Hanno Hauenstein
Ausgabe 2914 | 18.07.2014 | 06:00 59

„Wir sind im Schlafmodus“

Im Gespräch Etgar Keret über das Warten auf den nächsten Alarm in Tel Aviv und fehlende Empathie für die Menschen in Gaza

„Wir sind im Schlafmodus“

„Wir finden immer Wege, uns selbst zu bemitleiden“, meint der Schriftsteller Etgar Keret

FotoS: Jonas Opperskalski

Seit der Ermordung dreier israelischer und eines palästinensischen Jugendlichen Anfang Juli ist der Konflikt zwischen Israel und der den Gazastreifen regierenden Hamas erneut eskaliert. 800 Raketen sind seither auf israelische Städte abgefeuert worden. Die israelische Armee antwortete darauf mit heftigen Luftangriffen auf Gaza. Etgar Keret, neben David Grossman und Amos Oz einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Israels, ist in seiner Doppelrolle als Autor und als politischer Kommentator bekannt. Wir trafen ihn am vergangenen Sontag im Café Michal in Tel-Aviv.

Der Freitag: Im Fernsehen sieht man täglich Bilder von Menschen, die in Tel Aviv in Schutzräume flüchten. Wie geht es Ihnen in diesen Tagen?

Etgar Keret: Täglich mit einem Alarm aufzuwachen, ist nervenzehrend, besonders für jemanden, der so gestresst und ängstlich durchs Leben geht wie ich. Eigentlich sollte ich im Moment in der Slowakei sein, um aus meinen Texten zu lesen. Als ich fliegen sollte, bat mein Sohn mich zu bleiben, also habe ich abgesagt. Ihn greift das alles sehr stark an. Beim letzten Alarm fing ein Mädchen neben ihm hysterisch an zu zittern, das hat ihm Angst gemacht. Er ist acht Jahre alt. In vier Jahren hat er seine Bar Mizwa. Bisher hat er sich immer ein Iphone gewünscht. Gestern kam er zu mir und meinte, er wünsche sich jetzt etwas Anderes, nämlich, dass wir mit ihm an einen anderen Ort auswandern.

Was sagt man da als Vater?

Ich fragte, ob er irgendwo Bestimmtes hinwolle? Er meinte, dahin wo die Leute so friedlich wie möglich miteinander umgehen. Und mit Tieren. Ich sagte, okay, ich werde mal googeln, was für ein Ort das sein könnte. Neuseeland vielleicht?

Denken Sie wirklich darüber nach, Israel zu verlassen?

Zum Glück haben wir bis zu seiner Bar Mitzwa ja noch ein paar Jahre Bedenkzeit. Die Raketen im Dezember vor anderthalb Jahren waren die ersten, die mein Sohn miterlebt hat. Damals entdeckte er zum ersten Mal Hass in sich, und Rachegefühle. Meine Frau und ich sind heute vorsichtig mit dem, was er im Fernsehen sehen darf. Im Moment spricht er viel über die Leute in Gaza, er empfindet Mitleid, besonders mit Kindern in seinem Alter. Ich bin nicht sicher, woher er das hat, denn wenn man heute israelische Nachrichten sieht, bekommt man ein sehr einseitiges, verzerrtes Bild von dem Konflikt.

Gibt es kein Interesse an dem, was die Bevölkerung in Gaza erlebt?

Der Mangel an Empathie für Gaza ist innerhalb Israels heute so groß wie nie zuvor. Schuld daran ist diese Iron-Dome-Anlage. Durch die Raketenabwehr sind wir ja quasi unverwundbar. Wir finden aber immer Wege, uns selbst zu bemitleiden, sei es wegen der allgemeinen Angst, die hier gerade herrscht, wegen einer kurzfristig abgesagten Hochzeit, was auch immer. Wir müssten stattdessen anfangen, die Dinge ins Verhältnis zu setzen. In Gaza sind inzwischen weit über 100 Zivilisten gestorben, darunter viele Kinder. Das darf nicht an einem vorübergehen. Gleichzeitig erzählt man uns, Israel würde durch die Zerstörung weiterer Gebäude in Gaza ein sicherer Ort. Ich glaube unserer Armee, dass sie bei der Bombardierung so vorsichtig wie möglich vorgeht, aber die dahinterliegende Logik ist doch absurd! Wir kämpfen nicht ums Überleben.

Benjamin Netanjahu rechtfertigt den Beschuss damit, dass die Hamas die Bürger Gazas als Geiseln nimmt.

Stellen Sie sich zum Vergleich eine Bande von Kidnappern vor, die Geiseln genommen haben. Ist die Lösung da etwa, durch die Geiseln hindurch zu schießen? Und selbst wenn ein Hamas-Führer in einem dieser Häuser sitzt, bedeutet das, er verdient automatisch die Todesstrafe? Solche Fragen stellt hier gerade kaum jemand.

Woran liegt das?

Ich fürchte, das Leben von Palästinensern spielt in den Augen der Leute gerade schlichtweg keine große Rolle. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Siege Israels miterlebt. Die Kehrseite ist immer absehbar. Auf jeden Sieg folgt ein weiteres Drama, auf jedes Drama ein weiterer Sieg. Wenn wir tatsächlich Sicherheit wollen, sind Kompromisse der einzige Weg. Wir können nicht immer nur Gewalt anwenden.

Sie sind Schriftsteller. Kann die Literatur dazu etwas beitragen?

 Ich glaube, die Kritik zeitgenössischer Literaten wie Grossman, Oz oder auch meine eigene findet zurzeit wenig Nachhall außerhalb der Kreise, die sie sowieso befürworten. Als kürzlich bekannt wurde, dass die drei entführten israelischen Jugendlichen ermordet wurden, zitierte unser Premierminister den hebräischen Nationaldichter Chaim Nachman Bialik mit den Worten: „Für den Tod eines Kindes weiß selbst Satan keine angemessene Rache.“ Die Sache ist: Netanjahu hat in der Schule wohl nicht richtig aufgepasst. Bialik hat die Rache als solche immer verdammt.

Vor drei Jahren haben Sie Netanjahu interviewt. Wie haben Sie ihn damals erlebt?  

Das Interview war Teil einer Reihe in der israelischen Tageszeitung Haaretz: Schriftsteller interviewen Politiker. Haaretz bot mir Netanjahu als Gesprächspartner an, sofern ich bereit wäre, noch am selben Tag nach Italien zu reisen. Nun müssen Sie wissen, dass die Netanjahu-Familie mich nicht ausstehen kann.

Womit haben Sie die Netanjahus gegen sich aufgebracht?

1993 schrieb ich ein Musical namens Entebbe, über die Geschichte der Flugzeugentführung, bei der Benjamin Netanjahus Bruder Yoni ums Leben kam. Das war lange, bevor Benjamin als Premier kandidierte. Im Stück wird Yoni von Kannibalen verspeist. Benjamin wird gesagt, der Tod seines Bruders sei nicht umsonst gewesen, dessen Heroismus werde ihn noch mal zum Premier Israels machen. Damals erschien das schlichtweg lächerlich.

Das Stück war eine Satire.

In dem Stück geht es um unseren Umgang mit Helden, darum, wie wir sie ausschlachten. Mein bester Freund starb in der Armee. Wir waren zusammen, ich verließ das Zimmer, er erschoss sich. Ich fand ihn. Auf seiner Beerdigung sprach ein hochrangiger Offizier, der ihn nicht kannte. Er sagte, mein Freund sei sehr mutig gewesen und alle auf dem Stützpunkt hätten ihn geliebt.

Das entsprach nicht der Wahrheit?

Mein Freund war ein Feigling! Alle außer mir hassten ihn. Er war ein großartiger Typ, aber ein Feigling. Das war das Motiv meines Stückes: Du stirbst, verlierst deine Identität, wirst Treibstoff für etwas ganz Anderes.

Wie hat Netanjahu auf Ihr Stück reagiert?

Es gewann beim alternativen Theaterfestival in Acco den ersten Preis und die Netanjahus gingen hart gegen das Festival vor. Ich war also überrascht über die Interview-Zusage. Ich bin damals direkt von der Uni nach Hause gefahren, um meine Tasche zu packen und zu fliegen. Meine Frau drückte mir noch einen Zettel in die Hand und bat mich, ihn Netanjahu zu überreichen.

Was stand darauf?

Ich bin Mutter eines Kindes und ermutige Sie, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, damit Israels Kinder in Frieden aufwachsen. Etwas in der Art. Ich fragte sie: „Was denkst du? Dass Netanjahu die Klagemauer ist, an der die Leute Wunschzettel hinterlassen? Ich stecke ihm diesen Zettel in den Arsch, und obwohl er sein Leben lang nichts für Frieden getan hat, wird er sich ganz plötzlich ändern? Ich werde wie ein Idiot aussehen!“ Meine Frau fing an zu weinen.

Da tat es Ihnen dann doch leid?

Im Flugzeug nach Italien dachte ich: „Was für ein Arsch bist du eigentlich? Das ist eine einzigartige Chance, und du weigerst dich, den Zettel zu überreichen, nur weil die Aktion zum Scheitern verurteilt ist?“ Ich hatte also eine Bringschuld gegenüber meiner Frau. Im Briefing baten mich die anderen Journalisten, nicht auf kritische Fragen zu insistieren. Ich willigte ein, wohl wissend, dass ich sie anlog. Im Interview sagte ich zu Netanjahu, dass es ein bisschen so aussehe, als würde Israel immer nur reagieren, und fragte ihn, was nun der eigentliche Plan sei, den Konflikt zu beenden.

Was hat Netanjahu Ihnen darauf geantwortet?

Dass dies ein unlösbarer Konflikt sei. Netanjahus Narrativ ist sehr klar: Israel wird existenziell bedroht. Wir sind als jüdischer Staat nicht anerkannt und von Feinden umringt. Syrien, Iran, Libanon, selbst der Irak könnte heute ein Feind werden. Der Grund ist, dass wir uns als Nichtmuslime nicht in die Region integrieren. Solange wir den Konflikt nur als Überlebensfrage behandeln, bleiben moralische Fragen außen vor.

Wenn Sie ihn heute noch einmal treffen könnten, was würden Sie ihn fragen?

Die Frage würde heute nicht viel anders lauten. Die Antwort vermutlich auch nicht. Wenn ich Netanjahu wäre, würde ich die Angriffe auf Gaza jetzt beenden, zumindest für ein paar Tage. In der jetzigen Situation haben wir dieses Privileg. Damit eine militante Organisation wie die Hamas überleben kann, braucht sie Krieg. Offensichtlich versucht sie gerade in der palästinensischen Gesellschaft ihr Gesicht zu wahren. Wenn der Kampf jetzt plötzlich vorbei wäre, würde die Hamas dastehen wie Idioten.

 

In diesem Moment werden wir von den Sirenen unterbrochen, die immer dort aufheulen, wo Israel von Raketen angegriffen wird. Die Besucher des Café Michal drängen sich in die hinterste Ecke des Cafés. Keret erhebt sich sichtlich unwillig. Zwischen dem Alarmsignal und der ersten Detonation vergeht knapp eine halbe Minute. Wir hören, wie die Iron-Dome-Anlage mindestens zwei Raketen in der Luft abfängt. Die Explosion muss unweit über uns stattgefunden haben – sie ist extrem laut und lässt die verglaste Fassade erbeben. Eine Frau kniet in sich gekehrt an der Wand. In der Zwischenzeit telefonieren Keret und ich mit Freunden und Familie, Keret zeigt mir eine App auf seinem Smartphone, die über Uhrzeit, Detonationsort und Größe der Raketen informiert. Nach ein paar Minuten kehren wir zu unserem Platz zurück, bestellen Cappuccino, alles erscheint unwirklich normal. 

 

Etgar Keret: Situationen wie die eben erinnern mich an meine Zeit in der Armee. Das Wichtigste ist, dass du zeitig nach Hause kommst, den Kindern Süßigkeiten mitbringst, ruhig bleibst. Wie ein Laptop im Schlafmodus. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir sage, dass etwas passieren wird. Nach dem Alarm wartet man auf den nächsten Alarm, als würde man nur darauf warten, von der Realität abgeholt zu werden. (Keret zeigt mir auf seinem Smartphone seine Facebook-Seite). Sehen Sie mal, hier, normalerweise bekomme ich nicht mehr als 200 Likes für meine Facebook-Posts. Vor ein paar Tagen habe ich die Geschichte Pastrami gepostet, sie ist der letzte Teil meines neuen Buchs The Seven Good Years. In Pastrami geht es um posttraumatische Erfahrungen und die Raketenangriffe 2012. Dafür habe ich 1.500 Likes gekriegt. Das ist es, was die Leute von mir hören wollen.

Der Schriftsteller Nir Baram hat die Zwei-Staaten-Vision kürzlich als Lebenslüge der israelischen Linken bezeichnet.  

Historisch gesehen hatten wir diese Vision mit Oslo ja fast erreicht. Aber auch ich glaube, ein palästinensischer Staat ist keine echte Lösung. Er ist mehr wie ein Geschenk, das ein Elternteil seinem Kind macht. Nur dass das Kind nett fragen muss. Das Narrativ, das nach der zweiten Intifada die moralische Grundlage für die Besatzung lieferte, war: Der Feind ist stark. Heute ist er schwach. Und getrennt, Ramallah und Gaza sind wie zwei unterschiedliche Planeten. Die Wahlen, der Aufstieg von Politikern wie Naftali Bennett, all das hat gezeigt, dass wir so bald nicht zu einer Einigung kommen.

Vor unserem Gespräch haben Sie gesagt, dass Ihnen die Rolle des politischen Kommentators widerstrebt.

Es gibt wenig Dinge, die ich so sehr hasse, wie Meinungsstücke zu schreiben. Mit Argumenten und Anschuldigungen ins Feld zu ziehen, fühlt sich für mich an, als würde ich mit Kriegsgerät in einen Gebetstempel einziehen. Ich tue das nur aus Mangel an anderen Fähigkeiten. Ich bezweifle, dass meine Kommentare viel ändern. Das ist wie in einer Selbsthilfegruppe: Man verschafft Leuten in der gleichen Situation ein bisschen Klarheit. Für mich ist Literatur ein sicherer Hafen, doch in Zeiten wie diesen schreibe ich nichts Fiktionales.

Etgar Keret wurde 1967 in Ramat Gan nahe Tel Aviv geboren. Er zählt zu den bekanntesten israelischen Schriftstellern. Zusammen mit dem palästinensischen Autor Samir El-Youssef schrieb er 2006 den Band Alles Gaza. Geteilte Geschichten. Kommendes Jahr erscheint sein autobiografisches Buch The Seven Good Years in deutscher Übersetzung im Fischer Verlag. Keret lebt mit Frau und Sohn in Tel Aviv

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 29/14.

Kommentare (59)

Lethe 18.07.2014 | 11:50

Es ist angesichts der anscheinenden Idealvorstellung einer zwei-Staaten-Lösung sicher perspektivisch verkürzt, zu fragen, was Israel angesichts einiger hundert Raketen, die gegen das Land abgefeuert wurden und werden, denn tun solle, außer zu versuchen, die Hamas militärisch zu schlagen. Warten, bis der Reaktor getroffen wird und hochgeht?

Bis jetzt dürfen alle Versuche, der Hamas durch Entgegenkommen den Wind aus den Segeln zu nehmen, als Rohkrepierer gelten. Es ist eine durchaus nicht nur von israelischen Hardlinern geteilte Befürchtung, dass die Angriffe der Hamas gegen Israel auch dann und erst recht weiter gingen, wenn es einen echten palästinensischen Staat gäbe. Es ist nach derzeitigem Stand der Dinge nicht viel mehr als eine verzweifelte Hoffnung, dass ein eigener palästinensischer Staat zur Deeskalation und zu Frieden führen würde; zu viele Rechnungen sind unbeglichen.

Netanjahus Narrativ ist nicht nur sehr klar, sondern auch sehr nachvollziehbar, zumindest wenn Netanjahus Prämisse akzeptiert wird, dass es nicht im Interesse Israels liegt, einen palästinensischen Staat in unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel zu dulden. Der Fehler liegt dann nicht in der Anwendung der militärischen Option, sondern in einer politischen Blindheit, die der Hamas mit der unsäglichen Siedlungspolitik zusätzliche Legitimation verschafft, zumindest in den Augen vieler Palästinenser. Wobei bezweifelt werden darf, dass der Wegfall dieser Siedlungspolitik tatsächlich etwas ändern würde. Auch das ist nur eine verzweifelte Hoffnung.

So bitter das scheint, aber der erste Schritt zu dauerhaften Frieden wird nicht von Israel ausgehen können. Die Hamas und alle relevanten palästinensischen Organisationen, Gruppen und Kampfeinheiten müssen sich zu einer bedingungslosen Anerkennung des israeischen Existenzrechts durchringen und durch ihr Dauerverhalten zeigen, dass sie es ernst damit meinen. Sie müssen auf Rache udn Vergeltung verzichten, im Ernst und dauerhaft. Nur dann werden sie der israelischen Militärmaschinerie den Wind aus den Segeln nehmen. Und erst dann kann Netanjahu oder wer immer dann an der Regierung sein wird, ein weitgehendes Entgegenkommen hinsichtlich der Staatenfrage gegenüber seiner eigenen Bevölkerung verantwortungsvoll vertreten.

Alles andere wird auf die letztliche Auslöschung der Palästinenser hinauslaufen.

Lethe 18.07.2014 | 12:10

Ich habe im Nachhinein noch mal ein bisschen die Vorstellung modifiziert. Auslöschung im Wortsinn ist sicher zu stark. Und ich will damit auch keine israelische Zielvorstellung unterstellen. Da der Gazastreifen aber mehr Personen verliert als nachkommen, und durch die Blockade auch immer weniger Personen ernähren kann, wird die Bevölkerung dort im Laufe der Zeit ausgedünnt werden. Wenn dieser Prozess nicht gestoppt wird, ist das Ergebnis absehbar.

Man kann dafür Israel eine Mitschuld zuweisen. Man kann darin aber auch die bestenfalls strunzdumme Blindheit der Hamas und ähnlich gesonnener Palästinenser erkennen. Was die Hamas dort betreibt, ist eine komplizierte Art von Selbstmord.

ebertus 18.07.2014 | 12:18

"Bisher hat er sich immer ein Iphone gewünscht. Gestern kam er zu mir und meinte, er wünsche sich jetzt etwas Anderes, nämlich, dass wir mit ihm an einen anderen Ort auswandern."

Beim ersten Lesen des Blog beinahe überlesen. Dabei genau das, was säkulare, liberale, westlich-abendländisch determinierte Israelis umtreibt. Hatte genau dazu diese Tage einen kleinen Blogtext verfasst.

ebertus 18.07.2014 | 12:29

Rein quantitativ -schlimme gedankliche Dimension bzw. Assoziation- sieht es nach den Untersuchungen des israelischen Demografen Arnon Sofer substantiell anders aus, werden Menschen nichtjüdischen Glaubens in diesem faktischen Eretz-Israel (incl. Westbank und Gazastrip) in wenigen Jahren die Mehrheit stellen.

Hier und via Yehouda Shenhav mein entsprechender Blogtext. "Auslöschen" ist da weder im übertragenen, noch im Wortsinne möglich; apokalyptische Szenarien mal aussen vor gelassen.

balsamico 18.07.2014 | 13:50

So bitter das scheint, aber der erste Schritt zu dauerhaften Frieden wird nicht von Israel ausgehen können. Die Hamas und alle relevanten palästinensischen Organisationen, Gruppen und Kampfeinheiten müssen sich zu einer bedingungslosen Anerkennung des israeischen Existenzrechts durchringen und durch ihr Dauerverhalten zeigen, dass sie es ernst damit meinen. Sie müssen auf Rache udn Vergeltung verzichten, im Ernst und dauerhaft. Nur dann werden sie der israelischen Militärmaschinerie den Wind aus den Segeln nehmen. Und erst dann kann Netanjahu oder wer immer dann an der Regierung sein wird, ein weitgehendes Entgegenkommen hinsichtlich der Staatenfrage gegenüber seiner eigenen Bevölkerung verantwortungsvoll vertreten.

Rein von der Psychologie her, ist es immer der Stärkere, der den ersten Schritt tun muss. Denn der Schwächere kann sich nur unterwerfen - und dann gilt für das ganz ordinäre Vae victis. Eben deshalb tut er den ersten Schritt ja meistens nicht, selbst wenn er es könnte. Man muss ihm daher mindestens eine Brücke bauen, was Israel auch durchaus könnte.

Denn was, bitte, außer der eigenen Verbohrtheit, hindert Israel, zu sagen: Ok, wir sehen ein, dass wir das Westjordanland nicht bekommen können. Wir geben uns mit einem Staatsgebiet in den Grenzen von 1967 zufrieden. Ostjerusalem möge internationalisiert werden und wir garantieren den Palästinensern eine sichere Verbindung zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen. Den Golan halten wir besetzt, bis auch Syrien auf Gewalt gegen uns verzichtet.

Wenn Israel politisch diese Haltung einnähme, hätten es Hamas & Co. ganz schwer, der Weltgemeinschaft auch nur noch einen Funken Sympathie abzutrotzen, wenn man darauf nicht einginge.

Andererseits auch wieder nicht.

Denn was, bitte, außer der eigenen Verbohrtheit, hindert Hamas, zu sagen: Ok, wir haben erkannt, dass unsere Maximalforderung nicht mehr realistisch ist. Wir respektieren die Existenz Israels und verzichten auf Gewalt gegen Israel, wenn Israel auch auf Gewalt gegen uns verzichtet. Wir reduzieren unsere territorialen Ambitionen auf das Westjordanland und auf den Gazastreifen und auf eine sichere Verbindung dazwischen. Mehr als dies und internationale Hilfe zum Aufbau unseres Staates wollen wir nicht - jetzt nicht und in Zukunft auch nicht.

Wenn Hamas politisch diese Haltung einnähme, hätte es Israel ganz schwer, sich ihr zu widersetzen und der versammelten Weltgemeinschaft einschließlich den USA seine offensichtlichen Ambitionen auf das Westjordanland weiterhin als Akte der reinen Selbstverteidigung zu verkaufen.

Fazit:

Es sind eigentlich beide Seiten, die den jeweils ersten Schritt tun könnten, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht, genauer gesagt: Als Kollektiv wollen sie nicht. Wenn man dagegen Berichte und Interviews liest, wie wie z.B. das obige Interview mit Etgar Keret, über das, was die Menschen denken, sofern sie guten Willens sind, könnte man verrückt werden, wenn man bedenkt, dass es auf beiden Seiten die Hardliner sind, die bestimmen, was die Kollektive wollen sollen - und eben nicht die Menschen, die guten Willens sind. Vielleicht könnte der Nahostkonflikt gelöst werden, wenn sich auf beiden Seiten die Menschen, die guten Willens sind, gegen ihre Hardliner verbünden.

fedup 18.07.2014 | 14:27

Danke für dieses Interview.

Im Moment spricht er viel über die Leute in Gaza, er empfindet Mitleid, besonders mit Kindern in seinem Alter. Ich bin nicht sicher, woher er das hat, denn wenn man heute israelische Nachrichten sieht, bekommt man ein sehr einseitiges, verzerrtes Bild von dem Konflikt.

Naja, warum so bescheiden: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Columbus 18.07.2014 | 18:38

Sehr nachdenkliches und anregendes Interview, Herr Hauenstein.

Meine Frage an Etgar Keret wäre:

Wenn man als Linker sachlich und faktisch begründet, wie auch moralisch- ethisch entschieden, nicht mehr an die Zwei- Staaten Lösung glaubt, - Zwei Staaten, das könnte ja auch heißen, die Palästinenser erklären sich, wider den Willen Israels und der USA zu einem Staat, um der von Keret beschriebenen Situation, den Staat von Israel bei Wohlverhalten, nach dessen Vorstellungen geschenkt zu bekommen, zu entgehen. -, was bleibt dann von den Palästinensern und ihren Gebieten, wenn es mit dem Ausbau der anektierten Gebiete und der alleinigen Kontrolle der Primärinfrastruktur, Wasser, Böden, Verkehrs- und Zugangswege weiter voran geht? (ähnliche Überlegungen stehen schon bei Lethe und Ebertus)

Kann ein Linker, ein linker israelischer Bürger zumal, eine solche Haltung vor sich vertreten?

Eine zweite Frage, die Sie, Herrn Hausenstein, vielleicht auch beantworten können:

Wie groß und stark ist die Linke in Israel überhaupt noch? Wer sind die medial und gesellschaftpolitisch wichtigsten VertreterInnen?

Bei uns ist sie ja eher eine kleinere Teilkraft der politischen Diskussion, nicht erst seit dem Ende des Staatssozialismus.

Beste Grüße

Christoph Leusch

A-Deiport 20.07.2014 | 11:26

"So bitter das scheint, aber der erste Schritt zu dauerhaften Frieden wird nicht von Israel ausgehen können."

Sie haben wohl vergessen, zuerwähnen, dass die jenige, die etwas haben, können auch etwas abgeben und nicht gerade die Palästinensern, die schon seit Jahren dort zielich nackt stehen. Im übrigen, es wird immer wieder gern vergessen, dass die Hamas von israelischen Geheimdient mitaufgebaut worden ist, um die Fatah klein zuhalten.

Die Tatsache ist: Israel braucht Land und denkt nicht mal im Traum, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen.

primaklima 20.07.2014 | 11:28

Mord an Schutzlosen Zivilisten

Stündlich steigt die Zahl der Toten Zivilisten darunter viel Kinder. Bei allen Recht auf Selbstverteidigung die auch Merkel am Freitag hervorhob ist dieser Terror Israels unverhältnismäßig. Israel ist sich dessen genau bewusst das es innerhalb von Gaza, in das Israel die Palästinenser kaserniert hat, kaum Fluchtmöglichkeiten für die Menschen gibt. Dieser, wie vorangegangen Kriege gegen Palästinenser, grenzt an Völkermord weil diese Aktionen in ihrer Regelmäßigkeit hohe Opferzahlen hervorbringen. Israel zerstört eben nicht nur ein paar Tunnel, es zerstört Menschen die in ihrer eh schon hoffnungslosen Lage zum Kollateralschaden degradieren. Die Welt schaut diesen perversen treiben schweigend zu, weil Kritik an Israel unter den Verdacht des Antisemitismus steht. Menschen werden zu Opfern einer falsch verstanden Israelpolitik der auch deutsche Politiker und selbst Merkel anheimfallen wenn sie Israels Krieg rechtfertigen und diesen Mord an Schutzlosen Zivilisten widerspruchslos hinnehmen.

primaklima 20.07.2014 | 11:55

Einstweilen gestehen sie demnach Israel das Recht zu, das palästinensische Volk wegen seiner extremistischen Gliederungen in Sippenhaft zu nehmen wenn Israel es für angebracht hält und nach belieben Krieg führen will? Dies ist schon deshalb mit einen humanitären Grundverständnis nun vereinbar weil Israel durch die ghettoisierung der Palästinenser diese nicht in die Lagen versetzt vor solchen Aktionen Schutz zu finden. Im Ansatz bleib das was Israel hier praktiziert Völkermord. Die Zwei Staaten Lösung ist Alternativlos. Das dies bisher scheiterte ist nicht zuletzt auch auf die Engstirnigkeit rechtkonservativ -nationalistischer Kreise in der israelischen Politik zurück zu führen. Es darf nicht unterschlagen werden, dass auch in der israelischen Gesellschaft Nationalismus und Antisemitismus gegenüber Arabern weit verbreitet ist, der dass Nebeneinander mit den Arabern konsequent ausschließt und sein Heil in der Vernichtung des vermeintlichen Gegners zu finden glaubt.

Lethe 20.07.2014 | 12:50

Der Unterschied zwischen verstehen und billigen scheint Ihnen nicht sonderlich geläufig zu sein, Primaklima.

Ihnen scheint jede Form von Krieg zuwider, mir genauso. Und jede/r Tote/r ist eine/r zuviel. Deswegen fallen die Gründe für Kriege aber nicht einfach weg, und wenn Sie Israel Völkermord unterstellen, wie nennen Sie dann die Raketenangriffe der Hamas? Einladung zum Tanz?

Die Sippenhaft besteht tatsächlich, allerdings geht diese nicht von Israel aus, sondern von der Hamas selbst. Die nimmt ihre Zivilpersonen als Geisel, wenn sie ihre Waffen und Logistik in Wohngebieten versteckt.

Ich mag Netanjahu nicht, seine Politik ist in vielen Aspekten grundverkehrt. Aber ich weiß, dass ich nicht auf die Polizei warten würde, wenn meine Frau oder Kinder vor meinen Augen angegriffen würden. Und diesen grundlegenden Schutzreflex sehe ich im Kern des Konfliktes. Dass es sich im Übrigen um eine Henne oder Ei-Frage handelt, geschenkt. Israel hat schon oft Waffenstillstände angeboten und einseitig eingehalten. Nur die Hamas hat nie innegehalten.

A-Deiport 20.07.2014 | 13:13

"Die Welt schaut diesen perversen treiben schweigend zu, weil Kritik an Israel unter den Verdacht des Antisemitismus steht. "

Genauer gesagt, das ist die westlische Welt, die alles zubilligt, was Israel dort in bestzten schaltet und waltet, wie er will.

Das sind gerade die fundamentalische Freunde von Israel in den USA, die kräftig dafür sorgen, dass diese Vorgehenweise seitens der israelischen Armee weiter Bestand hält.

Gerade von Frau Merkel bzw. BRD irgendetwas gegen diese gegenwärtige Politik der Israeli zu erwarten, führt ad absurdum.

A-Deiport 20.07.2014 | 13:15

"Die Welt schaut diesen perversen treiben schweigend zu, weil Kritik an Israel unter den Verdacht des Antisemitismus steht. "

Genauer gesagt, das ist die westlische Welt, die alles zubilligt, was Israel dort in den bestzten Gebieten schaltet und waltet, wie er will.

Das sind gerade die fundamentalische Freunde von Israel in den USA, die kräftig dafür sorgen, dass diese Vorgehenweise seitens der israelischen Armee weiter Bestand hält.

Gerade von Frau Merkel bzw. BRD irgendetwas gegen diese gegenwärtige Politik der Israeli zu erwarten, führt ad absurdum.

primaklima 20.07.2014 | 13:21

Natürlich ist der Raketenbeschuss der Hamas ebenso wenig zu rechtfertigen. Man muss aber auch anerkennen, das Israel ein weitgehend sicheres Abwehrsystem gegen diesen Beschuss entwickelt hat und das die Schäden verhältnismäßig gering ausfallen im Vergleich zu 100erten von Toten und 1000er Verletzter auf palästinensischer Seite. Und wie schon erläutert betrifft dieser Staatsterror mind. 75 Zivilpersonen vom Säugling bis zum Greis. Mein Verständnis endet eben da wo humanitäre Grundsätze verletzt werden. Wie schon gesagt die Fluchtmöglichkeiten der Palästinenser sind sehr begrenzt. Israelis haben mit ihren Bunkersystemen auch hier deutliche Vorteile. Glauben sie nicht auch das so Zielsicher wie Israel die Raketen in der Luft zerstören kann könnte es auch die Stellungen der Hamas vernichten. Israel ist bekanntermaßen im Besitz von Kampfdrohnen die auch nach Meinung unserer Regierung so zielsicher wie zielführend sind das Kollateralschäden weitestgehend ausbleiben können. Oder lügt jetzt etwa unsere Regierung? Ich bin der Meinung Israel ist nicht darauf bedacht Kinder und Frauen zu schonen. Deshalb bleibt es für mich Terror.

primaklima 20.07.2014 | 13:42

Wenn Terror mit Terror beantwortet wird macht es gar nichts besser. Staatsterror oder Terror von Milizen sind Menschenverachtent. Wenn sie aber einen Staat mit einer hochgerüsteten Armee die Legitimation daras herleiten wollen das er unverhälnissmäßig Krieg gegen ganze Bevölkerubgsteil führen darf, ist es bis zum Genozid nicht mehr weit. Das Menschenrecht auf Leben kann nicht dadurch aufgewogen werden das man es anderen unbeteiligten abspricht.

A-Deiport 20.07.2014 | 13:42

"...sondern von der Hamas selbst. Die nimmt ihre Zivilpersonen als Geisel, ..."

Und Israel nimmt die beide als Geisel. Sie machen sich wohl keinen Kopf darüber, wie Organisationen wie Hamas entstehen können?. Könnte sein, dass die Menschen auf der auf palästinensischer Seite gar keine Perspektive mehr haben, was überhaupt ihre Zukunft angeht. Haben Sie sich vielleicht überlegt?, warum bzw. wie die Radikalität überhaupt entstehen könnte? oder können Sie sich vielleicht vorstellen?, dass die andere Seite auch etwas vom Leben haben will.

Palästinensern haben kein Lobby ,aber ,die Israeli haben einen Blankoscheck. das ist der Unterschied.

Und seien Sie sicher, wenn Berlin genauso abgeriegelt wäre wie Gaza, dann würden sich die Berliner wohl anders verhalten als wie sie es jetzt tun.

alalue 20.07.2014 | 14:15

Interessant. Lethe beschreibt beide Seiten: die Hamas missbraucht dieZivilbevölkerungals Schutzschild. Das ist noch keine Rechtfertigung der Opfer, aber eine Tatsache.

Er lässt Kritik an Israels Vorgehen durchaus zu.

Sie nennen das einseitige Sicht auf komplexes Ereignis: und wollen diesen wahren Aspekt ausklammern, ableugnen, um eine uneinseitige Sicht zu gewinnen.

Solches vorgeheN zeugt von tiefem Verständnis. Gratulation !

Lethe 20.07.2014 | 15:30

merkwürdigerweise, A-Deiport, sind aber nicht alle Palästinenser Hamas-Mitglieder. Es scheint also auch im Gazastreifen möglich, die Dinge etwas differenzierter zu sehen, als dies in der Hamas erwünscht ist. Die Tragödie der Palästinenser besteht zu wesentlichen Teilen darin, dass sie die Waffen ihren Idioten überlassen statt sie ihnen abzunehmen.

Die Israelis haben einen Blankoscheck? Vielleicht in den USA und in Deutschland. Nirgendwo sonst.

Berlin, hmm, war da mal nicht so was von wegen Abriegelung? So zwischen 1949 und 1980, Daumen mal Pi?

Missverstehen Sie mich bitte nicht. Ich stehe in diesem Konflikt auf keiner Seite. Die Israelis machen Fehler, große Fehler. Aber die Palästinenser machen den größeren Fehler, wenn sie die hamas gewähren lassen.

Lethe 20.07.2014 | 15:37

Mein Verständnis endet eben da wo humanitäre Grundsätze verletzt werden.

Wie gesagt, verstehen heißt nicht billigen, Primaklima. Und zum verstehen der Situation gehört unabdingbar die Einsicht, dass eine Zweistaatenlösung für Israel keine Option darstellt. Auf dieser Grundlage ergibt sich ein Verstehen der Situation praktisch wie von selbst. Ein Verstehen. Keine Billigung.

Aus meiner Sicht liegt es "eigentlich" im Interesse der Palästinenser, die Hamas zu entwaffnen. Aber da arbeiten zwei Motive gegeneinander. Die Hamas steht auch für eine fundamentalistische Auffassung von Islam. Und die wird anscheinend von vielen Palästinensern geteilt. Und die scheinen zu befürchten, dass sich unter einer Fatah-Lösung ein säkularer Islam breit machen könnte. Klassischer Interessenkonflikt.

primaklima 20.07.2014 | 17:04

Die Zwei Staatenlösung ist auch für Israel kein Wunschkonzert. Es gilt noch immer die UN Resulution Nr.181 (II) von 1947 über die sich Israel seit dieser Zeit hinwegsetzt. Der Fehler besteht darin das der Staat Israel im Sinne des Völkerrechtes anerkannt wurde ohne das gleichzeit ein Palästinenserstaat ausgerufen und anerkannt wurde. Aus dieser Fehlentwicklung in der Geschichte kann Israel aber keinen Desamtherrschaftsanspruch herleiten der über das ihm zugesprochene Gebiet hinausreicht. Die Siedlungspolitik Israel unterläuft aber zudem diesen Beschluss seit jener Zeit. Das sich die Staaten des Westens im wesentlichen mit den Staus Quo abgefunden haben macht die Situation nicht besser. Der palästinensische Radikalismus ist auch als eine Anwort auf den Radikalismus des Staates Israel zu verstehen der die Palästinenser zu Menschen zweiter Klasse ohne Rechte abstempelt. Vertreibung und Ghettoisierung und Resourcenentzug sind die Basis jeglicher radikalität. Dieses Problem wird sicher auch nicht durch die Gründung eines Staates Palästina sofort aus der Welt geschafft. Dafür hat Israel nach bald 70 Jahren der Unterdrückung zu viel Porzellan zerschlagen, dessen sie sich auch durchaus bewußt sind. Daher auch die vieleicht die nachvollziehbare Angst. Und dennoch ist dieser palästinensische Staat die ultima ratio um überhaupt nur eine Lösung im Ansatz zu ermöglichen.

Peter Handke 20.07.2014 | 17:16

"Alles andere wird auf die letztliche Auslöschung der Palästinenser hinauslaufen."

Nicht ganz. Richtig ist: Alles läuft seit Jahren auf die Auslöschung der Palästinenser hinaus.

"Auslöschung im Wortsinn ist sicher zu stark", aber zutreffend. "Und ich will damit auch keine israelische Zielvorstellung unterstellen", obwohl alles dafür spricht, dass es genau so ist.

Sie beschreiben ganz richtig: "Da der Gazastreifen aber mehr Personen verliert als nachkommen, und durch die Blockade auch immer weniger Personen ernähren kann, wird die Bevölkerung dort im Laufe der Zeit ausgedünnt werden. Wenn dieser Prozess nicht gestoppt wird, ist das Ergebnis absehbar."

Bleibt hinzuzufügen: Genau deshalb wird er nicht gestoppt, eben deshalb durch immer neue Überfälle beschleunigt. Es geht um möglichst viel Land mit möglichst wenig Bewohnern.

A-Deiport 20.07.2014 | 17:49

Mein Beitrag zu diesem Thema hier sollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass ich die Aktionen von Hamas gut heißen will. Im gegenteil, ich sehe Hamas als ein Problem dieses Konfliktes, nur die Gewichtung der Sache ist aus meiner Sicht etwas anders verteilt. Ich bin durch aus der Meinung, wenn der Statt Israel von sich aus die Besatzung beenden würde, dann bestärkt er damit gerade die Kräfte bei den Palästinensern, die auf einen Frieden mit dem Israel setzen bzw. erkannt haben, dass nur dieser Weg, der einzige Weg zu einem Statt names Palästina führen könnte.

"Die Israelis haben einen Blankoscheck? Vielleicht in den USA und in Deutschland. Nirgendwo sonst."

Nicht vielleicht, sondern Gewiss haben die Israelis diesen Blankocheck. USA und Deutschland haben zusammen einen großen Einfluss. Wenn Frau Merkel sagt: Israels Sicherheit gehört zur deutschen stattsräson, dann können die Israelis gelassen davon ausgehen, dass sie Deutschland auf jeden Fall auf ihre Seite haben und das ist aus meiner Sicht ein fatales Signal zu diesem Thema, der der Lösung dieses Konfiktes entgegen wirkt.

"Berlin, hmm, war da mal nicht so was von wegen Abriegelung? So zwischen 1949 und 1980, Daumen mal Pi?"

Also ich biete Sie, wenn die Menschen in der Gazastreifen genauso leben konnten, wie die Berliner damals zwischen 1949 und 1980, dann würden sie sich bestimmt jetzt ein anders Leben führen bzw. Gaza würde ganz anderes aussehen, und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass DDR alle zwei Jahre Berlin bombardiert hat bzw. Berliner gezielt aus der Luft eleminiert hat. Der Flucht war eher von der DDR nach Westberlin und nicht umgekehrt. nicht vergessen, dass die Berliner von den Rosinenbombern besucht wurden und nicht von F16-Jagtflugzeuge.

Da würden Sie mir vielleicht zugestehen, dass dies alles bei Gazastreifen nicht der Fall ist.

Man sollte auch an dieser Stelle sachlich bleiben und nicht polemiesieren.

Was ich mit diesem Vergleich meine, dass die Menschen in Gaza einfach keine Perspektive mehr haben und das ist ein Nährboden für Extremismus. Die Menschen in Gaza dürfen nicht einmal fischen, obwohl sie direkt am Wasser leben. Dies alles können Sie nicht im Ernst mit Berlin vergleichen. Bleiben Sie biete in der Hinsicht mindestens Gerecht.

Lethe 21.07.2014 | 10:16

Es gilt noch immer die UN Resulution Nr.181 (II) von 1947

Gültigkeit ist eine relative Größe. Die UN hat ein ganz gewaltiges Problem: sie verfügt über keine Eigenmacht. Ihre Macht ist die Macht ihrer Mitgliedstaaten. Das heißt, die UN ist keine Lösung, sie spiegelt lediglich die Probleme der realen Welt in einer abstrakten Umgebung. Von daher darf die UN Resolutionen verfassen bis zum St. Nimmerleinstag, was davon wirkmächtig wird, entscheiden ihre Mitgliedsstaaten. Und wenn die sich uneins sind, ist die Resolution das Papier nicht wert, auf dem sie verfasst ist.

Das ist nicht formalkorrekt, aber machtkonform. Und auch an anderen Stellen ein Problem.

balsamico 21.07.2014 | 10:56

Die Sippenhaft besteht tatsächlich, allerdings geht diese nicht von Israel aus, sondern von der Hamas selbst. Die nimmt ihre Zivilpersonen als Geisel, wenn sie ihre Waffen und Logistik in Wohngebieten versteckt.

Da Israel entschlossen ist, Hamas zu vernichten, nutzt Hamas jede Möglichkeit, dagegen zu halten, auch wenn sie noch so schändlich und/oder aussichtslos ist. Oder meinen Sie, die wollten vor ihrem Untergang noch den Fairnesspreis gewinnen? Und da Israel dies selbstverständlich ganz genau weiß, trägt es die Hauptverantwortung an dem, was da gerade geschieht. Freilich wissen Obama, Merkel & Co dies ebenso. Gleichwohl kommt ihnen kein kritisches Wort gegen Israel über die Lippen, bestenfalls die lächerliche Bitte, Israel möge doch auf die Zivilbevölkerung achten. Deshalb kann Netanyahu sogar davon faseln, dass Israel den Rückhalt für sein Vorgehen darin finde, dass der Westen hinter Israel stehe.

Wenn wir, die Bürger, Merkel & Co. nicht zwingen, Israel in die Schranken zu weisen, werden wir alle mitschuldig. Oder sind es schon.

Lethe 21.07.2014 | 11:48

Da Israel entschlossen ist, Hamas zu vernichten, nutzt Hamas jede Möglichkeit, dagegen zu halten, auch wenn sie noch so schändlich und/oder aussichtslos ist. Oder meinen Sie, die wollten vor ihrem Untergang noch den Fairnesspreis gewinnen?

Die Hamas hätte eine ganz einfache Möglichkeit, ihren Untergang zu verhindern. Sie braucht nur auf terroristische Akte zu verzichten. Und wenn die nicht der Hamas zugehörigen Palästinenser endlich begriffen, dass die Hamas im grunde nicht Israels sondern palästinensisches Problem ist - dem sie die Scheiße zu verdanken haben, in der sie sitzen - wären sogar Lösungen möglich, die es Israel ermöglichen würden deutlich großzügiger zu sein als bisher.

balsamico 21.07.2014 | 12:38

Die Hamas hätte eine ganz einfache Möglichkeit, ihren Untergang zu verhindern. Sie braucht nur auf terroristische Akte zu verzichten.

Das, was Sie da "terroristische Akte" nennen, wird in einem nicht kleinen Teil der Welt als "Widerstand" bezeichnet, der zwar völlig inakzeptable Formen hat, aber auch dafür gibt es einen Grund: nämlich den, dass Israel seit über 66 Jahren nicht geneigt ist, Land und Wasser mit den Palästinenern fair zu teilen.

Und wenn die nicht der Hamas zugehörigen Palästinenser endlich begriffen, dass die Hamas im grunde nicht Israels sondern palästinensisches Problem ist - dem sie die Scheiße zu verdanken haben, in der sie sitzen - wären sogar Lösungen möglich, die es Israel ermöglichen würden deutlich großzügiger zu sein als bisher.

Ach was. Wann, seit Rabin, der dafür von einem Israeli ermordet wurde, wäre Israel denn jemals ernstlich verhandlungsbereit oder gar "großzügig" gewesen? Keine Regierung nach Rabin, der dafür von einem Israeli ermordet wurde, wusste bzw. weiß doch gar nicht, was Großzügigkeit ist. Israel handelt all die Jahre nach zwei Maximen: Die eine heißt: Mehr Land und Wasser. Und die andere heißt: Stärke und Rache, wenn die Palästinenser nicht so wollen, wie es sich Israel vorstellt. Und der Westen macht gute Mine zu diesem miesen Spiel.

Lethe 21.07.2014 | 13:04

wenn der Statt Israel von sich aus die Besatzung beenden würde, dann bestärkt er damit gerade die Kräfte bei den Palästinensern, die auf einen Frieden mit dem Israel setzen

Das hat Israel mehrfach versucht. Bisher führten diese Experimente nur immer wieder zur Regeneration der Hamas.

Selbstverständlich muss diese Aussage relativ zur unsäglichen israelischen Siedlungspolitik gelesen werden. Trotzdem: durch die Siedlungspolitik selbst stirbt kein Mensch. Sie ist ein Schlag gegen den Stolz mancher Palästinenser. Raketen sind ein Schlag gegen das Leben aller Israeli.

USA und Deutschland haben zusammen einen großen Einfluss.

Das mag so sein. Und deswegen bin ich immer wieder verwundert, mit welcher Lässigkeit von Haien gefordert wird, sich wie Goldfische zu verhalten. Es ist offensichtlich, dass für die politische Führung und für alle, die diese politische Führung ins Amt gewählt haben, diese Option, Israel ernstzunehmend unter Druck zu setzen, nicht zur Debatte steht oder nicht so wichtig ist, dass sie entsprechende Parteien wählen würden. Wieso es in solchen Diskussionen trotzdem immer wieder als reale Möglichkeit gehandelt wird, kann ich mir nur mit dem Prinzip Hoffnung erklären. Wenn das geschehen soll, muss eine andere politische Führung her. Das dürfte einige Jahrzehnte dauern.

Es wird nicht geschehen. Und unter anderem deswegen müssen die Palästinenser andere Wege finden, wenn sie überleben wollen. Das ist eine Machtfrage, keine Moral- oder Gerechtigkeitsfrage. Wenn Sie die Moral auf Ihrer und ich die Waffen auf meiner Seite habe, ist mir für die Durchsetzung meiner Absichten nicht bange. Und die Palästinenser haben selbst die Moral nur teilweise auf ihrer Seite.

Natürlich ist das spätere Berlin nicht mit Gaza vergleichbar. Aber der kalte Krieg war auch kein emotionales Zuckerschlecken.

Lethe 21.07.2014 | 13:37

Das, was Sie da "terroristische Akte" nennen, wird in einem nicht kleinen Teil der Welt als "Widerstand" bezeichnet

Das ist wahr, und ist doch nur ein Beleg dafür, dass Perspektiven nicht in Einklang gebracht werden können, wenn beide Seiten auf ihrer Perspektive beharren. Und in so einer Situation ist der mit der größeren Macht eindeutig im Vorteil. Es ist als nicht besonders förderlich für das Überleben des Unterlegenen, den Stärkeren zu reizen.

Ich würde gerne Ihre Großzügigkeit in action erleben, wenn der anderen Seite die Tatsache Ihrer Existenz grundsätzlich nicht passt und Sie befürchten müssen, dass alle Maßnahmen dieser anderen Seite nur Hinhaltetaktiken bis zum Tag der großen Abrechnung sind.

balsamico 21.07.2014 | 14:55

Ich würde gerne Ihre Großzügigkeit in action erleben, wenn der anderen Seite die Tatsache Ihrer Existenz grundsätzlich nicht passt und Sie befürchten müssen, dass alle Maßnahmen dieser anderen Seite nur Hinhaltetaktiken bis zum Tag der großen Abrechnung sind.

Ich persönlich bin in der Lage, zu akzeptieren, dass ich verloren habe und mich dann mit meinem Gegner irgendwie zu arrangieren, wobei mir der Umstand zustatten kommt, dass ich keine Waffen besitze. Aber ich habe Verständnis dafür, dass ein Volk in der verzweifelten Lage der Palästinenser sehr viel mehr Schwierigkeiten hat als ich, diese Haltung gegenüber einem Feind einzunehmen, der einem schon viel abgenommen hat, und der noch mehr haben will.

Ich sehe aber auch, dass und warum die Israelis um ihre Existenz fürchten, und ich bin weit davon entfernt, mich darüber lustig zu machen, trotz der gewaltigen Übermacht Israels, die seine Existenzangst als allenfalls psychologoisch plausibel erscheinen lässt.

Was wir erleben müssen ist doch, dass beiden Hauptakteure, Israelis wie Palästinenser kein gedeihliches Nebeneinander zustande bringen. Das ist Fakt. Sie können es einfach nicht und werden es auch in Zukunft nicht können. Denn diese beiden Akteure sind, seit Theodor Herzl vor 118 Jahren sein Buch schrieb, dermaßen ineinander verharkt, dass sich keiner aus der von ihm mitverursachten Umklammerung des jeweils anderen lösen kann. Also muss die Weltgemeinschaft nocheinmal antreten und die vor 66 Jahren bei der Aufteilung des Landes begangenen Fehler korrigieren. Diesmal intelligenter als damals.

Lethe 21.07.2014 | 15:43

Die Palästinenser erhalten genau so viel Waffen, dass die Lage instabil bleibt, aber echter militärischer Widerstand nicht möglich ist. Merkwürdig, nicht? Falsche Freunde, würde ich das nennen, oder auch: Arschkarte gezogen.

Und das ist der Punkt. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde nicht gut, was dort passiert. Aber ich weiß, wenn ich in akuter Lebensgefahr gegen einen übermächtigen Gegner wäre, würde ich mich klüger verhalten als vor ihm zu stehen und "schlag doch, schlag doch" zu brüllen.

balsamico 21.07.2014 | 17:08

wenn die Lösung im Eingreifen der Weltgemeinschaft liegen soll, muss diese Weltgemeinschaft sich erst einmal als Gemeinschaft finden, faktisch, nicht als Proklamationen. Ich sehe das nicht in Reichweite.

In der Tat. Aber anders geht es doch nicht. Man muss langsam damit anfangen, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass die Vereinten Nationen über die Aufteilung des Landes erneut beschließen müssen. Das gibt natürlich 1000 Widerstände. Aber sind nicht auch die Juden selbst gegen sogar weit mehr als 1000 Widerstände zu ihrem Land gekommen?

A-Deiport 21.07.2014 | 18:11

"Die Palästinenser erhalten genau so viel Waffen"

Könnte es sein, dass Sie ein bißchen an den Tatsachen vorbei schrammen?.

Also F16-Jagtflugzeuge oder Luftabwehrraketen haben sie wohl nicht, sonst hätten die Israelis nicht ungestört über Gaza fliegen können.,oder wollen Sie doch behaupten, Palästinenser haben die Dinge aber sie setzen die nicht ein.

"Falsche Freunde, würde ich das nennen, oder auch: Arschkarte gezogen."

In gewisser Weise haben Sie Recht. Die Palästinenser haben vielleicht in der Tat die Arschkarte gezogen bzw. auf die Arschkarte gesetzt und vielleicht deswegen auch mit den falschen Freunden. Wären vielleicht einige von denen zwischen 1933 und 1945 hier durch die Verbrechung Holocaust ums Leben gekommen, dann hätten sie vielleicht die richtige Freunde auf ihrer Seite gehabt.

Lethe 21.07.2014 | 19:40

Könnte es sein, dass Sie ein bißchen an den Tatsachen vorbei schrammen?

Ich habe nicht geschrieben Die Palästinenser erhalten genau so viel Waffen wie die Israelis sondern Die Palästinenser erhalten genau so viel Waffen, dass die Lage instabil bleibt. Das heißt, wer auch immer ihnen die Waffen gibt, gibt ihnen zwar genug Waffen, dass sie Israel in Schrecken halten können, aber nicht genug Waffen, um Israel auf Distanz zu halten. Wer könnte an sowas wohl ein Interesse haben?

Wären vielleicht einige von denen zwischen 1933 und 1945 hier durch die Verbrechung Holocaust ums Leben gekommen, dann hätten sie vielleicht die richtige Freunde auf ihrer Seite gehabt.

Das kommentiere ich lieber nicht, aber vielleicht denken Sie noch mal drüber nach, was Sie da schreiben.

A-Deiport 21.07.2014 | 20:48

Ich gebe zu, dass die Sache mit dem Holocaust etwas provokativ rüberkommt, aber ist es nicht so?, dass gerade manche israelische Politiker Holocaust als eine Art Schutzschild' für sich endeckt haben, sich permanent darauf berufen und ihn für ihre Zwecke mißbrauchen?. Ich meine, Sie wollen mir nicht im Ernst erzählen, dass Netanjahu, Avigdor Lieberman und viele andere im israelischen Kabinett, Engel auf dieser Erde sind. die verfolgen ihre eigene Interessen und dazu ist ihnen jedes Mittel willkommen.

Lethe 22.07.2014 | 00:02

Konkret im Kontext mit Augstein habe ich dazu keine Meinung; ich kenne ihn nicht und kann über seine persönlichen Motive daher nur mutmaßen - falls es überhaupt Hintergründe gibt und ein Zufall definitiv ausgeschlossen werden kann.

Ganz allgemein kann ich mich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, dass die vornehmste Funktion so mancher Empörtheit der mit ihr vebundene strategische Nutzen ist.

fedup 22.07.2014 | 06:14

Ganz allgemein kann ich mich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, dass die vornehmste Funktion so mancher Empörtheit der mit ihr verbundene strategische Nutzen ist.

Das haben Sie aber sehr "diplomatisch" (vorsichtig) ausgedrückt.

In der Tat ist diese Chimäre Anti-Semitismus eines der wirksamsten Mittel jeden Diskurs über Israel zu verzerren, in die Richtung zu lenken wo man seine "Trümpfe" ausspielen kann.

Die Instrumentalisierung des Holocaust, zur Abwehr jeglicher Kritik.

Der "iron dome", wenn's um das Abschmettern von Forderungen und den Aufruf zu Vernunft und Anstand geht.

Leute die es wagen daran zu kratzen, gerade öffentliche Personen, ertrinken in einem Hagel von perfiden DUMM-, DUMM-Saudumm-Geschossen, so dass jeder Zuschauer dieses Spektakels sich zweimal überlegt, ob er sich diesem shitstorm aussetzen möchte.

Und die öffentlichen Personen, in jüngster Zeit Grass oder Augstein, erfahren dann auch nicht den Rückhalt, den sie bräuchten um den Diskurs aufrecht zu erhalten.

silvio spottiswoode 22.07.2014 | 15:43

Guter Typ. Überhaupt, eine klasse Aktion, das Hinfahren und mit den Menschen sprechen. Die kleine Storyline mit seinen Sohn trifft natürlich genau ins Zentrum: Die Frage nach der Zukunft Israels. Die Frage der Familienplanung vor dem Hintergrund nichtendender Gewalt.

Schön finde ich aber auch was er zu sterben und Identität sagt, »Du stirbst, verlierst deine Identität, wirst Treibstoff für etwas ganz Anderes.«

A-Deiport 23.07.2014 | 16:17

Texte von Uri Avnery Jul 19, 2014

Wer gewinnt?

ERST JETZT verstehe ich ganz, was für ein Bösewicht Winston Churchill wirklich war.


Fünf Jahre lang hielt er die Bevölkerung Londons unter den nicht aufhörenden Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe fest. Er benützte die Bewohner Londons als menschliches Schutzschild in seinem (??) wahnsinnigen Krieg. Während die zivile Bevölkerung den Bomben und Raketen ausgesetzt war, ohne den Schutz eines „Iron Domes“ versteckte er sich in seinem Bunker unter Downing Street 10.

Er hielt alle Bewohner Londons als Geiseln. Als die deutschen Führer einen großzügigen Friedensvorschlag machten, wies er sie aus verrückten ideologischen Gründen zurück. So verurteilte er sein Volk zu einem unvorstellbaren Leiden.




Von Zeit zu Zeit tauchte er aus seinem unterirdischen Versteck auf, um sich ein Bild vor den Ruinen zu machen, und dann kehrte er in die Sicherheit seines Rattenlochs zurück. Aber zu den Londonern sagte er: „Zukünftige Generationen werden sagen, dass dies eure beste Stunde war!“

Die deutsche Luftwaffe hatte keine Alternative, als die Stadt zu bombardieren. Ihre Kommandeure verkündeten, sie würden nur militärische Ziele angreifen, wie die Häuser der britischen Soldaten, wo militärische Beratungen stattfanden.

Die deutsche Luftwaffe rief die Londoner Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen, und viele Kinder wurden tatschlich evakuiert. Aber die meisten Londoner beachteten den Aufruf Churchills, zu bleiben – so wurden sie zu „Kollateralschäden“.

Die Hoffnungen des deutschen Oberkommandos, dass das Zerstören ihrer Wohnungen und das Töten ihrer Familien die Leute von London dahin verführen würde, einen Aufstand zu machen, Churchill und seine kriegstreibende Bande hinauszuwerfen, nützte nichts. Die primitiven Londoner, deren Hass auf die Deutschen stärker war als ihre Logik, folgten in perverser Weise den Instruktionen des feigen Churchill. Ihre Bewunderung für ihn wuchs von Tag zu Tag und am Ende des Krieges, war er fast zu einem Gott geworden.

Eine Statue von ihm steht sogar heute vor dem Parlament in Westminster.

VIER JAHRE später hatte sich das Rad gedreht. Die britische und amerikanische Luftwaffe bombardierten deutsche Städte und zerstörten ( große Teile von ihnen) sie vollkommen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Berühmte Paläste/Gebäude wurden flach gebombt, kulturelle Schätze wurden ausgelöscht. „unbeteiligte Zivilisten“ wurden in Stücke gerissen, zu Tode verbrannt oder verschwanden einfach. Dresden, eine der schönsten Städte Europas, war innerhalb weniger Stunden in einem „Feuersturm“ total zerstört.
Das offizielle Ziel war, die deutsche Kriegsindustrie zu zerstören, aber das wurde nicht erreicht. Das wirkliche Ziel war die zivile Bevölkerung zu terrorisieren, um sie dahin zu bringen, ihre Führer abzusetzen und zu kapitulieren.

Das geschah nicht. Tatsächlich wurde der einzige ernsthafte Aufstand gegen Hitler von ranghohen Armeeoffizieren ausgeführt (und schlug fehl). Die zivile Bevölkerung erhob sich nicht. Im Gegenteil. In einer seiner Schmähreden gegen die „Terrorpiloten“ erklärte Goebbels: „Sie können unsere Häuser zerstören, aber sie können unseren Geist nicht brechen!“
Deutschland kapitulierte erst im allerletzten Augenblick. Millionen Tonnen Bomben genügten nicht. Sie stärkten nur die Moral der Bevölkerung und ihre Loyalität zum Führer.



UND nun zu Gaza.

Jeder fragt: wer wird diese Runde gewinnen?
Die auf jüdische Art und Weise beantwortet werden muss – durch eine andere Frage: wie soll man dies beurteilen?
Die klassische Definition von Sieg ist: Die Seite, die auf dem Schlachtfeld bleibt, hat die Schlacht gewonnen. Aber hier hat sich niemand bewegt. Die Hamas ist noch immer dort – und Israel auch.
Carl von Clausewitz, der preußische Kriegstheoretiker, erklärte mit dem berühmten Wort, „ ein Krieg sei nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Aber in diesem Krieg hat keine der beiden Seiten klare politische Ziele. Also kann der Sieg nicht auf diese Weise beurteilt werden.

Die intensive Bombardierung des Gazastreifens hat keine Kapitulation der Hamas gebracht. Auf der andern Seite hat die intensive Raketenkampagne der Hamas, die den größten Teil Israels betraf, auch keinen Erfolg gehabt. Der überwältigende Erfolg der Raketen, die in Israel überall hinreichen, hat sich mit dem überwältigenden Erfolg der „Iron Dome“-Gegenraketen, die sie abfangen, getroffen.

Bis jetzt ist es also eine Pattsituation.
Aber wenn eine winzige Kampfkraft in einem winzigen Gebiet eine Pattsituation mit einer der mächtigsten Armeen der Welt erreicht, so könnte dies als Sieg angesehen werden.



DER MANGEL an einem israelischen politischen Ziel, ist das Ergebnis von konfusem Denken. Die israelische Führung, beide die politische und militärische, weiß nicht wirklich, wie sie mit der Hamas umgehen soll.
Es mag schon vergessen worden sein, dass Hamas weithin eine israelische Schöpfung ist. Während der ersten Jahre der Besatzung, als jede politische Aktivität auf der Westbank und im Gazastreifen verboten war und unterdrückt wurde, konnten sich Palästinenser nur in der Moschee treffen und gemeinsam planen.

In jener Zeit wurde die Fatah als Israels Erzfeind angesehen. Die israelische Führung dämonisierte Yasser Arafat, den Erz-Erz-Terroristen . Die Islamisten, die Arafat hassten, wurden als weniger übel angesehen, ja, sogar als geheime Verbündete.

Ich fragte einmal den Shin-Bet-Chef, ob seine Organisation Hamas geschaffen habe. Seine Antwort: „Wir haben sie nicht geschaffen. Wir tolerierten sie.“
Das änderte sich erst ein Jahr nach dem Start der ersten Intifada, als Scheich Ahmad Yassin, der Hamasführer, verhaftet wurde. Seitdem hat sich natürlich die Realität vollkommen verändert. Fatah ist nun ein Verbündeter von Israel, was die Sicherheit betrifft, und die Hamas ist der Erz-Erz-Terrorist.
Aber stimmt das?
Einige israelische Offiziere sagen, wenn die Hamas nicht existieren würde, dann müsste sie erfunden werden. Hamas kontrolliert den Gazastreifen. Sie kann verantwortlich für das gehalten werden, was dort geschieht. Sie sorgt für Gesetz und Ordnung. Sie ist ein zuverlässiger Partner für eine Feuerpause.
Die letzten palästinensischen Wahlen, die unter internationaler Aufsicht gehalten wurden, endeten mit einem Sieg der Hamas in der Westbank und im Gazastreifen. Als der Hamas aber die Macht entzogen wurde, nahm sie den Gazastreifen mit Gewalt. Nach allen zuverlässigen Berichten erfreut sie sich der Loyalität der großen Mehrheit in den besetzten Gebieten.

Alle israelischen Experten stimmen darin überein, dass, falls das Hamas-Regime im Gazastreifen fallen würde, weit extremere islamische Splittergruppen den Streifen mit seinen 1,8 Millionen Bewohnern übernehmen und in ein komplettes Chaos tauchen/ führen würde. Die militärischen Experten mögen das nicht.
Das Kriegsziel, falls man es als solches bezeichnen kann, ist nicht, die Hamas zu zerstören, sondern sie an der Macht zu lassen, wenn auch in einem viel schwächeren Zustand.

Aber wie – um Gottes Willen – macht man das?

DIE VOM ultrarechten Flügel der Regierung verlangen jetzt, dass der ganze Gazastreifen besetzt wird.

Darauf antworten die militärischen Führer wieder mit einer Frage: Und was dann?
Eine neue permanente Besatzung des Gazastreifens ist ein militärischer Alptraum. Es würde bedeuten, dass Israel die Verantwortung zur Befriedung und Versorgung von 1.8Millionnen Menschen (die meisten von ihnen sind übrigens Flüchtlinge von 1948 und ihre Nachkommen) übernehmen müsste. Ein dauernder Guerillakrieg würde daraus folgen. Keiner in Israel würde dies wirklich wollen.

Besetzen und dann verlassen. Das ist leicht gesagt. Die Besatzung als solche würde eine blutige Operation sein. Falls die Doktrin „Molten Lead“ angenommen wird (??), würde es bedeuten, dass mehr als tausend vielleicht mehrere tausend Palästinenser getötet würden. Die (ungeschriebene) Doktrin sagt, dass falls 100 Palästinenser getötet werden müssen, um das Leben eines israelischen Soldaten zu retten, so sei es. Aber wenn die israelischen Todesfäll auf ein paar Dutzend Toter ansteigt, dann würde sich die Stimmung im Lande vollkommen verändern. Die Armee will dies nicht riskieren.

EINEN MOMENT lang schien es am Dienstag, als wäre eine Waffenpause erreicht worden, sehr zur Erleichterung von Benjamin Netanjahu und seinen Generälen.

Doch war es eine optische Täuschung. Der Vermittler war der neue ägyptische Diktator, eine Person, die von allen Islamisten verabscheut wird. Er ist ein Mann, der viele Hunderte Muslim-Brüder getötet und ins Gefängnis gesteckt hat. Er ist ein offener militärischer Verbündeter Israels. Er ist ein Klient/Kunde/ Bezieher amerikanischer Großzügigkeit. Da Hamas außerdem zu einem Sprössling der ägyptischen Muslim-Bruderschaft wurde, hasst sie der General Abd-al Fatah-al-Sisi von ganzem Herzen und verbirgt dies auch nicht.

Also statt mit Hamas zu verhandeln, tat er etwas äußerst Dummes: diktierte eine Feuerpause nach israelischen Begriffen ohne Hamas darüber zu unterrichten. Hamas’ Führer erfuhren von der vorgeschlagenen Feuerpause durch die Medien und wiesen sie sofort zurück.

Meine eigene Meinung ist, dass es besser wäre, wenn die israelische Armee und Hamas direkt mit einander verhandeln würden. Während der ganzen militärischen Geschichte sind Feuerpausen von militärischen Kommandeuren arrangiert worden. Die eine Seite schickt einen Offizier mit einer weißen Fahne zum Kommandeur der andern Seite und arrangiert mit ihm die Feuerpause – oder nicht. (Ein amerikanischer General antwortete mit dem berühmt gewordenen Ausdruck auf solch ein deutsches Angebot mit „ Du spinnst wohl?“ (Nuts)) ??

Im 1948-Krieg war in meinem Abschnitt der Front eine kurze Feuerpause, von Major Yerucham Cohen und einem jungen ägyptischen Offizier mit Namen Gamal Abd-al Nassar arrangiert worden.
Da dies mit den augenblicklichen Parteien unmöglich erscheint, sollte ein wirklich ehrenhafter Makler gefunden werden.



WAS WIRD das Ende davon sein? Es wird kein Ende geben, nur eine Runde nach der anderen, wenn nicht eine politische Lösung angenommen wird.

Dies würde bedeuten: stoppt die Raketen und die Bomben, beendet die israelische Blockade, erlaubt den Menschen im Gazastreifen ein normales Leben zu leben, fördert die palästinensische Einheit unter einer wirklichen Einheitsregierung, führt ernsthafte Friedensverhandlungen, MACHT FRIEDEN.

schlesinger 23.07.2014 | 20:31

Nur weil sie Churchills Taktik anführen, um später auf Gaza zu kommen: Leider liegt Uri Avnery in seiner Lesart Churchills völlig daneben. Churchill sah wie die deutsche Luftwaffe seiner RAF so zusetzte, dass sie bald ausgeschaltet sein würde. Damit wäre England militärisch optionslos geworden. Aus militärstrategischer Sicht kam Churchill die brillante Idee, die Deutschen nach London zu locken. Was sie aus Eitelkeit brav taten. Und dabei Ressourcen vergeudeten, aber die britischen Flugplätze schonten. Churchill war kein Zyniker aus Zynismus, sondern Stratege, der mit in dieser Position brutalen Einsätzen spielte (was wie Zynismus aussehen mag). Wäre er nicht so "brutal" gewesen hätte Hitler nicht den Widersacher gehabt, der ihn maßgeblich zu Fall brachte.