Wette gegen das Elend

Stadtpolitik Eigentlich hatte Robert Guédiguian eine Komödie drehen wollen. Doch das passt nicht in die Zeit. Mit „Gloria Mundi“ legt er ein Kabinettstück des Alterszorns vor
Zur Geburt von Mathildas (Anaïs Demoustier) und Nicolas’ (Robinson Stévenin) Tochter Gloria erklingt Verdis „Requiem“
Zur Geburt von Mathildas (Anaïs Demoustier) und Nicolas’ (Robinson Stévenin) Tochter Gloria erklingt Verdis „Requiem“

Foto: Film Kino Text

Er hatte immer ein großes Herz“, sagt Sylvie über ihren Ex-Mann Daniel, „aber das genügt jetzt nicht mehr.“ Die Verhältnisse haben sich geändert in den Jahrzehnten, in denen er – zwar nicht schuldlos, aber ehrenhaft – im Gefängnis saß. Nun wird er entlassen, aber frei ist er nicht. Ihm wird ein neues Mandat angetragen: Er soll als Schutzengel seiner verlorenen Familie wirken. Er wird es erfüllen, wider Erwarten und in einer Wirklichkeit, der er entrückt ist. Wann waren Schutzengel je Zeitgenossen?

Der entlassene Sträfling dichtet Haikus, in denen er sich einen Reim auf die Welt macht. Sie sind eine bescheidene Form, diese zu erklären. Aber gerade das gefällt seinem Regisseur. Robert Guédiguian mag Figuren, die nicht viel Aufhebens um sich machen, denen es genügt, am Rande des Geschehens zu existieren.

Das Werk des Filmemachers mit deutsch-armenischen Wurzeln und mediterranem Erzähltemperament ist ein Projekt der Lebensbejahung. Das Leben – es kann würdig geführt werden, trotz bedrängender gesellschaftlicher Widerstände und sich auftürmender Katastrophen. So beginnt sein neuer Film mit dem ursprünglichen Versprechen überhaupt: einer Geburt. Zu den Klängen von Verdis Requiem wird Mathilda (Anaïs Demoustier) von einer Tochter entbunden, der sie und Nicolas (Robinson Stévenin) den verheißungsvollen Namen Gloria geben. Auch das Glück der Großeltern Sylvie (Ariane Ascaride) und Richard (Jean-Pierre Darroussin) ist groß. Erst als ihre jüngere Tochter Aurore (Lola Naymark) und deren Freund Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet) auftauchen, ist da ein leiser Misston. Guédiguian inszeniert die Zusammenkunft auf der Entbindungsstation mit einem feinen Gespür für das Timbre des Augenblicks. Vorerst lässt sich noch nicht erahnen, was sie trennen wird, aber der Zweifel ist gesät.

Der vollständige Originaltitel, die Vanitasformel „(Sic transit) Gloria Mundi“ („So vergeht der Ruhm der Welt“), kündigt dieses Umschlagen bereits an. Bald wird sich in der Familie ein klaffender Abgrund auftun zwischen Bescheidenen und Unbescheidenen. Die Putzfrau Sylvie und der Busfahrer Richard sind bereit, alles für die Ihren zu geben. Daniel (Gérard Meylan), der leibliche Großvater Glorias, steht ihnen zur Seite. Er war ein abwesender Vater, will nun aber da sein.

Das Ausbeuten der anderen

Ihnen stehen Aurore und Bruno gegenüber, die für soziale Verlierer nur Verachtung hegen. Sie betreiben ein Secondhand-Geschäft, in dem sie Kunden und Angestellte nach Kräften ausbeuten. Die jungen Eltern stehen zwischen den beiden Positionen. Nicolas träumt vom großen Geld als Uber-Chauffeur, und Mathilda bangt um ihren Job als Verkäuferin. Die Mechanismen des Kapitalismus haben sie gründlich verinnerlicht, selbst um den Preis, dass sie ihnen Schaden zufügen. Den Egoismus des Ladenbesitzerpaares rechnet Guédiguian scharf aus. Es trägt die Bürde, den Macron’schen Neoliberalismus zu verkörpern. Sie so zu zeichnen, bereitet Guédiguian keine Genugtuung. Er betrachtet sie mit den Augen Daniels als moderne Symptome der Entfremdung.

Es ist überdies viel Raum für Ambivalenz in dieser Konstellation. Die Generation der Großeltern steht nicht notwendig auf der „richtigen“ Seite. Auch sie hat teil an der Entsolidarisierung: Sylvie weigert sich, bei einem Streik mitzumachen, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchtet. Dass Nicolas von militanten Taxifahrern arbeitsunfähig geprügelt wird, ist eine Volte, die man dem Altlinken Guédiguian nicht zugetraut hätte. Seine Vision der gesellschaftlichen Spaltung Frankreichs hat sich in Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille brüsk, aber nicht präzedenzlos verdunkelt.

Ursprünglich wollte er nach dem licht-melancholischen Vorgänger Das Haus am Meer eine Komödie drehen. Aber das erschien ihm nicht zeitgemäß. Sein Kino war stets eine Wette gegen die Verzweiflung. Die soziale Härte klammert es nicht aus, umfängt sie indes mit einer gewissenhaften Folklore. Im Marseiller Vorort L’Estaque fand es bisher eine bukolische Grundierung (die aber nie eine Idylle war), der in Gloria Mundi nun kein solches Sicherheitsnetz mehr gegenübersteht. Hier ist die Großstadt ein Schauplatz brutaler Gentrifizierung, der den politischen Befund besiegelt. Die Leichtigkeit und Zuversicht, die sein Werk redlich schillern ließen, sind diesmal keine Option. Nun verdankt sich Guédiguians erzählerischer Elan dem anderen Grundimpuls seines Schaffens: der Wut.

Beide Impulse, der Zorn wie die Zuversicht, verbinden sich mit der Idee des Kollektivs, das für ihn zugleich erzählerischer Kern und Produktionsweise ist – er arbeitet mit einem Stamm von Darstellern, die er zum Teil seit seiner Jugend kennt, der sich regelmäßig öffnet für eine neue Generation. Von dem Weg, den er für richtig hält, musste dieser Regisseur nie abweichen. Er bleibt ideologisch stets auf Spur: als ein unbeirrter Humanist. Der enge Zusammenhalt von Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft ist für ihn eine zuverlässige Maßeinheit, um gesellschaftliche Verwerfungen zu bestimmen und zu korrigieren.

Dieser Zusammenhalt ist jetzt nicht mehr intakt. Die Großeltern haben den Glauben an ihre einstigen Ideale verloren; ihnen stehen keine Werte mehr zu Gebot, die sie hinterlassen könnten. Ihr Regisseur betrachtet die erloschenen Überzeugungen nicht mit Nostalgie, sondern beharrt auf ihrer Gültigkeit. Gloria Mundi spiegelt dieses Ringen wider. Es ist nicht endgültig entschieden. Gerade ist in Frankreich Guédiguians jüngster Film angelaufen: Twist à Bamako handelt von einem jungen, glühenden Revolutionär, der 1962 im Hinterland von Mali die Vorzüge des Sozialismus propagieren will.

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille Robert Guédiguian Frankreich/Italien 2019, 107 Minuten

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