Wie ein Stück Holz an der Sperrmauer

Rhetorik Horst Seehofer wurde nicht für seine Pöbelei gegen die Kanzlerin auf dem CSU-Parteitag abgewatscht, sondern für seine miserable Rede
Jürgen Busche | Ausgabe 48/2015 2
Wie ein Stück Holz an der Sperrmauer
Schwer zu ertragen: Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag
Foto: Jörg Koch/Getty Images

Angela Merkel hat Glück, immer wieder. Wenn es in ihrem Berufsleben brenzlig wird, kommt zuverlässig jemand, der sie so derb anpöbelt, dass sich die Mehrheit der Vernünftigen sofort auf ihre Seite schlägt und dort für längere Zeit bleibt. So war es kurz vor Beginn ihrer Kanzlerschaft, als ihr Vorgänger Gerhard Schröder in einer seither legendär gewordenen Fernsehrunde ihr den – allerdings äußerst knappen – Wahlsieg absprach, vergeblich, wie man seit zehn Jahren weiß. Und so war es jetzt wieder, als sie auf dem CSU-Parteitag sich – danebenstehend wie ein Schulmädchen in den 1950er Jahren – vom CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer Belehrendes über ihre Rede anhören musste, die dieser für misslungen hielt.

Das war ein übler Auftritt des Mannes, der seit sieben Jahren bayrischer Ministerpräsident ist. Aber dass er wegen solcher Unverschämtheit gegenüber der Bundeskanzlerin bei der Wiederwahl zum Parteivorsitzenden dann eine Schlappe erlitt – acht Prozent weniger als beim letzten Mal –, ist nichts anderes als fromme Legende. Die große Mehrheit im Saal war durchaus gegen Merkel, ihr einen Dämpfer zu geben, war sehr wohl im Sinne der meisten.

Aber eben das misslang Seehofer. Er hatte sich zugetraut, mit ein paar klaren Worten die Haltung der CSU deutlich zu machen. Und wie so oft hatte er sich überschätzt. Schlecht vorbereitet fand er die Worte nicht auf Anhieb. Doch das Verfertigen von Gedanken mag manchmal, wie Kleist meinte, beim Reden gelingen, das treffende Wort indes findet man selten, wenn man schon im Redefluss ist. Und da schwamm jetzt Seehofer wie ein Stück Holz an der Sperrmauer. Immer wieder suchte er die entscheidende Formulierung. Dabei verging Zeit, immer mehr Zeit. Die Grenze zur baren Ungehörigkeit war längst überschritten und der CSU-Chef suchte immer noch, bis er sich schließlich mit einer matten Schlussformel zufriedengab und die Kanzlerin abrauschen durfte.

Dieses mitzuerleben, wird für etliche der CSU-Delegierten peinvoll gewesen sein. Es ist ja nicht so, dass sie von ihren Altvorderen nicht deftige Sprüche gewohnt wären. Das gehört zur Folklore der CSU und von Gästen wird erwartet, dass sie das wegstecken. Jetzt aber mussten sie erleben, dass ihr Vorsitzender den Auftritt mit Sprüchen nicht konnte. Bayern im Allgemeinen und CSU-Parteigänger im Besonderen müssen seit Jahrzehnten erleben, dass sie fern ihrer Heimat gerne als Deppen betrachtet werden. Jetzt hatte sich ihr Oberster als Depp gezeigt. Das schmerzte. Das musste schon daheim bestraft werden. Und das taten sie dann auch.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 27.11.2015

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