Wir sind ein Kunstwerk

Buchmesse Alan Pauls beschreibt in seinem Liebesroman „Die Vergangenheit“ die Krise Argentiniens, bevor sie eintrifft

In den neunziger Jahren kam in Argentinien eine besondere Schriftstellergeneration auf, Leute vom Schlage Alan Pauls. Das war in Zeiten, als der große Erzähler Júlio Cortázar in der Sonnenfinsternis verschwand und bisher brillierende Autoren wie Ricardo Piglia beschlossen, Unterhaltungsromane zu schreiben.

In Zeiten, in denen Argentinien vor der großen Krise stand, die 2001 mit dem endgültigen Kollaps ihren Höhepunkt fand. Das Land ist „von der Weltkarte gefallen“ lautete 2003 die treffende Diagnose des Schriftstellers und intellektuellen Kopfs Thomas Eloy Martínez.

Im selben Jahr erscheint Pauls vierter Roman Die Vergangenheit, der sein erster großer Erfolg wird, ausgezeichnet mit dem renommierten Herralde Literaturpreis und 2007 von Héctor Babenco verfilmt. An dem Buch hat der 1959 in Buenos Aires geborene Drehbuchautor, Filmkritiker und ehemalige Literaturprofessor fünf Jahre gearbeitet.

Pauls entwickelt hier eine besondere Schreibweise: Keinen eigenen Stil, keine écriture wie der avantgardeorientierte Cortázar, der für Pauls zu Beginn seiner Laufbahn eine „Art von Virus“ war. Doch es gelingt ihm eine packende Beschreibung des „Jetzt und Hier“, des Lebensstils der demokratischen argentinischen Jugendkultur.

Der Roman fokussiert das Moment der Einkapselung, des sich Einwebens und Verpuppens jugendlicher Protagonisten in Individualität, in die Sphäre der Liebe, in Liebesgeschichten. Es ist die Zeit vor der Ära jugendlicher Gang-Bildung, die ritualisiertes Verhalten jugendlicher Stammeskulte an den Tag legen, wie sie sich, ebenso wie in den westlichen Megalopolen, auch in Buenos Aires herausbildet. Der französische Soziologe Michel Maffesoli hat das Phänomen in seinem Buch Le temps des tribus (1988) als Antwort auf die gesellschaftliche Krise gedeutet.

Entscheidend ist, dass Pauls Roman seismografisch anhand der Situation der jungen Generation Argentiniens die Krise beschreibt, bevor sie eintritt. Damit unterscheidet sich sein Buch maßgeblich von den Fiktionen politischer Couleur über die sich zuspitzende Lage der neunziger Jahre, die in der politischen wirtschaftlichen Krise 2001 gipfelt, als alle gesellschaftlichen Bande rissen, die Gewalt dominierte und selbst das Leben in der Hauptstadt kollabierte.

Sex und Kokain

Plot des Romans ist eine Liebesgeschichte in Buenos Aires. Sie spielt zwischen den 1970er und 1990er Jahren. Die Protagonisten Rímini, der als Übersetzer arbeitet, und Sofia, eine Psychoanalytikerin, kennen sich seit ihrer frühen Jugend. Die Erzählung setzt ein, als das Paar sich nach zwölf Jahren trennt, und endet, als sie viele Jahre später wieder zusammenkommen. Um die Liebesgeschichte herum entwickeln sich eine Reihe exzentrischer Geschichten, die Rímini in seinem „wiedererlangten Junggesellendasein“ durchlebt.

Es geht um Sex und Kokainkonsum, Lebensstile und Geschmack. Ríminis exaltierte Lebensphasen, die er nach der Trennung durchläuft, führen in den Abgrund: Drogenabhängigkeit, Depression. In einer Amnesie verliert er Teile seines Sprachvermögens, muss seinen Beruf als Übersetzer aufgeben und wechselt das Metier: Rímini wird Tennislehrer in einem Privatclub. Auch diese Etappe führt ins Aus. Rímini wird verhaftet, weil er seiner älteren verheirateten Geliebten, Schülerin des Tennisclubs, ein Kunstwerk gestohlen hat, nachdem sie ihn betrogen und verlassen hatte. Sofia, die im Lauf der Jahre immer wieder in Ríminis Leben getreten war, holt ihn aus dem Gefängnis. Der glücklichen Wiedervereinigung des Paares scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Doch tritt bei Rímini eine neue Amnesie auf: er kann sich an die alten gemeinsamen Freunde des Paares nicht mehr erinnern.

Der Schlüsselsatz des Liebesdramas fällt ziemlich am Anfang, Sofia sagt im Halbschlaf murmelnd: „Wir sind ein Kunstwerk“. Damit ist die Perfektion, aber gleichzeitig die Grenze der Beziehung erreicht, danach gibt es nur noch die Trennung. Der Satz impliziert Distanz, reflektierendes Betrachten, Kontemplation, Lebens- und Liebesexzesse, er besagt aber auch, als Paar nicht mehr lebens-, entwicklungsfähig zu sein. Deshalb ist die Trennung ein logischer Schluss, sie wird gemeinsam geplant, als Abschied organisiert und ohne Spuren von Verbitterung vollzogen.

Jahre zuvor hatte eine moderne, individuelle Form der Amor omnia geherrscht: „Sie glaubten an ihre Art der Liebe, und dieser Glaube war stärker als jede Natur, als jedes Zeichen, durch das die Welt ihnen ihre Lüge oder ihre Lächerlichkeit vor Augen zu führen suchte. Sie waren arrogant und bescheiden, hochmütig und ausgesprochen zuvorkommend. Sie teilten ihre Probleme mit niemandem – es lag etwas Mafiöses, eine Art Korpsgeist und eine unverbrüchliche, von Liebe diktierte, aber durch Angst vor der Katastrophe geschürte Diskretion in der Art, wie sie Vertraulichkeiten vermieden“.

Trotz dieser Abkapselung des Paars – sie leben im „Innern eines Innern, in einem Ökosystem“ in dem „die Temperatur, Feuchtigkeit, Fauna und Flora exotischer Lebensräume in echt“ erlebt werden – empfangen Rímini und Sofia rund um die Uhr Freunde, halten eine Art „Sprechstunde“ ab. Sie hören zu, urteilen nicht, verstehen mühelos und helfen den Freunden, die nicht wie sie monogam, konservativ sind, sondern der anderen Fraktion angehören: „Anhänger flüchtiger, wechselnder Liebschaften, kopfloser Leidenschaft“ sind.

Nähe und Achtung

Als „Guru-Pärchen“, das sich in seine Liebe einwebt, verpuppt, die trotzdem „täglich Licht, Luft und Wasser“ braucht, verkörpern sie den jugendlichen Zeitgeist der 1980er Jahre. Ihm haftet etwas Religiöses an, das aber keinem konfessionellen Glauben geschuldet ist, sondern der Situation, den „Idealen der Situation: Liebe, Vertrauen, Nähe, Achtung, Wahrhaftigkeit – jenen Attributen der Vollkommenheit, für die sie bereit waren zu leiden, Lanzen zu brechen, alles aufzugeben“, wie es ein Erzählerkommentar formuliert.

Die Geschichte bewegt sich außerhalb durchdeklinierter klassischer Beziehungsmuster, des Wechselspiels von Liebe und Enttäuschung, Leidenschaft und Eifersucht, Trennung und Versöhnung. Pauls liefert eine realistische Beziehungsskizze. Insbesondere die Zeichnung Sofias überzeugt: Sie ist stark und selbstständig, ausgestattet mit einem hohen Grad an Wissen, Analysevermögen, wie es einer Psychoanalytikern gebührt, und sie besitzt heilerische Fähigkeiten, hat aber auch Ticks, etwa einen manischen Schreibzwang. Dazu ist sie erotisch anziehend und – aus der Perspektive Ríminis – emotional überlegen. Exemplarisch für diese asymmetrische Konstellation der Geschlechter ist die Szene eines Kinobesuchs, der auf der Höhe ihrer Liebesbeziehung, stattfindet. Rímini und Sofia sehen zum x-ten Mal ihren Lieblingsfilm Rocco und seine Brüder.

Kurz vor der Szene in der Annie Girardot und Alain Delon auf dem Dach des Doms sind, der Szene, bei der Rímini immer in Tränen ausbricht, berührt Sofia mit ihrer Hand, wie eine Wunderheilerin, Ríminis Nacken. „Die Szene ging vorüber, Annie Girandot lief das Dach entlang, Delon hinter ihr her, Sofias Finger zitterten leicht über Ríminis Nacken, und selbstverständlich weinte Rímini nicht“.

Pauls Schreibweise – lange Sätze, immer wieder Abschweifungen, Bedeutungsüberlagerungen durch Einschübe, Erläuterungen wie in einem Drehbuch – weisen ihn als intensiven Leser John DeLillos und vor allem Roberto Bolaños aus, dem großen Vorbild der Generation lateinamerikanischer Schriftsteller der Gegenwart.

Letztlich dienen der Liebes-Plot und jugendliche Lebensweise in Buenos Aires Pauls auch als Folie, um einen Roman über die große Krise Argentiniens in der jüngsten Vergangenheit zu schreiben, ohne immer um das Thema Gewalt und autoritäres Regime zu kreisen.

Alan Pauls. Roman. Aus dem Spanischen Christian Hansen. von 558 S., 24,90

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17:50 15.10.2009

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