Wir sind wieder wer anders

Symbolgehalt Seit dem Wunder von Bern gingen Politik, Ökonomie und Fußball eine Allianz ein, die wir nicht mehr losgeworden sind. Doch ein Fußballspiel hat keine politische Botschaft
Georg Seeßlen | Ausgabe 29/2014 14

Es ist die Fähigkeit und das Faszinosum der Fußballkultur, sich ständig zu verändern. Dabei geht immer wieder etwas verloren, auch von dem, was man Unschuld nennen könnte. Aber es kommen auch ständig neue Dinge hinzu, ökonomische, kulturelle, psychologische, mediale. Der Fußball des Jahres 1954 zum Beispiel hat mit dem Fußball sechzig Jahre später nur noch im tiefsten Inneren gewisse Ähnlichkeiten.

Eines der wirklich komischen Bilder, die diese Weltmeisterschaft hervorgebracht hat, ist das der jubelnden Angela Merkel im Stadion. Und eines der schrecklichsten Bilder ist das von Merkel und Joachim Gauck neben den UEFA- und FIFA-Bossen Michel Platini und Joseph Blatter, die ein System antidemokratischer Intransparenz führen und deren Macht bereits ausreicht, nationale Hoheitsrechte außer Kraft zu setzen, als wäre es die Vorwegnahme des Siegs der Konzerne über die Staatsmacht. Wie gemein man sich da doch macht. Nein, unschuldig ist am Fußball gewiss nichts mehr.

Vier Mal wurden erst die BRD und dann das wiedervereinigte Deutschland Weltmeister, und jedes Mal reagierte man nicht einfach nur mit der gewöhnlichen Freude und dem erlaubten Nationalstolz, sondern auch mit der Suche nach der politischen Metaphorik. Die Nation Deutschland, so wie wir sie kennen, ist nicht zuletzt durch den Fußball gebildet worden. Es gab den Urknall, das „Wunder von Bern“, wo in einer kollektiven Erzählung bestimmt wurde: „Wir sind wieder wer.“ Politik, Ökonomie und Fußball gingen damit eine Verbindung ein, die wir seitdem nicht mehr losgeworden sind. Nicht zuletzt deswegen präsentiert der Moderator des täglichen Börsenpornos im Fernsehen seine Weisheiten auch im Viersternetrikot und erklärt uns, um wie viel die deutschen Werte nach gewonnenen Weltmeisterschaften gestiegen sind. 1954 waren es 83 Prozent.

20 Jahre später war es die Weltmeisterschaft im eigenen Land, was nach den Olympischen Spielen in München ein weiterer Aspekt der Anerkennung eines nun betont zivilen und „heiteren“ Auftretens war. Dieser doppelte Coup der Sportdiplomatie zog einen weiteren Schlussstrich unter die belastete (Sport-)Geschichte des Nationalsozialismus und entwickelte sich zu einem perfekten Imagegewinn.

Nationale Symbole

Zum Symbolgehalt gehört aber auch der damalige Sieg der DDR mit dem Sparwasser-Tor, Fußball als nationale Selbstvergewisserung nun auch im anderen Teil Deutschlands. Es war aber zugleich das Jahr, in dem die Ölkrise gleichsam das Ende des Wirtschaftswunders und der Wiederaufbauzeit besiegelte. Was 1954 begonnen hatte, endete 1974. Es gab Inflationsfurcht, Brandts Ostpolitik und seinen Sturz. Und die WM endete nicht mit einem rauschenden Fest, sondern mit einem symbolischen Skandal: Beim Festbankett waren die Frauen der Fußballfunktionäre, nicht aber die der Spieler eingeladen. Gerd Müller und Wolfgang Overath erklärten damals ihren Rücktritt aus der Nationalelf; andere beließen es bei einem heimlichen Murren. Drei Mal dürfen wir raten, wer heute einträgliche Posten bekleidet und wer nicht.

1990 in Italien ist die deutsche Mannschaft das Symbol dessen, wie auch im Spiel zusammenwächst, was zusammengehört. Das sich wiedervereinigende Deutschland siegte im Traumland und adaptierte ein wenig vom internationalen Glamour, wenn auch in der lustig-provinziellen Art von Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus, setzte aber noch einmal „deutsche Tugenden“ auf dem Platz ein.

Es folgt die Ära von Jürgen Klinsmann, die schließlich dazu führt, dass man „Weltmeister der Herzen“ wird, eine trotzige Bewegung gegen die Niederlage, wenigstens eine zeitweilige Entkoppelung von Emotion und Effizienz, befreiend genug. Und eine Idee von Fußballkultur des Weiterfeierns, die mit dem „Sommermärchen“ von 2006 auch eine neuere Spielform findet, weg vom Arbeits- und Rumpelfußball. Neue Vergemeinschaftungsformen bilden sich. Auf die traditionellen – das Stadion selbst, die gemeinschaftliche Teilhabe in der Kneipe und im privaten Wohnraum – folgen neue magische Orte der Fußballkultur: die Fanmeile, das public viewing, das sich seitdem immer mehr professionalisierte und kommerzialisierte. Damals entstand, was die Kommentatoren nicht müde werden herauszustreichen: Diese „entspannte“ Art, mit Symbolen der Nation umzugehen, oder, anders herum, die Karnevalisierung von Fußball und Politik zugleich nahm zu. Wir sind wieder wer anders.

So ist 2014 auch die Erfüllung des Versprechens von 2006. Deutschland gewinnt, ebenfalls ein merkwürdig oft betonter Umstand, als erste europäische Mannschaft bei einer WM in Südamerika, erlaubt sich dabei aber durchaus südamerikanische Spielakzente. 400.000 Menschen haben das deutsche Team in Berlin am Brandenburger Tor gefeiert. Und wieder gibt es Erfreuliches von der Börsenfront zu berichten: Die Aktien von Adidas profitieren am meisten vom Sieg „unserer Jungs“, aber auch sonst steigt die Geldfieberkurve. Wir sind also schon wieder wer. Weil wir nämlich geleistet und geackert haben.

Und mit dem Sieg, der seine Helden, seinen Opfermut (Schweinsteigers Blut), seinen Teamgeist präsentiert, scheint auch so etwas wie eine Charmeoffensive gelungen, von der in der üblichen Fußballpoesie erzählt wird: „Die Besucher aus dem fernen Europa kamen wie Konquistadoren nach Brasilien, aber sie eroberten das Land mit Zurückhaltung, Mitgefühl und Manieren. Jetzt sieht es so aus, als seien viele Latinos gerne ein bisschen deutsch.“ So liest es sich in der Süddeutschen Zeitung. Kein Wunder, dass Merkel so jubelt.

In die Knie gezwungen

Nette Konquistadoren! Ein furchtbareres Bild hätte den enthemmten Fußballmetaphorikern wohl kaum einfallen können. Ein treffenderes aber vielleicht auch nicht. Man kann also auch diesen Weltmeistertitel als Signal einer Veränderung der Rolle Deutschlands in der Welt ansehen; der Exportweltmeister, dessen Austeritätspolitik ganze Gesellschaften in die Knie zwingt, möchte so gern Vorbild für die anderen werden, die man bezwingt. Und geliebt werden obendrein.

In Wirklichkeit wird die Analogie von Fußball und Politik erst durch die Medien erzeugt. Eines hat sich indes geändert: Die Protagonisten wissen schon genau, was von ihnen erwartet wird. Dass, nur zum Beispiel, der Torwart pflichtschuldig sagen muss, ganz Deutschland sei Weltmeister geworden. Konkrete Politik ist dagegen die Macht einer postdemokratischen Weltorganisation wie der FIFA. Sie bestimmt ja nicht nur über die Geldströme und die Postenvergaben, sie bestimmt am Ende auch über die Bilder. Sie lässt nur diejenigen durch, die zeigen, wie bürgerlich, wie familiär, wie weiblich der Fußball geworden ist. Es findet eine ikonografische Gentrifizierung statt. Aus dem einst proletarischen Wirklichkeitsmodell soll das ebenso karnevalisierte wie kontrollierte Vergnügen für den zahlungskräftigen Mittelstand werden. Auch was das anbelangt, passt der deutsche Sieg ins Bild. Die netten Konquistadoren sind das perfekte Instrument der Entproletarisierung und der ökonomischen Effizienz, was sich besonders im Vergleich zu Brasilien zeigt: Den „anarchischen Strukturen“ und der „mangelnden Nachwuchsarbeit“ werden deutsche Ordnung und Kontinuität gegenübergestellt. Ganz nebenbei sehen wir in Brasilien, wie drastisch sich der Fußball als ökonomisch-medial-politisches Superunternehmen gegen die Klasse gerichtet hat, der er einmal gehörte, und die nun durch Architektur, Polizei und Ticketpreise ausgeschlossen wurde.

Der Sieg dieser deutschen Mannschaft könnte auch noch Metapher für gelungene Integration sein. Deutschland als erfolgreiches, also erfolgreich kontrolliertes Migrationsmodell. Ein Blick in die Fanforen lässt diese Illusion rasch verschwinden. Dort einigt man sich rasch auf einen rationalisierten Binnenrassismus. Die Spieler mit Migrationshintergrund werden gleichsam vorgreifend entheroisiert und verbal herabgestuft. Die Mannschaft des Spiel gewordenen Merkelismus hütet sich vor der Kreolisierung. Und weil sich Leistung lohnen muss, werden wir auch darüber nicht im Unklaren gelassen, dass diese deutsche Mannschaft die größten Prämienzahlungen aller Zeiten bekommt. Die netten Konquistadoren kriegen eben auch nette Bonuszahlungen, so wie Angela Merkel und Joachim Gauck sich mit Blatter und Platini prächtig verstehen.

Ein Fußballspiel hat keine politische Botschaft, so wenig wie die Frisur eines Bundestrainers einen kulturgeschichtlichen Wendepunkt markiert. Die politische Metaphorik wird erst danach produziert. Je nach Bedarf. Je nach Interesse. Je nach Einfluss. Wie schön wäre es, wieder einmal sagen zu können, gewonnen hätten einfach diejenigen, die an dem ein oder anderen Tag am besten Fußball gespielt haben. Ein schönes Spiel sei ein schönes Spiel. Und sonst nichts. Aber das ist eben das Kreuz mit den Realitätsmodellen. Sie verlieren ihre eigene Realität. Wie viel Wahrheit ist noch auf dem Platz, wenn die Macht der Inszenatoren und Profiteure ins Unermessliche geht?

 

12:54 16.07.2014

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