Wer spricht? Wer nicht?

Perspektive Wolfgang Benz’ Buch über Antisemitismus polarisiert. Dabei wäre es besser, für unterschiedliche Standpunkte offen zu sein
Wer spricht? Wer nicht?
Umstritten: die 2017 eröffnete „Jerusalem-Ausstellung“ im Jüdischen Museum Berlin

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Der Titel dieser Essaysammlung, Streitfall Antisemitismus, könnte das Klima in Deutschland nicht besser treffen. Kein Tag, an dem nicht öffentlich über Antisemitismus debattiert wird. Besondere Bedeutung kam in Diskussionen dem wandelbaren Wesen des Antisemitismus zu, als Ressentiment, das aus Juden „Andere“ macht. Zygmunt Bauman nannte das „Allosemitismus“, von griechisch „allos“, anders. Trotzdem, so argumentiert Herausgeber Wolfgang Benz immer wieder, sei Antisemitismus vergleichbar mit anderen Ressentiments. Das brachte ihm harsche Kritik ein. Wissenschaftlich ist die These, die er hier noch einmal in einem Essay wiederholt, zwar stimmig, allerdings möchte ich der Frage nachgehen, warum diese Vergleiche so manchen so auf die Palme bringen.

Seit der Staatsgründung Israels stellt sich die Frage, wie es um das Verhältnis von Kritik an israelischer Politik und Ressentiment bestellt ist. Ist „Israelkritik“ antisemitisch? Dieser Frage gehen mehrere Beiträge dieses Bandes nach, auch mit Blick auf die Bewegung Boycott, Divestment, Sanction (BDS), die aufgrund eines Bundestagsbeschlusses in Deutschland zwar von öffentlichen Fördertöpfen ausgeschlossen, aber nicht illegal ist. Ihre Unterstützer sind durch Artikel 5 des Grundgesetzes in ihrer Meinungsfreiheit geschützt. Dies hervorzuheben, ist genauso wichtig, wie hervorzuheben, dass Populisten des Öfteren mit Israel auf Schmusekurs gehen, um Islamophobie zu rechtfertigen, wie es Micha Brumlik in seinem Beitrag herausstellt.

Neben der Frage nach der Vergleichbarkeit von Antisemitismus und der nach der Legitimität einer Kritik an der Politik Israels sind es Fragen nach der Deutungshoheit, die in diesem Sammelband zentral sind. Das signalisiert schon sein Untertitel Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen. Wem kommt es zu, über Antisemitismus zu sprechen? Wer definiert, was antisemitisch ist und was nicht?

Die eigene Wut ist wichtig

Schwierige Fragen, die das Buch motiviert hätten, wie Wolfgang Benz schreibt: Fragen, auf die es diverse Antworten gibt, je nach Perspektive des Antwortenden. Der Kampf um Deutungsmacht, an der Wissenschaftler wie Nichtwissenschaftler partizipieren wollen, wird mitunter erbittert geführt. Benz’ Einleitung lässt erahnen, dass dieser Kampf den Wissenschaftler frustriert. Die gegenwärtige Diskussion um das Buch in Zeitungen und im Netz zeigt, dass seine Inhalte mitunter von diesem Kampf verdrängt werden. Er wird auch auf persönlicher Ebene geführt, wobei auffällt, dass nur bestimmte Beiträge und ihre Autoren im Fokus stehen. Warum finden die Essays etwa von Muriel Asseburg, Alexandra Senfft, Derviş Hızarcı und die ethnografische Betrachtung Katajun Amirpurs so wenig Beachtung?

Gerade Senfft, Hızarcı und Amirpur gehen in ihren Beiträgen offen mit persönlichen Perspektiven um. Solche biografischen Einblicke halte ich für extrem wichtig: Wir sind nicht von unseren Texten trennbar. Das wurde in der englischsprachigen Sozial- und Kulturanthropologie ab Anfang der 1970er breit diskutiert. Ein 1972 vom US-amerikanischen Linguisten und Anthropologen Dell Hymes herausgegebener Sammelband etwa verlangte „candour“ von Anthropologen, also tiefe Ehrlichkeit. Das bahnbrechende Buch Culture and Truth (1988) des Kulturanthropologen Renato Rosaldo erfüllte diese Forderung eindringlich. Rosaldo verarbeitete hier den Tod seiner Frau während der gemeinsamen Feldforschung und thematisierte ebenso seine hilflose Wut.

Bücher wie das von Rosaldo leiteten einen Paradigmenwechsel in meiner Disziplin ein. Anthropologen setzen sich offen mit sich selbst als Teil ihrer Feldforschung auseinander. Das gilt auch für Forschungen zum Judentum, zum Antisemitismus oder zu den Spätfolgen der Shoah. Solche kritische Reflexion des eigenen Standpunktes gilt im anglophonen Raum nicht als unprofessionell. Sie verletzt auch nicht die Gebote der Neutralität, schon weil „Neutralität“ in dieser Wissenskultur als Konstruktion verstanden wird.

So will ich hier nicht verheimlichen, dass ich aus meiner britisch gefärbten und deutsch-jüdisch-israelischen Perspektive schreibe. Juliane Wetzel bestreitet in ihrem Beitrag allerdings die Expertise derer, die vom Antisemitismus betroffen sind. Die Historikerin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin erbittet sich, die Analyse des Antisemitismus den Wissenschaftlern zu überlassen. Angesichts von Einsichten der Postcolonial Studies und auch der Standpunkt-Theorie, wonach eigene Erkenntnisse davon abhängig sind, welche Position man im gesellschaftlichen Machtgefüge einnimmt, erscheint das anachronistisch. Wetzels Herangehensweise wirft Fragen nach Machtstrukturen auf und danach, warum sie nicht mit denen, die von diesen Strukturen betroffen sind, redet. Hieraus würden sich interessante empirische Daten ergeben.

Der Journalist Daniel Bax, er schreibt auch für den Freitag, widmet sich in seinem Beitrag dem Jüdischen Museum Berlin (JMB). Bax geht der Frage nach, ob das Museum „nicht jüdisch genug“ sei. Eine gute Frage. Leider enttäuscht die Antwort. Es ist keinesfalls korrekt, dass die 2017 eröffnete „Jerusalem-Ausstellung“ auf ungeteiltes Lob stieß, bevor Premierminister Netanjahu in einem Brief an die Bundesregierung schrieb, dass sie eine „palästinensisch-muslimische Sicht auf Jerusalem“ spiegele. Ebenso ist es nicht richtig, dass nur rechte und konservative Juden Kritik am JMB übten. Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Knieper will in seinem Beitrag erklären, warum jene Netanjahu-Karikatur, die im Mai 2018 zur Entlassung des langjährigen Zeichners der Süddeutschen Zeitung, Dieter Hanitzsch, führte, nicht antisemitisch sei. Warum die Karikatur anders gelesen wurde und konnte, untersucht Knieper nicht: Quellenlage und Analyse sind sehr selektiv.

Der Empirie der politischen Bildung widmet sich der Antidiskriminierungsbeauftragte der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, Derviş Hızarcı. Als Lehrer folgt er dem pädagogischen Prinzip, Schüler dort abzuholen, wo sie sind, und gleichzeitig ihre Erfahrungen anzuerkennen. Ihnen von oben herab zu predigen, dass Antisemitismus falsch ist, führe nicht zum Ziel, schreibt Hızarcı.

Einen seltenen, weil ethnografischen Blick auf Iran eröffnet uns die deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Auch wenn sie das Thema Antisemitismus nur streift, ist er schon von daher wertvoll, weil so wenig über dieses Land bekannt ist. Die Publizistin und regelmäßige Autorin dieser Zeitung, Alexandra Senfft, setzt, wie erwähnt, biografisch an. Sie beschreibt ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Psychologen Dan Bar-On, der den Ansatz verfolgte, Israelis, Palästinenser und Deutsche in einem Reflexionsraum zusammenzuführen und Biografiearbeit zu leisten. Deutlich wird: Jeder, der diesen Reflexionsraum teilt, ist betroffen, nur jeweils anders. Überdeutlich wird: Betroffene können zweifelsohne Experten sein. Deutsche Wissenschaftler schweben nicht über der „Sache“.

Diskursräume nicht schließen

Muriel Asseburg liefert eine klare realpolitische Analyse. Die Politologin argumentiert, die Arbeitsdefinition des Antisemitismus der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken, auf deren Basis die BDS-Resolution 2019 entstand, werde nicht zu einer Problemlösung im Kampf gegen Antisemitismus führen, sondern nur dazu, dass sich die Debatte verlagere, zumal Diskursräume geschlossen würden.

Das letzte Kapitel im Buch widmet sich Achille Mbembes Buch Politik der Feindschaft. Auch Gerd Krell wird die Leser zu ihrem Lektüreergebnis kommen lassen (müssen), denn wie man Mbembe liest, hängt davon ab, welchen Standpunkt man einnimmt.

Ich mag den Autoren dieses Bandes zustimmen oder nicht, ihre Standpunkte will ich ihnen nicht absprechen. Worauf ich als Anthropologin dränge, ist mehr Offenheit. Es bringt nichts, so zu tun, als sei man geschichts- und körperlos und schwebe über der Sache. Ebenso wenig ist es zielführend, nur eine Seite, die der eigenen Meinung und weniger der Empirie entspricht, zu favorisieren. Gesellschaften sind komplex, widersprüchlich und dynamisch. Am Diskurs Beteiligte sollten ins Gespräch kommen, sonst wird der Kampf um Deutungshoheiten eskalieren. Dem gesellschaftlichen Frieden zuträglich ist das mitnichten.

Info

Streitfall Antisemitismus: Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen Wolfgang Benz (Hrsg.) Metropol 2010, 328 S., 24 €

Dani Kranz ist Anthropologin. Sie lehrt und forscht an der Ben-Gurion-Universität, Israel

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06:00 23.08.2020

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