Wie wir über Terror denken

Im Gespräch Die Historikerin Sylvia Schraut über das Geschlecht des Terrors und warum starke Frauen Männer angeblich zu Terroristen machen

Wenn seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 von islamischen Terroristen die Rede ist, hat man automatisch Männer vor Augen. Die RAF der siebziger und achtziger Jahre war dagegen prominent von Frauen besetzt und wurde weiblich wahrgenommen. Hat der Terrorismus also ein Geschlecht? Die an der Bundeswehrhochschule München lehrende Historikerin Sylvia Schraut hat sich im Rahmen ihrer Geschlechterforschungen mit dem Thema befasst.


FREITAG: Wenn über Terrorismus diskutiert wird und dabei auch das Geschlecht der Täter eine Rolle spielt, so lautet Ihre These, steht die Frage der politischen Teilhabe von Frauen an der Macht auf dem Prüfstand. Warum?
SYLVIA SCHRAUT: Von Terrorismus ist gemeinhin die Rede, wenn eine politisch einflusslose Minderheit mit grausamen gewalttätigen Aktionen eine Plattform sucht, um das bestehende Herrschaftssystem an seine Grenzen zu bringen und in Frage zu stellen. Die Terrorakte zielen auf der einen Seite darauf ab, zu verunsichern und Sympathisanten und neue Mitglieder zu gewinnen. Zum anderen suchen die Terroristen die politische Debatte darüber, wem welche Partizipationsrechte zustehen. Terrorismus braucht die öffentliche Auseinandersetzung über die vorhandenen Staatsvorstellungen und darüber, wie legitim das bestehende Regierungssystem und seine Sicherheitsvorstellungen sind. In diese Debatte ist die Frage nach dem Geschlecht eingebunden.

Als Historikerin, die sich mit der Sozial- und Geschlechtergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt, belegen Sie diese These auch an historischen Beispielen. Wie war das in der Weimarer Republik?
Die Weimarer Republik war die erste Demokratie auf deutschen Boden. Zum ersten Mal durften Frauen wählen, und sie zogen in nennenswerter Zahl ins Parlament ein. Auffällig ist in den Anfangs- und in den Endjahren die große Zahl an politischen Gewalttaten. Denken Sie an den Kapp-Putsch, den Ruhraufstand, Aufstände der Linken, Attentate der Rechten und Hitlers Putschversuch. Die Anschläge und Überfälle zeigen: Das Gewaltmonopol wurde nicht an den Staat abgegeben. Das aber ist eine Grundbedingung der Demokratie. Wenn wir genauer hinschauen, wer wen bedroht und wer politisch aktiv ist, sehen wir in erster Linie Männer. Frauen durften zwar wählen und auch in die Parlamente einziehen. Aber es war noch lange nicht gewährleistet, dass sie am öffentlichen Leben in gleichem Maße wie die Männer partizipierten. Das lässt sich vor allem an den Parlamentsdebatten über die Gewaltakte belegen, in denen ausschließlich männliche Parlamentarier das Wort ergriffen und ihr Recht auf politische Teilhabe im Zusammenhang mit männlicher Wehrhaftigkeit unterstrichen. Politischen Mord legitimierten insbesondere die Parlamentarier der Rechten als soldatische Vaterlandsverteidigung. Ihre Loyalität galt dem Vaterland, nicht der weiblich konnotierten Republik.

Der Terrorismus der RAF in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik wurde allerdings weiblich wahrgenommen.
So liest man das in den zeitgenössischen Zeitungsartikeln und teilweise bis heute, obwohl es keine differenzierten Forschungsergebnisse gibt, die den RAF-Terrorismus als spezifisch weiblichen charakterisieren. Wir wissen, dass etwa ein Drittel der wichtigsten Personen der RAF Frauen waren. In den Beiträgen wird aber häufig der Eindruck erweckt, es seinen 60 oder 70 Prozent gewesen. Demgegenüber betonten alle RAF-Frauen in ihren autobiografischen Zeugnissen, es sei ihnen nicht um die Geschlechterfrage, die Frage, ob Frauen gleichberechtigt sind, gegangen, sondern um den Kampf gegen die Bundesrepublik.

Warum sehen Sie dadurch die politischen Teilhabe von Frauen in Frage gestellt?
In der Diskussion um Terrorismus, werden politische, soziale, ökonomische Ursachen als Gründe genannt, die Menschen zur Waffe greifen lassen. Ab und an wird in diesem Zusammenhang auch das Geschlecht erwähnt. Aus den dann folgenden Argumentationslinien erfährt man viel darüber, wie überhaupt über Frauen und Männer in der Politik gedacht wird. Es ist interessant, welche Gründe angeführt wurden, warum die RAF-Frauen Terroristinnen wurden. Bei der aus einem religiösen und sozial engagierten Elternhaus stammenden Gudrun Ensslin hieß es, ihre weibliche Emotionalität hätte sie fehlgeleitet. Frauen, so die Schlussfolgerung, seien nicht zu einer rationalen politischen Haltung fähig. Andere Kommentatoren sahen Frauen angesichts ihrer Leiden im und am Patriarchat zwangsläufig zu Terroristinnen werden. Und noch eine weitere Argumentationslinie meinte, Frauen wurden zu Terroristinnen, weil sie ihre weibliche Rolle ablehnten. Aus solch einer Betrachtungsweise kann man Rückschlüsse ziehen, wie der Autor über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft denkt. Er kann nur zu dem Ergebnis kommen, eine Frau, die nicht länger Hausfrau bleibt, wird Terroristin, wenn er selbst der Meinung ist, Frauen sollten gefälligst Hausfrauen sein.

Seit dem 11. September 2001 agieren vorwiegend Männer als Terroristen. Sie gehören meist dem Islam an und legitimieren ihren Kampf mit der männlichen "Kultur der Ehre". Der amerikanische Soziologe Mark Juergensmeyer beschreibt in seinem Buch "Terror im Namen Gottes" radikale Muslime als sexuell frustrierte, unverheiratete junge Männer, die in ihren traditionellen Gesellschaften nur eingeschränkt Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr haben. Was halten Sie davon?
Über diese Argumentation kann ich mich nur amüsieren. Daran kann man ablesen, wie sich die Vorstellungen von Männlichkeit geändert haben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt der Mann, der zur Waffe griff, noch als der potente Mann. Auch in der Weimarer Republik ist ein bewaffneter Mann besonders männlich. Nun erleben wir einen Paradigmenwechsel. Der Mann, der mit der Waffe in der Hand kämpft, ist plötzlich ein in seiner Männlichkeit geschwächter Mann. Welche Entwicklung!

Mark Juergensmeyer interviewte religiös motivierten Terroristen überall auf der Welt. Gleichgültig, auf welche Religion sie sich berufen, bei all diesen Gruppierungen handelt es sich seiner Erfahrung nach um Männerbünde, die die patriarchale Ordnung in der Welt wieder herstellen wollen. Er findet aus Gender- Perspektive andere Argumente über den Terrorismus als Sie.
Im Unterschied zu dem genannten Soziologen forsche ich nicht zu den Ursachen des Terrorismus. Ich analysiere die Debatten darüber. Dabei fällt mir eines auf: Dem sexuell geschwächten Mann, gerade wenn er Islamist ist, steht häufig eine starke, feministische, selbstbewusste westliche Frau gegenüber. Wenn sie diese beiden Punkte zusammen ziehen, könnte man schlussfolgern: Jene Frauen, die gleichberechtigt in der westlichen Welt leben, sind ein solches Bedrohungspotenzial, dass islamische Männer zu Terroristen werden müssen. Diese Verknüpfung sagt allerdings wenig über die Terroristen. Über sie wissen wir nur wenig, denn die Forschung hat gerade erst begonnen. Aber es sagt sehr viel darüber, wie wir über den Terror und über Männlichkeit denken. Beispielsweise wenn es über den tunesischen Terroristen Nizar Trabelsi heißt, seine Ehe mit einer Deutschen sei gescheitert, als Vater habe er versagt, sein Leben habe er nicht in den Griff bekommen. Dass er zu einem Terrorist wurde, erscheint in diesem Kontext als Zeichen der Schwäche und unmännlich. Implizit wird in dieser Schilderung auch die westliche Ehefrau zu einer Herausforderung, an der er scheitert. In jedem Fall aber bleiben wir in den Stereotypen von Weiblichkeit und Männlichkeit stecken.

Das trifft auch Wahrnehmung von Frauen zu, die zu Terroristinnen werden - beispielsweise jene Frauen, die zwischen 2002 und 2004 in Tschetschenien Selbstmordattentate verübten.
Auch ihre Taten werden mit patriarchalen Mustern erklärt: Angeblich handelt es sich um Mütter, die für ihre Söhne und deren Lebensraum kämpfen, oder um zum Opfer gezwungene Töchter. Diese Terroristinnen treten in der medialen Wahrnehmung beispielsweise nicht an, um ihren politischen Handlungsspielraum zu vergrößern. Das wäre auch eine Interpretationsmöglichkeit. Doch die Berichterstattung bleibt auf einer Erklärungsebene, wie sie nach unserer Auffassung zu einer patriarchalen Gesellschaft wie der islamischen passt. Damit wird ein Bild von islamischen Terroristinnen gezeichnet, welches in den Mustern der als patriarchalisch charakterisierten Gesellschaft verhaftet bleibt. Das aber ist unser Denken darüber und muss nicht die Realität sein.

In der emotionsgeladenen und die Sicherheit des Landes berührenden Debatte um den Terrorismus wird auch in der westlichen Welt die Kriegermentalität wiederbelebt. Andere Qualitäten des Männlichen - beispielsweise auch weise und fürsorglich - scheinen dabei wieder einmal vergessen.
Natürlich ist das eine eingeschränkte Sichtweise. Denken Sie an die wiederkehrenden Talkrunden im Fernsehen in den zurückliegenden Jahren. Gesprochen wurde über den Krieg gegen den Terror und es fielen Begriffe wie "militant und wehrhaft" und "Verteidigung der Nation", und es diskutierten dort in der Regel nur Männer. Natürlich würde heute kein ernstzunehmender Politiker die Bühne betreten und sagen, Frauen sollten aus der Politik zurückgedrängt werden. Damit würde er bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht auf Zustimmung treffen. Die Frage wird auf subtilerer Ebene angeschnitten. Da heißt es, weil die westliche Frau ist, wie sie ist, sei sie möglicherweise eine Ursache für den Terrorismus unserer Zeit. Als gute westliche Demokraten sehen sich deshalb die Männer aufgefordert, diese Frau im Kriegen gegen den Terror zu verteidigen. Auf den ersten Blick scheint es, als akzeptiere man Frauen als gleichberechtigt auf der politischen Bühne. Auf den zweiten Blick werden Frau zu schützenswerten Objekten. Sie können weder für sich selbst noch gemeinsam mit den Männern für Sicherheit sorgen. Sie brauchen die Männer, die sie schützen. Und damit kommt - möglicherweise auch unreflektiert - eine Ungleichheit ins Spiel, die man weiterdenken muss. Deshalb plädiere ich dafür, auch in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus genau zu überlegen, was sie mit Weiblichkeit und Männlichkeit zu tun hat. Bewusst sollte die Gender-Perspektive genutzt werden, sich in die Diskussion einzumischen.

Das Gespräch führte Barbara Leitner

Die Dokumentation der Ringvorlesung, in deren Rahmen Sylvia Schraut ihre Thesen vorstellte, wird Ende des Jahres im VS-Verlag erscheinen.

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00:00 28.03.2008

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