Wir machen unser eigenes Drama

Wenn Engel streiken Impressionen zum Berliner Unistreik - von den Betroffenen erzählt

"... ein Funke fliegt und wird zum Steppenbrand", hieß es vor Zeiten in der Revolutionslyrik, wenn die Hoffnung auf einen soziale Flächenbrand beschworen werden sollte. Welcher entscheidende Funke es in diesem Wintersemester war, der die studentische Flamme zum Lodern brachte, warum er nicht schon im heißen Sommer flog, als die Präsidenten der Berliner Universitäten das Plansoll ihres Senators erfüllten und den Studienplatz"überhang" planierten, weshalb es ausgerechnet die nicht aufstandsgeübte Technische Universität war, die in der Hauptstadt die Lunte zündete - all dies werden uns Politiker, Historiker und Popliteraten einmal erklären.

Anfang Oktober jedenfalls deutete wenig darauf hin, dass drei Wochen später der Lehrbetrieb bestreikt oder in den öffentlichen Raum getragen würde, Institutsgebäude nur noch mit "Passierschein" zu betreten sein und sich ansonsten ehrgeizige und politisch "unauffällige" Studies protestierend auf der Straße wiederfinden würden. Nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen deutschen Städten und mittlerweile auch an 22 französischen Hochschulen.

Was aber tun, wenn man etwas tun will und doch unterlassen soll? Wie kann man den Streik unterstützen und dennoch lernen? Im Fall der Übung zu kulturjournalistischem Schreiben, die ich derzeit an der Humboldt-Universität anbiete, war das relativ einfach: Statt sich in Literaturveranstaltungen oder Theaterstücke zu setzen und darüber zu räsonnieren, sind die Studies wie alle anderen auf die Straße gegangen, haben beobachtet, aufgeschrieben und erzählt: Nicht nur von den Streikaktionen, sondern auch vom studentischen Alltag, von Studentenmüttern und -vätern, die ihre Kinder versorgen müssen, von der Uneinigkeit in der WG und den durchaus ambivalenten Gefühlen, die die jungen Leute während dieses Unistreiks umtreiben: Mit "Achtundsechzig" wollen die meisten nämlich nichts zu tun haben. Die Schreiberinnen und Schreiber, deren Texte wir hier in einer Auswahl dokumentieren, stammen aus allen Semestern und vielen Fächern, doch sie sind sich darin einig, dass die absehbare bildungspolitische Katastrophe eine Antwort verlangt. Sonst wird es am Ende tatsächlich ein Steppenbrand.

Ulrike Baureithel


Milch und ...

Beflissen und völlig unverbraucht hörte sich das Klingeln meines Weckers an diesem Morgen noch an. Schließlich waren meinerseits noch alle guten Vorsätze vorhanden. Diesmal sollte nichts mein Vorhaben, das Semester in vorbildlicher Manier zu bestreiten, untergraben. Schon vor einer Woche hatte ich mir den Stundenplan in großer Erwartung zusammengestellt. Das Fahrrad stand frisch geölt und geflickt im Hof und vor meinem Fenster frohlockte sonnengelbes Licht.

Ich schwang mich also aufs Rad und rollte Richtung Unter den Linden, vorbei an den Cafés und Bars vom Prenzlauer Berg. Merkwürdigerweise saßen hier schon wieder diese frisch gebackenen Neuberliner beim Milchkaffee, topfrisiert und gebügelt. Seitdem ich studiere, sind sie Semester für Semester zahlreicher geworden. Schon lange gibt es keine Sitzplätze mehr für alle. Komisch, dachte ich, was die wohl den ganzen Tag so treiben. Auch studieren? Weiter fuhr ich, vorbei an Baustellen, Lieferwagen und Berliner Dom samt dem ollen Palast gegenüber und kam pünktlich und nur leicht verschwitzt an mein Ziel. Ein Bauzaun bot sogar noch Platz für mein Rad. Ich stiefelte zur ersten Veranstaltung. Als ich den Raum betrat, konnte ich es einfach nicht glauben. Alle Stühle belegt, alle Fensterbretter besetzt, sogar an den Wänden standen etliche Kommilitonen. Und als sich der Dozent an uns vorbei nach vorne gequetscht hatte und bat, die Tür zu schließen, kam mir das wie ein Witz vor, denn die lernbegierigen Studenten standen eng gedrängt mit Schweißperlen auf der Stirn und schlechtgelaunten Mienen bis in den Flur hinaus. Was folgte, war ein ewig langer, nicht endender Monolog, vermutlich vom Dozenten, doch sehen, wer da sprach, konnte ich nicht. Alles klar, ich hatte verstanden. Er versuchte, uns müde zu machen, zu demotivieren, abzuschrecken. Und in der nächsten Woche würden dann nur halb so viele von uns kommen. Alles wird also gut.

Ich drängelte mich aus dem Seminar und beschloss, mir die Zeit bis zur nächsten Veranstaltung in einem nahe gelegenen Café zu vertreiben. Auch hier war es gerangelt voll, nur noch Stehplätze und alle wollten sie Milchkaffee. Leider sollte die nächste Veranstaltung nicht anders aussehen. Dieser Dozent hatte sich sogar ein ganz tolles Spiel ausgedacht, um die lästige Masse loszuwerden - das Losverfahren. Zunächst wollten noch ein paar Kommilitonen den Aufstand proben, von wegen Gerechtigkeit und so. Später dann kämpfte jeder allein und versuchte sein Glück.

Schicksalsergeben verließ ich den Raum, um die anderen nicht weiter bei ihrem Studium zu belästigen. Ich rollte wieder vorbei am Berliner Dom samt ollem Palast gegenüber, vorbei an Baustellen, vorbei an den milchkaffee-trinkenden Neuberlinern. Auch hier kein Sitzplatz. Trotzdem bestellte ich mir einen Milchkaffee und trank ihn nachdenklich im Stehen. Es muss gespart werden. Berlins Kassen sind leer. Und die einzige Branche die boomt, setzt sich aus Milch und Kaffee zusammen.

Jana Zscheischler


Der Himmel so leer

Es war einmal 68 ... Die Formel ist so traurig wahr. Sie klingt wie ein Märchen, und unsere Zeit ist eine andere als die unserer Eltern. Es hilft nichts, uns ähnliche Hosen anzuziehen.

Wir fühlen uns jetzt ein bisschen so, wenn wir auf die Straße gehen. Wir wollen etwas bewegen. Der Kelch des Zeitgeistes, Einsparsamkeit, soll an uns vorübergehen. Weil es uns an den eigenen Kragen geht, geht es uns an. Wir wollen nicht, dass man uns die Taschen leert, die sowieso nur halbvoll sind. Was uns eint, ist die Angst, dass sich etwas ändert. Sie ist größer als die Lust zur Veränderung. Neues zu denken, ist anstrengend und verdammt schwer heutzutage.

Könnten wir doch noch nach Sternen greifen. Doch uns funkeln sie oft blass und enttäuschend nah auf des Vaters Kanzleischild oder spiegeln sich als Abglanz auf der goldenen Klinke einer vererbbaren Praxis. Sie scheinen uns überall dort, wo man Zukunft ausgerechnet hat. Man bemisst ihre Position nach Einkommen und Aufstiegschancen. Und uns misst man nach Effizienz. So strebt man heute nach Höherem. Unsere Sterne sind so zum Greifen nah, dass man annehmen muss, sie seien längst vom Himmel gefallen. Sternschnuppen sind verglüht. Wir wünschen uns nicht mehr viel, nur, so glücklich zu bleiben wie bisher.

Es gab eine Zeit, da ging man auf die Straße für die Weltrevolution. Heute ist der Himmel leer. Man geht auf die Straße für sich selbst. Es hat sich ausgespielt in Sachen Utopie. Idealismus klingt uns fremd und altertümlich. Man lacht über verzweifelt Übriggebliebene, die sich nennen mit den Namen von damals, die immer noch graben nach alten Antworten. Es wäre zu schön und zu blind, noch mit ihnen zu glauben. Man könnte traurig darüber sein, dass wir uns selber nicht mehr ernst nehmen. Wir glauben nicht, dass uns noch etwas einfallen könnte zum Thema Weltverbesserung. Halbherzig wiederholen wir die Posen unserer Eltern, doch träumen nicht mehr ihre Visionen. Wir sind zu sehr erwacht und schlafen jetzt traumlos in unser Leben hinein.

So das Gefühl: wiederträumen wollen, wieder von großen Dingen sprechen, wieder nach den Sternen greifen. Auf unsere Art.

Anne Peter


Kinder auf die Barrikaden

Ich war nicht bei Senator Flierl. Auch nicht in der PDS-Zentrale. Ich war weder bei einer Demo, ich war noch nicht einmal auf einer Vollversammlung. Ich bin Spät-Studentin mit zwei Kindern, die sind sechs und neun. Und ich habe gerade ganz andere Probleme. Es ist Winter, die Kinder sind krank. Ich komme nirgendwo hin.

Im Sommer ist meine Tochter in die Schule gekommen. Eine Nachmittagsbetreuung habe ich zunächst nicht gefunden. In Frage kamen also in diesem Semester bislang nur Seminare bis maximal zwölf Uhr. Jetzt wird gestreikt. Zu Recht, so meine ich.

Doch was heißt das für mich? Dauert der Streik zu lange, so fällt das ganze Semester flach. Das heißt für mich noch mehr Verzögerung, die ich mir in Bezug auf meine schwierigen Lebensverhältnisse überhaupt nicht leisten kann. Ich studiere, weil ich wirklich studieren will und weil ich wegen Kindererziehung neue Berufsperspektiven brauche. Und das kostet mich eine Menge Energie.

Mein Sohn macht in der Schule Schwierigkeiten. Ich muss öfter zur Lehrerin. In der Schule gibt es kein Personal, das sich um Kinder kümmert, die Probleme machen. Keine Schulpsychologen oder Ombuds-Leute. Man kann ja froh sein, dass es noch Lehrer gibt. Einen Kita-Platz für meine Tochter habe ich jetzt, aber das war reines Glück. Mehr zahlen muss ich jetzt dafür. Das Geld fehlt überall, und im Zuge des Streiks frage ich mich: Werden meine Kinder eigentlich einmal studieren können? Werde ich als Akademikerin einmal Studiengebühren für zwei Kinder aufbringen können?

Nicht nur die Universitäten müssten streiken, es fängt alles schon viel früher an. Eigentlich müssten schon die Kinder streiken, denn in ihre Zukunft wird wenig investiert. Ich muss jetzt eine Schule für meinen Sohn suchen. Ein Gymnasium, das Qualität zu bieten hat, aber noch nichts kostet. Das könnte ich mir als Studentin nicht leisten.

Ich mag ja gar nicht in das allgemeine Gejammer einstimmen über schlechte Lebensverhältnisse und die Sparmisere in diesem Land, ich bin eher jemand, der etwas macht. Studieren zum Beispiel, arbeiten, Steuern zahlen und Kinder großziehen. Den Streik befürworte ich, obwohl er mir und meinen wirtschaftlichen Verhältnissen eher schaden wird. Aber jammern möchte ich doch: Über die unbedarfte Politik, die in unserer Stadt zu einem Kaffeekränzchen bei Sabine Christiansen verkommt.

Sabine Riehl


Was hat uns so abgelenkt?

Es wird zur Zeit in unser studentischen Wohngemeinschaft nicht diskutiert, ob vom gemeinsamen Haushaltsgeld zwei- oder dreilagiges Toilettenpapier gekauft werden soll. Von Interesse dagegen ist in diesen Tagen der Streik an den Berliner Hochschulen gegen die geplanten, wenn auch bereits beschlossenen Kürzungen im Bildungswesen. Jeder von uns dreien, zwei Männer und eine Frau, nimmt die Ereignisse um die Proteste unterschiedlich wahr und reagiert auf seine Weise. Seb zum Beispiel ergreift die Gelegenheit und geht möglichst viel arbeiten. Offensichtlich bekommt er gar nicht so richtig mit, was vor sich geht. Neulich begegnete ich ihm in der Küche und erwähnte den Streik, woraufhin er erwiderte, er wäre im Mosse-Zentrum gewesen, ein paar Leute hätten ihn angepflaumt am Eingang, er hätte aber letztlich an seinem Seminar teilgenommen.

Dann traf ich Marie. Perplex, mit dem Hörer in der Hand, sagte sie mir, dass sie am folgenden Tag um 5.30 Uhr aufstehen müsse, ihre Freundin nötige sie, so wörtlich, an der Besetzung von FU-Gebäuden teilzunehmen. Zurückgekehrt nach 32 Stunden Uni berichtete Marie von lauter unschönen Ereignissen mit gewalttätigen Wachschützern, Kampfhunden, einer Besetzungsnacht im Studentenbüro der FU. Und sie bereut keine Minute davon.

Und ich dachte zuerst noch: Wenn man zweilagiges Toilettenpapier verwendet, nimmt man einfach etwas mehr. Dann aber schreckte ich auf. Das lag daran, dass Seb erklärte, er werde auf jeden Fall zur Demo gehen, aha, er hatte also Marie schon getroffen. Damit hatte ja keiner gerechnet. Ich begriff, dass wir die Frage des Klopapiers später klären müssten und schloss mich an. Langsam dämmerte mir jedoch, dass die Proteste einigermaßen zu spät kommen, der Haushaltsentwurf wurde in der vorliegenden Form schon im Sommer verabschiedet. Was hat uns denn im Sommer so abgelenkt von der Misere? Wer den Müll wieder nicht richtig getrennt hat? Wer mit dem Badezimmer dran ist? Arbeiten neben der Uni? Die Individualität scheint den Gemeinsinn zu lähmen. Nach der Demonstration sitzen wir in der WG-Küche. An der Wand die Liste der gemeinsam anzuschaffenden Gebrauchsgüter. "Dinge, die hier jeder braucht", steht dort oben ganz breit. "Kartoffeln, Reis, Nudeln, Milch". Mit anderer Farbe, "Streichhölzer". An den Rand gequetscht: "Spülmittel, Glühbirnen, Klopapier". Damit ist jeder beschreibbare Platz auf dem Zettel vollständig ausgefüllt.

Die Feuerwehr kommt immer erst, wenn´s brennt, denke ich beschämt und schnippe Brotkrumen über den Tisch. Marie gibt meine Vaterschaft zu bedenken. Ich hätte doch gar keine Zeit für Politik gehabt! Stimmt nicht. Ich musste mich doch auch um meine Tochter kümmern! Stimmt. Marie gießt ihren Tee auf, Seb raucht seine Zigarette. Ich entdecke ein Foto meiner Tochter auf dem Tisch. "Bildung", schreibe ich halb auf die Liste, halb auf die Wand. André Schneider


Mimikry der Väter, Kampf der Töchter

Ein kühler Wind fegt durch die Sophienstraße. Auf dem Fahrrad vorbei an der schönen, von buntem Laub umgebenen Sophienkirche und rechts hineingebogen in den Hof der Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Am Haus ein großes übersehbares Plakat: "Kulturwissenschaft - was bleibt? Gegen Kürzungen!" Es ist ruhig geworden in diesen Tagen in dem Gebäude der Kulturwissenschaft. Die Eingangstür ist voller Ankündigungen rund um den Streik, der nun schon seit über einer Woche dauert. 110 Semesterwochenstunden sollen bei uns auf traurige 48 gekürzt, die Hälfte der sechs Professuren gestrichen werden. Langfristig müsste der Studiengang geschlossen werden.

Es ist undenkbar! Meine Kulturwissenschaften einfach so weggekürzt? Hier habe ich schon zu viel erlebt, Seminargruppen, die manchmal nur aus zehn Teilnehmern bestanden, die charmante kleine Bibliothek, in der doch so vieles zu finden ist, schlechte, aber auch sehr gute Hausarbeiten, eine Zwischenprüfung im Bereich Ästhetik über den Begriff "Mimikry". In welchem Fach wird man sonst wohl über ein solches Thema geprüft? Wo sonst werden Einführungskurse angeboten, bei denen man durch Berlin spaziert und auf diese Weise die historischen Gebäude der Stadt kennen lernt? Wo sonst sinniert man über Walter Benjamins Traum oder über den kulturellen Wandel, die soziale Rolle der Vaterfigur in der Geschichte?

Ein Verlust der schönen Fakultät in der Sophienstraße, die wie eine ruhige, kleine Dorfstraße anmutet? Dieser Ort, der eine Ausstrahlung hat, die zum Glück des Studierens einen großen Teil beiträgt. Wegfall der überschaubaren Seminare, in denen man zumeist noch mit dem Namen angesprochen und erkannt wird und nicht unter lauter unbekannten Gesichtern umherirrt? Undenkbar.

Aber ich bin stolz. Wir "Kuwis" waren fleißig in der letzten Woche und aktiv am Streik beteiligt: Vorlesungen in der U-Bahn, Demonstrationen, kulturwissenschaftliche Vollversammlungen. Auch nach der Versammlung vom vergangenen Mittwoch klopfte mir eine Kommilitonin ermutigend auf die Schulter: "So schnell geben wir nicht auf, der Streik muss weitergehen!" Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Vollversammlung im Hauptgebäude, wo darüber entschieden werden sollte, ob der Streik aufrecht erhalten wird. In der Luft liegt schon seit Tagen eine ordentliche Portion Kampfgeist, zum Glück!

Ein kühler Wind fegt durch die Sophienstraße. Ich wickle meinen Schal noch fester um den Hals, setze mich wieder aufs Fahrrad und fahre gedankenversunken die Straße hinab. Für mich ist klar: Kuwi ist und bleibt unersetzbar - wir lassen uns nicht so einfach wegkürzen!

Eliza Schroeder


Weils Wowi sonst macht ...

"Also das kann es jetzt wirklich nicht sein. Das ist ja jetzt wirklich eine Frechheit." Der hochgeschossene Blondschopf schüttelt ein verkrampftes Lachen aus dem schmalen Gesicht. "So was musste ja wieder kommen." Er sieht zu seinen Kommilitonen und lacht ein wenig bitter. "Was hat er denn gesagt?", fragt das Mädel neben ihm. Dass es noch immer Leute gäbe, die weiter zu ihren Seminaren gingen. Dass es denen ganz egal sei, was mit dieser Uni, dieser Stadt oder dieser Gesellschaft geschehe, hat er gesagt, vorn am Lauti, wie der Lautsprecher im studentischen Streikjargon heißt.

Einen Teil der Pfiffe verschluckt der Beifall, der Rest verebbt allmählich. Dreitausend Leute. Es geht uns alle etwas an. Sonst wäre er nicht hier, wo es eng auf dem Platz ist und in den Köpfen. Ich habe rhetorische Provokation immer für ein probates Mittel gehalten. Erst jetzt wird mir klar, wie wenig geeint wir sind. Ein Student ruft auf, zur Brunnenstraße zu gehen. Das Büro des Wissenschaftssenators ist besetzt. Er erntet Beifall. "Ich habe nichts gegen die Aktionen!", schallt eine andere Stimme aus der Anlage. "Ich finde sie sogar gut! Aber warum soll ich deshalb nicht zur Uni gehen können?" Wieder Applaus und Proteste. "Warum soll ich mir ins eigene Fleisch schneiden?". "Weil´s Wowi sonst macht", murmle ich mürrisch. Es geht seinen Gang

Irgendwann ist die Streikfortführung beschlossen. Ich sehe mich um. Der hagere Junge mit dem Lächeln und den blonden Haaren ist verschwunden Ich schüttle den Kopf: Je mehr wir sind, desto eher ist der Streik doch wieder vorbei!? Hört denn die Welt an der eigenen Nasenspitze auf? Ein Hunger meldet sich. Dreiviertel zwei, ein Apfel zum Sechs-Uhr-Frühstück und eine leere Mensakarte sind die nüchterne Bilanz. Die Dönerbude am Rosenthaler Platz ist eine der besten Berlins. Und von dort ist es nur ein Katzensprung zum Büro des Wissenschaftssenators, das ich schließlich kurz vor drei erreiche. Kaum angekommen, stimme ich auch gleich wieder in die Gesänge der letzten Nacht ein. Erfolgreich war die Wiedereroberung des Gebäudes durch die Polizei verhindert worden. "Wir sind hier und wir sind laut - weil man uns die Bildung klaut", wiederhole ich immer wieder den eintönigen Gesang, als mich etwas an der Schulter berührt. Ich sehe mich um und plötzlich öffnet sich ein imaginärer Vorhang vor meiner Nasenspitze. Vor mir steht der hagere Blondschopf und lächelt. In seiner gewohnt gutmütigen Art.

Roman Konzack


Ich und die Statistik

Ich kann die Anzahl meiner vollendeten Semester nicht mehr an zwei Händen abzählen, auch nicht an dreien, zahle mehr Studiengebühren als die meisten anderen und bin doch irgendwie keine Studentin mehr. In erster Linie bin ich Mutter und Familienfrau, beschäftige mich mit Windelnwechseln, Kindergartenbrote schmieren, Berge von Wäsche waschen, Vorlesen, Trösten, Lego bauen, Staubsaugen, Betten machen, Einkaufen und was sonst noch dazugehört: Aufräumen, Aufräumen und nochmals Aufräumen. Und dann bin ich Wiederholer.

13. Juli 2001: Es ist ein großartiges Gefühl zur Schlussprüfung zu fahren. Aufgeregt war ich, wollte mich gut verkaufen, nichts vergessen und die Gedanken drehten sich schon um das Danach, den Hochschulabschluss. Ich hatte mit dem Studentendasein abgeschlossen, stand schon mit einem Bein in der neuen Lebensphase. Doch es kommt meist anders, als man denkt. Ich erfuhr, dass ich aufgrund eines sich wiederholenden Zitatfehlers durch die Examensarbeit gefallen war.

Nach langem Ringen komme ich zu dem Schluss, dass für mein Nichtbestehen nicht der 13., ein Freitag, und auch nicht allein meine Leistung ausschlaggebend waren. Ich bin in die Quotenfalle getappt, habe die Statistik gerettet. Bei nicht vorhandenen Referendariatsplätzen ist es besser, die Warteliste der Lehreranwärter kurz zu halten. Ich war doch noch so jung. Was hab ich denn schon verloren? Motivation, Selbstwertgefühl? Mittlerweile habe ich zwei temperamentvolle Töchter, das Lernen ist nicht einfacher geworden. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Ich habe dem Senat einen Gefallen getan, habe viel geopfert und bin dafür wenigsten noch in den Genuss des Semestertickets gekommen. Der Senat hat mir auch etwas wiedergegeben. Ich bin viel geduldiger als früher, diese Zeit hat meinen Charakter geschult. Heute glaube ich, das gehört zum Programm.

Wieder befinde ich mich am Ende der zwei-jährigen Meldefrist zur Schlussprüfung, was mich zur Wiederaufnahme meiner Prüfungsvorbereitung veranlasst. Ich bin sicher, dass ich diesmal bestehen werde: Statistisch gesehen schließen Wiederholer ziemlich gut ab, und außerdem habe ich mich zum Unkostenfaktor der Verwaltung entwickelt. Bei meiner Vereidigung als Lehreranwärter werde ich trotz der Ehrenrunde unter dem Durchschnittsalter liegen. Noch Fragen?

Jennifer Logge


Countdown mit Antigone

Noch fünf Tage bis zur Zwischenprüfung. Termin, 1. 12. im Fach Theaterwissenschaft. Thema: Antigone. Antigone! Ausgerechnet in Zeiten studentischer Aufbruchsstimmung finde ich mich in rein theoretischer Weise mit einer so aktiven Widerstandsfigur beschäftigt. Was tut man im Fall einer solchen Tragödie? Auf der Straße protestieren oder im stillen Kämmerlein sinnieren? Sich in Antigone konvertieren oder Antigone analysieren? Ich unterwerfe mich dem Fluch der Götter und beherzige Letzteres, zumal der Countdown läuft.

Noch vier Tage bis zur Prüfung. Ich resümiere: Antigone steht für die unteren Götter, Familie usw., ihr Gegner Kreon beruft sich auf die oberen und tritt für das Staatsrecht ein - sagt Herr Hegel. Doch mir kommen da Zweifel. Man könnte allenfalls einen Bogen spannen zu heutigen Streikverhältnissen: Antigone - die Studentin aus unteren Sphären, Kreon - der Berliner Senat. (Ich sehe mich in beträchtlicher Fallhöhe!)

Noch drei Tage bis zur Prüfung. Ab sofort wird auch mein Institut bestreikt. Daraus ergeben sich letzte Nöte, was die Organisation eines Ortes betrifft. Ich sehe schon das mit kunstvollen Lettern bestückte Schild vor mir: "Zwischenprüfung ins Freie verlegt. Treffpunkt: Berliner Ensemble." Kampf zwischen alten und neuen Göttern, Theaterwissenschaftler gegen Medienexperten, denn offiziell sind wir tot geschrieben. Das Studieren ist ein Wettlauf mit der Zeit. Mein Stichwort für Antigone! Kreon verliert seinen Wettlauf mit der Zeit, da Antigone bereits tot ist. Ich fühle mich zu weiteren Streik-Analogien verführt: Kreon - die heraneilenden Kürzungen, Antigone - die längst weggekürzte Theaterwissenschaft?

Noch zwei Tage bis zur Prüfung. Ein Anruf ereilt mich von meiner Freundin Nona: "Weißt du, dass Kreon gar nicht Zeus verehrt? Der macht sich die ganze Zeit lustig über ihn!" Nein, weiß ich nicht, habe aber so etwas schon befürchtet. "Kommst du zur Demo?" Nein, ich demonstriere jetzt ganz privat. Gegen Kreon und gegen Herrn Hegel. Ich denke, Herr Reinhardt muss her, der Kreon als das menschlich Beschränkte sieht, während Antigone sich in Einklang mit dem Göttlichen weiß. Na also, geht doch, Kreon - die konzeptlose Sparmaßnahme, Antigone - die göttliche Studentenschaft!

Noch einen Tag bis zur Prüfung. Ich ziehe die Antigone Bert Brechts zu Rate. In seiner Version ist auch Antigone nicht ganz unschuldig, weil sie zu lange gewartet hat; und Kreon hat maßlos Dreck am Stecken, weil er sich fürchterlich kompromisslos gibt. Diese Interpretation gewinnt in Sachen Streik Aktualitätswert. Damit höre ich auf zu sinnieren, beginne, mich nun doch in Antigone zu konvertieren und verfasse einen Antigone-Streik-Artikel.

Tag der Zwischenprüfung. Von Brecht stammt außerdem die Maxime, dass das Schicksal des Menschen der Mensch selber ist. Seine Antigone: ein Plädoyer für die Menschlichkeit. In wenigen Stunden werde ich, in wenigen Tagen wird Berlin mit dieser aufmüpfigen Person fertig sein. Wenn nur was von der Humanität hängen bleibt. Ich stehe in ihrer tragischen Schuld. Aber sage keiner, diese Abhandlung entbehre einer kausalen Dramaturgie! Schließlich genieße ich ein vorzügliches Studienplätzchen, dank einer vorzüglichen Bildungspolitik. Es lebe Antigone!

Marion Dick


00:00 05.12.2003

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