen an ihre physischen und psychischen Grenzen stoßen. Die Arbeitsbedingungen haben sich stetig verschlechtert, Löhne sind gesunken und das Personal ist durch extrem viele Überstunden ausgelaugt - bei gleichzeitig vielen Arbeitlosen in diesem Sektor. Das Volumen der unbezahlten Überstunden von Krankenhausärzten (also ohne ambulanten Sektor, ohne Pflegepersonal) betrug im Jahr 2000 etwa 51 Millionen Stunden: Das wären 33.000 Vollzeitarbeitsplätze. Allein an der Berliner Charité kommen die Krankenhausärzte nach Aussage des Marburger Bundes auf 85.000 Überstunden monatlich.

Auch die mit viel moralischem Klimbim inszenierte Forderung, Privilegien von Privatversicherten abzubauen, ist Augenwischerei: Nachdem die Vergütungssätze der GKV jahrelang immer weiter nach unten gedrückt wurden, sind viele Praxen nur noch mit interner Quersubventionierung überlebensfähig, nun soll auch noch diese Möglichkeit verbaut werden. Das hilft den gesetzlich Versicherten kein bisschen - im Gegenteil würde sich die Versorgung weiter verschlechtern, weil viele Praxen aufgeben müssten und der Druck, mit den Patienten privat abzurechnen, weiter stiege.

Das Gesundheitswesen muss einerseits die Leistungsexplosion unserer Gesellschaft auffangen, es unterliegt ihr aber auch selbst. Dass es zurzeit erheblich unterfinanziert eine so wichtige Funktion erfüllen muss, hat negative Folgen für die Patienten und die Beschäftigten des Gesundheitswesens. Was sich angesichts leerer Kassen kaum jemand zu sagen traut: Das Gesundheitswesen braucht dringend ein offensives Investitionsprogramm. Neoliberale Gesundheitsökonomen stehen vor einem Dilemma: Einerseits ist der Gesundheitsbereich ein gigantischer "Zukunftsmarkt", dessen Wachstumspotenziale es auszuschöpfen gilt, andererseits sollen die Lohnnebenkosten nicht steigen. Dieser Widerspruch soll mit einer möglichst weitgehenden Privatisierung dieses Sektors gelöst werden. Doch eine an privaten Profitinteressen orientierte Politik hat Zweiklassenmedizin zur Folge. Die Solidarität der Reichen mit den Armen und die Solidarität der Gesunden mit den Kranken kann nur eine solidarisch finanzierte gesetzliche Krankenversicherung garantieren. Um sie zu erhalten, muss ihre Finanzierungsbasis auf alle Einkommensformen erweitert werden. Allerdings sind damit die Probleme noch nicht gelöst.

Wir brauchen zusätzlich eine Investitionsoffensive und ein Bekenntnis für kontinuierliches qualitatives Wachstum im Gesundheitswesen. Da der medizinische Bedarf auf absehbare Zeit weiterhin schnell steit, hieße dies - auch nach einer Reform der Finanzierungsbasis - steigende Beitragssätze. Doch wie dabei die Schwächeren in unserer Gesellschaft mitgenommen werden können, die schon jetzt in immer größerer Zahl ganz auf eine Krankenversicherung verzichten, darauf weiß die Politik derzeit keine Antwort.

Niels-Arne Münch ist Sozialwissenschaftler und arbeitete bis Mai 2004 an der medizinischen Soziologie der Georg-August Universität Göttingen zu Fragen des Gesundheitssystems.


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00:00 02.12.2005

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