West-Fernost-Konflikt

Malaysia Ein Kongress in Kuala Lumpur fordert eine komplett neue Untersuchung zum Absturz von MH17 über der Ostukraine
West-Fernost-Konflikt
Die geborgene Kanzel der am 17. Juli 2014 abgestürzten Boeing 777

Foto: Dean Mouhtaropolous/Getty Images

Haji Moh Sakri Hussin könnte mit seiner randlosen Brille, dem milden Lächeln und grauen Anzug ein einfacher Beamter sein. Tatsächlich ist er Oberst der Armee Malaysias und hat sich für diesen 17. August viel vorgenommen. Von der Bühne des Auditoriums der Internationalen Islamischen Universität von Kuala Lumpur will er mit leiser, eindringlicher Stimme auf den gekränkten Stolz seines Landes verweisen. Sakri ist einer der Hauptredner der eintägigen Konferenz „MH 17: The Quest for Justice.“ Es geht um den Absturz einer Maschine der Malaysia Airlines (Flug MH 17) am 17. Juli 2014 über der Ostukraine, bei dem alle 298 Insassen ums Leben kamen. Ausgelöst wurde die Katastrophe nach bisherigen Erkenntnissen durch eine russische Flugabwehrrakete des Typs Buk M1, soweit die Untersuchung niederländischer Experten. Oberst Sakri schaut konzentriert auf seine Notizen und sagt: „Wir mussten die Blackbox haben, es war unser Flugzeug.“ Etwa 70 Zuhörer klatschen.

Was alle im Saal vereint, ist ihr Ärger darüber, wie der Westen seit dem Absturz mit Malaysia umgegangen ist, auch darüber, wie das Land sich hat kleinhalten lassen. Und nun der offiziellen westlichen Untersuchung misstraut. Sakri berichtet zunächst, wie er unmittelbar nach der Katastrophe in einer abenteuerlichen Mission die Flugschreiber von den Separatisten im Donbass beschafft hat. Für die Anwesenden taugt er damit zum Helden. Sie applaudieren erneut. Hinter dem Redner hängen schwere, rote Samtvorhänge, es ist eine weihevolle Atmosphäre. Sakri erzählt, wie er seinerzeit in die Ukraine flog, Autos wechselte, viele Checkpoints passierte, mit den Separatisten verhandelte, auch mit der Regierung in Kiew. Einmal sagt er, um den Anwesenden die Probleme in dem ihnen wenig bekannten Land auf der anderen Seite der Welt zu erläutern, dass „die Ukraine nicht solche Autobahnen hat wie wir hier in Malaysia“.

Am Ende hätten die Ukrainer ihn aufhalten und ihm die Flugschreiber abnehmen wollen – er habe nicht nachgegeben. Sakri macht eine kleine Kunstpause: „Ich habe ihnen gesagt: Verhaftet mich oder bringt mich um, aber ich gebe nicht nach.“ Später landeten die Flugschreiber trotzdem in den Niederlanden. Dort übernahm man die Untersuchung, weil die meisten Todesopfer Niederländer waren. Malaysia durfte zunächst nicht mitmachen, wurde erst verspätet in das Joint Investigation Team (JIT) aufgenommen – nach der Ukraine, Australien und Belgien. Im Juni 2019 hat dieses Ermittlungsteam nach mehreren Zwischenberichten vier Verdächtige präsentierte, drei Russen und einen Ukrainer. Gegen sie soll ab März 2020 ein Prozess geführt werden, wohl in Abwesenheit, denn sowohl russische als auch ukrainische Gesetze lassen Auslieferungen nicht zu. Auch wenn sie könnten, die Russen würden niemanden preisgeben. JIT konstatiert umso mehr und unbeirrt: Die Spur führt eindeutig zu den Separatisten und nach Russland, woher das Buk-Waffensystem kam, mit dem das Flugzeug abgeschossen worden sein soll.

Moskau hält sich zurück

MH17 war ein Wendepunkt im neuen alten Ost-West-Konflikt. Die Separatisten gelten im Westen seither als Mörderbande, die unter dem Schutz Moskau steht. Der Kreml dementierte die Schuldzuweisungen und hielt sich in den vergangenen Jahren an diverse, sich teils widersprechende Versionen, was Russlands in der EU ohnehin stark angekratzten Glaubwürdigkeit schadete. Mit dem JIT-Bericht scheint zumindest für den Westen alles geklärt – doch gerade jetzt grätscht Malaysia dazwischen.

Premier Mahathir bin Mohamad hatte die Untersuchung schon früher kritisiert und wurde zuletzt deutlicher. Er sprach von „politisch motivierten“ Recherchen, „einseitig“ und nur darauf bedacht, „die Schuld den Russen zuzuschieben“. Organisiert von drei zivilgesellschaftlichen Organisationen, dürfte daher die MH17-Konferenz ganz im Sinne des Regierungschefs sein. Auch der ehemalige Chef der zivilen Luftfahrt Malaysias ist zugegen, die Konferenz an einer staatlichen Hochschule hat damit einen offiziellen Charakter. Der Tenor hängt davon ab, ob ein Einheimischer das Wort ergreift oder jemand aus dem Ausland. Den Malaysiern geht es wie Oberst Sakri vor allem darum, sich gegen den Westen zu behaupten. Dass man anfangs von den Untersuchungen suspendiert war, hat eine Wunde hinterlassen, wobei man sich fragt, ob das in Den Haag, Berlin oder Paris überhaupt jemand zur Kenntnis nimmt. Konferenzgäste wie der einstige Lufthansa-Pilot Peter Haisenko und der kanadische Wirtschaftsprofessor Michel Chossudovsky lehnen sich am weitesten aus dem Fenster, wenn Letzterer ausführt, dass es „ganz sicher keine Buk“ war, die MH17 zum Absturz brachte.

Bei der Frage nach der Ursache des Infernos scheinen sich die vor Jahren noch kursierenden Theorien mittlerweile auf zwei Versionen zu beschränken: den Einsatz des Raketenabwehrsystems Buk oder den Abschuss durch ein Kampfflugzeug. Was die Details angeht, ist es für jemanden, dem die Expertise des Waffenkenners fehlt, unmöglich zu beurteilen, was die Beweise jeweils wert sind. Haisenko etwa zeigt in Kuala Lumpur Aufnahmen, die belegen sollen, dass die Einschusslöcher von einer Bordkanone stammen. Präsentationen solcher Art kennt das JIT auch – mit gegenteiliger Erkenntnis. Mit konkreten Schuldzuweisungen halten sich alle zurück, doch stellt jeder den JIT-Bericht in Frage – mit mehr oder weniger überzeugenden Argumenten. Wer da geschlagene elf Stunden einer Seite zuhört, ist geneigt, zumindest einige der Kritikpunkte gelten zu lassen.

An der Absturzstelle in der Nähe des ostukrainischen Dorfes Hrabowe, 2. August 2014

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Während der Konferenz wird auch der Film MH17 – Call for Justice gezeigt. Der Titel ähnelt nicht von ungefähr dem der Konferenz. Interessant wirken besonders Befragungen von Dorfbewohnern aus dem Donbass, die just am Tag des Absturzes ein Kampfflugzeug am Himmel gesehen haben. Oder wenn Experten nachweisen, dass die Audiomitschnitte des ukrainischen Geheimdienstes, die belastende Gespräche zwischen Rebellen dokumentieren, nachträglich bearbeitet wurden. Die russische Regisseurin Yana Yerlashova ist zugegen, ansonsten jedoch bleibt Russland personell eher unterrepräsentiert. Zuletzt hält sich Moskau beim Fall MH17 ohnehin auffallend zurück. Als wäre in Analogie zum kommenden Prozess in den Niederlanden die Welt ein Gerichtsaal, den Russland konsequent meidet.

„Ich habe schon für den Kanal RT Filme über MH17 gedreht“, erzählt Yana Yerlashova, die nach eigenen Angaben nicht mehr für den staatlichen russischen Auslandssender arbeitet. Das Geld für die Streifen habe sie per Crowdfunding gesammelt. „Ich wollte für mich persönlich einen Punkt unter das Thema setzen. Das hat nicht geklappt. Es gibt noch viel Material und offene Fragen.“ Yerlashova fällt im Kreis der sonst zumeist älteren männlichen Redner mit ihrer blonden Mähne schon optisch auf, vor allem aber damit, ihre Argumente zwar energisch vorzutragen, sich jedoch auf keine Version des Geschehens festzulegen. Frage: „Glauben Sie persönlich denn, dass es eine Buk oder ein Kampfflugzeug war?“ Antwort: „Wieso oder?“

Wenn Yerlashova sich abseits der Konferenz über das Thema in Rage bringt, wird klar, wie sehr sie damit beschäftigt ist. Es gibt im Netz ganze Websites, die sich nur mit ihren Aussagen im Film und in Interviews beschäftigen. Fünfmal war sie an der Absturzstelle und hat eigenhändig Wrackteile geborgen: „Ich habe zu viele Einheimische getroffen, die mir gesagt haben, dass Kampfflugzeuge am Himmel waren, um daran zu glauben, dass es keine gab.“ Die JIT-Ermittler erklären hingegen, dank der Radardaten verschiedener Länder lasse sich nachweisen, dass keine Kampfjets unterwegs waren. Der Fall ist offenkundig zu Yerlashovas Leben geworden, „dabei habe ich früher Tierfilme und sowas gemacht“. Sie wolle „einfach nur objektiv untersuchen, was wirklich passiert ist“. Im Übrigen ist sie auf die russischen Staatssender gerade nicht gut zu sprechen. Die hätten ihren Film zwar nicht gekauft – „vielleicht ist er ihnen nicht krawallig genug“ – dafür aber unerlaubt Szenen aus dem Werk für eigene Beiträge verwendet.

Als Yerlashova in einer Pause bei Hühnchen und Reis auf Michel Chossudovsky trifft, ereifert der sich immer wieder, „there was no vapor trail!“ – es gab keinen Kondensstreifen, für ihn der untrügliche Beweis, dass kein Buk-System vor Ort war. Es gibt Fotos dieses Kondensstreifens, und natürlich eine Debatte, ob sie echt sind. „Ich würde in meinen Urteilen nicht so ultimativ sein“, versucht sich Yerlashova diplomatisch. „No vapor trail!“, donnert der Professor weiter. Seine Worte – airplane, aviation, fake, conspiracy – gehen im Stimmengewirr der Konferenzlobby unter, bis sich der Professor einem anderen Gesprächspartner zuwendet und nach kurzer Zeit „no vapor trail!“ zu hören ist.

Am Ende dieses Treffen steigt definitiv weißer Rauch auf, denn es wird konkret. Die Teilnehmer fordern nichts weniger als eine komplett neue, unabhängige Untersuchung des Absturzes von MH17. Das verlangt genauso Malaysias Premierminister, nur wird es kaum je dazu kommen.

Wer einmal lügt

Auf einen interessanten Widerspruch weist Felix Heiduk, Experte für Malaysia bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin am Telefon hin. „Premier Mahathir übt scharfe Kritik, aber die malaysischen Vertreter im JIT selbst halten sich auffällig zurück.“ Generell sei in Malaysia das „Misstrauen gegen die westliche Hegemonie“ ziemlich stark verbreitet, Mahathir propagiere ein eigenes, „asiatisches Entwicklungsmodell“. Heiduk glaubt nicht, dass die Einwände aus Malaysia sich allein auf die engen wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland zurückführen lassen. „Das wäre zu kurz gedacht. Es geht mehr um nationales Prestige, einfach um dieses Gefühl: Ihr nehmt uns nicht ernst.“ Ohnehin würden sich an dem Fall die globalpolitischen Umbrüche in Südostasien zeigen, wo die frühere Ordnungsmacht USA schwer in Misskredit geraten sei, woran Präsident Trump seinen Anteil habe.

Was in Kuala Lumpur spürbar wird, das ist die Entfremdung eines asiatischen Schwellenlandes von westlichen Denkweisen. Dabei spielen Befindlichkeiten eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch auch die politische Ursünde des 21. Jahrhunderts macht sich bemerkbar: der US-Einmarsch im Irak 2003, der mit einer Lüge begann – den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins. Der Irak wird bei der Konferenz von mehreren Rednern erwähnt. Frei nach dem Motto: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Bleibt die Frage, ob die Welt in einigen Jahren mit ähnlichen Gewissheiten auf den Fall MH17 zurückblickt wie heute auf den Auftritt des damaligen US-Außenministers Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat, bei dem von sicher aufgeklärten Depots irakischer Waffen die Rede war – die nie existierten. Powell selbst hat das später eingestanden. Dass sich Politiker zu derartigen Einsichten durchringen, erscheint im Augenblick kaum denkbar.

06:00 26.08.2019
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