Wie Firmen unbequeme Mitarbeiter jagen

Buchkritik Die professionelle Bekämpfung von Gewerkschaften und Betriebsräten ist Alltag in Deutschland
Jörn Boewe | Ausgabe 48/2014 17
Wie Firmen unbequeme Mitarbeiter jagen
Technologisch top, aber aus der Perspektive der Angestellten flop: das Enercon-Werk für Windturbinen in Aurich
Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Enercon ist der Marktführer für den Bau von Windkraftanlagen in Deutschland. Technologisch hat das Unternehmen die Nase vorn, aber die Beziehungen des Managements zu seinen Beschäftigten sind eher vordemokratisch. Einer, der das zu spüren bekam, ist der Betriebsrat Nils-Holger Böttger. Seit Monaten versucht der Konzern, ihn aus dem Unternehmen zu klagen. Der Grund: Böttger hatte sich dafür eingesetzt, dass Leiharbeiter, die im Unternehmen beschäftigt sind, eine vorgeschriebene Schulung als Arbeitszeit bezahlt bekommen. Enercon, selbst mit öffentlichen Subventionen groß geworden, ist der Meinung, die Leiharbeiter hätten den nötigen Lehrgang unentgeltlich am Wochenende absolvieren können. Dem Betriebsrat wurde fristlos gekündigt, weil er sich geschäftsschädigend verhalten habe. Seitdem streiten Böttger und Enercon vor Gericht.

Spätestens seit 2009, als der „Fall Emmely“ (die Kassiererin und die Pfand-bons) für Schlagzeilen sorgte, ist klar: Die so lange sozialpartnerschaftlich geregelte Arbeitswelt der Bundesrepublik Deutschland ist alles andere als ein Paradies. Hier kämpfen Unternehmer mit harten Bandagen und Tritten unter die Gürtellinie, wenn es darum geht, unbequeme Mitarbeiter, Gewerkschafts-mitglieder und Betriebsräte loszuwerden. Einschüchterung, Mobbing und Bespitzelung gehören ebenso zum Repertoire wie die gezielte Kündigung tatsächlicher oder vermeintlicher Querulanten. Nicht selten holen sich Unternehmen dabei professionelle Hilfe von Anwälten, Beratern und Detekteien.

Mit Die Fertigmacher haben die Kölner Publizisten Werner Rügemer und Elmar Wigand nun erstmals eine systematische und umfassende Untersuchung dieser Szene vorgelegt. Sie konnten dabei auf zahlreiche, in ihrem Blog arbeitsunrecht.de dokumentierte Fälle von Gewerkschaftsbekämpfung und Betriebsratsvermeidung zurückgreifen.

Ihre Analyse zeigt, dass Union Busting längst kein reines US-Phänomen mehr ist, auch wenn das zugehörige Vokabular voller Anglizismen steckt. In Deutschland hat sich ein weitverzweigtes Netzwerk entwickelt, das daran arbeitet, die kollektive Interessenvertretung abhängig Beschäftigter aus Betrieben zu drängen oder bereits im Keim zu ersticken. Große Anwaltskanzleien wie Helmut Naujoks oder Schreiner und Partner gehören dazu ebenso wie PR-Agenturen, Überwachungsfirmen, Unternehmensstiftungen und arbeitgeberfinanzierte Universitätsinstitute. Sie agieren teils im Auftrag von Unternehmen, teils ganz allein im Sinn ihres Geschäftszwecks.

Doch das Buch ist kein bloßes Who’s who dieser Szene, sondern analysiert das Phänomen im Kontext der neoliberalen Offensive seit den 1990er Jahren. Wigand und Rügemer zeigen, wie die geistig-moralische Wende von Kohl und Lambsdorff, die Agenda-Politik der Schröder/Fischer-Regierung und die Deregulierungspolitik der EU-Kommission den Rahmen schufen, in dem die Fertigmacher ihre Geschütze gegen angeblich Unkündbare und Minderleister auffahren können.

Dabei spielen unternehmerfreundliche Alternativen zu den etablierten Gewerkschaften, die immer noch nicht angepasst genug sind, eine immer größere Rolle: „Gelbe“ Verbände, die Gefälligkeitstarifverträge abschließen wie die vom Axel-Springer-Konzern finanzierte „Gewerkschaft der Neuen Brief- und Zustelldienste“. Vom Management gesteuerte Betriebsräte wie beim Softwareriesen SAP. Oder der sogenannte Dritte Weg, auf den sich kirchliche Sozialverbände wie Caritas und Diakonie berufen, um Betriebsräte und Gewerkschaften draußen zu halten.

Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung Werner Rügemer, Elmar Wigand PapyRossa 2014, 238 S., 14,90 €

06:00 28.11.2014

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